Hochsensibler Freund mit ADHS und aktueller Psychose - Umgang?

    Hallo.


    Meine Überschrift mag einschüchternd und vielleicht auch grenzenlos verrückt klingen...


    ...Mein Freund (21), in den ich (22) sehr verliebt bin und der ebenso in mich verliebt ist, der ausserordentlich aufmerksam & empfindsam ist und teilweise überfordernd viel Nähe/Wärme gibt und zulässt (vor allem auch braucht), gibt mir trotz allem zahlreiche Rätsel auf:


    Sein ADHS begleitet ihn seit früher Kindheit, ebenso seine hohe Empfindsamkeit und enorme (künstlerische) Kreativität in allen Lebensbereichen, was angeblich bei ADHS dazugehört. Sein Geschmack und Verständnis für Musik & Kunst sind sehr umfangreich. Interessanterweise ist er unheimlich aufmerksam; ihm entgeht beispielsweise keine Veränderung in seinem Umfeld und an den Menschen. Schon sehr früh habe ich selbst miterlebt, dass er seine Umgebung intensiv wahrnimmt und gerne davon berichtet, poetisiert.


    Ich dachte schon, ich könnte Eindrücke kaum filtern, würde überhäuft mit Informationen, hätte Tausende Ideen und Probleme mit der Zeit, aber er reagiert zusätzlich noch extrem auf Gerüche, Geschmäcker und nervöse oder negative Stimmung, selbst unter Fremden. Skepsis dem Leben gegenüber verträgt er gar nicht. Er kann ihm beinahe unbekannten Menschen teure oder zumindest voreilige Geschenke machen. Einfach so. Zweifel scheinen ihm fremd zu sein. Sein Harmoniebedürfnis und seine Grosszügigkeit, wenn ihm jemand oder etwas wichtig ist, sind enorm und grenzen teilweise an Wahn, Realitätsverlust und Naivität, was er selbstverständlich anders sieht. Da er sich nämlich hervorragend gebildet auszudrücken vermag, gehen ihm die Argumente niemals aus. Seine Gedanken- und Fantasiewelt muss unendlich sein. Und irgendwie schafft er es immer wieder, Menschen dazu zu bringen, ihn anzuschauen und ihm gespannt zuzuhören. Charisma besitzt er reichlich. Man glaubt ihm einfach alles, wenn man ihn nicht gut kennt. Man geht davon aus, er hat alles voll im Griff. Er spricht gerne von dem, was er erlebt hat, beispielsweise bei seiner ersten Ausbildung im Ausland, etc.


    Nun muss ich leider zum weniger schönen Teil kommen:


    Er arbeitet in der Systemgastronomie, seine heissgeliebte Leidenschaft, und hatte sich Anfang des Jahres krankhaft in die Abschlussprüfungen gestürzt, tagelang durchgemacht, bis zu Halluzinationen, Nervenzusammenbruch und zweimonatigem Klinikaufenthalt im Frühling, den er allen Beteiligten/Verantwortlichen bis heute nicht verzeiht. Am wenigstens seiner Mutter und ihrem Partner, die ihn nach jedem verbotenen Freigang aus der Geschlossenen (neunmal) dorthin zurückbringen haben lassen. Verständlicherweise, wie ich finde. Seine damaligen Wahnvorstellungen beschreibt er mir als "Kreative Sprache, die niemand verstehen konnte".


    Aufgrund eines Burnout-Rückfalls (und zusätzlich verstärkt durch das Medikament Elvanse 70 mg), das er seit zwei Wochen wieder einnimmt, hat sich bei ihm nun eine Psychose entwickelt: Nahe Familienangehörigen unterstellt er ständig egoistische, feindselige Absichten, er unterschiedet oft stark zwischen Gut und Schlecht, vor ein paar Tagen wollte er mir seine Geisterfreunde und Ausserirdische vorstellen, er hatte sogar ein schlechtes Gewissen beim zu Bett gehen, weil er die Verabredung mit den Gespenstern nicht eingehalten hatte...


    Tagsüber wirkt er aktuell zumeist unnatürlich ruhig, ernst, emotionslos, abwesend, dennoch mitteilungsbedürftig, redselig, monoton, leise, langsam, wortwörtlich kühl, denn seit der Medikamentenumstellung (Elvanse 70 mg) hat er ständig eiskalte Hände und einen merkwürdigen Blick. Ich denke, diese Symptome dürfen nicht mit Desinteresse und Faulheit verwechselt werden. Er tut sich sehr schwer damit, unter vielen Leuten und Lärm zu sein. Manchmal hat er schon Schwierigkeiten, einfach zum Essen in die Stadt zu fahren. Zeitgefühl und Pünktlichkeit sind ebenso belastende Themen. Die Bedeutung von Vereinbarungen zu bestimmten Zeiten und Zeiteinplanung kann er kaum einschätzen. Zumindest momentan nicht.


    Für mich ist es sehr schwer, die Wirkung der Medikamente quasi mitzuerleben und hautnah mitzubekommen, wie ein herzensguter, fröhlicher, humorvoller, lustiger, kreativer Mensch sich verändert, vom Wesen her. Er selbst sagt, er fühle sich wohl nach der Umstellung, er könne sich endlich konzentrieren und fokussieren, wobei er anscheinend nicht bemerkt, dass er dafür viel Lebensfreude und Authentizität einbüsst. Seine Augen wirken immer wie hinter einer Glasscheibe, selbst wenn er mir in die Augen schaut. Wie er so benebelt ab November wieder arbeiten gehen und seinen Abschluss nachholen können soll, ist mir ein Rätsel.


    Am meisten belasten mich seine klammernden, vereinnahmenden Verhaltensweisen bezüglich unserer gemeinsamen Zeit nd Zukunft. Er will immer alles auf einmal. Wortwörtlich zu nehmen: Vorgestern kennengelernt, gestern Mann & Frau, heute ein perfektes Team im Beruf und privat, morgen Familie, übermorgen Grosseltern...Einmal habe ich scherzhaft zu ihm gesagt, wenn es nach ihm ginge, kämen zuerst die Enkelkinder. Zur Zeit weiss ich gar nicht, wo mir der Kopf steht: Er ist ein intelligenter, gebildeter, aufgeschlossener, liebevoller, wunderbarer und für mich natürlich unheimlich attraktiver Mensch. Aber leider auch extrem stur und teilweise erschreckend, beinahe kindlich realitätsfern in gewissen Vorstellungen.


    Welchen Eindruck habt ihr? Wie soll ich momentan mit ihm umgehen? Was kann, darf oder muss ich ihm sogar sagen? Ist es in Ordnung, zu kommunizieren, dass ich Mühe mit seiner Veränderung habe? Wenn ja; wie stelle ich das an, ohne ihn unter Druck zu setzen, da für ihn alles normal scheint? Selbst seine Psychiaterin meinte nach meinen Erzählungen, es wäre besser, bei ihm gewisse Medikamente, unter den beiden Elvanse 70 mg, langsam wieder abzusetzen. Hat hier irgendwer Erfahrungen mit ADHS-Betroffenen, bestenfalls mit jungen Männern, die ein ADHS haben und zusätzlichen Krisen, wie Depressionen, Psychosen, etc. ausgesetzt sind/waren?


    Danke sehr.

  • 16 Antworten

    Sei einfach du selbst und frage, was du fragen willst. Genug Gespür hast du ja, dass du das Kinde nicht mit dem Bade ausschüttest.


    Oder erwartest du von dir nun eine Art professionellen Umgang mit einem Psychotiker?


    Das wäre übel, denn du bist seine Freundin und nicht seine Therapeutin.

    Zitat

    Und irgendwie schafft er es immer wieder, Menschen dazu zu bringen, ihn anzuschauen und ihm gespannt zuzuhören.

    Dein Kerl ist ein Blender und Gott sei Dank weiß wenigstens seine Familie, wie man mit so jemandem umgeht.

    Zitat

    Was kann, darf oder muss ich ihm sogar sagen?

    Am besten nur das, wovon Du ganz sicher weißt, daß er es hören will:

    Zitat

    Klinikaufenthalt im Frühling, den er allen Beteiligten/Verantwortlichen bis heute nicht verzeiht. Am wenigstens seiner Mutter und ihrem Partner, die ihn nach jedem verbotenen Freigang aus der Geschlossenen (neunmal) dorthin zurückbringen haben lassen. Verständlicherweise, wie ich finde. Seine damaligen Wahnvorstellungen beschreibt er mir als "Kreative Sprache, die niemand verstehen konnte".

    @ Seven.of.Nine

    Danke für deine direkten und ehrlichen Worte. Ob er ein Blender ist, oder nicht, vermag zum jetzigen Zeitpunkt niemand zu urteilen, da es absolut vermessen wäre, von ihm zu erwarten, dass er seinen Zustand korrekt einschätzen könnte. Leider Gottes erkennt er die Realität nicht mehr und hält stattdessen seine Nebenwirkungen für den Optimalzustand.


    Fairerweise muss ich aber gestehen, dass mir auch schon Gedanke gekommen ist, er lüge einen bewusst an. Denn in seine verzerrten Wahrnehmung bezüglich seiner Gesundheit, dem Leben und der Beziehung vertritt er seinen Standpunkt dermassen glaubhaft, weil er auch absolut davon überzeugt und dies für ihn die einzige Wahrheit ist. Es ist in der Tat schwer abzuschätzen, wann er unbewusst Tatsachen verdreht, weil er tatsächlich anders empfindet, und wann er aber bewusst umdichtet und schwindelt.


    ich bedanke mich nochmals für deine extrem kritischen Inputs. Auch diese sind wichtig.

    @ Plüschbiest

    Danke sehr. Du hast vollkommen Recht. Vorwürfe und Belehrungen sind der falsche Weg. Immerhin ist er ein junger Erwachsener, und wer möchte schon gern mit erhobenem Zeigefinger herumkommandiert werden?! Und das dann noch als junger Mann?!


    Seit ein paar Tagen weiss ich jedoch, dass er medikamentenabhängig ist und gewisse Fakten über die Gesundheit ignoriert/überspielt, und dass sich die Psychose daraus entwickelt haben muss. Sein Rezept war für 30 tage bestimmt. Innert zwei Wochen waren die Päckchen aufgebraucht.


    Kein Wunder: Mit nur drei Jahren vom Vater zurückgelassen für die Arbeit in der Ferne, wurde er später von Kindergarten zu Kindergarten geschoben und später in der Schule gerade so geduldet, obwohl er schon immer sehr intelligent und gebildet war.


    Einmal, in der Grundschulzeit, hatte man ihn und seine Mutter sogar mit Medikamenten erpresst: Ohne Ritalin = Keine Schule! In seinen 22 Lebensjahren hat er demnach immer nur zu hören bekommen, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung sei und er sich verändern müsse, um gut zu sein. Nach zwei gescheiterten Ausbildungsversuchen "dank" der Gehirnwäsche eines Professors an einer anerkannten Klinik ist er nun der festen Überzeugung, ohne Medikamente (ohne das Amphetamin Elvanse und Antidepressiva) nichts zustande zu bringen.


    Es fällt mir schwer, immer ruhig zu bleiben und ihm keine Vorwürfe zu machen, um ehrlich zu sein. Wenn ich aber daran denke, dass er es sich nicht gewohnt ist, so wie er ist kompromisslos geschätzt zu werden, dann verstehe ich etwas besser und das hilft mir oft dabei, gewisse Aussagen seinerseits gelassener zu nehmen und dementsprechend angenehm zu reagieren.

    @ AB01

    Danke für deinen Einsatz und deine Nachfrage. Im Frühling hätte er seine Abschlussprüfung als Systemgastronomiefachmann absolvieren und abschliessen sollen. Dafür hatte er ab Dezember 2016 eisern und diszipliniert gebüffelt und geackert. Er liess sich Medikamente verschreiben, die ihn wach hielten. So arbeitete er tagsüber, und abends kam er nur deshalb in seine Studentenwohnung zurück, um die ganze Nacht für die Prüfungen zu lernen. So ging das tagelang. Bis zum Zusammenbruch.


    Bis heute ist er der festen Ansicht, keinen Klinikaufenthalt notwendig gehabt zu haben, er sei freiwillig dorthin gegangen, weil seine ganze Familie ihn dazu gedrängt habe und er seine Ruhe haben wollte. Dann kam für ihn das böse Erwachen, im wahrsten Sinne des Wortes: Entgegen seiner zweifellosen Annahme, dass sie ihn jederzeit wieder laufen lassen würden, wenn er gehen wollte, hielt man ihn in der Klinik fest, vor allem auch aufgrund der betonten Besorgnis seiner Mutter, deren Partner und der Familie. Er war auf verschiedenen Stationen, weil man sich nicht einig darüber war, woran genau er litt. Zuerst vermutete man ein Burnout, dann bestand der Verdacht auf Schizophrenie, und mal verlegte man ihn für eine ganz kurze Zeit auf die Borderline-Station.


    Vom Professor an der Klinik bekam er eine Überdosis des das Ahetamins Elvanse, von dem er seither mal mehr, mal weniger abhängig ist. Ende Frühling wurde er aus der Klinik entlassen, woraufhin er direkt mit 100% Einsatz wieder in seinen Job einstieg. Zweieinhalb Wochen später kam der Burnout-Rückfall. Seither kommt er nicht mehr wirklich in die Gänge, hat sich bei einer neuen Psychiaterin wieder seine Medikamente besorgt: Antidepressiva und allen voran das Elvanse , das er, trotz geistiger und körperlicher Nebenwirkungen und Wesensveränderungen, auf keinen Fall absetzen will. Eine Alternative gebe es auch nicht, sagt er.


    Als er gestern von seiner neuen Psychiaterin, der er nichts von seiner brisanten Vorgeschichte mit diesen Medikamenten berichtet und die nur durch mich, seine Mutter und seinen Onkel von den teils unheimlichen Nebenwirkungen erfahren hatte, kein neues Rezept mehr verschrieben bekam, wurde er ziemlich unbequem. Ich weiss nicht, wer oder was da noch hilfreich sein kann.

    @ JuliaT

    Ich verstehe nicht ganz. Was konkret meinst du mit der Hinterfragung, ob die Beschreibung meines Freundes auch auf mich zutreffend sein könnte? Inwiefern stellst du dies fest? Ich bin sicherlich genauso sensibel und rar wie er. Jedoch hatte ich nie in meinem leben etwas mit Medikamentenmissbrauch zu tun, und für mich kommt es auch nicht infrage.

    Dass er davon psychisch abhängig ist, glaube ich schon, das habe ich auch oft beobachtet; als ADSLer ist das Leben schwer, vor allem mit Komorbitäten.... oder eben Auswirkungen, die sich aufgrund der Interaktion mit der (meist sehr ablehnenden) Umwelt entstehen, eben Depressionen, Psychosen...


    man erlebt als ADSler so viel Stress und Mobbing mit den anderen Leuten, weiß meist gar nicht, was die eigetnlich wollen, man sieht aber, dass man diese gegen sich aufbringt und die schlagen dann zurück. Dazu hat man ein gEdächtnis wie ein Sieb, selbst, wenn man schlau ist, gebrochene Schulkarrieren...


    mit dem MPH kann man endlich mal das hinbekommen, was man von seiner Intelligenz her stemmen könnte und man gewinnt mehr Einblick in das soziale, kann sich besser steuern etc..


    Klar will man das dann nicht aufgeben.


    Es kommt halt einfach ein Punkt, da geht es nicht weiter, egal, wie clever man ist, wieviel Fleiss man aufbringt, egal, wie sehr man sich bemüht..


    und mit dem Medikament kann man sich selbst halt anzapfen und das schaffen, was andere auch können.

    Zitat

    Seine Augen wirken immer wie hinter einer Glasscheibe, selbst wenn er mir in die Augen schaut. Wie er so benebelt ab November wieder arbeiten gehen und seinen Abschluss nachholen können soll, ist mir ein Rätsel.

    Benebelt ist eher ein Zeichen für zu hoch dosiert, hängt von der Leber ab;


    ich war mal überdosiert, das habe ich daran gemerkt, dass die positive Wirkung nahezu nicht vorhanden war, also Arbeiten war wie ohne, wenn ich es überhaupt geschafft habe...


    (habe den Vergleich, ich habe das erst mit Ü40 angefangen zu nehmen).


    Aber nur MPH reicht halt nicht;


    die Idee dahinter ist ja, dass man durch das MPH lernt sich organisieren und mit den Leuten besser zurecht zu kommen. Also muss man parallel dazu an sich arbeiten;


    das muss er schon machen, also geduldig zuhören, evtl. Verhaltenstherapie... sonst ist die Medikation für die Katz' und dauerhaft ist das nicht als Lösung gedacht (also quasi als Droge eingesetzt zu werden als einzige Therapie).


    Das MPH ist nur Hilfe zur Selbsthilfe und wenn die Ärzte sehen: hey, der missbraucht das Zeug ohne was zu tun - dann kann schon sein, dass sie diesen Missbrauch nicht merh unterstützen.