Ich fühle mich wie ein Pendel

    Hallo liebes Forum,


    ich ahne, dass das Folgende sich möglicherweise seltsam lesen wird und ich deswegen polarisieren könnte. Eine konkrete Fragen an euch habe ich leider nicht; es ist aber ein starkes Bedürfnis da, mit jemandem zu "reden".

    Ich bin offen für kritische Stimmen und ich möchte eure ehrlichen Gedanken hören. Wirklich, das ist mir wichtig.

    Gleichzeitig fühle ich mich im Moment aber so angegriffen, dass ich Reaktionen, aus denen sich offensichtliche Bissigkeit erkennen lässt, im Moment nicht aushalten könnte. Ich möchte aber das, was ihr mir an Gedanken, Überlegungen und ehrlichem Feedback schreibt, annehmen können, auch wenn es zunächst (für mich) negativ klingen mag. Macht ihr es mir ein wenig leichter, indem ihr versucht, es so zu formulieren, dass ich es besser annehmen kann? Ich versuche auch, nicht unnötig empfindlich zu reagieren. Ich versuche es wirklich. @:)


    Es wird überdies ein längerer Text, weil ich schon vor Jahren diesen Faden hatte eröffnen wollen, es aber nie geschafft habe. Jetzt aber.


    Es fällt mir vieles unglaublich schwer, weil ich wahnsinnig schnell aus der Bahn zu kegeln bin und dann oft nur schwer und nur unter großer Anstrengung wieder zurück in die Spur finde.


    Diesmal ist der Auslöser eigentlich fast lächerlich: meine Masterarbeit wurde mit der Note 2,0 bewertet.

    Die Erstprüferin hat mir eine 1,0 gegeben, die Zweitprüferin offenbar eine 3,0 oder schlechter; ich finde gerade leider keine Ordnung auf der Homepage der Uni, wo die Gewichtung erklärt wird. Ich meine allerdings irgendwo gelesen zu haben, dass die Note des Erstprüfenden stärker gewichtet wird. Demnach könnte die Zweitgutachterin sogar eine 3,3 gegeben haben.

    In Unikreisen ist das schon ziemlich, ziemlich herbe, derbe schlecht.

    Ich war zunächst wie vom Donner gerührt wegen dieser Note. Sie lässt sich nicht mit meinen sonstigen Leistungen vereinbaren; bis gestern stand ich bei 1,1 in meiner (vorläufigen) Gesamtnote fürs Studium. Jetzt durch die 2,0 bin ich auf 1,3 gefallen. Auch die Prüfer sind offenbar sehr uneins.


    Sich davon dennoch in diesem Maße beeindrucken zu lassen, ist albern, ich weiß. Die (vorläufige) Endnote ist immer noch gut und ich bin damit zufrieden. Selbst wenn sie durch die bevorstehende mündliche Prüfung auf 1,5 oder 1,7 fallen sollte, werde ich damit zufrieden sein.

    Ich sollte das an mir abperlen lassen. Nicht ich als Person wurde bewertet, sondern nur meine Leistung.

    Rational betrachtet ist das so und ich versuche rational an die Sache ranzugehen.


    Was die Notensache angeht, denke ich, dass mir das gelingen wird. Wirklich.


    Woran ich jedoch zu knabbern haben werde, ist, dass mir dieser Vorfall sehr symptomatisch für meine Lebenssituation vorkommt: ich habe das Gefühl in wesentlichen Bereichen zwischen Extremen zu pendeln, extrem gut oder extrem schlecht.


    Ich beginne mit der/an der "Oberfläche", denn selbst in diesem Bereich fühle ich mich sehr instabil, obwohl die Oberfläche materiell vorhanden und greifbar ist und in so kurzer Zeit einfach nicht so starken Schwankungen unterworfen sein kann:

    Ich schaue also in den Spiegel und denke, ich sehe ganz okay aus, ich darf mich unter Menschen trauen. Manchmal finde ich mich auch nicht bloß okay, sondern ganz hübsch.

    Zehn Minuten später laufe ich gut gelaunt an einer spiegelnden Fläche vorbei, schaue zufällig hinein - und sehe mich plötzlich als unförmig und entstellt.

    Manchmal ist es aber auch umgekehrt: ich kann mich erst kaum ansehen und einige Zeit später sehe ich mich im Spiegel und finde mich ganz hübsch. Völlig grundlos.


    Mir wurde von mehreren anderen Menschen rückgemeldet, ich sei optisch sehr attraktiv.

    Gleichzeitig ist es aber so, dass ich schon für mein Aussehen gemobbt wurde und ich mich deswegen vier Jahre kaum aus dem Haus getraut habe; selbst heute bin ich oft froh, wenn mir keiner begegnet und keiner mich anschaut.

    Auch meine Familie schlug mal offen und mal verdeckt in diese Kerbe.


    Ich will im Bereich des Aussehens nicht oberflächlich sein; ich denke auch, dass ich das insgesamt nicht bin, weil ich viel nachgedacht und hintergfragt habe. Dennoch muss ich zugeben, dass ich phasenweise sehr darunter leide, mich hässlich zu fühlen.

    Am schlimmsten hierbei ist für mich allerdings, dass ich in meiner Eigenbeurteilung so stark schwanke, weil ich mich mal so, mal so sehe, obwohl ich in zehn Minuten nicht plötzlich dick oder schlank, schön oder hässlich werden kann.


    Mal betrachte ich Menschen, Situationen, mich selbst mit Wohlwollen, Optimismus und Verständnis.

    Dann stehe ich morgens mit dem falschen Fuß auf und alle positiven Gefühle sind zerstört und alle Leichtigkeit ist verflogen. Grundlos.


    Mal schaffe ich es ohne größere Anstrengung 20km zu laufen. Mal laufe ich sie unter großer Anstrengung und beiße mich trotz Schmerzen oder Erschöpfung durch. Demgegenüber gibt es Tage, da komme ich aus dem Bett nicht hoch und wenn doch, brauche ich zwei Stunden, um mich anzukleiden oder schleppe mich 14 Treppenstufen hoch und muss oben verschnaufen. An solchen Tagen bekomme ich keinen Fuß auf den Boden, ich fühle mich wie ein Lauch.


    Andere schätzen meine Leistungen, loben mich, ermutigen mich, stellen mir Zeugnisse aus, die meine Leistungen sehr positiv bewerten.


    Ich stehe - laut Rückmeldung anderer - sehr präsent und gefestigt vor einer Gruppe von Menschen, trage etwas vor, leite an. Ich wirke offenbar ruhig und kompetent.

    Die Nacht davor habe ich aber entweder gar nicht oder nur sehr schlecht geschlafen, mich hin und hergewälzt und mich von meinen Gedanken/Träumen zermalmen lassen. In der Vortragssituation zerfalle ich innerlich vor Angst.

    Nachher bin ich zu erschöpft mich darüber zu freuen, dass ich mich dennoch getraut habe, mich der Situation zu stellen.


    Ein Dozent wollte mir eines seiner Seminare übertragen, weil er vermutlich meine Leistungen schätzte und mein Selbstbewusstsein damit stärken wollte. Er betonte, diese Aufgabe nur jemandem übertragen zu wollen, von dem er wisse, dass er es gut machen würde.
    Ich habe mich trotzdem nicht getraut, mich dieser Herausforderung zu stellen. Insgesamt traue ich mir meinen studierten Beruf inzwischen nicht mehr zu, egal was mir andere rückmelden. Und diese Überzeugung macht mich für die Aufgaben im Beruf ganz realistisch zu schwach und ungefestigt.


    Wenn ich Erfolg habe, traue ich mir neue Dinge zu. So habe ich mich gestern noch auf eine Stelle beworben, die zu bekommen ich mir sehr wünsche. Obwohl sie eher nur entfernt mit dem studierten Fach zu tun hat.

    Ja, ich habe immer Zweifel, immer, mal lauter, mal leiser. Aber gestern überwogen die Zuversicht und die Resilienz gegenüber einer möglichen Absage.

    Heute bin ich überzeugt, dass ich die Stelle nicht bekommen werde und dass mich das hart treffen wird.


    Meine Mutter und mein Stiefvater meldeten mir früher ständig zurück, aus mir werde nichts, bei mir sei alles sinnlos. Während meines Studiums (und auch schon weit, weit früher, zu Shculzeiten) musste ich mich oft stark zusammenreißen, weiterzukommen, den Anforderungen gerecht zu werden. Ich habe deswegen deutlich länger gebraucht als andere/von der Studienordnung vorgesehen.

    Meine Mutter und mein Stiefvater reagieren darauf mit Druck, Vorwürfen oder Desinteresse. Kurzzeitig staunten sie aber, dass ich trotzdem so gut war. Zumindest damals, als ich noch bei 1,1 als Gesamtnote stand und laut Prüfungsamt eine der Besten. Bei einer 1,3 als Teilnote ließ meine Mutter jedoch mal verlauten: Naja, das geht ja noch. Und verließ das Zimmer.

    Ich sollte mich davon nicht so beeindrucken lassen. Ich bin erwachsen, es ist nicht mehr wichtig, was meine Eltern zu meinem Zeugnis - oder generell - sagen. Es gibt Tage, an denen ich davon überzeugt bin, dass es egal ist. Es gibt Tage, wo ich mir einfach wünsche, dass mal ein wenig Stolz von ihrer Seite durchscheint.


    Ich hatte eine schwere Kindheit und Jugend, die mir viele Zusammenbrüche, viel Zweifel, wenig Lebensfreude/Zuversicht, zwei dreimonatige Klinikaufenthalte und Psychotherapien in einer Gesamtdauer von mehr als 7 Jahren beschert haben. Mehrere Therapeuten sagten mir, es sei erstaunlich, dass ich trotzdem mein Abitur gemacht, gearbeitet und nebenher meinen Bachelor und Master geschafft habe.


    Und es geht mir trotzdem sehr oft nicht gut. Oft überlege ich, ob ich durch das Mitleid anderer, oder durch deren Ratlosigkeit, was sie sonst mit mir anfangen sollen, so weit gekommen bin. Manchmal wurde ich auch so durchgewunken, das weiß ich.


    Mal ergehe ich mich in Selbstmitleid, mal begegne ich mir mit unerbittlicher Härte. Mal bin ich "drama", mal elendig nüchtern.


    Ein Therapeut diagnostizierte mir einen Rattenschwanz an Persönlichkeitsstörungen. Der andere Therapeut lachte über die Diagnose(n) und fand mich "ganz normal".


    Gerade versuche ich wirklich, wirklich einen Mittelweg zu finden/zu gehen, aber ich weiß nicht, ob mir das gelingt. Ich fühle mich gerade sehr verzweifelt, fragil und zersprungen. Ich kann mich nicht mehr definieren, und wenn ich ehrlich bin, frage ich mich schon lange, wer ich bin und wo ich mit meinem Leben anfangen will/soll.


    Weil alles so konfus bei mir ist, habe ich viele Pläne, die ich jahrelang verfolgt hatte, über Bord geworfen. Sie passten plötzlich nicht mehr, oder haben es nie und ich war zu unehrlich, mir das einzugestehen.

    Jetzt habe ich irgendwie keine Ziele und folglich noch weniger, woran ich mich entlanghangeln/womit ich mich mit meiner Persönlichkeit definieren könnte. Ich weiß das jetzt seit ein paar Monaten, durch die Bearbeitung meiner Masterarbeit ist das hochgekommen, aber ich habe es unterdrücken können, weil ich hoffte, diese Arbeit könnte für mich ein Sprungbrett sein. Grade fühlt es sich an wie eine Säge - und ich versuche mich daran festzuhalten, dass alle Gefühlslagen vorübergehend sind und auch wieder bessere Zeiten kommen.


    Um abschließend das Pendel nochmal anzuschubsen: ich habe meine Masterarbeit zum Thema Identitätsbildung geschrieben.X-\

  • 5 Antworten

    ich habe nicht alles gelesen, weil ich kurz angebunden bin.


    meinst du in 5 - 10 jahren interessiert sich jemand für deine masternote :_Dich habe eine 1.0 geschafft. es hat mich weder jemand darauf angesprochen, noch hat es jemanden bisher interessiert. hilft eigentlich nur dem eigenen ego.


    2.0 ist unterstes limit, aber keine schande, kenne studis mit 3.0 und schlechter.


    also: nicht verrückt machen.

    TimFaber schrieb:

    meinst du in 5 - 10 jahren interessiert sich jemand für deine masternote :_D

    Ich weiß, dass du es gut meinst und wahrscheinlich trösten wolltest. Aber das im Zitat ist nicht mein Problem. :-(

    Zumindest nicht im Hintergrund.

    Ich finde vorsichtig gesagt, dass Du ein wenig zu Extremen neigst. "Ich schwanke zwischen extrem gut und extrem schlecht". Wo denn? Nur weil zwei Menschen in ihrer Notengebung abweichen? Ich lese aber keine "extrem schlechte" Note heraus (in meiner Diplomarbeit gab's eine 1 und eine 2, machte 1,5, aber bei uns im Fach gab es nur ganze Noten...).


    Ebenso bzgl. Aussehen: Dein Aussehen ist doch nicht extrem gut oder schlecht, sondern wird von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich bewertet, in offensichtlich unterschiedlichen Lebensphasen. Tja, Geschmäcker sind verschieden.


    Und Du bist so weit gekommen, wie Du gekommen bist, weil Du die entsprechende Leistung erbracht hast. Offensichtlich unter erschwerten Bedingungen, daher ist selber ein durchschnittliches Notenergebnis etwas, worauf man stolz sein kann.


    Und JA, ich teile die Meinung, dass Deine stark schwankenden Sichtweisen und die dann erlebten Extreme ein Problem darstellen. Jeder hat gute und schlechte Momente, aber pendelt sich auf ein Mittelmaß ein. Das scheinst Du nicht zu sehen, sondern v.a. die negativen Aspekte. Im Extrem.

    WARUM gelten für Dich die positiven Belege so wenig?


    Und vielleicht brauchst Du ein wenig Abstand zum Thema Deiner Masterarbeit.

    Sunflower_73 schrieb:

    "Ich schwanke zwischen extrem gut und extrem schlecht"

    Oft in meinen Stimmungen. Ich bin da sehr wie ein Fähnchen im Wind.

    Dann gibt es noch Situationen, wie mit meiner Masterarbeit: 1,0 finde ich extrem gut. Es ist die Bestnote. Als ich davon erfahren habe, habe ich mich ganz kurz gefreut. Aber dann kam wieder diese Stimme, dass ich die Note nicht verdiene. Und es ist auch wirklich so; ich weiß, dass meine Arbeit Mängel hat und ich weiß auch, wo.

    Am Tag der Abgabe hatte ich morgens um 3 eine Krise, in der ich wegen dieser Mängel fest davon überzeugt war, durchzufallen. Oder sehr schlecht abzuschneiden.


    Und dann bekomme ich von der Hauptgutachterin eine 1,0. Für mich die Bestätigung, dass ich mich nicht einschätzen kann.

    Das war vor anderthalb Wochen und ich begann zu hoffen, die andere Dozentin würde mir eine Note geben, die mich in der Endbewertung auf 1,3 oder 1,7 rutschen ließe. Damit hätte ich leben können, da es ein Kompromiss zwischen meinen Anforderungen an mich und den Mängeln in der Arbeit gewesen wäre.


    3,0 oder 3,3 finde ich hingegen "extrem schlecht". Zumal im Kontrast zu 1,0.

    Sunflower_73 schrieb:

    Dein Aussehen ist doch nicht extrem gut oder schlecht,

    Auch hier bezieht sich das mehr auf mein eigenes Erleben.

    Wahrscheinlich sind "gut" und "schlecht" zu wertende Adjektive für die Sache wie ich sie meine. Was ich damit sagen wollte: Ich kann mich nicht (mehr) einschätzen, auch ohne Wertungen. Ich sehe mich manchmal im Spiegel an oder auf Fotos und "erkenne" mich nicht, ich bin mir fremd.


    Es ist aber das Bedürfnis eines Menschen, sich zu (er)kennen. Mir gelingt es nicht mal mit der Oberfläche.

    Weil ich das alles selbst nicht (mehr) kann, fühle ich mich so abhängig davon, was andere denken. Und das macht mich sehr, sehr angreifbar.

    Sunflower_73 schrieb:

    WARUM gelten für Dich die positiven Belege so wenig?

    Ich vermute, weil es nicht dem Konzept entspricht, das ich von mir habe (bzw. das mir durch meine Erziehung und dergleichen aufgedrückt wurde). Diese Annahme finde ich in der Psychologie auch bestätigt: Menschen nehmen bevorzugt das an, was sie selbst (von sich) glauben.


    Natürlich freue ich mich, wenn Rückmeldungen positiv ausfallen. Aber sogleich meldet sich diese innere Stimme, dass ich es aus den Gründen X und Y nicht verdiene. Oder ich nehme an, die Person könnte sich etwas davon versprechen, wenn sie mir Honig ums Maul schmiert. Oder Mitleid.

    Sunflower_73 schrieb:

    Du bist so weit gekommen, wie Du gekommen bist, weil Du die entsprechende Leistung erbracht hast. Offensichtlich unter erschwerten Bedingungen, daher ist selber ein durchschnittliches Notenergebnis etwas, worauf man stolz sein kann.

    Mich darüber zu freuen, fällt mir auch deswegen so schwer, weil ich weiß, dass ich eigentlich vieles besser machen könnte, wenn ich nicht immer mit Nebel im Kopf oder mit Flashbacks oder völlig niedergeschmettert und kraftlos in der Ecke liegen würde. Ich habe manchmal Phasen, wo ich meine Stärken und meine Energie gut nutzen kann und gerade wenn ich anfangen will, aus dem Vollen zu schöpfen, kommt die nächste Attacke, die mich so arg zurückwirft.

    Ich fahre im Prinzip nahezu immer mit angezogener Handbremse. Zudem ist es nicht so, dass ich dies als Begründung für mein Versagen überall, wo es wichtig wäre, angeben kann. Ich habe so, so, so oft Chancen vorbeiziehen lassen, weil ich keine Kraft hatte, mich der Herausforderung zu stellen. Das erzeugte oft Unverständnis, auf das ich nicht entgegnen konnte, dass ich psychisch manchmal ein Wrack bin.