Ab wann fangen Vorurteile an?

    Hallo,


    ab wann hat man Vorurteile?


    Klar, wenn ich z.B. sage: ALLE Männer sind dumm. Wenn ich keine Ausnahme zulasse, habe ich ein Vorurteil, weil ich einfach alle mit einem bestimmten Merkmal vor-verurteile.


    Aber was ist mit Sätzen wie "Viele X sind Y". Hier sage ich ja nicht "alle", sondern "viele". Ist das dann auch schon ein Vorurteil, obwohl ich nur von einer Mehrheit/Tendenz spreche und auch impliziere, dass es einige gibt, die nicht Y sind?


    Mich beschäftigt diese Frage schon lange in Diskussionen. Nehmen wir mal Vorurteile gegenüber bestimmten Menschen- oder Berufsgruppen. Wenn jemand z.B. sagt "Studierte Menschen sind OFT intelligenter als nichtstudierte Menschen." Wäre das ein Vorurteil, obwohl ich "oft" und nicht "immer" gesagt habe? Viele würden sich bestimmt schon dann angegriffen fühlen, auch wenn ich nicht "immer" gesagt habe.


    Oder: "Viele reiche Menschen sind arrogant." Hier sage ich ja auch nur "viele" und nicht "alle". Trotzdem könnte man beide Sätze als eine bestimmte Gruppe von Menschen diskriminierend und als Vorurteil auffassen, oder? Ist auch schon die Äußerung einer (für einen selbst) wahrnehmbaren Tendenz ein Vorurteil?


    Ab wann fängt ein Vorurteil an? Sind selbst Sätze mit "oft" und "viele" schon verwerflich?


    Viele Grüße

  • 16 Antworten

    Meinem Verständnis nach beginnen Vorurteile da, wenn du über eine bestimmte Menschengruppe ein negatives oder positives Urteil fällst, ohne diese Menschengruppe als Ganzes so gut zu kennen, als dass du sagen kannst, du hättest entweder über Jahre methodisch dichte, wissenschaftliche Untersuchungen gemacht (bzw. dich viel mit solchen beschäftigt und kannst deren Methodik auch entsprechend beurteilen) oder lange Zeit mit vielen Mitgliedern dieser Menschengruppe gemeinsam gelebt.


    Ob du dann "viele" oder "alle" oder "oft" oder "immer" sagst, spielt für mich keine Rolle. Solange du nicht selbst reich warst, unter Reichen lange gelebt hast (geht natürlich über den reichen Nachbarn hinaus) oder dich wissenschaftlich seit Jahren mit Reichen befasst, ist alles, was du von dir gibst, ein Vorurteil. Um ohne Kenntnis Vorurteile auszuschließen, wäre es ratsam, solchen Gruppen, die du nicht auf die oben beschriebenen Arten kennst, überhaupt keine Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Man muss das nicht machen. Man kann gut ohne leben. ;-)

    Ich bin nicht vorurteilsfrei , das merke ich immer wieder. Irgendwie kriechen diese immer wieder mal in mein Gehirn .


    Vorurteile sind für mich Feststellungen über Menschen ,über ihr Handeln- (eigentlich kann man über fast alles Vorurteile haben) ohne den Hintergrund zu kennen, ohne sich damit auseinandergesetzt zu haben.


    Vorurteile können auch einfach von andern übernommen werden , sie werden nicht hinterfragt , es wird daran nicht gekratzt .


    Ich glaube nicht , dass ein Mensch ohne Vorurteile ist - oder doch? - dann wäre es wieder ein Vorurteil von mir 8-)


    Denke , wichtig ist - sie zu erkennen und abzubauen.

    Zitat

    Ab wann fängt ein Vorurteil an? Sind selbst Sätze mit "oft" und "viele" schon verwerflich?

    Sind Vorurteile - so weit gefasst - denn überhaupt verwerflich? Meiner Ansicht nach nicht.


    Ich kann mir nicht über jeden Menschen eine Umfassende, möglichst objektive Ansicht bilden, auch wenn das natürlich ideal wäre. Stattdessen verallgemeinert man: Man erkennt manche Dinge in einem Menschen wieder und schließt dadurch auf anderes.


    Na und? Verwerflich ist es nur dann, wenn man nicht in der Lage ist dieses Vorurteil zu überdenken und festzustellen, dass der Mensch, den man da vor sich hat, vielleicht doch ganz anders ist.


    Oder natürlich dann, wenn ich jemanden ohne ihn zu kennen, allein aufgrund von Vorurteilen diskriminiere. Das versuche ich zu vermeiden - dass ich mir innerlich aber manchmal denke "ach, der ist bestimmt so oder so", naja, das ist manchmal eben so.

    Die Grenze zwischen Fakt und Vorurteil ist für mich dort, wo man für seine Behauptung keinen Beleg hat. Um vorurteilsfrei zu behaupten, ALLE Männer wären so und so, müsstest du jeden einzelnen Mann kennen. Wenn du sagst, DIE MEISTEN Männer sind so und so, müsstest du immerhin mehr als 50 % der Männer kennen.


    Du könntest sagen "Alle Männer die ich kenne, sind so und so". Dann würde ich mich davon nicht angesprochen fühlen, weil wir uns ja (vermutlich) nicht kennen.

    Zitat

    Klar, wenn ich z.B. sage: ALLE Männer sind dumm. Wenn ich keine Ausnahme zulasse, habe ich ein Vorurteil, weil ich einfach alle mit einem bestimmten Merkmal vor-verurteile.

    Ich habe da eine etwas andere Begrifflichkeit. Wenn man beispielsweise sagt "Frauen sind hysterisch", dann ist das ein Klischee.


    Von einem lesekompetenten Leser würde ich erwarten, dass ihm klar ist, dass eine derartige Aussage klischeehaft zu verstehen ist. D.h. es ist nicht gemeint, "alle Frauen sind hysterisch", sondern "Frauen neigen eher zu Hysterie als Männer".


    Von einem Vorurteil würde ich erst sprechen, wenn man sein Klischee auf eine konkrete Person anwendet, obwohl man keine Hinweise hat, dass es tatsächlich zutrifft.


    Also, wenn jemand nicht mit einer Kollegin zusammenarbeiten will, und er begründet es mit dem Klischee, Frauen neigten ihm zu sehr zu Hysterie, dann würde ich es ein Vorurteil nennen.

    Zitat

    Hier sage ich ja nicht "alle", sondern "viele". Ist das dann auch schon ein Vorurteil, obwohl ich nur von einer Mehrheit/Tendenz spreche und auch impliziere, dass es einige gibt, die nicht Y sind?

    Das sagen die meisten ja nur als rhetorische Abschwächung, um dann umso ungehemmter lästern zu können. Bei mir hinterlassen solche Diskussion, wo es um Wettstreit um Meinungen oder Welterklärungen geht, immer einen unguten Nachgeschmack. Ich finde sie langweilig bis ätzend. Mir ist lieber, die Menschen erzählen von Menschen, Dingen, Tätigkeiten, die sie lieben.

    Danke für die Erkenntnis bringenden Antworten!


    Ich habe öfter mit Leuten zu tun, die bestimmte Vorurteile hegen und mir einbläuen wollen. Sie versuchen durch geschickte Rhetorik dem Vorwurf zu umgehen, indem sie z.B. von "viele" statt "alle" sprechen und immer wieder betonen, dass ja nicht absolut aaaaaaaaalle so wären, sondern es auch Ausnahmen gibt. Trotzdem klingt das alles furchtbar abwertend und vorurteilsbeladen für mich und ich wüsste gern, wie man da am besten reagiert, da diejenigen oft meinen, schon mit dem Hinweis "viele, nicht alle" aus dem Schneider zu sein.


    Wie begegnet man Menschen, die z.B. bestimmte Menschen- oder Berufsgruppen auf diese Art abwerten?


    Ich fühle mich in Gegenwart dieser Leute wirklich oft wie unter Gehirnwäsche.

    Also, zunächst einmal kann ich Dich ganz gut verstehen, weil ich mich bisweilen auch etwas gehirngewaschen empfinde.


    Das zentrale Klischee (oder von mir aus auch Vorurteil) durch das ich mich gehirngewaschen fühle, ist die Behauptung Männer und Frauen seien gleich. Das behauptet in der Form natürlich auch niemand, weil der Blödsinn dann zu offensichtlich würde.


    Aber die Gleichstellungspolitik unserer Bundesregierung und der Bundestagsabgeordneten, die sie tragen, beruht letztlich auf diesem Klischee, auch wenn es hinter großen Reden versteckt wird.


    Also, das Prinzip der Gehirnwäsche ist wohl das gleiche, auch wenn es bei Dir um andere Klischees/Vorurteile geht als bei mir; und auch wenn die Leute aus Deinem persönlichen Umfeld ihre dämlichen Klischees auf etwas einfachere Art hinter Worthülsen verstecken als es wortgewaltige Politikerinnen und Politiker tun.

    Zitat

    Wie begegnet man Menschen, die z.B. bestimmte Menschen- oder Berufsgruppen auf diese Art abwerten?

    Diese Frage stelle ich mir auch. Vielleicht wird es uns ja gelingen, in dieser Diskussion einer Antwort etwas näher zu kommen.

    Zitat

    Studierte Menschen sind OFT intelligenter als nichtstudierte Menschen.

    Das ist innerhalb eines Vergleichs zweifach:


    die Aussage, dass studierte Menschen oft intelligent sind, ist ein Stereotyp. Ein Stereotyp ist (u.a. lt. Heringer) einfach neutral. Es ist nur eine übergeneralisierte Meinung.


    Aber:


    durch den Vergleich -"als"- mit Leuten, die nicht studiert haben und die Tatsache, dass der Vergleich für diese schlecht ausgeht, ist dieser Teil der Botschaft ein Vorurteil.

    Ich halte es für sehr schwer vorurteilsfrei zu sein. Allerdings sind Vorurteile an sich nichts schlimmes solange sie nicht in einer Diskriminierung oder falschen Bevorteilung münden. Das kann man aber nur durch reflektives Denken erreichen.

    doch, Vorurteile sind die schlimme Variante der Stereotypen.


    Die Kette geht so (in aller Kürze)


    Stereotypisierung- Vorurteil- Abgrenzung (latente Diskrimierung)-Abgrenzung aktiv(gelebte Diskriminierung)- dann Handlung- Rassismus

    Zitat

    Das kann man aber nur durch reflektives Denken erreichen.

    Die Psychologie kennt verschiedene Aufbruchmöglichkeiten für Stereotype + Vorurteile, aber keine führt sicher/dauerhaft zu Erfolg. Das liegt daran, dass die St. + Vorurteile schon früh in der Entwicklung gebildet werden.

    KannNichtKlagen

    Zitat

    Mich beschäftigt diese Frage schon lange in Diskussionen. Nehmen wir mal Vorurteile gegenüber bestimmten Menschen- oder Berufsgruppen. Wenn jemand z.B. sagt "Studierte Menschen sind OFT intelligenter als nichtstudierte Menschen." Wäre das ein Vorurteil, obwohl ich "oft" und nicht "immer" gesagt habe? Viele würden sich bestimmt schon dann angegriffen fühlen, auch wenn ich nicht "immer" gesagt habe.

    Zumindest sagt es aus, in welchen Kategorien jemand denkt.

    Zitat

    Ab wann fängt ein Vorurteil an? Sind selbst Sätze mit "oft" und "viele" schon verwerflich?

    Das hängt vom Kontext ab. Jemand, der sagt, dass studierte Menschen, oft intelligenter sind als nichtstudierte, der informiert zu allererst einmal, dass er Menschen überhaupt in studierte und nichtstudierte und in intelligente und weniger intelligente kategorisiert. Intelligent und weniger intelligent, studiert und nichtstudiert ist von den meisten nicht nur als Eigenschaft benannt, sondern zugleich auch gleich eine Auf- oder Abwertung. In welcher Beziehung, hängt davon ab, wie die Aussage formuliert wird. Es ist seine Auf- oder Abwertung, nicht meine. Ich sehe es ja anders. Eine Auf- oder Abwertung bezieht sich meiner Ansicht nach auf ein Ziel und der z. B. ist in dem Satz nicht enthalten. Ist es denn für diesen jenen erstrebenswert studiert zu sein oder nicht-studiert zu sein, intelligent zu sein oder nicht-intelligent zu sein, etc. Es gibt ja genug Menschen, die überhaupt keinen Sinn darin sehen so viel zu wissen und zu lernen. Für sie ist das alles überflüssig.

    Zitat

    Ich habe öfter mit Leuten zu tun, die bestimmte Vorurteile hegen und mir einbläuen wollen. Sie versuchen durch geschickte Rhetorik dem Vorwurf zu umgehen, indem sie z.B. von "viele" statt "alle" sprechen und immer wieder betonen, dass ja nicht absolut aaaaaaaaalle so wären, sondern es auch Ausnahmen gibt.

    Auch das kann ich ja nur feststellen, wenn ich mehr als einen Satz höre. Die Abwertung steckt meiner Ansicht nach nicht in der Pauschalisierung, sondern in den Wertungen. Viele Menschen gehen sonntags in die Kirche. Menschen gehen sonntags in die Kirche. Es sind Pauschalisierungen, aber in der geschriebenen Form ist vorerst keine so, dass sich viele davon angegriffen fühlen würden bzw. ein Vorurteil zu erkennen. Würde der eine oder andere Satz in einem herabfallenden Ton gesagt werden, so würden sich weitaus mehr Menschen davon betroffen fühlen, sowohl negativ oder auch positiv. Aber schon im Geschriebenen könnte es trotzdem als Angriff aufgefasst werden, weil viele ihre eigene Wertung in solche Sätze mit hineininterpretieren oder schlicht davon ausgehen, dass das Gegenüber dieselbe Wertung wie sie hat. Insofern ist es sehr gut möglich sich politisch korrekt auszudrücken und trotzdem Menschen pauschal abzuwerten.


    Es gibt stilistische Methoden in der Kommunikation, Aussagen einfach gezielt einzusetzen, aber meiner Ansicht nach ist es da sehr wichtig, selbst Distanz zu bewahren, um diese dann auch entsprechend einzusetzen. Sieht man in der Politik sehr gut. Politisch sehr korrekt und trotzdem schreit jedes Wort zwischen den Zeilen "Ich bin ein Faschist". Gerade ja ein sehr presentes Thema.

    Zitat

    Trotzdem klingt das alles furchtbar abwertend und vorurteilsbeladen für mich und ich wüsste gern, wie man da am besten reagiert, da diejenigen oft meinen, schon mit dem Hinweis "viele, nicht alle" aus dem Schneider zu sein.

    Mit Ich-Sätzen oder wenn die Distanz ist, kann es z. B. ein sehr geeignetes Mittel sein, die selbe Formulierungsweise anzuwenden, wie es dieser jemand selbst tut. "Diese Sprache" versteht er in der Regel am besten. Die Frage ist nur, wie wichtig mir das ist, dass ich mich in eine so geartete Diskussion einbringe. Mir z. B. ist es eher unwichtig. Ab und zu klatsch ich dann schon eine Aussage hin, dass dem Anderen die Luft weg bleibt und damit weiß ich, dass es sich für mich nicht lohnt und beschäftige mich dann lieber mit Menschen oder Themen, die mir mehr geben, auch wenn ich mich selbst von den wenigsten Aussagen persönlich angegriffen fühle. Es sind nicht meine Anssichten und wenn jemand andere abwertet oder mich angreift - sachlich oder persönlich - so kommt es bei mir nicht so an, weil ich das auf der Sacheben wertneutral auffasse. Es zeigt mir nur, welche Art Kommunikation mit so jemandem möglich ist. Welchen Schuh ich mir anziehe, ist meine Entcheidung.

    Zitat

    Wie begegnet man Menschen, die z.B. bestimmte Menschen- oder Berufsgruppen auf diese Art abwerten?

    Wie soll man ihnen begegnen? Um welche Menschen handelt es sich? Du kannst andere ja nicht ändern? Genauso ist es meiner Ansicht nach recht schwierig zu manipulieren, also etwas zu sagen, um eine bestimmte Reaktion, Erkenntnis, oder dergleichen bei seinem Gegenüber zu erreichen. Wenn Manipulation, dann geht es über sehr gute Menschenkenntnis, Fragetechniken, sehr viel Wissen, etc.


    Der eine wertet Menschen ab, der andere Verhalten und Aussagen von Menschen, etc. Egal, wie es das Gegenüber meint, so ist es meine Entscheidung, ob und wie ich diese Aussagen selbst bewerte. Welcher Satz welche Emotion bei mir hervorruft, hängt nicht von meinem Gegenüber oder von seinem Gesagten ab, sondern wie ich diese Aussage selbst bewerte.

    Zitat

    Ich fühle mich in Gegenwart dieser Leute wirklich oft wie unter Gehirnwäsche.

    Darunter kann ich mir im Moment nicht viel vorstellen. Ich höre den ganzen Tag Dinge, die nicht meinem Bewertungssystem entsprechen oder die ich anders sehe. Das ist nicht perse (allgemein) schlecht. Es mag für mich schlecht sein, dass jemand so denkt, aber es geht ja nicht um mich. Also ist schlecht/gut in diesem Fall auch nur wertneutral. Die Abwertung eines anderen wertet mich oder andere aus meiner Sicht nicht ab. Es ist seine Meinung und die ist legitim, genau wie meine Meinung. Ich kann ja in ich-Sätzen mitteilen, dass ich es anders sehe. Genauso kann ich mich abgrenzen bzw. innerlich distanzieren. Je nach Situation kann ich mich auch körperlich distanzieren, wobei schlicht sehr gerne Menschen beobachte und es extrem spannend finde, wie jemand anderer die Welt sieht.