Absolute Angst vor Zerstörung des Familienlebens

    Liebes Forum,


    ich habe mich hier eben angemeldet, da ich meine Gedanken, die ich mir schon so lange mache, einmal niederschreiben möchte und auf ein Feedback von euch hoffe!


    Gleich die Warnung vorneweg: Die ganze Sache dürfte etwas länger dauern. Ich bin 35 Jahre alt, bin verheiratet und wohne in Hamburg. Ursprünglich stamme ich aus dem nördlichen Schleswig-Holstein, rund 120 Kilometer von Hamburg entfernt. Ich hatte eine tolle Kindheit und Jugend in meinem Heimatdorf, hatte alles was ich brauchte, ein super Verhältnis zu meinen Eltern. Alles gut. Mein Wunsch war auch immer, dort sesshaft zu werden. Davor wollte ich jedoch ein wenig etwas von Deutschland und der Welt sehen. Ich studierte in München, Italien und dann Hamburg. In Hamburg arbeite ich nun auch seit 7 Jahren. Meine Frau arbeitet ebenfalls hier. Sie kommt ebenfalls aus dem Norden Schleswig-Holstein aus der Nähe meines Heimatkaffs.


    Nun zum eigentlichen Problem: Ich habe Angst vor dem Zerbrechen meiner ansonsten guten Beziehung zu meinen Eltern. Die Beziehung zu ihnen ist mir sehr wichtig. Meine Eltern sind niemals aus dem Kaff weggezogen, wohnen dort, haben dort gebaut, mein Vater hat dort einen mittelständischen Betrieb aufgebaut. Meine Eltern hatten immer den insgeheimen Wunsch, dass ich dort auch sesshaft werde. Das haben sie zwar nie ausgesprochen, aber es ist mir einfach bewusst, dass es so ist, da ich ja auch immer den Wunsch hatte, in mein Heimatkaff zurückzukehren. Nun hat sich das bei mir jedoch geändert, ich hege nicht mehr so sehr den Wunsch einer Rückkehr. Ich möchte das jetzt hier nicht vertiefen. Aber in meinem Heimatdorf ist einfach nichts mehr. Alle meine Bekannten und Freunde sind weggezogen, viele Geschäfte machen zu und wir haben hier in HH alles was wir brauchen. Diese ganze Thematik - so habe ich zumindest das Gefühl - steht langsam aber sicher zwischen mir und meinen Eltern. Nicht, dass wir uns schlecht verstehen würden, nein, so ist es nicht. Meine Eltern sind toll. Aber ich habe einfach das Gefühl, dass ich der Lebenswelt meiner Eltern irgendwie "entwachse", dass ich in das ganze Familiengefüge nicht mehr hineinpasse. Dies bereitet mir Kummer. Ich möchte meine Eltern nicht als Landpommeranzen darstellen. Das sind sie nicht, ich habe höchsten Respekt vor deren Lebensleistung. Aber irgendwie ist das ganze Zusammenleben zwischen ihnen und mir nicht mehr so recht kompatibel, ohne, dass es da ein großes negatives Ereignis gegeben hätte. Das Leben meiner Eltern ist aus meiner Sicht ziemlich eingeschliffen, sie sind wenig flexibel und alles gerät ins Wanken, wenn der ansonsten geregelte Tagesablauf etwas aus den Fugen gerät. Bspw. muss es bei meinen Eltern sonntags mittags um punkt 13.00 Uhr Essen geben. Nicht früher, nicht später. Das macht mich wahnsinnig.


    Weiteres Hauptproblem: Meine Geschwister. Mein Bruder (32), meine große Schwester (25) und meine kleinere Schwester (21) wohnen allesamt noch bei meinen Eltern. Lassen wir einmal meine 21-jährige Schwester außen vor. Dass sie noch zu Hause wohnt, mag noch ok sein. Aber bei meinen beiden anderen Geschwistern liegt eine Umklammerung zwischen ihnen und meine Eltern vor, die alles andere erdrückt. Beide haben keinen Partner, keine großen sozialen Kontakte. Alles kreist um die Eltern. Beide sind sehr unselbständig und nicht erwachsen. Mein Bruder arbeitet voll. Er verdient genug. Aber er lässt sich von meiner Mutter einkaufen, kochen und die Wäsche waschen. Er wohnt noch in seinem original Kinderzimmer neben dem Wohnzimmer meiner Eltern. Meine Schwester (25) studiert in HH. Dort hat sie eine Studentenbude, die von meinen Eltern gezahlt. wird. Sie hat dort aber keine Kontakte. Sie verbringt die Semesterferien komplett bei meinen Eltern, in der Vorlesungszeit schläft sie in der Woche im Schnitt drei Nächte in HH. Leiber weniger. Wenn die Vorlesungen Montags um 9 anfangen, bleibt sie lieber in der Nacht von Sonntag auf Montag bei meinen Eltern und steht um 6 auf, an statt schon sonntags abends zu fahren und an nächsten Morgen keinen Stress zu haben. Sobald die letzte Vorlesung rum ist, setzt sie sich in ihr Auto und fährt zu unseren Eltern. So, das macht sie aber nicht, um dort Freunde zu treffen o.ä. Sie geht in ihr Kinderzimmer und verbringt 95 Prozent ihrer Zeit auf dem Bett liegend TV schauen, Musik hörend oder mit dem Laptop im Internet surfend. Es kommt vor, dass sie mehr als 24 Stunden am Stück in ihrem Zimmer ist und mit niemandem spricht oder sonst wie kommunziert. Bei meinen Bruder ist es ähnlich. Beide können sich das auch erlauben, da sie alle Aufgaben von den Eltern abgenommen bekommen. Termin beim Arzt? Macht die Mutti aus. Inspektion mit dem Auto? Kümmert sich Papi drum. Einfach eine Rundumbetreuung. Meine Geschwister sind derart übermuttert, dass sie keinerlei altergerechtes Sozialverhalten entwickelt haben bzw. selbständig wären. Beide wären ohne die Eltern handlungsunfähig. Grund hierin ist zunächst in unserer Mutter zu suchen. Sie klammert ohne Ende an ihren Kindern und kann nicht loslassen. Die Angst vor einen aufgabenentleerten Leben sind für sie zu groß.


    Was hat das Ganze nun mit mir zu tun? Es gibt hier verschiedene Anknüpfungspunkte:


    1) Das Verhältnis zwischen meinen Geschwistern muss als schlecht bezeichnet werden. Wir begegnen uns nicht auf Augenhöhe. Die unterschiedlichen Entwicklungen passen nicht zueinander. Wir kommunzieren nur sehr wenig direkt miteinander, sondern allenfalls eher beiläufig. Heisst: Es kam noch nie (!) vor, dass ich bspw. direkt meine Geschwister angerufen hätte oder sie mich. Das Sprachrohr für beide sind meine Eltern, die mir erzählen, wie es bei meinem Bruder oder meiner Schwester läuft. Da beide keine richtige sozialen Kontakte haben, sind die Eltern irgendwie auch die besten Freunde. Das führt zu skurillen Situationen, in denen mir bspw. meine Mutter beiläufig erklärt, dass meine Schwester so schlecht drauf sei, da sie ihre Tage habe (!!!!!!!!!!!!!!!!). Das geht mich nichts an. Aber diese Weitergabe an too much Information zeigt mE nur auf, dass meine Mutter insgeheim meine Schwester nicht als erwachsen einstuft, denn wenn sie das täte, würde sie so etwas nicht weiter erzählen.


    2) Meine Eltern sind nicht in der Lage zu erkennen, dass ich mich fortentwickelt habe und aus dem "inneren Kreis" ausgebrochen bin. Mir geht es gut in HH. Es ist nicht so wie bei meiner Schwester bspw., wo sich alles nur um unsere Heimatkaff dreht. Die Studentenbude meiner Schwester ist nur ein Aufenthaltsort, kein WOHNort. Geht meiner Schwester bspw. der Toaster kaputt, wird er nicht von ihr in HH in den Elektrofachhandel gebracht. Dazu wäre sie glaube ich auch nicht in der Lage ohne Angst in einen solchen Laden zu gehen und das Gerät dort zur Reparatur abzugeben. Nein, das Gerät wird mit zu den Eltern genommen, die es dann zum örtlichen Händler bringen. Meine Eltern können nicht erkennen, dass ich mich mit meiner Frau ebenso ein gewohntes Umfeld geschaffen habe in HH. Wir haben hier auch "unseren" Metzger, Bäcker etc pp. Wir sind nicht darauf angewiesen, auf die Händler im Heimatkaff zurückzugreifen. Deutlich wird das, wenn ich meinen Eltern erzähle, dass ich bspw. am Rad einen Platten habe. Dann kommt der Hinweis, ich könne das Rad zur Reparatur mitbringen und zum örtlichen Händler bringen. Das sind für mich alles Ausdrücke dafür, dass meine Eltern nicht erkennen, dass HH für mich nicht eine bloße Durchgangsstation bis zur Rückkehr in das Heimatkaff ist, sondern mein ZU HAUSE. Das drückt sich auch darin aus, dass sich auch sonst alles aus Sicht meiner Eltern um das Heimatkaff drehen. Meine Eltern kommen vielleicht ein, zwei Mal im Jahr nach HH. Sie erwarten aber schon irgendwie, dass wir viel öfter zu ihnen kommen. Ich habe das Gefühl, dass mich meine Eltern nicht als Erwachsenen sehen, sondern unterbewusst (!) ggf. negativ besetzt als jemanden, der ihr tolles warmes Nest ablehnt und verlassen hat.


    3) Meine Kernfamilie entwickelt sich nicht fort. Es ist bei meinen Eltern immer noch alles im starren Elter-Kind-Verhältnis wie vor 20 Jahren. Es ist nicht so wie bei meinen Kumpels aus Schulzeiten, die an Weihnachten auch in das Heimatkaff zurückkehren, man nach langer Zeit mal wieder die über ganz Deutschland verstreuten Geschwister sieht und an Weihnachten ausführlich darüber quasselt, was jeder so macht etc. Das gibt es bei uns nicht. Die Feiertage - das wurde mir jetzt wieder bewusst - sind ja für meine Eltern und Geschwister ohnehin nichts besonderes, da man sich ja jeden Tag sieht und man eher voneinander angenervt ist als dass man Weihnachten ins besonderer Weise zelebriert.


    So, das war jetzt erstmal viel.


    Danke fürs Zuhören.


    LG

  • 4 Antworten

    Hast du jemals mit deinen Geschwistern über ihr doch ziemlich ungewöhnliches Verhalten gesprochen? Ist ihnen bewusst, dass sie sich aus Bequemlichkeit in dieser Abhängigkeit befinden?

    Kurz und knapp:


    Trenn' erstmal DEIN Leben von dem Leben und den Problemen Deiner Geschwister. Was die machen, ist ihr Problem. Ebenso, wie Deine Eltern ihr Leben mit den erwachsenen Kindern gestalten.


    Was Deine Beziehung zu Deinen Eltern angeht: Wie wäre es, wenn Du Deine Sorgen über das "Entfremden" offen ansprichst? Wenn Du freundlich sagst, dass Hamburg Deine Heimat ist und Du Dir dasselbe Netz, wie mandort hat, in HH aufgebaut hast? Und: Warum willst Du eigentlich die Anerkennung? Deine Eltern machen einen Vorschlag (bspw. bzgl. Reparatur) und Du sagst freundlich "Das ist nett gemeint, aber ich habe den XYZ-Fachhändler meines Vertrauens hier." Punkt.


    Ich wohne noch in HH; komme aber aus einem kleinen Ort in Niedersachsen und habe in NRW studiert und dort 15 Jahre gelebt. In meiner Heimatregion ist man auch so sehr verwurzelt (Studenten fahren immer schnellstmöglich heim und und und). Ich war einerseits anders, andererseits habe ich durchaus auch noch ein Netz (best.Ärzte, Autohändler des Vertrauens) dort. Und merke, dass da gerade der Vertrauensaspekt eine große Rolle spielt. Mir redet niemand rein, aber letztlich musst Du erkennen: Du wirst Deine Eltern und die Familienstruktur nicht ändern. Die Gefahr eines Bruches sehe ich eher, wenn Du das ständig versuchen würdest. Einfach Dein Ding machen nach dem Motto "Leben und leben lassen" birgt vermutlich weniger Risiken. Du hast Dich halt anders entwickelt als der Rest der Familie. Entweder Du akzeptierst es oder änderst Dein Leben; Deine Familie wirst Du nicht ändern.

    Ich hab den ganzen Beitrag gelesen, verstehe aber dein Problem nicht so richtig. Vor allem in Bezug zur Überschrift ":/


    Es klingt nicht danach, dass dein Familienleben in Gefahr ist. Eher scheinst du dir einfach eine andere Art von Familie zu wünschen. So wie die beschriebenen deiner Kumpels. Die Wunschfamilie kann man sich aber nunmal nicht aussuchen. Dieses Vergleichen mit den Geschwistern ist doch irgendwie sinnlos, es sei denn du findest die kriegen zuviel und du zu wenig? Und deine Schwester scheint irgendwelche sozialen Ängste zu haben wenn sie nichtmal ein Geschäft betreten kann. Da muss man auch nicht unbedingt drüber herziehen.


    Die Anmerkung deiner Mutter, dass es ihr wegen ihrer Tage schlecht geht finde ich jetzt überhaupt nicht schlimm, eher scheint mir deine Reaktion darauf (Wieviele Ausrufezeichen waren das?) ganz schön verklemmt?


    Wenn du dir ein besseres Verhältnis zu den Geschwistern wünscht, dann manch doch selber den Anfang. Ruf hin und wieder mal an und frag wie es geht. Möglichst unvoreingenommen vielleicht ;-) Im Moment scheinst du deine Familie viel weniger zu akzeptieren als sie dich.