Emetophobie (Angst vor dem Erbrechen) überwunden - Hoffnung für Betroffene

    Hallo zusammen,


    Als jahrelanger Betroffener, der seine Emetophobie nun überwunden hat, wollte ich ein paar Zeilen schreiben, um Betroffenen Mut zu machen.


    *** Ich benutze im Folgenden die Worte "Erbrechen" und "Übergeben", daher an dieser Stelle eine Triggerwarnung ***


    Meine Emetophobie begann im Teenie-Alter. Plötzlich hatte ich Angst vor einer Ansteckung mit Magen-Darm-Grippe, dass andere erbrechen mussten und ich selbst auch. Ironischerweise musste ich seit dem Alter von 8 Jahren bis weit ins Erwachsenenalter hinein nicht auch nur ein einziges Mal brechen, obwohl ich ständig Magenprobleme hatte - das soll ja bei vielen Emetophobikern der Fall sein.


    Und dann kam es letztes Jahr dazu, dass ich öfter mit dem Thema Erbrechen konfrontiert wurde bzw. eben auch mit dem Erbrechen selbst. Zuerst bei einem Kind und mir fiel auf, dass ich es zwar unangenehm fand, aber eher Mitleid mit dem Knirps hatte. Ich habe es dann tatsächlich auch reinigen können etc. und bin nicht zitternd und heulend weggerannt, wie es noch einige Jahre zuvor der Fall gewesen wäre. Tja, und dann hat es mich tatsächlich auch ein paarmal selbst erwischt, und zwar auch in sehr unangenehmen Situationen (u.a. auf Reisen im Flugzeug, alleine im Hotel, alleine zu Hause mit kaum einer Möglichkeit, Hilfe zu bekommen etc.). Und was soll ich sagen...


    Nach dem ersten Schock à la "Waaaas, mein Körper ist in der Lage zu erbrechen und tut das jetzt nach 20 Jahren auch noch? Weiß er überhaupt, wie das geht?" war es... immer noch unangenehm, aber eben nicht so weltuntergangsdramatisch, wie ich es mir jahrelang vorgestellt hatte. Tatsächlich ging es mir nach dem Erbrechen sogar besser - klar, hat ja auch einen physiologischen Sinn, das Ganze.

    Und als ich dann nach der Reise, als es mich zum ersten Mal so richtig erwischt hatte, zu Hause war, völlig K. O. im Bett lag, mich erholen konnte und alles verarbeitete, dachte ich "Wow... ich hab das gerade alles alleine geschafft... das, wovor ich JAHRELANG die schlimmste Angst hatte, Panikattacken, so viele Dinge gemieden, so viel verpasst... DESWEGEN? Klar, mir ging es mies, aber jetzt ist es auch schon vorbei... nach einem halben Tag und was ist ein halber Tag im Vergleich zu JAHRELANGER Angst? Meine Zeit und mein Seelenfrieden sind so viel mehr wert..." Und dann setzte sich ein Prozess bei mir in Gang, der, glaube ich, bis heute anhält.

    Zweimal hatte ich danach noch selbst Magen-Darm; und einmal habe ich mich noch im Zug um eine Frau gekümmert, die sich übergeben musste.


    Also...


    - War es unangenehm? Ja, aber... kein Vergleich zu dem Horror, den ich mir jahrelang ausgemalt hatte. Mein Körper wusste, was er tat, er hat sich dank seiner Urinstinkte auf das Erbrechen vorbereitet und es dann einfach getan. Es war trotz dem, dass es unangenehm war, auch irgendwie etwas sehr Natürliches. Genauso bei den beiden Menschen in meinem Umfeld, die sich übergeben mussten. Toll war es nicht - aber eben auch kein Desaster.


    - Haben die Menschen um mich herum komisch reagiert (eine häufige Angst)? Ich war nur einmal unter Menschen, als ich erbrechen musste (im Flugzeug und am Flughafen - gleich mal die Feuertaufe erwischt ;)). Und: Die Menschen haben ganz toll reagiert. Die Stewardessen haben alles getan, damit es mir besser ging - ich durfte mich in die Nähe der Toiletten setzen, sie haben mir Medikamente und Wasser angeboten und sich ganz rührend um mich gekümmert. Die Mitreisenden waren sehr verständnisvoll (ich wurde in der Toilettenschlange umgehend und sehr freundlich vorgelassen, weil ich aussah wie der Tod); Leute in der Reihe vor mir dachten, dass ich Flugangst habe und haben herumgealbert, um mich aufzumuntern; und ansonsten haben mich alle höflich ignoriert - man will in der Situation ja selbst auch nicht angestarrt werden und das war den Leuten wohl klar. Der Motorlärm hat auch unangenehme Geräusche gut geschluckt. Am Flughafen musste ich noch einmal brechen und da hat mich noch jemand gefragt, ob alles OK sei.


    - Wie geht es mir jetzt? Ich habe keine Angst mehr vor dem Erbrechen (wie gut es tut, das zu schreiben...). Bei meiner letzten Magen-Darm-Grippe war mir sehr übel und ich hatte starke Bauchschmerzen; und irgendwann dachte ich: "Ich wünschte, ich könnte jetzt erbrechen, dann würde es mir danach besser gehen." Im nächsten Moment habe ich mich gefragt, wer zur Hölle ich bin, dass ich jetzt diesen Gedanken tatsächlich denken kann, dass ich mir meine ehemals schlimmste Horrorvorstellung tatsächlich wünschen kann o.O Und sogar, als ich im Flugzeug über der Kloschüssel hing, musste ich irgendwann ein wenig über mich lachen, über diese total blöde und irgendwie comicreife Situation - da hängt man in 10000 Metern Höhe über den Wolken und bricht sich die Seele aus dem Leib...


    - Muss man erbrechen, um die Angst zu überwinden? Das muss man eher einen Psychologen fragen. Ich denke nicht, dass das der Fall ist. Mir persönlich hat die direkte Konfrontation geholfen, aber ich bin überzeugt davon, dass das bei jedem Betroffenen anders ist.


    Warum schreibe ich das alles auf? Weil ich weiß, dass irgendjemand da draußen diesen Text braucht... jemand, der gerade noch gefangen ist in sich, in seiner Emetophobie und der es sich nicht vorstellen kann, dass es jemals besser wird, für den der Alltag eine Qual ist, weil jeden Tag diese verdammte Angst so laut schreit und man es schon nicht mehr anders kennt, aber so eine Sehnsucht hat nach einem Leben ohne Angst. Dieser Text soll ein Hoffnungsschimmer für diese Person sein. Wenn es bei mir besser wurde, dann geht das auch bei Dir.


    Es. Kann. Besser. Werden.

  • 1 Antwort

    Ging mir exakt genauso.

    Mich hat damals nachts die Magen darm Grippe erwischt. So richtig dreckig, musste mich bestimmt 6 mal übergeben und danach war ich von der Angst geheilt.

    Hatte danach nochmal erbrechen müssen und auch da war es überhaupt nicht schlimm.


    Mir hat die Konfrontation von meinen Ängsten geheilt und das bis heute