• Bringt eine Therapie "nichts"???

    Hallo, Ich denke immer wieder darüber nach, eine Therapie zu machen. Meine Eltern waren völlig überfordert, von daher musste ich in meiner Kindheit Gewalt (phys/psy) erfahren, zudem wurde ich eine Zeit lang in der Schule gemobbt. Ich spüre, dass ich mich ohne Hilfe von den Erinnerungen nicht befreien kann. Ich denke, die Erfahrungen beeinflussen auch mein…
  • 43 Antworten

    Ich war ungefähr drei Jahre lang in Therapie. Mir hatte sie sehr geholfen, allerdings nicht sofort. Es dauerte weitere drei Jahre, bis ich wirklich stabilisiert war, das bin ich aber bis heute. Die Therapien (u.a. auch ein dreimonatiger stationärer Aufenthalt) liegen nun über 20 Jahre zurück.


    Mein damaliger Therapeut war deutlich älter als ich und strahlte viel Ruhe aus, was mir gut tat. Ich konnte mit ihm über wirklich alles reden, ohne mich dabei unwohl zu fühlen. Allein das war viel wert.


    Meine Diagnose: Chronifiziertes posttraumatisches Belastungssyndrom aufgrund langjähriger psychischer und physischer Misshandlungen.

    blue heron schrieb:

    Und was die Vergebung angeht: keiner wird dich zwingen. Mir sagten sie öfter mal, es wäre evtl. gut/gesund wütend zu sein (das Gegenteil von Vergebung also). Wut ist in meinem Emotionsspektrum aber leider bislang ziemlich unterrepräsentiert. Also konnten wir in die Richtung auch nicht arbeiten, was trotzdem völlig ok war. Und irgendwann im Laufe der Zeit ist dann auf Umwegen ganz von selbst doch ein klitzekleines bisschen davon spürbar geworden.

    :)z

    Hinter der Wut steckt die Trauer, die Angst, die Verletzungen. So habe ich es für mich das erste Mal wahr genommen als ich sie zulassen und spüren konnte. Wut muss ja auch nicht destruktiv ausgelebt werden, was evtl. viele meinen. Wut ist genauso ein Anteil wie Freude, Hoffnung usw.


    Als sich bei mir die Wut zeigte war ich sehr erschrocken, denn das war ich nicht. Sie half mir aber meine Verletzungen, Kränkungen usw. raus zu lassen um verbal, während der Therapie mit den Personen abrechnen zu können. Das war verdammt schwer und ich kam mir vor wie eine Verräterin.


    Viel, viel später war ich in der Lage, mir mal das Verhalten derjenigen anzuschauen und soweit noch erreichbar oder durch Information, deren Verhalten zu überdenken. Das war nochmal eine eigene, andere Art der Aufarbeitung. Gedanklich, weil nicht mehr erreichbar, warf ich jenen vor das sie kein recht hatten mich so zu behandeln, ich aber ihr Verhalten verstanden habe aufgrund ihrer Erlebnisse. Zumindest hatte es nichts mit mir zu tun. An mir liessen sie ihren Frust, ihre Wut, ihren Hass aus.


    Erst da konnte ich so was wie verzeihen zulassen, wodurch mein Hass - den ich da überhaupt erst mal wahr nahm - so nach und nach weniger wurde und verschwand.


    Ich kann mir nicht vorstellen, dass man ohne Aufarbeitung aufgefordert wird zu verzeihen. Das wäre nach meinen Erfahrungen nur ein Lippenbekenntnis. Ich konnte es, weil ich es so empfunden und gespürt habe. Und nur dann kann man mMn von Heilung der Psyche sprechen. Die Narben bleiben immer.

    Zitat

    Zumindest hatte es nichts mit mir zu tun. An mir liessen sie ihren Frust, ihre Wut, ihren Hass aus

    So ist es bei mir auch, das weiß ich. Meine Eltern haben beide zerstörte Seelen, vielleicht haben sie sich auch deshalb gefunden.


    Ich fühle mich auch komplett zerstört, obwohl ich einfach nur glücklich sein möchte.


    Ich erhielt schon im Kleinkindalter Schläge gegen Mund und Nase, oder mir wurde ins Gesicht gespuckt. Manchmal kann ich meinem Kind kaum ins Gesicht sehen, so blöd es klingt - es kommt Selbstmitleid auf.

    Ich hatte dieses schon fast vergessen, aber seitdem der Kleine da ist...


    Als Jugendlicher begann ich ihnen vieles vorzuwerfen. Sie gehen da völlig aus ihrer Verantwortung raus.

    Ich würde übertrieben, ich würde es mir einbilden, es war nicht so oder es hieß ich war so stur, schwierig, hätte es "verdient"...


    Wir haben nur noch selten Kontakt. Meine Mutter scheint manchmal zu bereuen, auch wenn sie immer noch nicht wirklich dazu steht.


    Bei einem Telefonat neulich, in dem ich erzählte dass der Kleine die Nacht fast durchgeschrien hat, meinte sie: "Tja nun siehst du es mal wie es einem da gehen kann..."

    Diese "Rechtfertigungsschiene" triggert mich extrem.

    Ich möchte mein Familienglück genießen, ohne diese Wut, Trauer, Verzweiflung und Schamgefühl.

    Zitat

    Ich möchte mein Familienglück genießen, ohne diese Wut, Trauer, Verzweiflung und Schamgefühl.

    Das alles kann ich sooo gut nachvollziehen!!! Bis vor ungefähr 20 Jahren ging es mir genauso, und zwar aus sehr ähnlichen Gründen wie bei Dir. Meine Therapie hatte mir sehr geholfen, mit mir selbst Frieden zu schließen, zu verzeihen und im hier und jetzt zu leben.


    Mein tyrannischer Vater lebt nicht mehr, doch meine narzisstische, sehr egozentrische Mutter ist noch da. Sie ist gerade 90 Jahre alt geworden und wünscht sich nichts mehr, als ihren 90er im Mai oder Juni mit allen Kindern, Enkeln und Urenkeln samt jeweiligen Anhang nachzufeiern. Da dürften um 55 Leute zusammenkommen, von denen ich nur ca. 35 kenne.


    Ganz ehrlich: Ich möchte zu dieser Feier zwar kommen, doch habe ich dabei sehr zwiespältige Gefühle. Einerseits wird es das letzte Mal sein, dass ich meine Mutter sehe (das letzte Mal vor ca. 10 Jahren), andererseits kommt dann auch vieles von dem wieder hoch, was ich am liebsten auf Dauer vergessen würde. Ich werde an der Feier aber teilnehmen.

    Das tut wirklich weh, das zu lesen, ich wünsche dir, dass du mir der Vergangenheit abschließen und Frieden schließen kannst. Aber darf ich fragen, wieso du überhaupt noch Kontakt zu solchen Menschen hältst? Lässt du sie auch mal auf deinen Sohn alleine aufpassen?

    Shojo schrieb:

    Das find ich sehr tapfer von Dir

    Nun, als tapfer empfinde ich mich nicht. Ich glaube, da spielt auch Verantwortungsgefühl eine Rolle. Meine Mutter gibt zwar bis heute keinen einzigen ihrer z.T. wirklich massiven Fehler zu, doch tut sie jetzt als uralte Frau im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles, um ihre sechs Kinder zu unterstützen. So etwas ist für mich halt ihre Art der Entschuldigung. Zumindest sehe ich es so. Ich denke, sie selbst möchte es auch so gesehen haben. Sie ist meine Mutter, und ich habe nur eine!

    Zitat

    Ganz ehrlich: Ich möchte zu dieser Feier zwar kommen, doch habe ich dabei sehr zwiespältige Gefühle

    Ich kann dich sehr gut verstehen. Es tut mir sehr leid, wie es auch bei dir gelaufen ist!


    Zitat

    Aber darf ich fragen, wieso du überhaupt noch Kontakt zu solchen Menschen hältst?

    Das ist eine interessante Frage. Die schlimmen Erfahrung waren der größte Bestandteil meiner Kindheit. Aber nicht der ganze. Meine Mutter hat sich oft bemüht, auch wenn sie es nicht geschafft hat.


    Sie versuchte oft uns eine Freude zu machen, in dem sie zum Beispiel einen Ausflug organisierte. Manchmal war es auch schön. In 70% der Fälle endete es mit Beschimpfungen und gekreische, weil sie erschöpft und überfordert war und mit uns einfach nicht klar kam. Bei üblichen kindlichen Gebaren fühlte sie sich unglaublich gestresst und provoziert.

    Aber das wollte sie so nicht.

    Ich spüre, dass sie uns liebt.

    Sie sagt immer wieder wie stolz sie auf uns ist und möchte mich und meine Schwester stets unterstützen, bietet immer wieder Hilfe an, wenn zum Beispiel ein Umzug etc. ansteht.

    Der Kontakt ist spärlich, für mich passt das.

    Zitat

    Lässt du sie auch mal auf deinen Sohn alleine aufpassen?


    Nein sie passt nicht auf, Besuche sind selten und nur kurz.

    Freimaurer schrieb:

    Hat jemand von euch gute Erfahrungen gemacht? Konnte euch geholfen werden?

    Oder war es ähnlich "schlecht"?

    Wollt ihr mir erzählen wie es euch erging?

    Ich hab 3 Therapien hinter mir.

    -Verhaltenstherapie ambulant

    -Tiefenpsychologische Therapie ambulant

    -Tiefenpsychologische Therapie stationär


    Verhaltenstherapie: Der Therapeut hat die Stunde nach 20-25 Minuten immer beendet. Wie soll man da irgendwas erreichen? War für n Eimer.


    Tiefenpsychologische Therapie (ambulant): Der Therapeut ist regelmäßig eingenickt. Ich hab ihn auch darauf angesprochen, er hat sich immer entschuldigt, aber davon konnte ich mir auch nichts kaufen. Das Vertrauen war dahin.


    Tiefenpsychologische Therapie (stationär): Ich glaub, für diese Therapie war ich zu doof. Ich hab ihre therapeutischen Spielchen nicht verstanden. Sagte z. B. erst, ich wäre ein leichter Fall, um mir 10 Minuten später zu sagen, ich solle nicht auf den allgemeinen Arbeitsmarkt, weil ich zu krank bin 8-(


    Aber!!!! Ich will Therapien nicht schlecht reden. Ich hatte in der Klinik Körpertherapie und das hat mir so sehr geholfen, dass es mir 2 Jahre nach der Klinik immer noch gut ging.


    Und ich weiß nicht mal, warum. Ich hab in meinen Therapien nie geheult, aber in der Körpertherapie hatte ich feuchte Augen ;-)


    Ich denke, man muss einfach auch die richtige TherapieFORM für sich finden.

    Therapeuten, die keine 50 Minuten Sitzung machen, gehören angezeigt. Ebenso gehörem die gemeldet, die ständig einschlafen. Absolutes NoGo.

    Fizzlypuzzly schrieb:

    Als sich bei mir die Wut zeigte war ich sehr erschrocken, denn das war ich nicht. Sie half mir aber meine Verletzungen, Kränkungen usw. raus zu lassen um verbal, während der Therapie mit den Personen abrechnen zu können. Das war verdammt schwer und ich kam mir vor wie eine Verräterin.

    Sooo typisch. Das schlechte Gefühl, allein weil man die Dinge ausspricht. Sich das endlich traut. Aber sooo ein wichtiger Durchbruch. Es IST geschehen, es HAT Spuren hinterlassen. Es WAR NICHT die eigene Schuld. Man muss sich nicht schämen oder schuldig fühlen, weil man Ereignisse, die geschehen sind, offen ausspricht und bewertet.

    Sich allein DAS zugestehen zu können, kann ein langer Therapieprozess sein.


    Fizzlypuzzly schrieb:

    Viel, viel später war ich in der Lage, mir mal das Verhalten derjenigen anzuschauen und soweit noch erreichbar oder durch Information, deren Verhalten zu überdenken. Das war nochmal eine eigene, andere Art der Aufarbeitung. Gedanklich, weil nicht mehr erreichbar, warf ich jenen vor das sie kein recht hatten mich so zu behandeln, ich aber ihr Verhalten verstanden habe aufgrund ihrer Erlebnisse. Zumindest hatte es nichts mit mir zu tun. An mir liessen sie ihren Frust, ihre Wut, ihren Hass aus.

    Das ist dann wirklich hohe Therapiekunst. Beiderseits. Gut geführt vom Therapeuten, toll und hart erarbeitet vom Betroffenen. Ob direkt oder Jahre später, irgendwo wurde aber ein zartes Pflänzchen gesät, was es möglich machte.

    Respekt.

    Und das ist leider in vielerlei Hinsicht typisch. Völlig sachlich formuliert. Dass Dinge erst hochkommen, wenn man selber ein Kind hat und denkt, die Vergangenheit doch irgendwie abgehakt zu haben.

    Aber auch, dass sich das miese Verhalten der Eltern fortsetzt und nochmals hochkocht, wenn Enkel da sind. Entweder werden da Muster wiederholt, oder es geht bei eigenen erwachsenen Kind weiter.


    Freimaurer schrieb:

    Ich möchte mein Familienglück genießen, ohne diese Wut, Trauer, Verzweiflung und Schamgefühl.

    Was bräuchtest Du dafür? Was würde Dir helfen, weniger Wut/Trauer/Verzweiflung/Scham zu empfinden? Warum empfindest Du diese; was löst diese aus?

    Denn: Es ist/war NICHT DEINE SCHULD.

    Danke@Sunflower_73 @:)

    Ja, es war unglaublich hart für mich und hat mich hin- und her geschüttelt, rauf- und runter gehauen. Intuitiv wusste ich, dass ich nach 40 Jahren (in den 90ern) keine andere Chance mehr bekomme, um mein Leben wirklich für mich verändern zu können. Sonst hätte ich über 5 Jahre Suizidversuche und Gefährdung es niemals geschafft.


    Mit meinen Therapeuten (Ehepaar, erst bei ihr, dann bei ihm) hatte ich wirklich unglaublich viel Glück. Sie hat sich mal bei mir entschuldigt, weil ihr aufgefallen war, dass sie mit einer Bemerkung von ihr meine Mutter darstellte, weil sie sauer war.


    Für mich war das menschlich und sie hatte meinen Respekt nicht verloren.


    Er meinte iwann mal, was ich hier leiste, ist therapeutische Höchstleistung und das hätte er noch nie so jemals wahr genommen.


    Was ich damit sagen will ist, wenn man nicht gerade an Flitzpiepen gerät, durchhalten und auch Auseinandersetzungen nicht scheuen. Nirgendwo bekommen die, die Hilfe wirklich brauchen und wollen, die Möglichkeit alles in einem geschützten Rahmen an- und auszusprechen.

    Vielen dank, dass du auf die Fragen eingegangen bist :) Ich verstehe irgendwo, dass du die guten Seiten deiner Mutter anerkennst und sie trotz dem Vergangenen in deinem Leben haben möchtest, wenn ihre Liebe spürbar ist. Bitte achte gut auf dich und deine psychische Gesundheit und lass dir nichts bieten, denn du verdienst es, gut behandelt zu werden. Ich kenne gleich zwei Leute, die sowas wie du erlebt haben in der Kindheit, die ebenfalls regelmäßig von der Mutter geschlagen und vernachlässigt worden sind. Beide halten noch Kontakt zu ihr, aber es verläuft nicht friedlich, sondern immer passiv-aggressiv, weil man die Vergangenheit nicht überwunden konnte und der Hass latent vorhanden ist. Klar, das kann auch ganz anders bei euch laufen, aber deswegen schrieb ich nochmal, dass man auf sich achten soll^^
    Dass der spärliche Kontakt dir gut tut, hört sich doch toll an. Alles Gute für die Zukunft.

    Fizzlypuzzly schrieb:

    Was ich damit sagen will ist, wenn man nicht gerade an Flitzpiepen gerät, durchhalten und auch Auseinandersetzungen nicht scheuen. Nirgendwo bekommen die, die Hilfe wirklich brauchen und wollen, die Möglichkeit alles in einem geschützten Rahmen an- und auszusprechen.

    Genau.

    Und es lohnt sich wirklich, Dinge anzusprechen, die blöd gelaufen sind. Manchmal rutscht einem ein Satz raus, wo man in genau dem Moment merkt: Fettnäpfchen. Manchmal triggert man etwas, was man vielleicht noch gar nicht einschätzen kann, dass es triggert.

    Wenn die Chemie stimmt, dann sind diese Dinge klärbar. Nie Absicht, sondern einfach menschlich. Blöd gelaufen, trotz allen Bemühens. Aber es setzt halt voraus, dass das Grundvertrauen und das Gefühl, verstanden zu werden, da sind.

    Therapie kann schon was bringen, man muss halt jemanden finden, dem man sich auch öffnen kann (keine Flitzpiepen:-)), dann muss die Methode passen und man muss die Geduld aufbringen dran zu bleiben. Man unterschätzt manchmal, wie lange die Heilung dauert und was man beim Buddeln so alles ausgräbt.