Re: Ehebruch - meine heile Welt ist zusammen....

    Jürgen, wie heil war denn Deine heile Welt?


    --"Unser Leben hat sich (...) nur positiv verändert. Wir haben ein schönes großes Haus, ein tolles Familienleben, beruflich könnte es nicht besser laufen."--


    Ein eigenes Haus, ein großes Auto, regelmäßiger Urlaub, Wohlstand allerorten. Toll! Und dann?


    --"...wie gut es derzeit gerade läuft und daß es uns eigentlich gar nicht besser gehen könnte."—


    Viele Leute, die das erreicht haben, wovon alle scheinbar träumen, geraten dann in die Midlife-Crisis.


    "Und was kommt jetzt? Soll das wirklich schon alles gewesen sein?"


    Haushalt, Familienalltag, Kinderbetreuung. Das war´s?! Was ist es, das Deiner Frau fehlt? Anerkennung? Bestätigung?


    --"Sie erklärt es einfach damit, daß sie in dieser Zeit wohl das Gefühl hatte, neu begehrt zu werden. - ohne Einschränkungen"—


    Das ist keine "einfache" Erklärung, das ist DIE Erklärung schlechthin! Sie hat etwas gesucht, was ihr fehlt und was sie bei Dir offenbar nicht gefunden hat. Ohne Einschränkungen!


    --"Dazu muß ich wohl noch sagen, daß meine Frau vom Aussehen her schon sehr (!) attraktiv ist. Das weiß ich wirklich und ließ sie es auch bei jeder Gelegenheit aufs neue wissen (jedoch muß ich mir den Fehler eingestehen, daß ich hin und wieder an dem einen oder anderen Pfund zuviel herumgemäkelt habe; ich sehe es ein und weiß jetzt auch, daß ich sie damit wohl sehr gekränkt habe)."—


    Von ihren äußerlichen Vorzügen berichtest Du, dafür hast Du sie gelobt. Aber welche inneren Werte hat sie? Hast Du die auch einmal gelobt? Und wenn sie einmal alt, grau und runzelig wird?


    --"Er hingegen - im Vergleich zu mir (natürlich aus meiner Sicht) wenig attraktiv, dick, bei der kleinsten Anstrengung Schweißperlen auf der Stirn, wird sich wohl die Hände reiben, daß er das erreicht hat."—


    Schön für Dich, wenn Du attraktiv bist. Aber was hast Du noch zu bieten? Und der "Ehebrecher" ist wenig attraktiv, dick, offenbar unsportlich.


    --"Wirklich, wenn das herauskäme würde jeder den Kopf schütteln, daß meine Frau das mit dem gemacht hat."—


    Nein, ich schüttle nicht den Kopf darüber. Vielleicht ist der Konkurrent (und ich habe den Eindruck, als ob er das für Dich ist) zwar wenig attraktiv, aber dafür möglicherweise liebevoll, gefühlsbetont, sensibel, zärtlich, aufmerksam, einfühlsam, charmant, höflich, kreativ etc.


    Ich habe schon bildhübsche Frauen mit wirklich häßlichen Männern gesehen, die sich bei näherer Betrachtung allerdings durch solche Eigenschaften auszeichneten. Und ich habe schon bildhübsche Frauen kennengelernt, bei denen hinter der hübschen Fassade eine hohle Birne und eine gestörte Persönlichkeit steckte. Gleiches gilt natürlich auch für Männer.


    Solange Deine Frau in Eurer Beziehung nicht das findet, was sie wirklich sucht (und sich vielleicht selbst nicht darüber im klaren ist, was das sein mag), solange wird diese Beziehung nicht gesunden. Möglicherweise bereut sie diesen "Seitensprung", weil sie sich vor den Folgen fürchtet: sie hat zwei Kinder, für die sie die Verantwortung hat und denen bei einer Trennung der Vater fehlen wird. Und sofern sie kein eigenes Einkommen hat, wird sie bei einer Trennung finanziell dumm dastehen. Vielleicht ist es nur diese Angst, die sie an Eurer Beziehung festhalten läßt.


    Es sind natürlich nur wenige Dinge, die man aus Deinem Bericht über Dich erfährt, und meine Sichtweise ist natürlich sehr subjektiv und kann auch völlig falsch sein, aber ich habe den Eindruck, daß hier einige Dinge im argen liegen.


    Mir scheint, daß Du in Deiner Frau etwas siehst, was man(n) besitzen kann; was Dir und nur Dir gehört.


    Offenbar scheint das Fremdgehen Deiner Frau sehr an Deinem Selbstwertgefühl zu nagen, und ich frage mich, worauf Du Dein Selbstwertgefühl aufbaust? Auf ein eigenes Haus, beruflichen Erfolg, Wohlstand? Auf äußerliche Attraktivität?


    Ich habe den Eindruck, daß Du ein Mensch mit recht geringem Selbstwertgefühl bist, der in solchen materiellen und äußerlichen Dingen Selbstbestätigung sucht. Nun hast Du vor Gram schon einige Pfund Gewicht verloren. Was würde passieren, wenn Sie Dich verläßt? Und das vielleicht für jemanden, der weit weniger Wohlstand zu bieten hat und der völlig unattraktiv ist? Ich habe das Gefühl, daß es diese Dinge sind, auf die Du Dein ganzes Selbstwertgefühl aufbaust. Wie weit würde das alles Dein Ego verletzen?


    Bitte nimm zur Kenntnis, daß Deine Frau nicht Dein Besitz ist und kein Statusobjekt, welches man stolz zur eigenen Imagepflege präsentiert. Daß sie zu Hause mit den Kindern in einem goldenen Käfig hockt.


    Vor allem nimm zur Kenntnis, daß sie ein Mensch mit eigenen Gefühlen und auch Bedürfnissen(!) ist. Und eben nicht nur in materieller Hinsicht.


    Sorry, aber mir erscheint Deine Liebe zu ihr sehr neurotisch; sagen wir besser: narzißtisch.


    Wäre ich eine Frau, wäre mir nichts an einem Partner gelegen, der einen chicen Anzug trägt, ein teures Auto fährt, mir ein eigenes Haus und Luxus bieten kann. Ich wünschte mir einen Partner, bei dem ich mich geborgen fühlen würde, der mich nimmt, wie ich bin, mir Aufmerksamkeit schenkt und bei dem ich das Gefühl hätte, seine Liebe käme von Herzen und nicht aus einem neurotischen Bedürfnis heraus. Es müßte ein Partner sein, mit dem ich mich auch einmal fetzen kann. Trotzdem möchte ich mich an seiner Seite frei in meiner Persönlichkeit entfalten können und nicht eingeengt werden. Und ich glaube, daß auch das ein Punkt ist, der bei Deiner Frau vorhanden ist.


    In den meisten Beziehungen suchen die Menschen im jeweils anderen den Teil, der ihnen zur eigenen Vollständigkeit fehlt. Weil sich die wenigsten selbst annehmen und lieben können, brauchen sie einen Partner, der ihnen immer wieder bestätigt, wie liebenswert man sei. Geht der andere dann fremd, hat man das Gefühl, nicht mehr liebenswert genug zu sein. Damit aber macht man sich vom anderen abhängig, und das ist keine echte Liebe, sondern ein neurotisches Bedürfnis.


    Wenn Euch beiden an einer Fortsetzung der Beziehung gelegen ist, wäre das Aufsuchen eines Therapeuten vielleicht sehr hilfreich. Mit ihm ließe sich klären, welche Erwartungen und Bedürfnisse der Einzelne hat und was er in der Beziehung vermißt.


    Bitte, Jürgen, nimm diesen Beitrag nicht als herabwürdigende Kritik. Es ist meine –subjektive- Sicht, und sofern ich damit nicht falsch liege, möchte ich nicht wissen, wie vielen anderen es ebenso geht.


    Betrachte ihn als das, was er meiner Absicht nach sein soll: als Denkanstoß.


    Liebe Grüße und meine besten Wünsche für Eure Beziehung