Große Probleme mit 12jährigem / Verhalten noch normal?

    Hallo ihr Lieben,


    ich wende mich mal mit einem etwas komplexeren Problem bezüglich meines Stiefsohns an euch...vielleicht hat ja jemand Ideen;)


    Zur Vorgeschichte: Der Junge ist wie gesagt 12 und wohnt bei Mama, unweit von uns. Die Eltern sind getrennt, seit er drei ist. Finanziell ist die Situation bei seiner Mutter von je her schwierig, da sie ihre Jobs meist nach kürzester Zeit schmeißt bzw. nur Jobs annehmen kann, die nach Mittag beginnen, damit sie ihren Mittagsschlaf halten kann (ich lasse das mal unkommentiert, denn darum geht es nicht). In den ersten zwei Wochen geht man mehrfach ins Kino und holt sich Sushi, ab dem 15. ist regelmäßig kein Geld mehr da und wir sollen einspringen. Da wird gerne der Junge geschickt, bei Papa um Geld zu bitten :(v Sonst ist die Kommunikation zwischen Mutter und Vater einseitig. Wann immer die Mutter etwas braucht, meldet sie sich, möchte der Vater etwas z.B. zur Schule wissen, antwortet sie in der Regel nicht oder nur patzig. Sie hängt sehr am Kind, hat keinen Partner und diskutiert wohl alle Dinge mit ihm (Handy bei Gesprächen mit seinem Vater auf Lautsprecher, Nachrichten werden mitgelesen etc.) Er hat auch lange Zeit (ungefähr bis zum 10. Lebensjahr) bei seiner Mutter im Bett geschlafen - es sei denn, sie hatte mal Männerbesuch, dann sollte er in seinem Zimmer schlafen. Mehr möchte ich zur Vorgeschichte gar nicht schreiben, denn sonst sieht es aus, als wolle ich auf der Mutter herumreiten - das ist nicht der Fall.


    Nun zu den Verhaltensauffälligkeiten:


    - der Junge hat in der Schule große Probleme, sich zu konzentrieren. Er stört laut Lehrern und Sozialpädagogen ständig den Unterricht. Tut er dies nicht, sitzt er da und wirft sich beispielsweise eine Stunde lang Papierkügelchen über den Kopf (was die Lehrer als Fortschritt bezeichnen); einmal hat er einen Schal zerrissen mit den Worten "damit bringe ich mich um"; diesen Schal hat die Lehrerin uns mitgegeben, da seine Mutter sich nicht dafür interessiert. Seine Noten sind dementsprechend (er ist auf einer Gesamtschule, sein Zeugnis geht also über Seiten, viel in Textform; die Quintessenz: bekommt kaum etwas vom Unterricht mit, stört, macht Unfug, lügt, ist nicht kritikfähig)


    - er hat wenige Freunde (ein oder zwei Mädchen), viele Kinder mögen ihn nicht; er ist kein Fußballer, sondern hat eine sehr weiche Seite, darauf schiebt er es; auch im Spiel ist er wenig teamfähig; wenn etwas nicht nach seinen Regeln läuft, hat er keine Lust mehr;


    - Hobbies hält er nicht länger als ein paar Wochen durch, dann verliert er die Lust


    - wenn er bei uns ist, läuft es meist die erste Stunde gut; sobald er aber nicht permanent im Mittelpunkt steht, versucht er auf allen Kanälen, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen (kaspert herum, lässt sich vom Stuhl fallen, schreit herum - der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt)


    - er ist zu nichts zu begeistern; das war wohl schon immer so; fragt man ihn, was er machen möchte, ist die Standard-Antwort: "keine Ahnung"; hat man dann nach x Versuchen etwas gefunden, was er mitmacht, endet dies in Missmutigkeit (Beispiel Eis essen; er fährt mit, findet es gut, bei der Bestellung guckt er dann auf einmal traurig/sauer und sagt, er bestellt nichts; er wäre ja nur wegen uns da);


    - manchmal rastet er regelrecht aus; das ist dann wie ein "Über-die-Stränge-schlagen", das nicht mehr aufzuhalten ist; letztens war er bei uns, mein Mann war noch bei der Arbeit, da zog er meine Pumps an und rannte damit wie ein Irrer durchs Haus, sang lauthals zu Kate Perry und war nicht zu stoppen...warf sich aufs Bett, strampelte mit den Beinen, führte sich auf wie ein Irrer, 20min lang, um dann zu sagen "ich bin ein scheiß Kind, ich weiß" und sich lethargisch aufs Sofa zu legen.


    Das sind nur die Eckdaten. Mein Mann versucht, in engem Kontakt mit der Schule zu stehen, aber die Mutter, die weder sein Verhalten noch sein Zeugnis schlimm findet, boykottiert dies immer wieder. Trotzdem hat es Gespräche mit ihm und der Schule gegeben, sie empfehlen ein psychologisches Institut, seine Mutter stimmt aber nicht zu.


    Sehen wir das ganze zu eng? Sind das normale Pubertätserscheinungen? Habt ihr Ideen, was man machen könnte?

  • 20 Antworten

    Normal ist das Verhalten des Jungen nicht, mit Pubertät hat das nichts zu tun. Er scheint zeitweilig unter einer enormen inneren Anspannung zu stehen, die sich dann in ein "Über-die-Stränge-schlagen" entlädt.


    Ein 12 jähriger trägt normalerweise nicht Mamas Pumps, es sei denn er fühlt sich eher als Frau.


    Kann so eine psychologische Untersuchung denn nur mit dem Einverständnis der Mutter stattfinden?


    Hat der Vater da kein Entscheidungsrecht?

    Das hoert sich an als tue ihm die instabile Situation bei der Mutter nicht gut. Koenntet ihr ihn ganz zu Euch holen? Wuerdest du das ueberhaupt wollen? Nimm es mir bitte nicht uebel, aber du schreibst ein bisschen lieblos ueber ihn. Sein Verhalten klingt wie ein Schrei nach Aufmerksamkeit und Liebe von einem Kind das sich nicht so richtig angenommen fuehlt.

    Wie reagiert ihr denn, wenn er zb. Sagt, er wäre ein Scheißkind? Geht ihr auf ihn ein oder lasst ihr so etwas unkommentiert oder bestraft ihn sogar für den Quatsch den Er macht?

    Vielen Dank schonmal für eure Beiträge! Ich versuche absichtlich, so "emotionslos" wie möglich zu schreiben, um den Fakten den Vorrang zu lassen. Natürlich ist das ganze ein Thema, das meinen Mann, aber auch uns beide gefühlstechnisch mitnimmt. Wir reden oft darüber und mir tut es in der Seele weh, zu sehen, wie sowohl mein Mann leidet, weil er das Gefühl hat, als Vater zu versagen, als auch, wie der Junge leidet und sich so vieles verbaut, was er jetzt noch gar nicht absehen kann.


    Zuhause geht bei ihm viel schief, aber er liebt natürlich seine Mutter und will auch bei ihr sein. Ihn zu uns zu holen, ist allein aus diesem Grund keine Option. Abgesehen davon wäre es von unserer Seite aus nicht einfach, zumal wir beide im Schichtdienst arbeiten, aber das ist ein anderes Thema-sowas lässt sich ja angehen, wenn es muss.


    Wenn der Junge solche Dinge sagt, gehen wir natürlich darauf ein. Ich sage ihm dann zum Beispiel, was ich an ihm schätze und besonders mag. Frage ihn danach, warum er so von sich denkt. Für den Moment lässt er sich dann aufmuntern, aber es ist von kurzer Natur.


    Weihnachten verlief ebenso bisher. Gestern war er gut gelaunt, wir hatten einen schönen Nachmittag mit essen und Bescherung, heute dann eskalierte er den ganzen Tag. Drehte sich fünf Minuten nicht alles um ihn, war er beleidigt, wurde laut, schnippisch und führte sich auf. So wollte er direkt nach dem Essen mit allen Erwachsenen "Stadt Land Fluß" spielen- und konnte nicht verstehen, dass der ein oder andere in ein Gespräch vertieft war oder einfach nicht wollte. Also schmiss er die Sachen hin und schloss sich im Abstellraum ein. Gleiches war nachmittags schonmal passiert, als er mit seiner Oma die Gans zubereitete, ständig den Löffel in die Sauce warf und mit dem Essen Unsinn anstellte. Die Oma wies ihn zurecht, er ignorierte sie und machte weiter, dann verbannte sie ihn aus der Küche und er schloss sich ein. Gespräche darüber waren nicht zielführend, er sagte bloß "wenn du nervst, Papa, dann wird meine Laune noch schlechter". Insgesamt kein ganz schlechter Tag, aber schwierig...

    Klingt ein wenig so, als ob er mit (gefühlter) Zurückweisung - und sei es nur der Hinweis, dass man sich noch unterhalten möchte, bevor man spielt - nicht umgehen kann. Dass er gerne den Beweis haben möchte, immer und jederzeit geliebt zu werden, auch wenn er Mist baut.


    Ist das ein größeres Thema für ihn, auch so im Bereich Trennung der Eltern?

    Hikleines, das klingt durchaus schlüssig. In wie weit das auf die Trennung zurückzuführen ist, weiß ich natürlich nicht. Er war 3 zu dem Zeitpunkt, und seitdem hat er immer beide Elternteile in der Nähe gehabt. Allerdings verhält er sich oft wie ein Fünfjähriger und findet sich süß dabei, zum Beispiel wenn er nicht richtig mit Messer und Gabel essen kann. Hat auch oft ein Kleinkindbild von sich als WhatsApp Profilbild o.ä. Finde das schon seltsam irgendwie. Richtig, Zurückweisung kann er nicht ertragen, ebenso wenig Kritik. Diese Bestätigung gab uns auch die Schule. Wenn er dort stört und als Konsequenz beispielsweise Tafel wischen soll, macht er zu und ist tiefbeleidigt.

    Ich rate euch dringend, dass ihr euch ans Jugendamt wendelt. Schlimmstenfalls muss der Mutter das Erziehungsrecht entzogen werden. Der Kleine braucht eine kinder- und jugendpschiatrische Diagnostik und Behandlung, evtl. auch in einer stationären Maßnahme. Möglicherweise liegt bei ihm neben der Trennungsproblematik auch eine davon unabhängige Störung vor. Eventuell sollte auch die Schulform gewechselt werden. Mitleid, Ignorieren und Abwarten werden das Problem nicht lösen.


    Er ist "alt". Wenn nicht bald was geschieht, gerät er vielleicht auf die schiefe Bahn, beginnend mit körperlicher Aggression und Stehlen. Er überschreitet schonjetzt Grenzen.


    Das Böse, dieser Satz steht fest,


    ist stets das Gute, dass man läßt.


    (Wilhelm Busch)

    Ich fürchte, so wie du es beschreibst, dass die Mutter und der Sohn umgedrehte Vorzeichen haben. Also sie ist von ihm abhängig, er wird von ihr emotional als Partnerersatz missbraucht. So wie du das beschreibst wird er einerseits mit der Last eines Erwachsenen belegt, wird in die Kommunikation zwischden den Eltern gezogen und auf dem Gebiet überhaupt nicht geschützt und als Kind behandelt, während er in anderer Ebene klein gehalten wird, süß ist er, wenn er wie ein Kleinkind isst, bei Mama schläft und soweiter. In dieser Abivalenz würde jeder durchdrehen.


    Wenn ich der Vater dieses Kindes wäre, würde ich alles daran setzen ihn zu mir zu holen, auch wenn er erstmal nicht begeistert wäre. Das ist einfach so, als Elternteil muss man auch Dinge durchsetzen die dem Kind nicht gefallen, weil man weiß, dass es für ein Kind so besser ist. Natürlich will er nicht gehen, zum einen lieben die Kinder ihre Eltern eigentlich immer, zum Anderen dürfte er sich für seine Mutter verantwortlich fühlen.


    Das bedeutet ja auch nicht, dass er die Mutter nicht mehr sehen soll, aber er sollte halt ein stabiles zuhause haben, für die meiste Zeit, damit er da die Kraft und Sicherheit, den Rückhalt hat, um mit seiner Mutter im Kontakt stehen zu können so lange er das wünscht.

    Angesichts der vielen Auffälligkeiten würde ich zu einer Untersuchung raten. Es gibt an vielen Universitätskliniken Kinder und Jugendpsychiatrische Abteilungen, in denen untersucht werden kann, ob sein Verhalten organische Ursachen hat (z. B. Stoffwechsel, Hormone etc).


    Wenn man darüber Bescheid weiß, kann man die Auswirkungen seines Verhaltens besser einschätzen und medikamentöse oder verhaltenstherapeutische Maßnahmen ergreifen. Vielleicht hilft auch eine Ernährungsumstellung. Aber geht damit zu einem Facharzt und nicht zu einem Allgemeinmediziner, der aufgrund seines letzten Wochenendseminars auf blauen Dunst evtl. ein Medikament gegen ADHS verschreibt.

    Weiß jemand, ob man derartige Untersuchungen ohne Zustimmung der Mutter durchführen lassen kann? Sie ist nämlich der Ansicht, dass alles gut ist - obwohl selbst die Schule schon ein kinderpsychologisches Institut empfohlen hat.

    Da würde ich mich erkundigen, aber meistens braucht es für solche Untersuchungen die Unterschrift aller Erziehugnsberechtigten. Dein Partner wird da nicht um Streit drum rum kommen, fürchte ich.

    Hm, das wird in jedem Fall schwierig...die Mutter macht komplett zu. Ich frage mich, wie der Junge es schaffen soll, das alles aufzuholen, was er schulisch aber auch sozial gerade verpasst. Kein Hobby, keinen besten Freund (nur einige wenige Mädels, mit denen er sich selten mal trifft), seit der 5. Klasse eigentlich nichts gelernt ":/ Er tut sich schwer, ein Brötchen aufzuschneiden oder ordentlich mit Messer und Gabel zu essen - Hilfe dabei nimmt er nicht an, weil er es direkt als Kritik wertet.


    Da erinnere ich mich an letztes Jahr um diese Zeit. Wir wollten zusammen Neujahrsbrezeln backen und Pizza selber machen, weil er gerne backt und ich mir daher dachte, es sei eine nette Beschäftigung. Nachdem ich ihn das 2.Mal gebeten habe, nicht aus der Schüssel zu essen (Tomatensaucenlöffel wird abgeleckt und mit den letzten Resten dran in die Ananasschüssel getunkt -das mag ich einfach gar nicht) war er bockig und hatte keine Lust mehr. Ich habs zuende gebracht. Nachher habe ich ihm dann eine Brezel für seine Mutter einpacken wollen, was er nur mit den Worten "die nehm ich nicht mit, die ist ja völlig verbrannt" kommentiert hat (war sie übrigens nicht, nur brezelbraun). Beim Pizzaessen konnte er das Stück nicht mit Messer und Gabel schneiden, so dass Käse und Tomate danach an der Wand klebten. Als mein Mann ihm Tips geben wollte, schmiss er das Besteck hin und ging einfach nach Hause, mit den Worten "Papa, danke- du hast meinen Tag versaut". Das ist nicht einfach...

    Es gibt verschiedene Möglichkeiten.


    1) ADHS?


    2) Reine Pubertät?


    3) Trennungsängste?


    4) Wut?


    5) Wessen Schuld?


    In diesem Alter würde ich so viel Autonomie wie möglich, so viel Schutz als nötig anbieten.


    MfG

    Deswegen sagte ich ja, dass dein Partner nicht um Streit drum rum kommt, wenn sein Sohn ihm am Herzen liegt. Er wird sich mit seiner Ex anlegen müssen, wird unter Umständen sogar erstreiten müssen, dass der Junge zu ihm kommt, je nachdem wie die Mutter ihn behandelt. Das alles wird vermutlich mit massivem Kampf einhergehen, aber er scheint sich ja in den letzten Jahren massiv geschohnt zu haben, sonst hätte es schon als der Junge fünf war Streit darum gegeben ob der nicht mal lernen sollte mit Besteck zu essen.


    Nun stellst sich halt die Frage ob der Junge ihm wichtig genug ist, oder ob er sich lieber weiter raushält und bedauernd den Kopf schüttelt.