@ Tsunami

    Zitat

    Wäre es nicht das Einfachste, meiner Familie komplett den Rücken zu kehren?

    Einfach? Nein. Das wäre das Schwierigste. Und ob es für Dich sinnvoll ist, kann ich von hier nicht beurteilen. Für mich wäre es nicht denkbar.

    Zitat

    Dann müsste ich nur noch meinen eigenen Erwartungen gerecht werden, und das kann ich ganz bestimmt schaffen

    Ich kann Dir nur von mir berichten, keine Ahnung, ob Dir dies eine Hilfe sein kann.


    Irgendwann vor nicht so langer Zeit habe ich festgestellt, dass – je mehr ich mich bemühte, Erwartungen von außen zu erfüllen – umso mehr Erwartungen/Forderungen an mich gestellt wurden. Das konnte nicht dauerhaft gut gehen. :|N Es war ein Faß ohne Boden.


    Dann habe ich begonnen, gar keine der Erwartungen mehr zu erfüllen (außer meine eigenen). Konsequent und rigoros. Und das war schwer. Wirklich schwer. Denn eigentlich hätte auch ich viel lieber Kompromisse gefunden. Das schien aber nicht möglich. Also habe ich mich schon erklärt (meinen Standpunkt dargelegt), aber nicht mehr auf Verständnis gehofft. Stellenweise hatte ich ein unheimlich schlechtes Gewissen. Fühlte mich überhaupt nicht gut. Hatte das Grundgefühl, undankbar zu sein – da ja all diese Erwartungen gestellt wurden, WEIL ich den anderen wichtig bin.


    Doch es wurde dann langsam besser. Und siehe da. Die Erwartungen an mich nahmen drastisch ab. Das, was ich bereitwillig gegeben habe, wenn ICH dazu bereit war, wurde wieder mehr wertgeschätzt. Ich habe fast das Gefühl, es war reine Gewohnheit und den anderen gar nicht bewußt, wie sehr dieser Erwartungsdruck auf mir lastete. Auch Wege, die vorher für die anderen unvorstellbar waren, konnten jetzt plötzlich akzeptiert werden (oder mußten akzeptiert werden? ;-) ).


    Seither geht es mir besser. Und interessanterweise geht es den anderen damit auch nicht schlecht. Es gibt immer wieder Phasen, wo ICH in alte Muster falle und mir selbst diesen Druck noch auferlege. Wenn die Kraft nicht reicht, entziehe ich mich auch manchmal, aber nur zeitweise, um dann dort weiterzumachen, wo ich pausiert habe.


    Wie lange es dauert und ob ich jetzt ewig (auf mich) aufpassen muss, weiß ich nicht. Ebenso wenig, wie ich weiß, ob dies auf Deine Familie und Dich übertragbar wäre. Ich kann Dir nur sagen, mir hat dieser Weg geholfen.

    Vermutlich ist es gut, hin und wieder eine Bestandsaufnahme zu machen – sich bewusst zu werden, wo man war, wo man ist und wo man hin will.


    Wenn ein anderer Mensch einen selbst ernsthaft und interessiert fragt:


    Wofür lebst du eigentlich?


    ... ich finde, dann sollte ein gewachsener und erwachsener Mensch diese Frage beantworten können.


    Würde, Geist und Gnade

    Ahhhhhh, wie krass ist das denn? Ich bin gerade beim Linken für den "Seelen-Faden" auf Hermann Bader gestoßen bzw. seine Internetseite.


    Was er zum Beispiel zur Würde schreibt, mal zwei Auszüge:

    Zitat

    Der Mensch hat die freie Wahl und ist Herr seiner Taten ( Maimonides, Teil V, Kap.5,4).


    Der Wille ist aber nicht unabhängig vom Denken (Bieri). Das heißt , der Mensch trägt für seine Handlungen entsprechend seinem Gewissen gegenüber den anderen Menschen und gegenüber Gott die Verantwortung selbst und hat dafür gerade zu stehen. Das Gewissen hat Rechte, weil es Pflichten hat. Es ist Führer der Seele. Die Gewissenserfahrung ist der Königsweg zu Gott (John Henry Newman). Das Gewissen urteilt auf Grund der Vernunft, die über Richtig oder Falsch entscheidet (nach bestem Wissen und Gewissen). Handelt der Willen wider die Vernunft, ist er schlecht (wider besseres Wissen). Irrt die Vernunft, weil sie ein Gesetz nicht kennt, das zu wissen ist, ist die daraus entstehende Tat schlecht (Unwissenheit schützt vor Strafe nicht). Gibt das Gewissen der Schwäche nach und unterwirft sich dem Willen, geschieht das Böse. Die Würde ist weder gut noch bös, richtig oder falsch. Erst was der Mensch aus seiner Würde macht, ist gut oder bös. Alles Gewissen ist Bewusstsein, aber nicht alles Bewusstsein ist Gewissen (Matthias Claudius, S. 205). Es gibt kein Gewissen ohne Erkenntnis von Gut und Bös. Das Gewissen gibt dem Bewusstsein die Erkenntnis von Gut und Bös.

    Manchmal denke ich, es gibt eine absolute Wahrheit. Wie bereits gesagt, kann man diese nicht verhandeln oder sich darauf einigen, sondern nur erkennen. Erkennen tut man die Wahrheit durch sich selbst oder das Leben, wobei nicht zu vergessen ist, dass man gleichzeitig das Leben und ein Teil dessen ist.


    Es ist wahr:


    Wir sind die Schmiede unserer Gegenwart und unserer Zukunft – jeder für sich, einer für alle, und alle für einen.

    Wow! Ich habe gerade mal Bieri nachgeschlagen.


    Wenn Geist und Materie nicht mehr trennscharf unterschieden werden können, also der Geist – zumindest zeitversetzt – gleich der Materie ist, also der Geist gleich der Realität ist, was passiert, wenn ein Mensch einen großen Geist hat oder der Geist von vielen Menschen getragen wird?


    Das ist der Mechanismus, um die Welt zu verändern und sie zu gestalten. Und es ist der Mechanismus, dessen wir uns tagtäglich bedienen.


    Zeige mir deinen Geist, und ich sage dir, wie die Welt aussehen wird. :-D


    Die Welt, das Leben selbst, war noch niemals etwas anderes und wird niemals etwas anderes sein, als eine Entsprechung des Geistes.

    Habe vorhin meine Mutter auf der anderen Seite der Welt angerufen. Das war eins der Dinge, auf die ich erst hingwiesen wurde, um sie zu tun. Ich habe auch die eine oder andere Erklärung, warum ich es nicht getan habe, aber trotzdem ist es irgendwie ein Armutszeugnis für mich.


    Sie hat viel zu tun. Ihr Vater, mein Opa, ist gegangen. Ich wusste schon sehr viel früher, dass es schlecht um ihn steht, und hätte mich daher wohl schon viel früher mal melden sollen.

    Es war eine Mischung aus Freude und einem vorwurfsvollen Unterton. Meine Mutter ist eine sehr, sehr fleißige und disziplinierte Person. Sowas habe ich wirklich noch nie gesehen. An ihren Idealen und Vorstellungen kann man nur scheitern – zumindest ich. Aber letzten Endes liegt es nicht an ihren Vorstellungen, sondern an mir, dass ich so etwas Einfaches nicht hinbekommen habe. Sie hat mich dann auch noch darauf hingewiesen, dass ich mich bei einer Person der Verwandtschaft für eine Erledigung zu bedanken habe. Auch das ist richtig, und ich habe es noch nicht getan.

    Ja, da hast du recht. Es geht in etwa um das, was du zuletzt geschrieben hast. Die Erwartungen der Familie. Und wenn ich mal grob über die Verwandtschaft resümiere, dann hat niemand dort größere Erwartungen und größere Willensstärke, als meine Mutter. Sie ist wohl das, was man als eine Löwin bezeichnet.

    Menschen sind irgendwie unveränderlich. Ich habe schon vor geraumer Zeit erkannt, dass meine Mutter mich nicht ändern kann, und noch weniger kann ich sie ändern.


    Ich sagte ihr mal, dass sie weder ihren Eltern, noch mir oder der Verwandtschaft gerecht werden müsse, sondern schauen soll, dass es ihr selbst gut geht. Ich sagte ihr, dass es allen gut geht, oder zumindest nicht schlecht, und sie eben auf sich selbst schauen soll, anstatt unzählig viele Stunden zu arbeiten und sich dabei kaputt zu machen.


    Sie sagte mir, dass sie es nicht anders kenne, sie damit nicht unzufrieden sei, dass ihr Leben so ist, und sie es bis zum Tode so weiterführen wird.