Ich muss hier raus, ich brauche Hilfe.

    Guten Abend.


    Es gibt einige Baustellen in meinem Leben, von denen ich schreiben könnte. Diese allerdings scheint mir die einzige, die allein von meinem Willen abhängt und die ich alleine auf die Reihe kriegen kann - ich muss mich bloß zusammen reißen. Ich habe seit etwa sechs Jahren ein massives Problem mit Nahrungszufuhr. Meist zu wenig, manchmal viel zu wenig und phasenweise übergebe ich mich. Nun bin ich seit Anfang des Jahres wieder in letzterer Verhaltensweise gefangen. So lange und schlimm wie nie zuvor. Im Sommer habe ich es sechs Wochen ohne geschafft und dann -peng- mit all dem anderen schlechten Witzen in meinem Kopf knallt auch dieser wieder rein. Nun bin ich wieder voll drin. Esse den Tag über kaum etwas und etwa jeden zweiten Abend brennt mir die Sicherung durch. Ich esse irgendwelchen Mist und breche es wieder aus. Ich kann mich danach nicht mal richtig daran erinnern. Ich fühle mich unwirklich, stehe neben mir. Das bin nicht ich, die meine Hände führt und irgendwie ja doch. Wie kann das sein? Ich wollte das nie, ich will das nicht!


    Nun: Ich will nochmal einen Versuch starten. Ich habe unglaubliche Angst. Ich schwanke zwischen halbherzigen Motivationssprüchen "Ich kriege das hin!" und abgründigem Selbsthass.


    Ich habe noch nie von diesem Ekel in mir, zu mir erzähl oder geschrieben, aber ich brauche jemanden, der mich hört. Irgendein Gegenüber vor dem ich mich "rechtfertigen" will. Ich werde ausprobieren, ob es mir gelingt, wenn ich hier schreibe, was ich esse und wie ich fühle und bin dankbar für jeden, der/die mir zuhören, mich unterstützen oder in den Arsch treten mag.


    Danke fürs Lesen!


    PS: Ja, schon wieder eine Neuanmeldung... bin allerdings nicht neu, nur neunamentlich und unbefleckt unterwegs. ;-)

  • 6 Antworten

    HAst du professionelle Unterstützung? Essstörungen aufzugeben ist höchst selten eine Willensfrage und zusammen mit deinem Selbsthass ist das wohl eher eine Erkrankung und um die auszuheilen braucht man professionelle Hilfe.

    Du brauchst einer Psychotherapie. Die Hauptfrage ist, was ist der Trigger? Gab es vor 6 Wochen ein besondere Stressor? Bei Magersucht ist es die absolut Selbstkontrolle. Bei bullemie ist es viel komplexer. Geht eher weniger um Selbstbild. Aber einer Essstörung ist es auf jeden Fall und hat auch etwas selbstdestruktiv dabei.

    Danke für Eure Antworten!


    Ja, ich weiß, dass das eine Erkrankung beziehungsweise Symptom meiner psychischen Probleme ist. Wegen dem restlichen Mist beginne ich grade eine Traumatherapie. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass meine Probleme mit dem Essen psychische Stresskompensation sind und somit nur eine Folge, die ich möglicherweise mit der nötigen Energie irgendwie noch selber auf die Reihe bekommen kann. Ich bin im Moment nicht depressiv, sondern ansonsten in einer eher guten Grundstimmung, kann ganz gut schlafen, habe wenig Albträume und somit Kraft. Ich will da raus - es geht ja sozusagen um mein Leben. Ich brauche nur einen Ort zum reden, sonst dreht sich der Mist zu stark in meinem Kopf.

    Zitat

    Die Hauptfrage ist, was ist der Trigger? Gab es vor 6 Wochen ein besondere Stressor?

    Ich glaube Trigger ist alles, was mich psychisch stresst. Depressive Gedanken, Albträume, Schlechte Erinnerungen, Panikattacken. Es waren sechs Wochen ohne Übergeben, jetzt seit zwei Wochen wieder da ungefähr zeitgleich mit einem negativem Stimmungsumschwung.

    Meine erste Frage wäre: Wie geregelt / routiniert ist dein Alltag?


    Bei mir schlagen sich selbst kleinste Veränderungen ganz massiv aufs Essverhalten nieder :(v Manchmal sind diese Regungen / Veränderungen so klein, dass ich sie selber gar nicht merke, mir dann aber mein Partner diese Schwankungen aufzeigen kann, weil er mich extrem gut kennt.


    Ich bin mindestens seit vierzehn Jahren (!) essgestört. Wobei ich alle Formen von ES durch habe und bei mir dauerhaft hängen geblieben ist, dass es mir niemals so schlecht ging, wie in der anorektischen Phase. Ich bin schon einige Jahre übergewichtig. Auch nicht schön, klar, aber gesundheitlich deutlich weniger bedenklich als Anorexie. Ist einfach so.


    Bulimisch bin ich auch schon mindestens fünf Jahre. %-|


    Mir geht es - wie zu Schulzeiten (strukturierter Alltag!) deutlich besser, seit ich einen Job habe, viele Stunden arbeite und einfach nicht so viel Zeit für die pathologischen Ernährungsgedanken habe. Therapie ist sicher angezeigt, die ES war der einzige Punkt bisher, der nicht auf Therapie reagiert hat.


    Worauf ich eigentlich hinaus will: Im deutschsprachigen Kulturraum wird sehr viel Wert auf Klinikbetreuung bei gewissen Störungsbildern gelegt. Das ist für viele sicher klasse, für andere aber richtig Scheiße. Es gibt auch Wege außerhalb der klassischen Psychosomatik-Reha


    bzw. es gibt insgesamt sehr viele Angebote jenseits einer Diagnose-Doktrin (wenn.... dann...). Wichtig es, für dich als Individuum herauszufinden, was dir helfen könnte, was ganz akute Leidenspunkte sind (Trauma) oder was du erst kraftmäßig / leidensmäßig / körperlich noch nach hinten stellen kannst. Das kannst nur du in Kooperation mit deinem Arzt wissen.


    Auf jeden Fall gibt es immer Hoffnung und Möglichkeiten aus den pathologischen Verhaltensweisen raus :)_ Gerade das Thema Essen ist mit so vielen mächtigen Gefühlsaspekten verbunden, dass eine Lösung immer individuell verhandelt und aufgebaut werden muss. Dazu kommt noch der Aspekt des rein physisologischen zustandes.


    Ein Therapeut / Therapieangebot, das nicht (zumindest passiv) auf deine Entwicklungsgeschwindigkeit eingehen will, passt hier m. M. nach einfach nicht. :)*

    Na, wenn du gerade eine Traumatherapie angefangen hast, dann ist es nicht sonderlich verwunderlich das du wieder auf die Methoden der Stresskompensation zurückgreifst, die in der Vergangenheit bereits gezogen haben.


    Dabei fühlt man sich ja auch manchmal einfach schlicht zum Kotzen.


    Struktur finde ich auch wichtig und dabei auch geplante Auszeiten, sich erlauben mal nen Tag im bett zu liegen nach einer harten Sitzung, aber am nächsten Tag im erprobten Rythmus sofort wieder rein. Und solche Soft-Skills wie Puzzeln oder so, irgendwas bei dem man sich richtig konzentrieren muss, ohne wirklich denken zu müssen. Das kann auch helfen.


    Wenn du versuchst dich zu besiegen, dann geht das meiner Erfahrung nach schief. Erst wenn du anerkennst das dies Verhalten für dich einen Wert hat, dass da etwas befriedigt wird und das man das nicht einfach streichen kann, sondern gezielt ersetzen muss, dann geht da was. So ein Weg dauert, man muss viel ausprobieren, erleidet Rückschläge, aber man lernt sich und das was einem sonst so helfen kann immer ein Stück besser kennen und dabei lernt man dann so Minianzeichen wie Rythmusverschiebungen oder so zu erkennen und gleich gegenzusteuern.

    Obige Ansätze und Gedanken finde ich fast alle gut.


    Eines möchte ich aber noch ergänzen: Bei manchen Menschen ist es auch noch möglich, alleine, aus eigener Kraft eine ES nicht mehr zu brauchen.


    Ob du auch einer dieser Menschen bist, die auf dieses Mittel der ES verzichten können, kann niemand im Voraus wissen.


    Ich wollte nur erwähnt haben, dass es manchen Menschen eben möglich ist.


    Manche zahlen einen nicht geringen Preis dafür: Sie werden zutiefst traurig, müssen viel weinen, spüren einen tiefen, manchmal sehr, sehr starken seelischen Schmerz, der fast immer mit ihrer Vergangenheit zu tun hat.


    Das ist auch üblich eigentlich: Wenn man auf Kompensationen, auf Symptome, verzichtet, dann kommt der ursprüngliche Konfliktherd zum Vorschein oder droht zum Vorschein zu kommen (was auch oft mit Angst/Panik einhergehen kann).