Gedächtnislücken bei der Arbeit, wie damit umgehen?

    (Urspr. Titel "Moralisches Dilemma" auf Wunsch des FS geändert.)




    Auch wenn die Chance minimal ist mich im realen Leben zu exponieren, wage ich nur unter einem alias zu schreiben.


    Ich habe aufgrund einer Psychischen Erkrankung immer wieder Lücken in der Erinnerung. Konkret tue und sage ich dann (offensichtlich) Dinge, an die ich hinterher überhaupt nicht erinnern kann.


    Dies ist quasi immer schon so gewesen, phasenweise weniger - in letzter Zeit allerdings mehr. Ich habe, wenn mir jemand, gesagt hat: "du hast aber doch..." vehement abgestritten, dass dies so war. Bedingt durch eine Therapie dämmert mir jetzt, dass meine Kollegen recht und ich unrecht habe beziehungsweise hatte.


    Im Regelfall habe ich allerdings ein extrem gutes Gedächnis, ich kann ganze Konversationen, die monatelang zurückliegen, Wort für Wort erinnern und das wissen meine Kollegen auch. Durch diese Tatsache und bedingt durch meine Stellung im Betrieb (Vorgesetzte für die meisten) wird in der Regel mir geglaubt, wenn es Unklarheiten gibt, ob ich z.B. eine Anweisung gegeben habe oder nicht.


    Ich fühle mich allerdings zunehmend schäbig, weil mir inzwischen klar ist, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass die anderen recht haben und nicht ich.


    (Wissen tue ich es nicht - ich erinnere mich nicht).


    Ich versuche schon möglichst wenig konfrontativ an solche Situationen heranzugehen und räume ein, dass es ja immer möglich ist, dass ich oder die anderen etwas missverstanden haben, aber es bleibt heikel.


    Ich hätte extreme Angst tatsächlich offenzulegen, dass ich mich an viele Situationen nicht erinnern kann. Ich überspiele, ich trickse, ich rate und bin in der Regel gut darin.


    Aber im Moment fühlt es sich so an, als wenn meine ganze Existenz ins Kippen gerät, nicht nur, aber auch im Job.


    Ich weiß, es ist nicht in Ordnung, wenn ich meine hohe Glaubwürdigkeit benutze und zulasse, dass meinen Kollegen nicht geglaubt wird.


    Ich vermute auch, es wird nicht ewig weitergehen und man wird mir auf die Schliche kommen.


    Ich weiß gerade nicht mehr weiter und würde mich über Rückmeldungen von euch freuen.

  • 79 Antworten

    Hallo,


    kannst du ein 4 Augen Gespräch mit diesen Mitarbeitern führen?


    Und das Ganze bevor der Boss über dir merkt was Sache ist?


    Kannst du nicht einfach auf humorvolle Art sagen, dass du beispielsweise an "Wege Demenz" leidest? ;-D


    Dass du auf deinem Weg durch die Firma hier und da angesprochen wirst und im Büro dann die Hälfte vergessen hast?

    In gewisser Hinsicht habe ich das so in der Art getan bisher, Plüschbiest, Habe versucht, es humorvoll zu verpacken.


    Es wird allerdings immer enger für mich. Oft sind es Sachen, wo ich Kritik übe, weil beispielsweise jemand ohne Absprache etwas mitgenommen hat, Dienste getauscht hat, ... solche Sachen eben. Wenn ich dann frage, warum das so gelaufen ist, kommt als Antwort: "das habe ich doch so mit dir besprochen!"


    Teilweise ignoriere ich schon Sachen, die komisch laufen, weil ich Angst habe, dass ich wieder höre, dass ich das so entschieden habe.


    Und zu allem Übel betrifft es gelegentlich auch Termine mit Außenstehenden. Dann steht da jemand und will angeblich einen Termin mit mir gemacht haben und ich weiß von nichts und ich versuche mir nichts anmerken zu lassen.


    Ich befürchte, dass meine Ausfälle auch jetzt schon bemerkt werden und das man meine hohe Arbeitsbelastung und allgemein Streß als Ursache sieht. Auf Dauer ist das alles nicht tragbar befürchte ich.

    Ich vermute ich habe den Fadentitel nicht sehr aussagekräftig gewählt.


    Oder mein Problem ist so "exotisch" das keiner einen Rat hat für mich.


    Ich habe große Angst, dass ich so nicht weiter berufstätig sein kann. :°(

    Mir sind schon einige Menschen begegnet, die sich an bestimmte Dinge nicht mehr erinnern konnten und z.B. behaupteten, dieses oder jenes nicht gesagt oder getan zu haben, obwohl ich mir ganz sicher war.

    Zitat

    Ich hätte extreme Angst tatsächlich offen zulegen, dass ich mich an viele Situationen nicht erinnern kann. Ich überspiele, ich trickse, ich rate und bin in der Regel gut darin.

    Ich persönlich fände in so einem Fall Ehrlichkeit besser, ehrlich zu sagen ich kann mich nicht erinnern. Du schreibst zwar Du bist gut darin, aber Du weist ja nicht was die anderen denken. Ich würde mich auch nicht bis auf's Messer mit jemanden streiten, wenn die Person sagt es war soundso, allerdings würde ich mir meinen Teil denken.


    Kann man diese (mysteriöse) psychische Erkrankung nicht therapieren?

    Du solltest dir dringend eine Strategie überlegen, wie du solche Sachen dokumentierst, wenn du sie nicht behalten kannst.


    - schreib alles in ein Notizbuch, das du immer bei dir hast oder protokolliere mehrmals am Tag solche Entscheidungen


    - führe Formulare ein, wenn jemand etwas tauschen will und lege sie leicht zugänglich ab


    - führe bestimmte Gespräche nicht zwischen Tür und Angel, sondern nur in deinem Büro/an deinem Schreibtisch, wo du dir Notizen machen kannst.


    - bestätige Termine per Email, sobald du welche vereinbart hast und notiere sie in deinem Kalender, usw.


    Herunterspielen mit Humor finde ich unprofessionell. Überlege dir lieber, welche Hilfsmittel du nutzen kannst um das Problem zu lösen.

    Termine kann man aufschreiben und kleine Notizen zu Absprachen machen.


    Es wird nicht besser je mehr man unter Streß gerät, am Besten mal aussetzen und pausieren.


    Zu viel Streß kann eine zeitweise Demenz hervorrufen, wenn man psychische Proleme hat.

    Die Idee mit dem Kalender habe ich schon versucht. Es klappt bisher noch nicht.


    Ich weiß gar nicht, dass ich zwischendurch wieder weg war und dass ich Termine gemacht habe, die jetzt nicht in meinem Kalender stehen.


    Ich versuche es mit Disziplin zu lösen, aber salopp ausgedrückt, hält die, die diese Sachen abmacht, wohl nicht viel von Dokumentation und Kalendereinträgen oder anderen Hilfsmitteln.


    Streß könnte ein Faktor sein, aber letztlich weiß ich nicht, wodurch es so oft gerade im Büro passiert.


    Was Therapie angeht, ich bin da dran, aber es ist mühsam und es macht mir gerade viel Angst. Ich bin in einer blöden Zwischenphase. Ich kann die merkwürdigen Ungereimtheiten nicht mehr ignorieren. Bis vor einem Jahr oder so, wäre das an mir abgeglitten. Wenn ich mich nicht an etwas erinnere, dann ist es auch nicht gewesen. Die anderen müssen sich irren und damit war ich fertig mit der Angelegenheit. Jetzt merke ich, dass ich ständig Lücken habe und werde immer unsicherer. Von privaten Kontakten habe ich mich deshalb fast ganz zurückgezogen aber ich muss ja weiter arbeiten. Die Lösung wäre, dass ich mitbekomme wer da agiert und warum, aber ich komme da nicht hin im Moment.


    Ehrlichkeit wäre sicher der bessere Weg und ich hasse mich für meine Heimlichtuerei.


    Das passt eigentlich gar nicht zu mir, ich bin ein gradliniger Mensch.


    Wenn ich das Problem wirklich so offen mache im Betrieb, dann kann ich glaube ich gleich meine Kündigung einreichen. Deshalb spiele ich die Angelegenheiten herunter und sobald ich merke, dass da wieder etwas komisch ist, räume ich ein, dass ich es vielleicht falsch abgespeichert habe.


    Falls es für das Verstehen hilft: die "mysteriöse" psychische Erkrankung ist eine dissoziative Identitätsstörung. Das hätte ich sinnvollerweise gleich nennen können, aber das fällt mir - auch noch ein Jahr nach der Diagnose schwer. Es ist wie ein Alptraum manchmal.

    Bei Depressionen kann man unter einer Pseudodemenz leiden. Das bleibt nicht und hat mit einer eigentlichen Demenz nichts zu tun. Es kann auch sein, dass durch deine Erkrankung deine Aufmerksamkeit und Konzentration stark beeinträchtigt sind.


    Nimmst du Medikamente? Da wäre auch eine Nebenwirkung denkbar.


    Bespreche das mit deinem Arzt. Bevor du beruflich Schaden erleidest oder anrichtest, solltest du eine Auszeit nehmen.

    Mh, könntest du die Dinge im Ablauf vielleicht die anderen eintragen lassen? Also, wenn jemand Dienst tauscht, dann auf Blatt schreiben und von dir unterzeichnen lassen. Ist ja auch im Interesse deiner Mitarbeiter da Sicherheit zu haben. Genau wie bei Dingen die mitgenommen werden oder so. Einfach immer kurz und formlos irgendwo protokollieren und gegenzeichnen lassen. DAnn kannst du, wenn du unsicher bist, nachgucken ob es einen Eintrag gibt.


    Bei Terminen von außerhalb ist das natürlich schwieriger. Da könntest du höchstens einen öffentlichen Kalender führen in dem Bereiche frei bleiben in die die leute sich eintragen können. Jeden Morgen aufgeschlagen, weißt du dann bescheid.


    Im privaten Umfeld würde ich aber deutlich zu offenheit raten. Einsamkeit macht nicht gesünder. :)_

    Zitat

    Ich weiß gar nicht, dass ich zwischendurch wieder weg war und dass ich Termine gemacht habe, die jetzt nicht in meinem Kalender stehen.


    Ich versuche es mit Disziplin zu lösen, aber salopp ausgedrückt, hält die, die diese Sachen abmacht, wohl nicht viel von Dokumentation und Kalendereinträgen oder anderen Hilfsmitteln.

    Dann musst du dafür sorgen, dass du diszipliniert bist. Es ist auch Gewohnheit. Termin machen, Email schreiben (dann hast du es in deinem Emailpostfach), abends wichtige Sachen notieren. Dein letzter Blick bevor du deinen Arbeitsplatz sollte werden, ob du den Tag notiert hast, wenn nicht, nochmal hinsetzen. Dann kannst du auch deine Emailfach kontrollieren und den Termin nachtragen, falls du es tagsüber vergessen hast.


    Es gibt verschiedene Möglichkeiten einen Kalender zu führen: online, Papier, Tagesansicht, Wochenansicht, Monatsansicht. Online kannst du Erinnerungen mit Alarm einstellen, automatische Synchronisation mit deinem Handy, usw. Glaub mir, das macht einen Unterschied. Du musst finden, was für dich am besten funktioniert.


    Es geht hier um deine berufliche Zukunft, da musst du schon etwas härter arbeiten um neue Gewohnheiten zu etablieren, die deine Schwäche ausgleichen. Wenn du nach ein paar Tagen merkst, es funktioniert nicht, etwas anderes probieren. Und sei kreativ, versuche gerade für Sachen, die regelmäßig auftauchen einen Prozess zu etablieren, der irgendwie schriftlich erfolgt. Anfragen wegen Tausch oä. könnten ggfs. per Email erfolgen. Dann hast du es schriftlich und kannst es am Ende des Tages verarbeiten.


    So kannst du es auch deinen Mitarbeitern verkaufen: weil es in der Vergangenheit Unstimmigkeiten gab, willst du es in Zukunft schriftlich machen. Damit sind sie auf der sicheren Seite. Da musst du nicht mal offen legen, dass du Erinnerungslücken hast.


    Wie lange kannst du denn etwas behalten bis es weg ist?

    Sowohl meine Ärztin, als auch die Therapeutin halten meinen starken Fokus darauf, in jedem Fall arbeitsfähig zu bleiben, für bedenklich. Wenn ich denen von diesen Problemen berichte, wollen sie mich nur krank schreiben. Für mich ist meine Berufstätigkeit das letzte bisschen Stabilität in meinem Leben und ich möchte das nicht riskieren.

    Zitat

    So kannst du es auch deinen Mitarbeitern verkaufen: weil es in der Vergangenheit Unstimmigkeiten gab, willst du es in Zukunft schriftlich machen. Damit sind sie auf der sicheren Seite. Da musst du nicht mal offen legen, dass du Erinnerungslücken hast.

    Das ist ein guter Ansatz... bestimmte Dinge wie Dienstplanänderungen in Zukunft nur noch schriftlich zu machen. Zumindest ein Teil der Sachen kann ich damit abbiegen, wenn die mir noch mal etwas schicken müssen, was ich dann sehe.


    Es ist kompliziert zu erklären, gato. Es ist nicht ein bestimmter Zeitraum, den ich die Dinge behalte. Stell dir vor, es ist einfach eine halbe Stunde später und in der letzten halben Stunde hat jemand deinen Körper übernomnen und irgendwas gemacht.


    Ich weiß dann nichts, was in diesem Zeitraum passiert ist.


    Oft fällt mir nicht mal auf, dass ich eine Weile nicht da war - nur wenn es "Unstimmigkeiten" gibt, kapiere ich, dass ich wieder mal "weg" war.


    Für meine Umwelt muss das schon sehr strange sein.