Darf man um sich selbst trauern?

    Hallo,


    ich wurde körperbehindert geboren (ICP und spastische Tetraparese) und hatte 1994 eine Hüftoperation nötig. Beim Gipswechsel sechs Wochen später kam es wegen Vollnarkose und Erbrechen in Rückenlage nach dem Erwachen zur Reanimation.


    Darf man wegen sich selbst traurig sein?


    DANKE,


    Johanna aka Scottie

  • 21 Antworten

    Erstmal darf man natürlich alles.


    Also, ja, du darfst trauern, traurig sein, wütend. Was auch immer.


    Ich habe nicht ganz verstanden, ob du wegen deiner Behinderung traurig bist und quasi um dein "gesundes" ich trauerst oder ob es um den Moment der Reanimation geht. Also dass du dich tot fühltest und da ein Teil deines Ichs gestorben ist?

    scottie95

    Zitat

    Darf man um sich selbst trauern?

    Ja, dass darf man, aber was bringt dir das? Nix. :-)


    Sicher hat man Phasen im Leben haben wo man alles Scheiße findet und sich selbst bemitleidet. Das tut zwar im Moment gut aber ändert nichts und zieht dich letztendlich nur weiter runter.


    Du musst dein Gleichgewicht wiederfinden und Mut am Leben finden. Tetraparese heißt nicht das man nicht am am Leben und Alltag teilnehmen kann.


    Vielleicht helfen dir Gespräche mit einem Psychologen oder anderen Betroffenen, falls du da noch nichts in der Richtung unternommen hast.


    Hast du Freunde und Familie die dich auf deinem Weg begleiten?


    Schau mal hier das Video von einem Betroffenen der mit Tetraparese der im Alltag gut integriert ist, eigene Wohnung und auch arbeitet. Vielleicht hilft es dir dich aus deinem Tief zu befreien und von der einsamen Eischolle herunterzukommen auf der du treibst :-)


    https://www.youtube.com/watch?v=v531e3dkufU

    Natürlich darf man das - vorübergehend.


    Warum nicht? Ist doch etwas schlimmes und traumatisches passiert und solche Sache verändern das Leben.


    Ich erinnere mich als ich übernacht behindert wurde. Nach 4 Wochen Krankenhaus kam nach Hause, sah mich im Spiegel und habe geweint. Ganz natürliche Reaktion und Emotion, die raus muss.


    Allerdings sollte man nicht zu lange trauern. Ein paar Tagen reichen völlig.

    Zitat

    Viele körperliche Dinge kann ich nicht mehr so schnell erlernen wie früher, das Gleichgewicht ist schlechter und die Kognition auch.

    Ich weiß nicht inwiefern man einen vorher/nachher Vergleich machen kann, da du dich wohl am besten kennst. Ich weiß aber, dass es nicht unüblich ist (nicht zuletzt aufgrund der ggf. traumatischen Erfahrung einer Reanimation), dass danach kognitive Einschränkungen entstehen können, manchmal reversibel, manchmal leider auch auch dauerhaft, je nach Schweregrad (Hypoxie etc.). Du bist aber nicht allein damit - ich hatte anfangs erhebliche Schwierigkeiten mir die einfachsten Dinge zu merken und auch jetzt noch fällt es mir schwer meine Aufmerksamkeit länger auf etwas zu richten. Das fällt meinen Freunden und meiner Familie nicht so auf, aber mir! Der Unterschied mag minimal sein, und im Vergleich zu anderen fällt es möglicherweise gar nicht auf, aber ich bin geistig längst nicht mehr so leistungsfähig wie vorher, definitiv nicht! Messen kann man das wahrscheinlich nicht (keine Ahnung ob ich IQ Punkte verloren habe ;-) ) aber das Gefühl bleibt und hat in meinem Fall sicherlich nichts mit dem natürlichen Prozess des Alterns zu tun ;-D Wie alt warst du als es passierte?

    Zu deiner Eingangsfrage: JA! Natürlich darf man eigenen Verlusten (körperlich, geistig) nachtrauern. Kann dir jemand vorschreiben wie zu du zu trauern hast; wie du zu fühlen hast? Du lebst in deinem Körper und kennst ihn wie sonst keiner, also ja, auch wenn er mal faxen macht darf man darüber traurig sein. Ich bin manchmal tierisch sauer auf meinen Magen, weil mich ärgert ohne dass ich dieses Mal den Grund dafür kenne - als ob er mich einfach verarschen möchte ":/ ;-D

    Man darf nicht nur trauern... man sollte es sogar.


    Du hast... zumindest deinem Eindruck nach weitere Fähigkeiten eingebüßt bei dieser lebensgefährlichen Situation. Wenn man das immer nur wegdrückt wühlt das Gefühl im Untergrund. Trauern ist ja auch nicht nur Depression oder Jammern, Trauern ist eine aktive Auseinandersetzung mit Verlust und es ist ein Prozess an dessen Ende wieder mehr Luft für positive Gefühle stehen könnte.


    Wie lange das dauert für dich entscheidest du selber. Da gibt es keine Regel wie:

    Zitat

    Ein paar Tagen reichen völlig

    Wenn du aufmerksam bist merkst du wo konstruktive Trauer aufhört und wo so ein Sumpf des Selbstmitleids aufhört.


    Ich habe mir Trauer über eine plötzliche Behinderung nicht erlaubt, weil ich tapfer und stark und,.. was auch immer sein wollte.


    Ich war dann nicht tapfer oder stark. Ich wurde bitter. :°(