Bedürfniss nach Dauerentspannung? Symptom der Depression?

    Mein Mann hat die Diagnose mittelschwere Depression. Ich muss jetzt erstmal lernen, damit umzugehen und nicht falsch zu interprtieren.


    Er ist in ambulanter Behandlung, war 6 Wochen in einer Kur und nimmt ein AD.


    Frage: wenn es nach ihm ginge (ohne lästigen Alltag) würde er sich wohl nur mit schlafen und entspannen beschäftigen. Alles andere ist (lästige?) Pflicht. Da er dauerhaft Krankgeschrieben ist, hat er also keinen Arbeitsalltag. Nur einen selbst auferlegten, bzw. durch mich und unsere Kinder.


    Da ich momentan auch noch zuhause bin, bringe ich die Kinder morgens weg. Dann kümmere ich mich um Haushalt, erledigungen etc. Zwischendurch mach ich auch mal ein Päuschen, esse was, surfe kurz. Aber ich arbeite immer Stück für Stück meine To Do Liste ab.


    Er hingegen schläft länger, steht auf, trinkt Kaffee, geht rauchen und sitzt dann vor dem PC. Er kümmert sich um die Angelegenheiten, die er machen muss (Kinder abholen, essen vorbereiten, kochen...) aber ich merke, dass er jedes noch so kleine Zeitfenster nutzt um sich sofort wieder vor den PC zu pflanzen.


    Er spielt da und guckt Serien.


    Mein Empfinden dabei ist: er würde das am liebsten die ganze Zeit machen und alles Andere ist eben Pflichtprogramm, was er abarbeitet (nicht gerne, nicht mit Spaß oder Freude). Amliebsten würde er wohl bis Mittags schlafen und dann den ganzen Tag vor dem PC hocken (was er nicht tut, dafür Sorgen wir schon).




    Ist DAS ein Symptom der Depression? Dieses Bedürfniss nach Dauerentspannung?

  • 8 Antworten

    Wie lange ist das denn schon so?


    Es kann durchaus ein Symptom sein, allerdings nicht nach Dauerentspannung. Mein Arzt nannte es damals "Kein Antrieb". Und schon hat das Kind einen deutlich weniger urlaubsumspielenden Namen.


    Keinen Antrieb zu haben ist ein Symptom...ein Symptom, dass man natürlich auch mit Medikamenten behandeln könnte. Allerdings weiß ich nicht, was für Medikamente er nimmt und ob diese eher schlaffördernd sind, oder eben ihm morgens in den Arsch treten.


    Ich bekam ein Andidepressivum, dass mir half morgens mein Bett zu verlassen. Aber auch die geregelte Arbeit gab mir Halt um nicht in der Antriebslosigkeit zu verharren. Mir tat es gut wieder arbeiten zu gehen. Die Arbeit war eine der wenigen Konstanten in meinem Leben, die halbwegs gut lief.


    Ist er wegen der Arbeit in Depressionen verfallen, oder machte sie ihm sogar Spaß? Wenn es zweiteres ist, würde ich empfehlen die Arbeit wieder aufzunehmen. Sie ist eine gute Konstante, die einem helfen kann. Man fühlt sich wertvoll.


    Natürlich ist Haushalt etc. eine Pflicht. Verspürst du wirklich Freude daran die Dreckwäsche zu machen, oder abzuwaschen?


    Es ist wichtig, sich solche To Do Listen zu machen.


    Montags Wäsche, Dienstags Spülmaschine usw. Nicht zu viel, aber genügend um nicht noch tiefer in der Depression zu versinken.


    Spricht dein Mann denn in der Therapie über seine Antriebslosigkeit? Das sollte er wirklich tun!

    Es könnte eine Nebenwirkung der Medikamente sein. Ein Kollege nimmt auch Langzeitmedikation wegen starken Depressionen und war auch in Therapie. Seitdem ist alles in ihm gebremst, er wirkt antriebslos und bestätigt selbst, dass auch normale Bewegungsabläufe nur langsamer möglich sind. Seit einiger Zeit wird die Medikation langsam ausgeschlichen bzw. die Dosis verringert und man erlebt hin und wieder kleine Lichtblicke. Bei ihm liegt's also definitiv daran.


    Das ist glaube ich das Schwierigste für nahestehende Menschen von psychisch Kranken: sie richtig verstehen in ihrem Handeln.


    Wünsche euch beiden alles Gute für die Zukunft :)* - ich hatte gar nicht auf dem Radar, dass die Zeit der Therapie/Kur schon vorbei ist, denn es war für mich gar nicht so lange her, dass du noch Bammel vor seiner Abwesenheit hattest.

    Ja, ging dann doch schneller vorbei als gedacht. Und die 6 Wochen haben wir wirklich sehr gut gemeistert (die Mädels und ich).


    Ihr habt natürlich Recht: es ist diese Antriebslosigkeit. das sagt er selbst ja auch. Sein Medikament hilft nicht dagegen (Citalopram). Es hilft gegen den Grübelzwang.


    Der Job, bzw. die Perspektivlosigkeit sind eher einer der Gründe für die Depression. Aber er leidet da schon seit seiner Jugend drunter. Evtl auch ADS (verträumt). Muss noch getestet werden...




    Mir fällt es manchmal soooo schwer das alles richtig einzuschätzen: es ist keine Faulheit, bequemlichkeit. Es ist diese mistige Krankheit...

    Ixh würde ihm dann sagen dass er mit psychotherapeut und Psychiater über seine antriebslosigkeit reden sollte.


    Vielleicht gibt es Methoden die einzugrenzen...ggf andere medikamente.


    Ich bekam erst etwas gegen meine schlafprobleme...aber dann wechselte es zu immer schlafen... da fehlte mir der antrieb zu allem... daraufhin wechselten wir auf sertralin...dass man morgens einnimmt und den antrieb steigert.


    Natürlich auch nicht sofort...aber ich gewann ein wenig lebensqualität zurück...Hatte wieder Lust etwas mit freunden zu unternehmen usw.


    Mein Therapeut hatte mir empfohlen eine tagesstruktur anzulegen. 8 oder 9uhr aufstehen. Und für jeden tag ein pasr tätigkeiten einzuplanen.


    Das half mir einen normalen tagesrhythmus beizubehalten.


    Er gab mir auch methoden gegen das grübeln an die hand.

    Es gibt mittlerweile Studien, die zeigen, dass man Menschen mit einer Depression mit Schlafentzug und einem sehr struktuiertem Tagesablauf weit mehr geholfen wird, als wenn man sie einfach nur lässt und sie sich dauerhaft ausruhen. Die Patienten haben dadurch noch mehr Zeit zum Nachdenken und je mehr sie sich zurück ziehen können, desto "stressiger" wird alles andere.


    Einige stationäre Therapien nutzen das Prinzip schon sehr erfolgreich. Viele Psychiater und Psychologen legen den betroffenen Familien nahe, das auch zu Hause so umzusetzen.


    Ich selber kenne mehrere Fälle, in denen dieses Prinzip letztendlich den entscheidenden Durchbruch brachte.


    Hier der deutsche Link:


    http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/wachtherapie-bei-depression-mit-schlafentzug-die-schwermut-vertreiben-a-980305.html

    Schließe mich KleineHexe21 voll und ganz an. Das Versumpfen vor dem PC ist mehr als kontraproduktiv. Und Citalopram ist zumindest kein sedierendes AD.


    Kurzum: Da muss mehr Struktur rein, v.a. klarer Schlafrhythmus und sinnvolle Aufgaben.

    Zitat

    es ist keine Faulheit, bequemlichkeit. Es ist diese mistige Krankheit...

    Hat er denn einen Leidensdruck? D.h. findet er diese Antriebslosigkeit selbst belastend, würde gerne mehr tun, kann sich aber nicht dazu aufraffen bzw weiß nicht, woher er die Energie dazu hernehmen soll?


    Nach meinem Verständnis ist der Leidensdruck bei der Unterscheidung Bequemlichkeit, Entspannung oder krankhafte Antriebslosigkeit ein guter Indikator.

    Zitat

    Ist DAS ein Symptom der Depression? Dieses Bedürfniss nach Dauerentspannung?

    Das ist es durchaus, allerdings ist sein Verhalten jede erdenkliche Minute vor dem PC zu verbringen und dort zu spielen und Serien zu gucken auch eine Art Flucht. Die Dosis ist da das entscheidende. Meinst du mit "ambulanter Behandlung" eine psychotherapeutische Therapie oder einfach nur die Versorgung mit Medikamenten durch einen Psychiater?


    Nach dem was ich höre, wäre es wirklich angebracht, dass er sich zusätzliche Unterstützung über eine Verhaltenstherapie holt, denn er muss lernen, dass dieses Fluchtverhalten auch nur ein Symptom ist. Wenn man es nämlich schafft sich abzulenken mit einer Depression, geht es einem kurzristig besser, denn die kreisenden, quälenden, lähmenden Gedanken sind dann mal ruhig. Wenn er spielt oder Serien guckt muss er das eben nicht ertragen, aber das ist keine Lösung, das ist ein Kreislauf. Sowas zu erkennen und steuern zu lernen und daraus auszubrechen kann man in so einer Therapie lernen, d.h. nicht von einem extrem ins andere zu fallen. Der Therapeut könnte mit ihm gemeinsam daran arbeiten wieder einen halbwegs strukturierten Tagesablauf aufzubauen. Schritt für Schritt, damit er nicht gleich überfordert ist. Wichtig ist natürlich, dass er es selbst einsieht, dass dieses Verhalten dauerhaft seine Depression nicht besser macht, sondern er nur vermeidet.