Der Blinde und der Lahme oder Die Integration von Vernunft und Intuition


    Es gibt eine alte Sufi-Geschichte:


    Ein Blinder irrt orientierungslos durch den Wald. Plötzlich stolpert er über etwas am Boden und fällt der Länge nach hin. Als der Blinde auf dem Waldboden herumtastet, entdeckt er, dass er über einen Mann gefallen ist, der am Boden kauerte. Dieser Mann ist ein Lahmer, der nicht laufen kann.


    Die beiden beginnen ein Gespräch miteinander und klagen sich gegenseitig ihr Schicksal.


    "Ich irre schon seit ich denken kann in diesem Wald herum und finde nicht wieder heraus, weil ich nicht sehen kann." ruft der Blinde aus.


    Der Lahme sagt: "Ich liege schon, seit ich denken kann, am Boden und komme nicht aus dem Wald heraus, weil ich nicht aufstehen kann."


    Und während sie sich so unterhalten, ruft der Lahme plötzlich aus: "Ich hab's! Du nimmst mich auf den Rücken, und ich werde dir sagen, in welche Richtung du gehen musst. Zusammen können wir aus dem Wald herausfinden."


    Laut Aussage des alten Geschichtenerzählers symbolisiert der Blinde die Rationalität, der Lahme die Intuition. Auch wir werden aus dem Wald nur herausfinden, wenn wir lernen beide zusammenzubringen.

    Der Buckelwal


    Es war einmal ein alter Buckelwal. Er hatte sich zum Sterben auf den Meeresboden sinken lassen. Viele, viele hunderte von Metern tief.


    Er wusste, dass er nie wieder die Sonne sehen und nie wieder die Wellen durchpflügen würde.


    Und obwohl unendlich schwere Wassermassen auf seinem Körper ruhten, wurde ihm ganz leicht ums Herz. Denn es gelang ihm das vielleicht Schwerste im Leben: er ließ los.


    (soll jetzt nicht heißen, dass wir jetzt auch loslassen sollen! der wal war, Betonung liegt auf ALT!) ;-D

    Der Einheimische und der Tourist


    Es war einmal in einem kleinen Fischerdorf irgendwo in Italien. Ein Tourist kam vorbei und sah einen Mann, der seelenruhig am Hafenkai saß und aufs Meer blickte.


    Der Tourist ging zu dem Mann und sagte: "Entschuldigung, ich möchte Sie etwas fragen: Warum arbeiten Sie eigentlich nicht? Sie könnten sich z.B. ein Fischerboot kaufen und hinaus aufs Meer fahren."


    "Aber, warum soll ich denn arbeiten?" fragte der Mann. "Ich habe alles, was ich brauche – genug zu leben und zufrieden bin ich auch."


    "Aber wenn Sie arbeiten würden, können Sie viel Geld verdienen, das Geld sparen und es zinsbringend anlegen!" sagte der Tourist.


    "Warum," fragte der Mann, " soll ich Geld verdienen und sparen?"


    "Wenn Sie gut verdienen, können Sie von den Zinsen leben und dann brauchen nicht mehr zu arbeiten!"


    Der Mann schaute den Tourist an und schüttelte langsam den Kopf. Dann ging sein Blick wieder hinauf auf das Meer.

    Der Engel an der Brücke


    Ich traf auf meinem Weg einen jungen Mann, der ging auf und ab. Ich fragte, was er denn mache und er schaute mich an. Seine Augen waren voll Trauer und auch voll Wut. Sein Körper war geschwächt und doch konnte er nicht ruhen. Auf seinen Schultern lastete ein großes Paket – hier und da waren ein paar Löcher, wo wohl ein Stück des Inhalts fehlte; dennoch schien es dadurch nicht minder schwer.


    Ich fragte, warum er denn nur ständig auf und ab gehe? Er sagte, dass er gerne über diese Brücke gehen wolle, um auf die wunderschöne Insel gegenüber der Schlucht zu gelangen, doch er wage es nicht, denn seine Last sei so schwer und die Brücke, die er passieren müsse, mache keinen stabilen Eindruck.


    Ich fragte ihn, warum er denn die Last nicht ablegen würde, dann könnte er doch ohne weiteres die Brücke passieren. Er schaute mich entgeistert an – ohne sein Gepäck??? Nein, das ginge nicht!


    Ich fragte ihn, was denn so Wichtiges in diesem Paket wäre, dass er es denn nicht hier lassen könne. Er lächelte und sagte stolz – es ist meine Vergangenheit.


    Er ging auf und ab – sehnsüchtige Blicke folgten dem Weg auf diese wunderschöne Insel – mit Blumen und Früchten und frischem Wasser. Er war wirklich geschwächt, so bot ich ihm Wasser an – dankend trank er.


    Ich fragte, ob er seine Last absetzen möge und auf die Insel gehen wolle. Vehement verneinte er – auf keinen Fall würde er seine so kostbare Vergangenheit absetzen, nur, um auf die Insel zu gelangen – es müsse doch schließlich auch einen anderen Weg geben.


    Wir schwiegen.


    Ich meinte, wenn seine Vergangenheit leichter wäre, so könne er sie vermutlich mit auf die Insel nehmen. Doch wäre sie leichter, so wäre sein Eigengewicht weitaus mehr und so könnte er sowohl mit, als auch ohne Vergangenheit diese Brücke nicht passieren. Dadurch jedoch, dass er nun so lange gegangen sei, mit dieser Last, sei er selber davon so leicht geworden, dass er die Brücke passieren könne, würde er seine Last absetzen.


    Er schaute mich erstaunt an – "Es ist also die einzige Möglichkeit diese Brücke zu überqueren?" fragte er.


    Ich schwieg. Er dachte nach.


    Dann fragte er mich, ob ich denn kurz für ihn seine Vergangenheit tragen könnte, da er das Paket ungern in den Staub stellen wolle. Er würde jedoch gern einmal auf die Insel gehen, um zu schauen, ob sich denn der Tausch auch lohnen würde.


    Ich sagte, dass er gern auf die Insel gehen könne, doch ich würde ihm seine Last nicht abnehmen. Ich zeigte auf den Haufen neben der Brücke und sagte: "All das ist Vergangenheit von vielen anderen, die auch zuvor wie du unentschlossen waren. Es ist deine Entscheidung – wohin es dich trägt."


    Und seit er über die Brücke lief, ruht neben seiner Vergangenheit die Vergangenheit vieler anderer glücklicher, freier Menschen! :-|

    Der Geizhals


    Ein sehr geiziger Mann pflegte sein Gold unter einem Baum in seinem Garten zu verstecken. Jede Woche ging er einmal zu dem Baum, grub das Gold aus und betrachtete es stundenlang.


    Eines Tages aber fand er nur ein leeres Loch.


    Der Mann heulte vor Kummer so laut, dass die Nachbarn zusammenliefen, um zu sehen, was geschehen war. Als sie erfuhren, was dem Mann passiert war, fragte einer: "Hast du das Gold denn zu etwas gebraucht?"


    "Nein," heulte der Geizhals, "ich habe es mir immer nur jede Woche einmal angesehen."


    "Dann," sagte der Nachbar "wenn du das Geld nicht direkt gebraucht hast, kannst du doch genauso gut jede Woche herkommen und das Loch anschauen."

    Der Hund und sein Spiegelbild


    Es war einmal ein Hund.


    Er hatte großen Durst. Doch jedes Mal wenn er trinken wollte und dabei sein Spiegelbild im Wasser erblickte, erschrak er vor dem fremden großen Hund, den er sah und wich voller Angst zurück.


    Irgendwann aber war sein Durst so groß und unerträglich, dass er seine Furcht überwand und mit einem großen Satz ins Wasser sprang.


    Und tatsächlich verschwand da auch der "andere" Hund.

    Der Korb des alten Mannes


    Es war einmal ein Waisenjunge. Er zog von Dorf zu Dorf, immer auf der Suche nach etwas Essbarem und einem Dach über dem Kopf.


    Eines Tages traf der Junge auf einen alten Mann, der ebenfalls von Dorf zu Dorf wanderte. Sie beschlossen, gemeinsam weiterzugehen.


    Der alte Mann trug einen großen, zugedeckten Weidenkorb, der offenbar sehr schwer war, denn der Alte lief tief gebeugt und stöhnte hin und wieder unter der Last. Als sie Rast an einem Bach machten, stellte der alte Mann seinen Korb erschöpft auf den Boden.


    Der Junge fragte "Soll ich deinen Korb für dich tragen?"


    "Nein," antwortete der Alte, "den Korb kannst du nicht für mich tragen. Ich muss ihn ganz allein tragen."


    "Was ist denn in dem Korb?" fragte der Junge, doch er erhielt keine Antwort.


    Viele Tage wanderten die beiden gemeinsam. Nachts, wenn der Alte glaubte, dass der Junge schlief, kramte er in seinem Korb herum und sprach leise mit sich selbst.


    Es kam der Tag, an dem der alte Mann nicht mehr weitergehen konnte. Er legte sich nieder, um zu sterben. Und er sprach zu dem Jungen: "Du wolltest wissen, was in meinem Korb ist, nicht wahr? In diesem Korb sind all die Dinge, die ich von mir selbst glaubte und die nicht stimmten. Es sind die Steine, die mir meine Reise erschwerten. Auf meinem Rücken habe ich die Last jedes Kieselsteines des Zweifels, jedes Sandkorn der Unsicherheit und jeden Mühlstein des Irrwegs getragen, die ich Laufe meines Lebens gesammelt habe. Aber ach – ohne sie hätte ich so viel weiter kommen können, im Leben. Statt meine Träume zu verwirklichen, bin ich nun nur hier angekommen." Und er schloss die Augen und starb.


    Der Junge ging zu dem Korb und hob den Deckel ab. Der Korb, der den alten Mann so lange niedergedrückt hatte, war leer.

    Der Lehrer und der Hund


    Ein Sufi-Lehrer ging gerade mit einem Schüler eine Straße entlang.


    Plötzlich wurde er von einem wütenden Hund angegriffen. Das aggressive Tier knurrte und bellte und wollte den Sufi-Lehrer anfallen.


    Der Schüler war außer sich und rief: "Was fällt dir ein, meinen Meister so anzugehen!" und er verjagte den Hund.


    Während die beiden weitergingen, sagte der Lehrer zu seinem Schüler: "Der Hund ist beständiger als du. Er bellt jeden an, entsprechend seinen Gewohnheiten und Trieben. Du hingegen betrachtest mich als Deinen Meister und machst deshalb einen Unterschied zwischen mir und den anderen. Oft bist du auf unserer Reise schon Menschen begegnet, die du ohne eines Blickes zu würdigen einfach übergangen hast."


    Der Schüler schwieg für den Rest des Tages.

    Die Konferenz der Gefühle

    Vor langer Zeit gab es eine Konferenz der Gefühle. Der Tagesordnungspunkt war die Frage, wer nun die wichtigste Rolle im Leben eines Menschen spielen würde. Natürlich entbrannte hierüber eine heiße Diskussion. Doch verfolgt sie in Ruhe und entscheidet dann selbst:


    Als erstes meldete dich das V E R T R A U E N zu Wort. Also, ohne mich, sprach es, geht im Leben doch wohl gar nichts, oder? Wie sollte sich jemand auf andere Menschen einstellen, wenn er nicht vertrauen kann? Oder sich aus den Irrungen des Lebens einen Weg bahnen, wenn er kein Vertrauen auf das Morgen hat?


    Hmmmmmmmmm, sagten da die anderen Gefühle, da hast du Recht Vertrauen. Ohne dich geht es nicht. Du bist das wichtigste Gefühl.


    Nach einigen Minuten meldete sich die E H R E zu Wort: Also, sagte sie, wenn jemand keine Ehre empfinden kann, dann weiß er die Grenzen des Zwischenmenschlichen nicht zu schätzen. Würde bedeuten, er liefe Gefahr, ständig Dinge zu tun, die moralisch nicht okay wären. Somit würde er andere Menschen ständig verletzen.


    Hmmmmmmmmm, sagten da wieder die anderen Gefühle, da hast du auch recht. Welch ein Chaos würde wohl entstehen? Du bist sicher das wichtigste Gefühl.


    Die Zeit verging; alle Gefühle schauten sich lange an. Jeder von ihnen war überzeugt das Wichtigste im Leben zu sein. Doch eininge waren zu scheu um sich zu melden. So starrten sie eine Weile wortlos vor sich hin.


    Auf einmal meldete sich die H O F F N U N G zu Wort: Also, sprach sie, mal im Ernst, was würden die Menschen ohne mich machen? Sie würden alle an ihren Sorgen, Ängsten und ihrem Leid zerbrechen. Die Menschheit würde aussterben ohne mich. Ich bin also das wichtigste Gefühl.


    Hmmmmmmmmm, sagten wieder die anderen Gefühle, ja, du hast Recht. Ohne dich wäre gar kein Leben möglich. Denn, wenn die Hoffnung stirbt, ist der Mensch verloren. Du bist bestimmt das wichtigste Gefühl.


    Ein endloses Schweigen war im Raum. Lange Zeit wagte niemand etwas zu sagen. Eine angespannte Stimmung lag in der Luft.


    Die nächste, die ihre Fassung zurückbekam, war die W U T: Ich, sprach sie, ICH bin das wichtigste Gefühl. Wo sollten die Menschen denn sonst hin mit all ihren Sorgen und Problemen? Die Ungerechtigkeiten in der Welt würden sie krank machen oder gar töten. Sie brauchen ein Ventil um sich frei zu machen. Dafür bin ich da....Ich die Wut. Ohne mich geht auf dieser Welt gar nichts.


    Hmmmmmmmmm, raunte es abermals durch den Raum. Du hast Recht Wut. Wir wissen ja alle, dass das Leben für die meisten Menschen sehr schwer ist. Und Gerechtigkeit ist nicht immer gegeben. Stimmt, du bist das wichtigste Gefühl.


    Kopfschüttelnd stand da dir T R A U E R auf: Nein, ihr lieben, ich bin das wichtigste Gefühl. Wie sollten die Menschen unterscheiden können, was es bedeutet etwas Wertvolles (einen Mitmenschen z.B.) zu verlieren, wenn sie mich niemals kennen gelernt haben? Es gibt so viele Gründe zu trauern .... nein ... ich bin das wichtigste Gefühl.


    Hmmmmmmmmm, ja Trauer, wir glauben du hast Recht. Wenn Menschen nicht Abschied nehmen können, das heißt dich zu spüren ... das wäre wirklich schlimm. Sie würden verrückt werden, weil sie nicht mit dem Tod z.B. umgehen könnten. Du bist also das wichtigste Gefühl.


    Es war den anwesenden Gefühlen anzusehen, wie schwer ihnen ihre Auswahl fiel. Ihre Köpfe rauchten. Doch jeder hielt sich zurück. Niemand wollte einen Streit vom Zaun brechen. Wieder minutenlanges Schweigen.


    Nun sprangen die F R E U D E und der S C H M E R Z auf. Sie sprachen wie aus einem Munde: So ein Unsinn... Wir sind die wichtigsten Gefühle der Menschen! Daran gibt es gar keinen Zweifel. Stellt euch doch mal vor, wie es wäre, wenn niemand der armen kleinen Menschenseelen jemals etwas von uns wissen würde. Wie sollten sie die Schönheit der Welt verstehen und genießen können? Die blühenden Felder, die Blumenwiesen, lachende Kinder, die Jahreszeiten uvm. Und dann verstehen und sich damit auseinandersetzen, dass der Kreislauf des Lebens ein Erwachen und Sterben der Natur beinhaltet. Wenn sie mich, die Freude, nicht kennen, kennen sie auch meinen Bruder, den Schmerz, nicht. Also sind wir die wichtigsten Gefühle. Ihr Leben wäre sonst leer und arm.


    Hmmmmmmmmm, sprachen da die anderen gefühle. Da ist was dran. Wir haben nichts, das eure Aussagen widerlegen könnte. Also habt ihr wahrscheinlich recht. Ihr seid die wichtigsten Gefühle.


    Laut polternd meldete sich nun der H A S S zu Wort: Ihr seid doch alle verrückt! Ich bin das wichtigste Gefühl! Wie sollen die Menschen sonst spüren, wie ungerecht die Welt ist und sich zur Wehr setzen? Nur wenn sie mich kennen und mich teilhaben lassen an ihrem Leben, werden sie stark sein und dieses Leben meistern. Dann wird es niemanden mehr geben, der sie unterdrücken kann. So kommt die Gerechtigkeit zurück. Ich bin also das wichtigste Gefühl.


    Hmmmmmmmmm, sprachen wieder einmal die anderen Gefühle. Ja Hass, deine Worte kann jeder hier verstehen. Sie sind mehr als berechtigt. Du hast Recht. Du bist das wichtigste Gefühl.


    Ganz langsam und leise erhob sich die L I E B E . Sie ging um den großen Tisch herum. Schenkte jedem Gefühl ein sanftes Lächeln. Am Fenster angekommen, zog sie die Jallousien hoch. Schaut her, ihr Lieben, sprach sie mit sanfter Stimme und jedem Gefühl wurde auf einmal so warm ums Herz. Sogar der Hass und die Wut mussten ein wenig lächeln. Schaut einmal genau auf das Bild, welches sich nun hier vor unserem Fenster ergibt. Alle Gefühle standen auf und folgten dem Zeigefnger der Liebe. Ein ganz schönes Gedränge entstand da plötzlich vor dem Fenster. Doch die Liebe trat lächelnd beiseite um ihren Brüdern und Schwestern Platz zu machen. Gebannt starrten alle Gefühle lange aus dem Fenster.


    Fröhlich lachende und spielende Kinder tollten auf der Blumenwiese mit ihren Hunden und Katzen herum. Viele Pärchen saßen in dem wunderschönen Park auf den Bänken oder lagen sich auf der Wiese eng umschlungen in den Armen. Manche küssten sich innig. Ein altes Ehepaar ging Hand in Hand spazieren. Mittendrin blieb es immer wieder einmal stehen und fütterte die vielen Tauben, die ihnen auf ihrem Weg begegneten. Dabei huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Schaut mal weiter dort hinten am Hügel entlang, sprach die Liebe. Dort lassen Kinder Drachen steigen. Andere malen, holen sich in ihren Träumen die Sterne vom Himmel, oder malen den Regenbogen neu an. Könnt ihr fühlen, woraus all ihr Handeln geboren ist? Spürt ihr den Frieden, der hier zu finden ist?


    Allmählich setzten sich alle Gefühle wieder auf ihren Platz. Wir müssen und beraten, sprachen sie zu Liebe. Bitte, gedulde dich einen Augenblick. Natürlich, flüsterte die Liebe. Ich bin sicher, ihr werdet eine Antwort finden. Eure Entscheidung ist gewiss nicht leicht. Lasst euch Zeit und hört auf die Worte der W E I S H E I T.


    Stundenlang debattierten nun die Gefühle. Jedoch über eine Erklärung, warum ausgerechnet die Liebe den Anspruch auf den Titel des wichtigsten Gefühls haben sollte, wurden sie sich nicht einig. Immerhin erkannten sie an, dass nichts im Leben ohne die wahre Liebe Bedeutung hätte. Es nichts geben würde, wofür es sich zu leben lohnen könnte. Doch es war ihnen nicht genug. Sicher, sagten sie, sie könnte das wichtigste Gefühl sein. Aber sicher waren sich alle nicht.


    Erneut meldete sich die L I E B E zu Wort: Meine Brüder und Schwestern, warum diskutieren wir eigentlich um einen Rang im Leben der Menschen? Sie verschenkte ihr schönstes Lächeln an all ihre Kollegen. Seht her, ich reiche euch meine Hand. Ich finde, dass niemand von uns allen hier über einem anderen Gefühl stehen sollte. Wir sind ebenso wie die Menschen eine Gemeinschaft. Ein Teil des Ganzen. Wer hat das Recht, sich über jemand anderen zu erheben? Keiner von uns könnte ohne den anderen leben! Bedenkt ... nur gemeinsam können wir den Menschen ein erfülltes Leben schenken! Und sie werden dankbar ihre Erfahrungen an ihre Kinder und Kindeskinder weiterreichen.


    Die Liebe schaute alle Gefühle eindringlich an. Auch ihr, Brüder und Schwestern, die ihr bisher geschwiegen habt ... niemand von euch allen ist wirklich für die Menschen entbehrlich. Kommt deshalb mit mir ... und lasst uns zum Wohle der Menschen unseren Dienst tun. Denn eines ist ganz gewiss:


    Es wäre kein Leben möglich auf diesem Planeten, wenn auch nur einer von euch Brüdern oder Schwestern verloren ginge! Wie schön, dass es euch alle gibt!


    So schloss die Liebe die Konferenz.


    Ein tosender Beifall zeigte ihr, dass alle Gefühle endlich einer Meinung waren. Der lange Streit, wer das wichtigste Gefühl sei, war für alle endlich zu Ende.

    Der Lächler


    Ein Mann, der immer sehr mürrisch schaute, ohne dass es ihm bewusst war, ging eines Tages an einem großen Spiegel vorbei, sah sich – und erschrak. Er dachte, wenn mich alle Menschen so sehen, das ist ja furchtbar, ich bin ja gar nicht so mürrisch wie ich aussehe.


    Er beschloss in diesem Augenblick mehr zu lächeln, natürlich fiel ihm das schwer. Er vergaß es immer wieder, deshalb klebte er sich an alle möglichen Orte kleine Zettel, auf denen stand: "Lächle einfach”.


    Seine erste Lektion, die er lernen musste, nachdem er das Lächeln konnte: "Mein Lächeln irritiert die Menschen”. Lächelte er zum Beispiel eine junge Frau an, die neben ihm im Auto an der Ampel wartete, so schaute sie weg, weil sie sich angemacht fühlte. Lächelte er einen Mann an, so stieß er auch auf sonderbare Reaktionen, die er mit ernstem Gesicht nicht kannte.


    Lächeln mit Blickkontakt irritiert die meisten Menschen, da beim Lächeln die Augen viel Energie ausstrahlen. So viel Energie wird nur bei Menschen ausgestrahlt, die sich sehr nahe oder vertraut sind, war seine Erkenntnis. Also versuchte er nicht mehr, zwanghaft einen Blickkontakt aufzubauen.


    Seine zweite Erfahrung war viel besser. Saß er zum Beispiel in einem Café und lächelte so vor sich hin, ohne einen Blick zu suchen, so spürte er, dass die Blicke der anderen Gäste immer häufiger zu ihm wanderten. Er konnte auch die Gedanken spüren: Erst, "Das ist ein Verrückter”, dann "Ist er frisch verliebt?”, dann "Warum lächelt der immer”. Diese dritte Frage brachte bei den anderen ganz viele Gedanken ins Rollen.


    Oft geschah nichts, aber manchmal sprach ihn jemand an und mit dem konnte er "Blickkontakt mit Lächeln” aufnehmen, ohne missverstanden zu werden. Er war nämlich seit seiner Entscheidung "lächle einfach” der glücklichste Mensch. Ich verrate euch noch etwas: Er kann sein Lächeln gar nicht mehr unterdrücken.


    Eine ehrliche Frage: Lächeln Sie in diesem Augenblick?


    :)z

    Der Mann auf der Insel


    Es lebte einmal ein Mann auf einer kleinen Insel.


    Eines Tages spürte er, dass die Insel unter ihm zitterte.


    "Sollte ich vielleicht etwas tun?" dachte er. Aber als die Insel zu zittern aufhörte, beschloss er, erst einmal abzuwarten.


    Wenig später brach ein Stück der Küste und fiel tosend ins Meer. Der Mann war beunruhigt.


    "Sollte ich vielleicht etwas tun?" dachte er. Da er aber auch gut ohne das Stück leben konnte, beschloss er, weiter abzuwarten.


    Kurz danach fiel ein zweites Stück seiner Insel ins Meer. Der Mann erschrak nun heftiger.


    "Sollte ich vielleicht etwas tun?" dachte er. Doch als nichts weiter passierte, beschloss er, noch immer abzuwarten.


    "Bis jetzt" sagte er sich, "ist ja alles gut gegangen."


    Es dauerte nicht lange, da versank die ganze Insel im Meer und mit ihr der Mann, der sie bewohnt hatte.


    "Vielleicht hätte ich doch etwas tun sollen." war sein letzter Gedanke, bevor er ertrank.

    Der Mann und die Dunkelheit


    Es war einmal ein Mann, der in einem dunklen Zimmer wohnte. Er mochte die Dunkelheit nicht und er versuchte, sie mit Beschimpfungen und Beschwörungen zu vertreiben.


    Aber die Dunkelheit verschwand nicht.


    Eines Tages besuchte ihn eine weise Frau. Sie sagte zu ihm: "Das was dich ärgert, die Dunkelheit, wie du es nennst, gibt es eigentlich gar nicht. Dagegen zu kämpfen bringt deshalb überhaupt nichts. Konzentriere dich lieber darauf, mehr Licht in deine Wohnung zu bringen und du wirst sehen, dass dein Problem damit von allein verschwindet."


    Der Mann lachte nur und rief: "Ha! Das kann nicht sein. Keine so einfache Methode kann einen so übermächtigen Feind wie die Dunkelheit besiegen. Du irrst, närrisches Weib!"


    Und so verbrachte der Mann den Rest seines Lebens in der Dunkelheit, von der er glaubte, sie sei unbezwingbar.


    Das Licht einer einzigen Kerze hätte ihn vom Gegenteil überzeugen können...

    Der Ritter und der Bogenschütze


    Einmal ritt ein schwer bewaffneter Ritter mit furchteinflößendem Aussehen auf seinem mächtigen Streitross durch die Wälder.


    Plötzlich hielt er inne und sah, dass ein Bogenschütze seinen Bogen direkt auf ihn gerichtet hielt, die Sehne straff gespannt, fertig zum Schuss.


    Mit ängstlicher Stimme flehte der Ritter: "Oh nein! Schieß nicht, bitte! Wenn ich auch so stark aussehe, so bin ich in Wahrheit doch ganz schwach. Ich bin wahrhaftig nicht stärker als ein altes Weib."


    "Nun denn. Geh also!" befahl der Bogenschütze, "Du hast recht gesprochen. Andernfalls hätte ich meiner Furcht gehorcht und Dich erschossen."

    Der Samurai und der Spatz


    Es war einmal ein berühmter Samurai, der über all die Jahre für seinen Herren schon viele Kämpfe in unzähligen Kriegen gewonnen hatte.


    Aber es kam der Tag, an dem er erstmals einen Kampf verlor.


    Gedemütigt und voller Zorn gegen sich selbst und gegen den Rest der Welt, wollte er seinem nun scheinbar unwürdigen Leben ein Ende bereiten. Er ritt die staubige Landstraße entlang und dachte darüber nach, wie er sich am grausamsten und auffälligsten umbringen könnte.


    Plötzlich sah er vor sich auf dem Weg etwas liegen. Er hielt an und erkannte, dass es ein kleiner Spatz war. Dieser lag auf dem Rücken und streckte seine winzigen Füßchen zum Himmel.


    Der Samurai, der wegen des Vogels aus seinen Gedanken gerissen worden war, schrie den Spatz an: "Geh mir aus dem Weg, du nichtsnutziges Federvieh!"


    Der Spatz aber antwortete: "Nein, lieber Samurai, das werde ich nicht tun. Ich habe eine große Aufgabe zu verrichten."


    Der Samurai war ganz überrascht und erstaunt über die selbstbewusste Antwort des Vogels. Er stieg von seinem Pferd, beugte sich zu dem Spatzen hinunter und fragte: "Verrat mir, was so wichtig ist, dass du mir den Weg nicht freimachen willst?"


    "Oh", sagte der Spatz, "man hat mir gesagt, dass heute der Himmel auf die Erde fallen wird. Und deshalb liege ich nun hier. Ich werde ihn mit meinen Füßen auffangen."


    Als dies der Samurai hörte, fing er an zu lachen. Er konnte sich kaum beruhigen, so sehr schüttelte es ihn. Prustend rief er: "Was? Du kleines Federknäuelchen willst mit deinen dürren Beinchen den Himmel auffangen?"


    Der kleine Spatz erwiderte sehr ruhig und ernst: "Tja, man tut was man kann!"

    Der Suchende


    Es war einmal ein Suchender.


    Er suchte nach einer Lösung für sein Problem, konnte sie aber nicht finden. Er suchte immer heftiger, immer verbissener, immer schneller und fand sie doch nirgends.


    Die Lösung ihrerseits war inzwischen schon ganz außer Atem. Es gelang ihr einfach nicht, den Suchenden einzuholen, bei dem Tempo, mit dem er hin- und herraste, ohne auch nur einmal zu verschnaufen oder sich umzusehen.


    Eines Tages brach der Suchende mutlos zusammen, setzte sich auf einen Stein, legte den Kopf in die Hände und wollte sich eine Weile ausruhen.


    Die Lösung, die schon gar nicht mehr daran geglaubt hatte, dass der Suchende einmal anhalten würde, stolperte mit voller Wucht über ihn! Und er fing auf, was da so plötzlich über ihn hereinbrach und entdeckte erstaunt, dass er seine Lösung in Händen hielt.

    Der Tempel der tausend Spiegel


    Eine Geschichte aus Indien


    Es gab in Indien den Tempel der tausend Spiegel. Er lag hoch oben auf einem Berg und sein Anblick war gewaltig. Eines Tages kam ein Hund und erklomm den Berg. Er stieg die Stufen des Tempels hinauf und betrat den Tempel der tausend Spiegel.


    Als er in den Saal der tausend Spiegel kam, sah er tausend Hunde. Er bekam Angst, sträubte das Nackenfell, klemmte den Schwanz zwischen die Beine, knurrte furchtbar und fletschte die Zähne. Und tausend Hunde sträubten das Nackenfell, klemmten die Schwänze zwischen die Beine, knurrten furchtbar und fletschten die Zähne.


    Voller Panik rannte der Hund aus dem Tempel und glaubte von nun an, dass die ganze Welt aus knurrenden, gefährlichen und bedrohlichen Hunden bestehe.


    Einige Zeit später kam ein anderer Hund, der den Berg erklomm. Auch er stieg die Stufen hinauf und betrat den Tempel der tausend Spiegel. Als er in den Saal mit den tausend Spiegeln kam, sah auch er tausend andere Hunde. Er aber freute sich. Er wedelte mit dem Schwanz, sprang fröhlich hin und her und forderte die Hunde zum Spielen auf.


    Dieser Hund verließ den Tempel mit der Überzeugung, dass die ganze Welt aus netten, freundlichen Hunden bestehe, die ihm wohlgesonnen sind.

    Der Traum von Freiheit und Glück


    Drei Freunde stehen beisammen und unterhalten sich über das Leben.


    "Wisst Ihr", sagt der eine, "in 10 Jahren werde ich 50. Dann möchte ich mich zur Ruhe setzen und das Leben nur noch genießen. Die Kinder sind versorgt, mein Ältester übernimmt meine Firma. Dann möchte ich mit meiner Frau verreisen, die Welt sehen, richtig lange unterwegs sein, Spaß haben, es mir gut gehen lassen. Bis dahin muss ich noch viel arbeiten, um mir alles zu ermöglichen. Doch dann bin ich endlich frei. Dann beginnt endlich das richtige Leben."


    Eine Woche später sagt ihm der Arzt, dass er Krebs hat.


    Der andere denkt sich: Mensch, das Leben ist kurz und voller Überraschungen. Das soll mir nicht passieren. Ich werde es besser machen. Ich werde jetzt beginnen zu leben. Nicht später. Ich verkaufe die Firma sofort, ziehe in den Süden, verlasse meine Frau und suche mir eine hübsche junge Freundin. Ich werde all meine Träume jetzt sofort leben, all das, was ich immer schon wollte und mich nicht getraute. Ich werde es jetzt tun.


    Da kommt ein Bus vorbei und überfährt ihn.


    Der dritte Mann hatte dem Gespräch still zugehört und das Geschehene still beobachtet. Er macht einfach weiter wie bisher. Er arbeitet und führt ein ganz gewöhnliches Leben.


    Ein anderer fragt ihn: "Sag, hast du nicht Angst, dass dir das gleiche widerfährt, wie deinen Freunden? Willst du jetzt nicht auch dein Leben verändern und es noch besser machen?"


    Der Mann lächelt, sieht den Wolken nach und antwortet nach einer Weile: "Ich wüsste nicht, wozu ich anders leben sollte, als ich es bisher tue. Ich wüsste nicht, wohin ich gehen sollte, um etwas zu suchen, was ich nicht ohnehin schon habe. Ich schließe die Augen und finde unendliche Freiheit. Ich schließe die Augen und finde sprudelndes Leben. Ich schließe die Augen und finde immense Zufriedenheit, Erfüllung und Glück. Ich schließe die Augen und finde Wahrheit. Ich schließe die Augen und finde mich. Sag mir, was mehr kann es geben?"