Der unausgesprochene Zwang zur positiven Sichtweise

    Die Welt ist schlecht, das Leben ist hart, sehr viele Menschen leiden sehr grauenhaft, fast alle leiden irgendwie. Und als ob das nicht genug wäre, ist es auch noch sinnlos. Und auch wenn man nicht leidet, kann man trotzdem beklagen, dass das Leben offenbar sinnlos ist. Zu leiden für ein an sich sinnloses, letztlich vergebliches dasein, ist umso schlimmer.


    Das kann man erstmal so feststellen, und es gibt in Foren wie diesem, und auch privaten Unterhaltungen, häufig Leute, die es feststellen und beklagen.


    Und wenn jemand sowas sagt oder schreibt, kommen quasi immer Antworten, die versuchen, mit irgendeiner Argumentation das ganze ins Positive zu drehen, ein positives Licht darauf zu werfen. Warum Leiden letztlich doch irgendwie gerecht ist und einen tieferen Sinn hat, wie man dem Leben einen Sinn gibt, warum letztlich alles doch gut ist, und so weiter und so fort.


    So als wäre es moralisch verwerflich und politisch inkorrekt, die Negativität einfach mal stehen zu lassen und das Leben einfach scheisse sein zu lassen. Nein, darf nicht sein. Es muss immer irgendeine Argumentation konstruiert werden, warum das letztlich doch nicht so ist.


    Ist es so schwer zu ertragen, diese Erkenntnis, oder was soll das eigentlich?


  • 215 Antworten

    Auf med1 geht es sich halt um "Verbesserung" der Lebenssituation. Wenn dagegen jemand einmen anderen in deren Lamentatio beipflichtet und bestärkt, dann schwebt quasi sofort die unsichtbare Keule der "medizinischen Bedenklichkeit" über der respektiven Proklamation.

    Alles Negative wird hier nicht so gerne gelesen. Ich habe mal z.B. ganz allgemein festgestellt, dass zahllose Ehe-Männer in deren Partnerschaften über Dekaden leiden, weil deren Ehefrau schon so nach 2 bis 4 Jahren keine Lust auf sie hat. Selbst wenn ich ausdrücklich dazu sage, dass ich weder den Frauen noch den Männer eine Schuld zuweise, ist die Empörung da. Man möchte einfach nicht wahrhaben, dass da, wo jeder denkt, alles sei in Ordnung, NICHTS mehr in Ordnung ist.

    Bestimmt haben manche Menschen ein Problem mit Leuten, denen eine positive Sichtweise fehlt.

    Mit beiden muss man sich nicht befassen, es steht einem völlig frei, wen man in seinem Umfeld möchte.


    Auch mir sind Menschen lieber, die die positive Seite des Lebens hervorkehren, weil es ansich schon schrecklich genug ist, wie Du selbst anmerkst.


    Es geschieht jeden Tag soviel Ungerechtigkeit und Grausiges, dass ich mich gerne mit schönen Dingen, die lebensbejahend sind, umgebe.

    Es könnte einerseits eine (instinktive) Verdrängungsreaktion zur Vermeidung von Depressionen handeln ("ich erinnere mich nur an schöne Dinge") oder, je nach Kontext, durchaus Teil einer manipulativ angelegten Argumentation sein. Dazu kommen noch kulturell bedingte Sichtweisen ("Frühaufsteher = Fleiß = positiv").

    rr2017 schrieb:

    So als wäre es moralisch verwerflich und politisch inkorrekt, die Negativität einfach mal stehen zu lassen und das Leben einfach scheisse sein zu lassen. Nein, darf nicht sein.

    Du solltest vielleicht mal in Erwägung ziehen, dass das Leben auch sehr schön ist und viele Menschen diese Schönheit sehen.

    Oder ist das für dich schwer zu ertragen? :-D

    Hanca schreibt genau im Sinne dessen, was ich meinte, dazu auch noch manipulativ - nicht nur wegargumentieren sondern auch noch eine persönliche Spitze darin unterbringen. Ein absolutes Selbst-Outing und hier eigentlich nicht erwünscht. Sachlich keineswegs.


    Ich finde gerade in der Ambivalenz aus schön und schrecklich es eigentlich angenehmer, wenn das schreckliche auch so benannt werden kann. Wie soll sich denn jemand, dem es schlecht geht, verstanden fühlen, wenn sein Leid ständig argumentativ bekämpft wird (und dazu auch noch missbraucht wird - "wenn es Dir schlecht geht, bist Du selber schuld, und zwar deswegen, weil Du es nicht so machst und tust wie ich" - wie hier seitenweise von bestimmten Leuten zu lesen)? Ich bevorzuge eine realistische Sichtweise. Manchmal ist das Grauen einfach nur grauenhaft und ohne Sinn. Z.B. in nordkoreanischen Arbeitslagern und in Assads Gefängnissen, oder bei schlimmen Krankheiten.

    Führt aber letztlich wohl dazu, dass der Mensch ein Sinn-fixiertes Wesen ist. Ein sinnloses Leiden ist dem entgegengesetzt und passt nicht ins Konzept. So wie Kulturschaffender schrieb. Man konstruiert für alles irgendeinen Sinn, irgendeine Verdrängung, um das eigene Daseinskonzept aufrechtzuerhalten. Die zentralen Antriebe des Menschen sind letztlich "Selbsterhalt" und "Fortpflanzung" und um die dafür notwendigen Anstrengungen auf sich zu nehmen ist Motivation erforderlich, und um diese aufrechtzuerhalten, müssen bestimmte Mechanismen angewandt werden, um alles, was dem zu sehr widerspricht, zu entkräften. Evolutionär ist sowas zumindest plausibel erklärbar.


    Die Frage nach dem Sinn ist ja auch interessant. Objektiv kosmisch gesehen gibt es keinen und kann es auch keinen geben, wie es scheint, trotzdem ist "Sinn" für den Menschen etwas ganz existenzielles, universelles. Die Konfrontation mit dem sinnlosen, aussichtslosen Grauen ist dem in etwa diametral entgegengesetzt. Da gilt dann sicher "es kann nicht sein was nicht sein darf".

    Zitat

    So als wäre es moralisch verwerflich und politisch inkorrekt, die Negativität einfach mal stehen zu lassen und das Leben einfach scheisse sein zu lassen.

    Ich denke gerade in dieser vollumfassenden Sicht, ist soetwas einfach nicht so hilfreich.

    Klar kann man mal etwas scheisse finden, oft genug ist es das ja auch, sicher. Das dementsprechend so zu empfinden, ist vollkommen legitim.

    Die Frage ist, was macht man daraus? Ganz besonders hier im Forum geht es darum, dass Menschen Hilfe suchen. Und ich glaube, dass ein "ja verdammt, das Leben ist scheisse, kann man nichts machen " eben nichts ändert.


    Und in den meisten Fällen gibt es nunal durchaus positive Aspekte, und die zu erkennen kann helfen, sich wieder besser zu fühlen und aus dem Loch heraus zu kommen.


    Denn "das Leben" ist nicht scheisse. Situationen sind es, Abschnitte, Schicksalsschläge sind es.

    MrsHide schrieb:

    Denn "das Leben" ist nicht scheisse. Situationen sind es, Abschnitte, Schicksalsschläge sind es.

    Du machst wieder genau das worum es geht. Gegenargumente finden. Woher willst Du wissen dass das Leben nicht scheisse ist? Ich finde, das zugrundeliegende evolutionäre Konzept ist sehr wohl scheisse. Denn es besteht darin, dass die Individuen sich bis zur Erschöpfung aufreiben zur Erfüllung der biologischen Ziele und jeder einzelne irgendwann gnadenlos niedergemetzelt wird. Scheisser gehts kaum.


    Ich halte es da aber definitiv auch mit Schopenhauer.


    Können die Leute, die da gegenargumentieren, es nicht ertragen und müssen sich selber was vormachen?


    Wobei ich auch finde - wenn das Leben mal Spaß macht, ist es ok, scheisse und sinnlosigkeit egal dann. Bin der Ansicht, der, dem ein Sinn im Leben fehlt, fehlt in Wirklichkeit der Spaß.

    rr2017 schrieb:

    nicht nur wegargumentieren sondern auch noch eine persönliche Spitze darin unterbringen.

    Das ist keine Spitze, sondern eine Gegenfrage auf deine Frage:


    Ist es so schwer zu ertragen, diese Erkenntnis, oder was soll das eigentlich?



    Sachlich betrachtet hilft die unbestreitbare Tatsache, dass das Leben auch mal schön sein kann bzw ist, demjenigen, dem es sehr schlecht geht, absolut null, und ist auch nichts wert als Gegengewicht zu einem Ausmaß an Leiden, welches einfach zu groß ist. Es ist wahr, aber sozusagen am Thema vorbei.


    Man kann es sogar noch extremer sehen - auch das Gute kann Teil eines sadistischen Plans sein. Das Wissen, dass das Leben auch schön sein kann, dies aber für einen persönlich unerreichbar ist, ist besonders schrecklich. Wie Hungern im Knast wenn man ständig leckere Essengerüche in die Zelle wehen, aber man nichts davon abbekommt.


    Wobei ich da nicht an einen Plan glaube. Eher an einen Unfall.

    rr2017 schrieb:

    Manchmal ist das Grauen einfach nur grauenhaft und ohne Sinn. Z.B. in nordkoreanischen Arbeitslagern und in Assads Gefängnissen, oder bei schlimmen Krankheiten.

    Du kannst natürlich dein eigenes Leben scheiße finden, weil in Korea oder Syrien den Menschen schlimmes widerfährt.

    Aber das hilft den Menschen kein Stück weiter.

    rr2017 schrieb:

    Wie soll sich denn jemand, dem es schlecht geht, verstanden fühlen, wenn sein Leid ständig argumentativ bekämpft wird (und dazu auch noch missbraucht wird - "wenn es Dir schlecht geht, bist Du selber schuld,

    Dann sollen die Leute offen schreiben, dass sie keine Hilfe suchen, sondern nur bedauert werden möchten.

    Kein Problem.

    Zitat

    Die Welt ist schlecht, das Leben ist hart, sehr viele Menschen leiden sehr grauenhaft, fast alle leiden irgendwie. Und als ob das nicht genug wäre, ist es auch noch sinnlos.

    Das ist ja deine persönliche Sichtweise der Dinge, und vielleicht auch selektive Wahrnehmung. Denn ich empfinde die Welt als schön, das Leben als meistens ganz schön mit phasenweisen Ausreißern nach oben und nach unten. Als sinnlos empfinde ich es nicht. Ich sehe den Sinn in meiner Arbeit, den Sinn in meiner Beziehung zu anderen Menschen, die Freude über bestimmte Dinge, meinen Haustieren, meine ehrenamtlichen Arbeit.


    Das DU das Leben als überwiegend sinnlos, hart und grauenhaft empfindest, sei dir belassen, daran bist du aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht "schuld", ich finde, man darf das so sehen. Nur darfst du nicht allgemeingültig behaupten die Welt wäre schlecht, wenn ich jeden Tag schönes und gutes in ihr erkennen kann.

    Zitat

    Manchmal ist das Grauen einfach nur grauenhaft und ohne Sinn. Z.B. in nordkoreanischen Arbeitslagern und in Assads Gefängnissen, oder bei schlimmen Krankheiten.

    Da hast du Recht. Diese Dinge sind schrecklich. Aber während du gerade im Fernsehen oder im Internet schreckliche Dinge inhalierst, die irgendwo am anderen Ende der Welt passieren und mit deinem Leben so gar nichts zu tun haben, lernt gerade 2 Straßen von deiner Wohnung entfernt ein kleines Flüchtlingsmädchen von einer pensionierten Lehrerin Lesen und Schreiben, damit sie als Erwachsene einen Beruf erlernen kann den sie als sinnvoll empfindet und der ihr Freude macht und der Gesellschaft nützt.

    Und 4 Straßen weiter rettet ein Chirurg einem Mann das Leben, der mit dem Motorrad verunglückt ist. Im gleichen Krankenhaus weint eine Mutter vor Freude über ihr neugeborenes Baby.


    Auf dieser Welt gibt es Freud und Leid, Schönes und Schreckliches, und das ist nicht gerecht verteilt, denn wir haben es ziemlich gut in diesem Land. Das heißt nicht, dass es auch uns nicht mal scheiße gehen darf und wir jammern dürfen, wenn es uns schlecht geht. Wenn jemand Schmerzen hat oder schwer krank ist, dann ist halt alles gerade mal scheiße, wie du es sagst. Aber das negiert nicht das Schöne, das Gute, und ja, es liegt an dir, das AUCH sehen zu wollen, beide Seiten der Medaille. Das Glück der Fülle, wenn du so willst.


    Wenn du Sinn suchst, kann ich dir empfehlen, in die Flüchtlingshilfe zu gehen, das gibt mir ganz viel Sinn und da siehst du die Früchte deiner Arbeit und deiner Bemühungen, erfährst Dankbarkeit.


    Von daher: Ja, du darfst die schlechten, grausamen Seiten dieser Welt benennen, du darfst Negativität aufzeigen. Aber wenn du das Schöne, Positive, dass es auch überall gibt, missachtest, dann ist das eine unzulässige Verallgemeinerung und die Unfähigkeit, irgendeinen Sinn im Leben zu sehen und nichts Schönes und Gutes auf dieser Welt zu erkennen, schreit nach behandlungsbedürftiger Depression.

    Hilfe kann auch erstmal nur darin bestehen, Mitgefühl zu zeigen - Mitgefühl, welches das volle Ausmaß der Problematik würdigt und eben gerade nicht versucht, es irgendwie kleinzureden.


    In therapeutischen Prozessen ist sowas mit Sicherheit auch eine wichtige Phase.


    Jemand, der sich in seinem Leiden grundsätzlich erstmal nicht verstanden fühlt, wird nicht offen sein für irgendwelche konstruktiven weiterführenden Dinge.