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    trauern, wie meinst du das?

    Na, traurig sein, weinen, den Schmerz zulassen und spüren, ohne ihn wegschieben zu wollen und ohne ihn durch das Wälzen in der Schuld wegzudrängen - das eine Weile aushalten. Über sich und seine Handlungen und die Vergangenheit zu weinen - das kann sehr hilfreich sein. Eine Katharsis, eine Reinigung, verstehst du?


    Was wirklich auffällt, ist deine Sonderstellung, die du für dich mit dem, was damals geschah, einnimmst. Es erscheint geradezu wie ein Schuld-Komplex, der sich da in dir gebildet hat. Glaubst du wirklich, dass es stimmt, dass niemand je so schuldig geworden ist wie du? Oder siehst du, wenn du dich mal ein wenig in Distanz dazu stellst, dass das doch wohl überzogen ist?


    Ich habe dich das schon mal gefragt, damals bist du ausgewichen: Wie würdest du mit jemand Nahestehendem umgehen, der dasselbe wie du getan hat? Würdest du seiner Reue glauben? Würdest du ihn trotzdem lebenslang ins Gefängnis stecken (so wie du es empfindungsmäßig mit dir machst). Oder hättest du Mitgefühl und würdest in trösten wollen? Könntest du ihm vergeben, oder würdest du ihn fortschicken, wenn er mit all seinem Elend zu dir käme?


    Was der Therapeut sagte, ist richtig: Dein Blickwinkel hat sich verschoben. Du betrachtest nicht mehr die Realität, sondern nur noch einen Ausschnitt, der in deinen Augen riesengroß geworden ist und jetzt alles beherrscht. Nun geht es darum, diesen Winkel, diese Sicht auf diesen vergangenen Abschnitt zu verändern. Freut mich übrigens, dass du durch uns hier auf den Mann gekommen bist.

    @marathonleser

    hallo marathonleser und danke für deine antwort

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    Ein "richtig" "schlechter Mensch" würde sich keine Gedanken darum machen, ob seine Taten - absichtlich oder unabsichtlich - für andere nicht nur Gutes sondern auch Schlechtes auslösten. Solchen Menschen wäre es egal, wenn sie eine unabsichtlich "schlechte" Tat wieder tun könnten.

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    Du dagegen machst Dir Gedanken um das Befinden der Anderen und willst für die Zukunft ein (un)absichtlich anderen schadendes Verhalten verhindern. Das bedeutet für mich, Du bist mehr auf der Seite der "guten" Menschen.

    das stimmt, ich will nichts schlechtes mehr tun und nie wieder jemand anderen schaden und ich mache mir viele gedanken. ich weiß dass es auch leute gibt, die sich keine gedanken machen. so wie in video spielen oder actionfilmen, wo die einfach im vorbeigehen andere abknallen und nichts dabei finden.


    so ist es bei mir zumindest nicht, ich bereue alles sehr und ich denke dass das schon etwas wert ist. aber dann kriege ich wieder so gedanken wie: es ändert auch nichts daran. getan ist getan und vieles kann man nie wieder rückgängig machen, es ist jetzt so und bleibt so und das meinetwegen.

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    Vor allem, da bei Dir ja noch Familienmitglieder und Behördenmitarbeiter ins Spiel kamen. So viele Möglichkeiten des Handelns... Hätte eine oder hätten mehrere anders auf Dein Handeln reagiert, wäre es anders gekommen - vielleicht viel besser. Bist also nicht Du "Schuld" sondern die, die falsch auf Dein Handeln reagiert haben?

    nein. ich habe alles ausgelöst und ins rollen gebracht und an mehreren stellen richtig scheiße gebaut. als andere mit ins spiel kamen, war es schon so chaotisch und durcheinander dass ich niemanden einen vorwurf machen kann.

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    Hast Du denn Informationen, wie es Deinen Familientmitgliedern (außer Deiner Oma) inzwischen geht? Vielleicht hat es sich für manche doch zum Besseren gewendet und sie sehen das ganze mit etwas Abstand anders?

    nein ich weiß nur von meiner oma weil ich die vereinbarung gemacht habe, dass ich kontaktiert werde wenn sie etwas braucht.


    zum besseren leider nicht. mein ältester bruder ist in der jva (gefängnis). von meiner großen schwester weiß ich gar nichts aber ich fürchte das sie noch ziemlich tief drin steckt. meine kleinen geschwister wurden von einander getrennt. der vater von den beiden kleinen hat auch eine haft strafe bekommen.

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    Bist Du Dir auch sicher, ob - so schlimm es auch auskam - ein Nicht-Handeln Deinerseits auf Dauer nicht die schlechtere Option gewesen sein würde?

    früher, also vorher, dachte ich das. dass irgendetwas passieren muss und es so nicht weitergehen kann und ich dachte das meine geschwister es genau so emfinden. sie haben das auch gesagt. weil es für uns oft nicht besonders gut war. aber mit dem was ich gemacht habe, habe ich mich in so viele leben eingemischt und so viel zerstört, das darf man einfach nicht tun. aber danke für dein beispiel

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    früher, also vorher, dachte ich das. dass irgendetwas passieren muss und es so nicht weitergehen kann und ich dachte das meine geschwister es genau so emfinden. sie haben das auch gesagt. weil es für uns oft nicht besonders gut war. aber mit dem was ich gemacht habe, habe ich mich in so viele leben eingemischt und so viel zerstört, das darf man einfach nicht tun. aber danke für dein beispiel

    Das heißt, du wolltest andere schützen und wurdest dabei sogar zunächst unterstützt? Dann hast du gehandelt, und die Dinge haben sich selbstständig gemacht, wie eine Lawine? Und ist das, was in euren Augen Unrecht war, dadurch eliminiert worden?


    Ich schreibe es einfach mal aus: Hat ein Familienmitglied Kinder misshandelt und missbraucht und du hast es beendet? Dann lag in deiner Tag etwas GUTES. Tatsächlich warst Du ein notwendiges Rad im Getriebe, um bestimmtes, weiteres Unrecht zu verhindern, und du hast tatsächlich nicht zu verantworten, was noch daraus geworden ist, denn das lag weder in deiner Absicht noch konntest du es voraussehen. Wenn Menschen dadurch ins Gefängnis kamen, kann ich mir dein Entsetzen vorstellen, aber wären die Alternativen wirklich besser gewesen?


    Wenn du das jetzt liest: Sträubt sich schon wieder alles in Dir? Falls ja: So läuft das im Kreis herum. Du bist wie ein Motor, der immer wieder Gas gibt und sich sofort festfrisst. Das muss schrecklich Kräfte zehrend sein.

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    Und wie wäre das? Was hat dich ausgemacht?

    es wäre viel viel besser als jetzt. früher hatte ich viele freunde und ich war immer viel unterwegs, zum beispiel skateboard fahren oder kicken oder sowas. ich glaube, mich hat ausgemacht das ich lustig war aber auch nett und fair. wir haben auch viel quatsch gemacht damals aber nichts schlimmes. ich hatte nie lust draußen irgendwelchen ärger zu machen. außerdem habe ich mir oft hunde ausgeliehen von so älteren leuten bei uns in der straße, die nicht mehr so gut zu fuß waren und dann habe ich lange spaziergänge mit denen gemacht und ihnen auch sachen beigebracht. einem hund habe ich beigebracht männchen zu machen und auf zwei beinen zu laufen. der konnte auch durch die arme durchspringen wenn man damit einen "kreis" gemacht hat. ich wollte früher auch tierarzt werden, aber naja, ich war lange nicht gut genug in der schule und für tierpfleger oder für assistent muss man auch ziemlich gut sein, das war ich leider nicht. bei meinen kleinen geschwistern habe ich immer darauf geachtet dass die sich anständig benehmen und etwas vernünftiges essen und ordentlich aussehen wenn sie zur schule gehen. vielleicht war ich manchmal zu streng mit ihnen aber dann musste das sein, damit sie keinen mist bauen. ansonsten war es immer sehr gut mit denen, wir haben viel zusammen gespielt und geredet und immer pläne geschmiedet für die zukunft, dass wir ans meer wollen oder in die berge, weil wir da noch nie waren. das war schön. ich habe auch immer geschichten für sie erfunden von smire, dem fuchs von nils holgerson oder über star wars oder harry potter. aber insgesamt war ich nie so gut in reden und viele haben auch gesagt das ich gut zuhören kann. mein teamkollege von der arbeit sagt das sogar jetzt noch. aber das ist einfach weil es mir lieber ist zuzuhören wenn andere etwas erzählen.

    Du warst also ein fairer, freundlicher und verantwortungsbewusstes junges Mädchen. Hätte ein Mensch mit diesen Grundlagen eigentlich in der Situation in der du damals warst sie selbst bleiben können?

    Es fehlt dir also im Grunde "nur" an Selbst-Bewusstsein. Beginne, deine guten Seiten zu sehen und anzuerkennen, betrauere das, was gegen deinen Willen geschehen ist - und du bist FREI. Du kannst jederzeit neu anfangen. Es ist wirklich so leicht!!! Aber dazu gehört ein Entschluss. Der Entschluss, damit weiterzuleben, dass Vergangenes vergangen ist, zu akzeptieren, dass die Fähigkeit, Schlechtes zu tun, in uns liegt, dass wir aber entweder alle dafür zu verdammen sind oder keiner.

    Darkness, vor allem wenn ich an deine letzten Beiträge denke, dann halte ich es für möglich, dass du GAR NICHTS Böses bzw. Schlechtes getan hast, sondern am Ende die Auswirkungen einer an sich guten Handlung aus dem Ruder gelaufen sind.


    Wenn du z. B. jemanden aus der Familie angezeigt hast, weil er anderen Mitgliedern schadete, daraufhin ein anderer aus der Familie übergriffig und für diese Handlung inhaftiert wurde, dann hast du nicht böse gehandelt, sondern in der Absicht gut - und zudem noch sehr mutig!


    Vielleicht ist das ja der Grund, warum du nicht darüber reden kannst? Weil du natürlich immer wieder zu hören bekämest, dass du in Wirklichkeit für andere gehandelt hast und das eben all zu sehr im Kontrast zu deiner Wahrheit steht?


    Dann wäre es ganz, ganz tragisch, wenn du in einer Schuld gefangen wärest, die lediglich darin besteht, dass du einen längst fälligen Stein ins Rollen brachtest. Hier sollte zumindest sorgfältig unterschieden werden zwischen Absicht und Auswirkung.

    Es macht nichts, wenn du für uns keine Antworten hast. Wichtig ist allein, was es in dir auslöst, z. B. ob du beginnen kannst, dein festes Bild von dir und den Abläufen und deren Bewertung zu hinterfragen.

    es ist nicht so dass ich nur jemanden ins gefängnis gebracht habe. das habe ich auch, aber meinetwegen ist auch jemand gestorben. meine mutter und ich bin schuld daran. ich weiß nicht wie ich jemals damit leben kann

    Wieso ? schämst du dich ? Das musst du nicht, du wolltest über Schuld sprechen... also wissen wir alle, dass du deiner Meinung nach Schuld auf dich geladen hast, dass es aber auch lange her ist und dass du es bereust und es ist nun mal so, dass das Leben weitergeht... auch für denjeneigen der Schuld auf sich geladen hat.


    Du kannst deine Taten nicht mehr rückgängig machen, du kannst sie aber akzeptieren. Sie gehören zu dir, zu deinem damaligen ich. jetzt bist du jemand anderes, der es bereut und der dies wahrscheinlich nie weider tun würde.


    Auch das ist ein Weg den man geht und daher wird die Schuld nie komplett weg sein, man kann aber mit ihr umgehen.