Schwerer Schlaganfall (beide Hirnhälften betroffen)

    Hallo ihr Lieben!


    Ich muss heute mal mein Herz ausschütten.


    Mein bester Freund, mit welchem ich jeden Tag telefoniere und schreibe, hat am 27.06. einen Schlaganfall erlitten. Er wurde von seinem Mitbewohner im Bad gefunden, war noch ansprechbar und kam direkt in eine Spezialklinik mit Stroke Unit.

    Sein Zustand verschlechterte sich allerdings, er wurde intubiert und sediert. Er bekam eine Lungenentzündung und dadurch erhielt er dann einen Luftröhrenschnitt.

    Am Samstag war ich das erste Mal bei ihm auf der Intensivstation - natürlich erstmal Schock und ich habe viele geweint.


    Der Arzt sagte, man solle sich darauf einstellen, dass er nicht mehr wach wird, ins Wachkoma fällt und nie wieder der selbe sein wird. auch, dass er im Rollstuhl sitzen wird.


    Gestern wurden die Medikamente, welche ihn sedieren, etwas herunter gefahren und seit heute Morgen bekommt er gar nichts mehr.

    Gestern hat seine Bettnachbarin den Fernseher angemacht, ziemlich laut. In diesem Moment ging sein Blutdruck kurz hoch. Die Pflegerin meinte, er hat evtl. im Unterbewusstsein sich erschrocken.

    Später am Abend hat er das erste Mal die Augen geöffnet. Die Augen hat er nicht bewegt, allerdings hat er versucht den Kopf zu bewegen und ... ich glaube er wollte Husten. Er verzog das Gesicht und machte Anstalten, dass er Husten möchte.

    Allerdings atmet er noch nicht selbstständig und nach Aufforderung, er solle die Augen zusammenkneifen, reagierte er nicht.


    Ich habe ihm die ganze Zeit gut zugeredet und seine Hand gedrückt und gestreichelt.


    Als ich heute ins Zimmer gekommen bin, hat er bei Ansprache direkt die Augen geöffnet und die Augen auch bewegt, konnte aber keinen Punkt fixieren. Auch hat er den Mund viel bewegt.

    Der Pfleger erzählte mir, bei der Mundpflege hat er wohl nach Aufforderung den Mund geöffnet und wenn ihm etwas nicht passt, geht sein Blutdruck etwas nach oben.


    Ich bin dann wieder aus dem Zimmer damit sein Vater und seine Stiefmutter (die beiden sind heute erst angekommen, sind direkt aus dem Urlaub zurück gefahren) ihn sehen können. Sie erzählten mir, dass er bei Ansprache auch wieder reagiert hat, sie interpretierten es so, als würde er versuchen zu weinen.


    Wir bringen ihm jetzt Musik, die er gerne hört und am Samstag besuche ich ihn wieder.

    Ich vermute, er braucht einfach Zeit, um einigermaßen wach zu werden. Er war jetzt knapp 12 Tage sediert. Selbstständig atmen kann er auch (noch) nicht.


    Die Hoffnung ist jetzt groß, dass er im Laufe der nächsten Tage eventuell etwas mehr "von sich" zeigt. Eventuell mit ihm kommunizieren kann durch Blinzeln, Kopfnicken, Hände drücken...


    Er liegt 160km von mir im Krankenhaus, ich bin jeden Tag zu ihm heruntergefahren. Ich weiß jetzt, dass sein Vater vor Ort ist und jeden Tag nach ihm sieht. So geht es mir auch besser, da ich etwas kraftlos war. Mir tut das alles sehr weh und leid, er ist so ein herzensguter Mensch.


    Natürlich habe ich viel im Internet gelesen. Allerdings finde ich nur Artikel und Erzählungen von Menschen, die nur auf einer Seite einen Schlaganfall hatten...


    Der Arzt meinte, manche zerstörte Areale im Hirn werden dann von einem anderen Teil übernommen - aber alles braucht seine Zeit und er muss kämpfen.


    Ich hoffe, er hat mitbekommen, dass wir da waren und mit ihm gesprochen haben. Ich finde, es ist doch positiv, dass er etwas auf seine Umwelt reagiert. Dass er das nicht immer tut, ich bin kein Mediziner, ich denke er döst zwischendurch immer mal wieder weg und es ist wahrscheinlich auch sehr anstrengend für ihn...


    Jetzt habe ich ein bisschen geschrieben und konnte mein Herz loswerden ....


    Ich danke euch fürs Lesen. Ich hoffe das Beste!

  • 26 Antworten

    Google mal nach dem Locked-in-Syndrom ...

    ich hab ein buch von einer frau gelesen die auch einen schweren Schlaganfall erlitten ... aber sich ins leben zurück gekämpft...

    Das Buch heißt: So nah bei dir und doch so fern von Kate Allatt ...

    Vieles was du geschrieben hast kam auch bei ihr vor ... Lies das mal oder spreche die Pfleger mal darauf an...


    Ich hoffe das alles wieder ins Lot kommt...



    Ich habe einiges zum Locked-In-Syndrom gelesen. Aber es geht da fast immer um Patienten, die nur die Augen noch bewegen konnten.


    Mein bester Freund kann den Kopf leicht bewegen, den Mund öffnen und schließen und er macht Anstalten zu Husten...

    Ich bin Neuropsychologin und in diese frühen Stadium ist alles möglich. Ich habe alles gesehen. Von 0 Verbesserung bis fast vollständige Heilung. Man kann erst nach 4 Jahre sagen was ist.


    Ich bin selber von mehrere Hirntumoren, Meningitis und 2 Hirnblutungen betroffen.


    Ich ging von kaum laufen können (vollständige Hemiparese) zum Marathonläuferin und es gab eine Zeit (3 Monate lang) wo ich nicht wusste welchem Tag wir haben. Wurde meine Kalender nicht durchgestrichen, habe ich den Vortag wiederholt. Quasi ohne Gedächtnis.


    Seit dann habe ich Psychologie und Medizin studiert.


    Prognose nach die Blutungen war Wachkoma.


    Ich habe einiges zurückbehalten. Eine Hemiparese, Dystonie, Epilepsie usw. (es gibt 18 neurologische Diagnosen noch). Ich habe auch keine Pupillenreaktionen. Aber ich lebe eigentlich ein normales Leben. Ich bin einfach nicht körperlich so belastbar wie andere. Werde schnell müde. Ich habe auch noch Probleme mich zu orientieren. Es fällt aber kaum auf. Die Spastik wird mit Botox behandelt und ist kaum sichtbar.


    Also, bleib optimistisch. Was du beschreibst, ist ungewöhnlich gut nach so eine Hirnverletzung.

    Danke für eure Worte.

    Heute konnte er schon einen ansehen wenn man mit ihm spricht.

    Die Pfleger sagten, an und zu blinzelt er einmal für JA und zweimal für NEIN.

    Er kann die Augen und den Kopf aber nur nach rechts bewegen.


    Ich bin zuversichtlich, dass er seine Zeit brauchen wird aber einiges neu erlernen wird.


    Ich hoffe sehr, dass er bald ohne Maschine atmen kann.

    • Neu

    Ich war heute wieder im Krankenhaus.

    Ich kann die Situation nur ganz schwer einschätzen.

    Laut Arzt und den CT Bildern ist viel im Hirn zerstört. Es wird vermutet das zwischen Schlaganfall und eintreffen des RTW sechs bis sieben Stunden vergangen sind...


    Er öffnet auf Ansprache die Augen und bewegt sie in alle Richtungen. Er bewegt sie die ganze Zeit und scheint keinen festen Punkt zu fixieren.

    Wenn man ihn bittet, nach oben oder unten zu schauen, macht er das manchmal. Aber nicht jedes mal.


    Auf Schmerz reagiert er mit verzogenen Gesicht, hohen Blutdruck und schnellem Atem. Die Maschine piept dann auch.


    Ansonsten bewegt er ab und zu den Mund. Vorhin hat er gehustet, sodass ich ihm Speichel aus dem Mund entfernen musste, damit er sich nicht verschluckt.


    Der Pfleger meinte er könnte Locked In haben. Aber mittlerweile bin ich mir da nicht sicher, ich habe ein Buch und viele Artikel gelesen und für Locked In bewegt er sich zu viel.

    Aber Wachkoma denke ich, stimmt auch nicht.


    Vielleicht braucht er einfach nur längere Zeit, er war 12 Tage sediert und der Schlaganfall war im Pons (im Hirnstamm)...


    Ich kann das nicht einschätzen was genau mit ihm ist und was in ihm vorgeht...


    Ich habe ihm gesagt, dass es nervig für ihn sein kann wenn wir ihn bitten seine Augen zu bewegen aber das momentan die einzige Möglichkeit ist, wie wir miteinander kommunizieren können.

    Ich weiß auch nicht, wie anstrengend es für ihn ist.


    Es wird nun auf einen freien Platz in der Reha gewartet. Es hieß erst, er wird erst verlegt wenn er ohne Maschine atmen kann aber anderseits heißt es, man soll sehe früh mit der Reha anfangen. Daher bin ich etwas verwirrt...

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    Es gibt viele Rehas die beamtete Patienten annehmen. Ich kenne z.B. mehrere zwischen Heidelberg und Konstanz.


    Ich habe auch auf so ein Station in der Reha gearbeitet. Dort ist er besser als im Krankenhaus aufgehoben.

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    Ich drücke euch ganz stark die Daumen dass das wieder ins Lot kommt.

    Ich habe auch schonmal sowas erlebt bei einem nahen Angehörigen und der ist nach vielen Jahren training fast wieder er selbst.


    Darf man fragen wie alt dein Freund ist?

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    Mazikeen schrieb:

    Der Arzt meinte, manche zerstörte Areale im Hirn werden dann von einem anderen Teil übernommen - aber alles braucht seine Zeit und er muss kämpfen.

    Das kann, wenn es gut geht auch nahezu alle gehirngeleiteten Funktionen betreffen, dass sie wieder funktionieren werden. Da muss aber wie bei einem Baby Vieles neu erlernt werden. Ein anderer Mensch wird er wohl dann sein, da auch u.U. Gedächtnisinhalte und Hirnverknüpfungen anders ausgeprägt werden. Es gibt ja Menschen, die mehr als die Hälfte ihres Gehirns verloren haben und dennoch ein normales Leben führen können. Wenn bei einem Schlaganfall hinreichend schnell ein Krankenhaus erreicht wird, besteht unter gewissen Umständen die Möglichkeit, dass der Patient ohne weitere Schäden geheilt wird- wenn im ischämischen Fall die Arterien befreit werden können. Dann funktioniert das Gehirn wieder weiter wie gehabt-was bei deinem Freund nicht der Fall war. Wenn mehr als 4,5 Stunden beim Schlaganfall vergehen, werden die betroffenen Hirnregionen absterben, dann nützt es auch nicht mehr viel, wenn ein Arzt die arteriellen Verstopfungen chemisch oder mechanisch auflöst. Wenn die Blutversorgung anders unterbrochen wurde, muss man mit dem Absterben der betroffenen Hirnregionen leben- ander Hirnregionen müssen dann die Funktionen übernehmen. Ich finde die Arbeit des Gehirns ziemlich genial, was den Reparaturmechanismus betrifft.

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    Sebi087 schrieb:

    Darf man fragen wie alt dein Freund ist?

    Er ist 34.


    Danke fürs Daumendrücken. Er braucht grad alles Glück der Welt...


    Er soll in eine Reha kommen, die auch eine Intensivstation hat, also wird er als beatmeter Patient aufgenommen. Allerdings muss wohl ein Platz frei werden, so wie ich es verstanden habe.


    Ich hoffe sehr, dass er irgendwann alleine atmen und sogar sprechen kann. Es wird sehr lange dauern, so viel ist klar und er muss auch wollen und mitmachen... sich quasi zurückkämpfen.


    Ich habe nur große Sorge, dass er evtl wirklich im Wachkoma liegt oder geisitg schwer behindert ist jetzt.

    Aber ich glaube wir müssen die nächsten Wochen abwarten, was da noch von ihm kommt... Die Sedierung ist ja erst Mittwoch abgestellt worden und ich habe gelesen, dass es Wochen dauern kann bis Patienten wirklich wach sind...

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    Hirnbeschädigte Patienten schlafen extrem viel. Sie werden auch sehr schnell müde. Es kann wirklich dauern bis sich wachwerden und noch länger bis sie halbwegs orientiert sind.


    Ich drücke dir die Daumen, dass es voran geht.

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    Danke, das alles gibt mir etwas Hoffnung.


    Gestern war mir das nicht ganz bewusst. Es waren kaum Pfleger auf der Station, wie sonst, daher konnte ich niemanden fragen. Aber:


    Auf dem Monitor seines Beatmungsgerätes schlug die Kurve immer nach oben aus. Gestern nach oben und nach unten. Ich meinte zur Stiefmutter meines Freundes "Meinst du, das bedeutet, er atmet mit?" Aber sie meinte, sie denkt nicht.


    Heute habe ich erfahren, dass er langsam beginnt, mit zu atmen! Ich bin gerade unheimlich stolz auf ihn. Es wird nicht jeden Tag einen Fortschritt geben .... aber vielleicht wöchentlich oder monatlich.


    Ich habe heute auch gesagt, dass er kämpfen will. Sonst hätte er schon aufgegeben.

    Es liegt an uns, Geduld zu zeigen und ihn zu unterstützen wo es nur geht - denn vieles muss er allein machen, wie z.B. die Therapien. Er schafft das. Auch wenn der Weg lang ist.