Monika65

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    Das sehe ich anders. Behinderte Menschen erscheinen Nichtbehinderten deshalb als krank, beziehungsweise einfach behindert, weil sie das Potential als Mensch nicht so ausleben können wie wir. Ob sie vielleicht ein anderes haben, steht dabei weniger zu Debatte, weil wir ja dieses nicht nachvollziehen in vielen Fällen nicht mal ahnen können. Daher der Name, sie sind gehindert in der Entfaltung der menschlichen Möglichkeiten. Das irritiert uns, wir können uns nicht einfühlen und bleiben schlicht außen vor. Das ist im Extremfall sogar beängstigend.

    Ich sehe es auch anders. Krank/gesund sind Ausdrücke, die ich in dieser Weise überhaupt nicht verwende. Jeder ist anders. Ich sehe keine Norm - ich sehe nur, dass durch Erziehung versucht wird Norm-Menschen zu konditionieren und das mit recht gutem Erfolg. Dadurch erst kann sich ja eine Gruppe von "gesunden" und "kranken" bilden. Krank ist das, was man als krank erklärt, genau wie alles andere. Nur weil die Phantasie für die Handlung einer Mehrheit ausreicht, um nachzuvollziehen, warum sie so handeln, wie sie handeln und bei einigen nicht, heißt es nicht, dass es an jenen liegt, die anders sind. Allgemein wird der Schluss gezogen, Mehrheit = Norm = Ideal = gesund. Das Ideal gilt es natürlich zu "verbessern". Es liegt an der fehlenden Vorstellungskraft der Allgemeinheit und vor allem daran, dass sie sich einbilden, dass sie nachvollziehen können, was Menschen empfinden und denken, die ihrer eigenen Normgruppe entsprechen. Ich sehe darin keinen Unterschied, ob ich mir nun vorstellen kann, wie jemand denkt oder nicht. Wissen werde ich es nie. Die Unterscheidung von krank und gesund heißt auch nicht automatisch, dass es gut und erstrebenswert ist "gesund" zu sein. Es hängt immer vom Betrachter ab. Aber allgemein wird die Richtlinie aufgrund des abstrakten Vorstellungsvermögens einer Mehrheit aufgestellt, weil sie glaubt sich vorstellen zu können, wie der Nachbar ist, und glaubt sich nicht vorstellen zu können, wie ein Authist denkt. Das Potential als Mensch - das sind Definitionen einer Mehrheit, die sich als Mensch deklariert, dafür Grenzen ansetzt und die ihr eigenes Potential als Ideal ansetzt und demzufolge der Norm abweichendes Potential als krank deklariert. Die Masse hat Recht. Und wenn sich die Vorstellung eines Ideals festgesetzt hat, dann gibt es Irritation, wenn jemand diesem Ideal nicht entspricht. Nur so kommen Aussagen zustande wie "die" sind nicht wie "wir". Es kommt aber noch die Beurteilung hinzu, dass dieses Abweichende eben nicht nur anders und gleichwertig ist, sondern im Vergleich zum Potential einer Mehrheit "schlechter" ist. Nachdem Menschen nicht als anders und gleichwertig beurteilt werden, sondern in gutes Ideal und schlechtes, ist die perfekte Basis für Genetik geschaffen.

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    Das man sie früher versteckt hat, war eher das Ergebnis jahrhundertelanger Zuordnung zum Teuflischen, die sogenannten Wechselbälger. Teilweise war es schlichtes Unwissen in der Bevölkerung, die wirklich schlimme Krankheiten dahinter vermuteten.

    Der Teufel hat allgemein ja auch die Überbewertung von "schlecht" und "böse" und verneinenswert und ausrottungswert, aber nur weil man ihn als solchen erklärt. Wenn ein Vogel in menschlichen Strukturen denken würde, dann wären Menschen für ihn behindert, weil sie nicht fliegen können. Es hängt immer davon ab, was man als Norm ansetzt. ;-)

    Kleio

    Da geb ich dir Recht. Dennoch glaube ich, dass der Mensch nicht ständig darüber reflektiert und weitgehend aus dem Bauch heraus empfindet. Behinderte irritieren uns, gut, vielleicht dich nicht, aber ich hatte durch meinen Sohn viel Kontakt zu behinderten Kindern und ich hatte wirklich Probleme damit. Im Kopf kann man das leicht anders sehen, aber wenn man damit konfrontiert ist, ist es schwerer. Für mich auf jeden Fall, für andere nicht, sonst gäbs ja niemand, der Behinderte gern betreuen würde. Ich hatte auch viel Kontakt zu Müttern behinderter Kinder, die eine Klasse für sich sind.

    Monika65

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    Da geb ich dir Recht. Dennoch glaube ich, dass der Mensch nicht ständig darüber reflektiert und weitgehend aus dem Bauch heraus empfindet.

    Findest Du nicht, dass ein ständiges Reflektieren stattfindet? Gefühle an sich sind nicht gut oder schlecht, sie sind ganz einfach. Wenn man so zu solchen erklärt und dafür ist es nötig zu reflektieren: Liebe = gut, Hass = schlecht, ekel = schlecht, etc. etc. dann erst findet im Kopft die Assoziation von gut oder schlecht statt. Es läuft doch ständig dieser Beurteilungsmodus mit. Die wenigsten Menschen sagen, das gefällt mir und das ist für mich gut. Man setzt voraus, dass etwas, das gefällt in dem "Norm"-Kopf als gut beurteilt wird und dass Trauer, automatisch schlecht zu sein hat. Nur wenn man das anders empfindet, fällt es erst auf, welches Schachteldenken einem einkonditioniert wird, für die anderen ist es ja "normal". Die Norm, in der man sich befindet, wird ja nicht hinterfragt, sondern nur die Ausnahmen. Kinder gehen aufeinander völlig offen zu. Es gibt überhaupt keine Berührungsängste, egal ob sie jemanden mögen oder nicht. Ich habe gerade gestern ein Baby in der Hand gehalten und habe mir gedacht, dass es nicht weiss, dass es ein Mädchen ist, es hat keine Definition für Mensch, für Frau, Mann, gut, schlecht. Es empfindet einfach. Wenn es sich wohl fühlt, dann lächelt es, brabbelt es, wenn nicht, dann schreit es oder weint es. Es beurteilt nicht - noch nicht.

    Kleio

    Ein Baby ist geschlechtslos, das habe ich auch immer so empfunden:-)


    Aber nein, ich reflektiere viel, aber nicht ständig, manches spüre ich einfach, zum Beispiel Unbehagen. Wenn ich dann länger darüber nachdenke, kann ich dem Kind auch einen Namen geben, aber - jetzt bei dem Beispiel - zunächst einfach nur Unbehagen. Ich habe nicht sofort eine Schachtel parat, in die ich das einordne. Ich würde nicht sagen, dass bei mir dauernd ein Beurteilungsmodus mitläuft. Aber ich werde mal darauf achten.

    Monika65

    Naja, empfindest Du Unbehagen als gut oder schlecht, oder gibt es für Dich mehr als zwei "Schachteln"? Ich meine wenn man sich kein Vorurteil bilden will, dann informiert man sich einmal intensiv - in diesem Stadium ist man eigentlich "neutral", oder?

    Kleio

    Meine Empfindungen gehen nicht unbedingt mit meinem Kopf konform. Ich kann noch so informiert sein und dennoch Unbehagen empfinden. Das führt weniger zu Schachteldenken als zu Vermeidungsverhalten, ich setze mich unbehaglichen Situationen eben nicht gern aus. Manchmal kann ich nicht anders, dann muss ich mich dem Thema stellen, trotz dieser Gefühle, aber dann weiß ich, dass es dran ist.


    Ich glaube, wir sind da sehr verschieden.

    Es ist möglich legal in Deutschland nach dem 3. Monat abzutreiben.


    Das weiss ich so genau weil ich es morgen machen werde. Ich habe in diesen drei Monaten übrigens immer meine Tage bekommen und in den letzten sechs Monaten regelmäßig die Pille genommen. Bei einer Schwangerschaftskonfliktberatung wurde mir die Nummer einer Psychologin, die beim Bezirksamt arbeitet gegeben. Mit dieser habe ich einen Termin gemacht und nach drei Gesprächen hat sie mir ein Gutachten erstellt, womit ich auch nach dem ditten Monat (16. Woche) abtreiben kann. D.h. die Versicherung übernimmt die Kosten. Mir wurde erzählt, das man suizidgefährdet sein muss, damit dir die Psychologin ein Gutachten erställt. Dem ist nicht so. Ausserdem wurde mir angeboten auch nach dem Schwangerschafftsabbruch eine Therapie bei einer der Psychologinnen machen zu können.


    Ich hoffe ich konnte weiterhelfen.


    Fragt euren Frauenartzt und wenn der euch nicht weiterhelfen will dann geht zum nächsten oder direkt zu einer sozialen Organisation. Es ist bestimmt nicht schön das ganze durchzustehen, aber es ist möglich!!!

    Es ist möglich, bis kurz vor der Geburt abzutreiben, wenn das Leben oder die Gesundheit der Mutter erheblich in Gefahr sind. Bei den von -Angst- beschriebenen psychischen Störungen dürfte das sicher ausreichen. Allerdings ist kein Arzt verpflichtet, es zu machen. Bei den Beratungsstellen wird man aber sicher Adressen von Ärzten vorrätig haben, die in solchen Fällen den Eingriff machen, ohne der Frau noch zusätzliche Schuldgefühle einzutrichtern. Ich würde nicht unbedingt eine "christliche" Beratungsstelle aufsuchen, sondern eine neutrale, besipielsweise Pro Familia. Auch bei Frauenberatungsstellen kann man sich vielleicht informieren.


    Ich wünsche Dir jedenfalls alles Gute, egal wie es ausgeht, und dass Du Deine seelischen Probleme gut bewältigen kannst.