Identitätskrise, Träume und Zweifel...

    Hallo,


    ich weiß nicht so recht, in welches Forum ich mein Anliegen schieben soll, deswegen schreibe ich mir jetzt mal alles von der Seele.


    Ich bin 29, weiblich und seit 6 Monaten in einer festen Beziehung. Ich bin jemand, der viel gereist ist, lange im Ausland gelebt hat und sich daher schnell woanders zurechtfindet. In den letzten Jahren dachte ich jedoch, dass ich meine Heimat nicht mehr verlassen möchte.


    Ich bin im Alter von 17 Jahren das erste Mal nach Norwegen gereist und habe mich sehr in das Land verliebt, es hat mein Leben verändert. Damals blieb ich direkt vier Jahre, habe dort gearbeitet und lebte in einer kleinen Wohnung, danach kam ich wieder zurück. Ich hatte damals natürlich noch keine Verpflichtungen in Deutschland, so dass ich noch zu Hause lebte und irgendwann in eine eigene Wohnung zog, anfing zu arbeiten, eine Ausbildung zu machen. Ich wollte irgendwann zurück nach Norwegen, aber für den Moment hatte ich starkes Heimweh. Das klappte auch ganz gut, ich reiste zwar gerne immer noch, war noch für 1-2 Jahre in den USA und woanders, aber hatte immer meine Heimat und ich dachte, so bleibt es auch.


    Als ich meinen letzten Freund hatte - die Beziehung dauerte vier Jahre - ging ich davon aus, irgendwann zu ihm in die Schweiz zu ziehen, eine Familie zu gründen. Das ging jedoch durch starke psychische Probleme von ihm durch die Brüche und so reiste ich nach der Trennung erstmals wieder nach Norwegen, nach vielen Jahren. Für mich war das ein Schlüsselerlebnis: Die ganze Liebe kam wieder zurück, seitdem vergeht kein Tag, an dem ich nicht damit zu tun habe. Ich hatte mir geschworen, mich nie wieder von jemand anderem abhängig zu machen. Derzeit bin ich 2-3x im Jahr oben, wie es das Budget erlaubt, habe dort einen Freundeskreis, spreche die Sprache fließend. Meine Branche ist auch gefragt, ich hatte als Single Anfang des Jahres tatsächlich vor, nächstes Jahr gehe ich.


    Dann kam alles anders und ich lernte meinen jetzigen Partner kennen. Mit meinem Freund bin ich - nachdem ich zuvor eine sehr ungesunde Beziehung hatte - glücklich. Ich habe ihn im Frühling kennengelernt. Er ist Franzose, lebt in Frankreich, ich bin an der Grenze aufgewachsen, die Kommunikation klappt wunderbar mit unserem Sprachgemisch. Er ist ein totaler Karrieremensch, arbeitet viel, möchte seiner Familie später etwas bieten können. Das ist auch sehr gut so, wir wussten schnell, das ist das Richtige, wir wollen zusammenbleiben. Wir ergänzen uns wunderbar und lieben uns.


    Nun ist es so, dass er in 1-2 Jahren nach Paris gehen wird, um dort 3-4 Jahre lang zu leben, weil er eine interne Weiterbildung macht, die ihm später viel Geld und eine hohe Position einbringen wird. Klar, würde ich auch machen, er hat lange dafür studiert. Wir beide mögen die Stadt nicht, aber ich sagte zu Beginn direkt: Ich komme mit dir. Davon ging ich bislang zumindest aus. Er hat große Angst, mich zu verlieren, er träumt schlecht. Wir haben beschlossen, nicht mehr darüber zu sprechen. Die Zukunft liegt wie ein Damoklesschwert über uns und wir wissen nicht, was sie bringt.


    Denn mittlerweile hatten wir einige Gespräche, die uns so manches Abendessen versaut haben, weil sie irgendwann in Schweigen und Ratlosigkeit enden. Ich habe ihm gesagt, weißt du, mein Plan war, wenn ich nicht nach NO ziehe, dann möchte ich nächstes Jahr wieder in der Schweiz arbeiten, Geld beiseite legen, auf ein Ferienhäuschen dort oben sparen. Ich möchte zumindest nach Paris wieder hier im Dreiländereck leben, nahe bei meiner Familie, nicht in Frankreich (ich mag Frankreich einfach nicht, das weiß er). Er jedoch zweifelt, dass er hier oder in der Schweiz etwas findet, zumal er kein Deutsch kann, was ich ihm versuche auszureden. Für ihn ist NO gar keine Option, denn er hat keinerlei Bezug dazu, das ist logisch. Sein Kollege hat beispielsweise eine Stelle in Marseille bekommen - das wäre für mich undenkbar. Er sagt momentan auch, er liebt mich über alles, aber er hofft, nie in die Situation zu kommen, zwischen mir und Job wählen zu müssen.


    Was, wenn ich in vier Jahren dastehe, wir uns vielleicht trennen, weil er sich für die Karriere entscheidet, nach Südfrankreich oder woanders hin ziehen will...und ich Mitte 30 bin, neu anfangen muss alleine? Ich weiß nicht, ob ich dann noch auswandern würde. Irgendwann will man ja auch mal heiraten und Kinder haben, ich habe auch nicht ewig Zeit.


    Und da stehe ich jetzt und habe Angst vor der Zukunft. Angst vor dem Tag, an dem er irgendwann sagt: in 6 Monaten müssen wir umziehen, und ich muss dann alles in die Wege leiten, meine Wohnung/Job kündigen, mich vor allem seelisch drauf vorbereiten. Angst, meine Träume aufzugeben, die ich mein halbes Leben lang habe und irgendwann zu merken, scheiße, jetzt ist es zu spät.


    Momentan ist es so, dass ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Jedes Mal, wenn ich dort oben bin, meine Freundin sehe, die ausgewandert ist und am Wasser lebt, in einem Holzhäuschen, quasi meinen Traum lebt, bricht es mir das Herz. Jedes Mal, wenn ich oben bin, bin ich ich, bin glücklich, gelöst, atme die Luft ein, stehe am Wasser, genieße jeden Augenblick. Es ist mein Land. Jedes Mal, wenn ich heim fliege, kommen mir die Tränen. Ich stehe mit den Freunden oben täglich in Kontakt, es ist wie ein zweites Leben, das sich dort abspielt, obwohl ich meine Heimat sehr, sehr liebe. Andererseits bin ich hier zu Hause, bin ein badisches Mädchen, liebe meinen Freund. So einen wunderbaren Mann, der mir die Sterne vom Himmel holt, finde ich nicht wieder, und trotzdem liege ich oft nachts leben ihm und frage mich, ist das das, was du willst? Mich von ihm zu trennen, ich würde ihm sein Herz zerreißen. Meins auch.


    Was jedoch immer dagegen gesprochen hat und mir auch auf der Seele liegt, ist, dass ich Einzelkind bin und mich irgendwo für meine Eltern - getrennt lebend- verantwortlich fühle. Sie sind jetzt noch keine 60, aber sie werden auch älter, sind dann alleine. Wir sind sehr, sehr eng miteinander - sie sagen zwar, lebe deine Träume, ach Quatsch, ist doch dein Leben, mach, was du magst! Sie wissen, wie ich bin, aber sie hängen sehr an mir, würden meinem Glück aber nie im Weg stehen. Aber sie allein lassen, das tut mir sehr weh. Wenn etwas passieren würde, wäre ich nicht da.


    Ich war immer jemand, der sagte, ich lebe nur einmal, verwirkliche deine Träume, oder ich habe Dinge einfach gemacht. Doch was ist mein Traum, wo gehöre ich hin? Mich belastet das Nachdenken so sehr, dass ich momentan nur am Ablenken bin, viel Sport treibe, aber eine tiefe Traurigkeit durch diese Zerissenheit in mir habe. Ich will meinen Freund nicht verlieren, ich könnte die Beziehung nicht beenden und dann alleine wegziehen - die Kraft hätte ich nicht. Aber so, wie es ist, fühle ich mich auch nicht komplett.


    Ich bin 29 und habe eine totale Identitätskrise, mir kommen gerade schon wieder die Tränen...und übermorgen fliegen wir in den Urlaub.... :°(


    Könnt ihr mir irgendwas raten? Vielleicht nicht, aber es tut trotzdem gut, das mal geschrieben zu haben...

  • 5 Antworten

    Hallo,


    Es ist bestimmt gut, alles mal rauszulassen. Was der richtige Weg ist, musst du aber leider selber entscheiden.


    Ich war in einer ähnlichen Lagen, zumindest was die abhängigkeit angeht.


    Als ich mit meinem ex zusammen war, habe ich noch zuhause gewohnt und obwohl ich unbedingt raus aus meinem Elternhaus wollte, habe ich gewartet, da ich dachte, irgendwann ziehe ich mit ihm zusammen. So kam es aber nicht und als wir Schlusd hatten, war das erste was ich getan habe: ich bin ausgezogen. An den ort, den ICH wollte, der mich glücklich macht. Ich bin froh, dass ich das tun konnte bevor wieder jemand kommt, von dem ich diese Entscheidung wieder abhängig gemacht hätte!


    Bei dir ist es nun etwas anders, da du in einer Beziehung bist.


    Also musst du dich fragen, gibt es einen Kompromiss? Eine Fernbeziehung vlt bis er seine Weiterbildung fertig hat?


    Oder vielleicht: zuerst gehst du ihm zuliebe nach Frankreich, ihr verbringt eure Urlaube in NO, sodass er einen Bezug bekommt und zieht dann dorthin?


    Das Problem ist ja, dass ihr beide kompromissbereit sein müsstet.


    Ich will dir nichts einreden, aber wenn ich spüren würde, dass mein Partner zu nichts bereit wäre, wäre ich auch zu nichts bereit.


    Vielleicht gibt er ja einfach mal in einem langen Urlaub NO eine Chance, aber ihr müsst mal herausfinden, wer zu was bereit wäre. Umgekehrt solltest du dann aber auch Frankreich eine Chance geben. Wenn ihr beides getestet habt, könnt ihr das vlt besser entscheiden.


    Und an diesem Punkt solltest du dich fragen, brauchst du wirklich NO um glücklich zu sein, oder kannst du mit einer Familie überall glücklich sein? Ein Haus macht kein zu Hause, die Leute, mit denen du es teilst, machen es aus!

    In meinen Augen hast du keine Identitätskrise. Du hast dich lediglich auf zu viele Dinge auf einmal eingelassen und stehst vor Entscheidungen.


    Du hast eine Entscheidung schon getroffen: du möchtest nicht in Frankreich leben. Das allein kann sich schon zum großen Problem entwickeln, weil dein Freund nun mal Franzose ist und ich in deinem Beitrag keinen Hinweise erkenne, dass er im Ausland arbeiten möchte. Und diese Klarheit fehlt euch, oder ihr wollt sie nicht wahrnehmen.


    Dein Partner ist nicht minder beharrlich, denn ein Satz wie "er hofft, nie in die Situation zu kommen, zwischen mir und Job wählen zu müssen." ist für mich eine klare Botschaft an dich. Pass dich mir und meiner Karriere an, oder wir werden uns trennen müssen. Wie sonst könnte man diese Hoffnung verstehen? Hoffnung, dass er plötzlich Mut für einen Job in der Schweiz hat oder die Liebe für Norwegen? Das glaube ich eher nicht. Seine Hoffnung ist, dass du dich für ihn entscheidest und mit ihm in seinem Wunschland leben und arbeiten würdest. Bitte korrigiere mich, wenn du das anders siehst oder ich etwas übersehe.


    Wenn ich richtig liege, ist deinem Partner der Job wichtiger. Auch, wenn ihm eine Trennung weh tun würde, würde er diese für den Job machen. Und dir ist das Land wichtiger als dein Freund. Du würdest höchstens vorübergehend in Frankreich leben wollen.


    Einer von euch muss von seinem Standpunkt abrücken. Und diese Sicherheit solltet ihr gewinnen, bevor seine Weiterbildung ihn nach Paris führt. Sonst schiebt ihr den unbeliebten Punkt der Entscheidung immer vor euch her. Gegebenfalls mit den Konsequenzen, die du bereits geschildert hast, dass du 4 Jahre darauf hoffst, dass ihr nach dem Einsatz dort wieder woandershin gehen könnt. Und noch etwas: in der Zeit in Paris wird er sich auf seine Karriere konzentrieren. Und er kann mit Norwegen nichts anfangen. Er wird nicht der Mensch sein, der in der Zukunft 2-3 mal im Jahr mit dir da oben seine Zeit verbringt, sondern er wird von der gemeinsamen Urlaubszeit vermutlich auch etwas für seine Interessen einfordern. Wenn du dich für ihn entscheidest, musst du daher vermutlich mit Frankreich leben und dem weitestgehenden Verzicht auf Norwegen.


    Abgesehen von dieser Zwickmühle sehe ich aber auch eine starke Unentschlossenheit, deine Eltern hier alleinzulassen. Diese solltest du ablegen. Es liegt durchaus in der Natur der Sache, dass man sein Elternhaus verlässt und seinen Platz im Leben sucht. Wenn du jetzt nach Köln ziehen würdest, würdest du dir auch nichts dabei denken, nur weil es noch in Deutschland liegt. Wenn du zuhause mal gebraucht wirst, wirst du in jedem Fall nicht einfach nebenan wohnen. Und auch von Norwegen oder Paris ist das badische Land kein exotischer Ort, den man nur mit einer Tagesreise erreichen kann. Deine Eltern sind beide noch verhältnismäßig jung, die Zukunft ist ungewiss. Erst wenn nur noch ein Elternteil allein lebt und Probleme bekommt, wird es wirklich dringlich, als Nachkomme Dinge zu regeln. Wir sprechen hier über vielleicht 4-5 Wochen in deinem Leben, die du für deine Eltern vielleicht da sein musst. Das ist keine Zeitspanne, um sich regional zu binden. Ich würde mich von diesen Bedenken trennen.


    Bleibt immer noch die Frage nach deinem persönlichen Ziel. Wie gesagt sehe ich eine Schnittmenge aus deinen regionalen Vorlieben und einer Zukunft mit einem Partner als sehr kritisch. Und Gespräche darüber sollten nicht in betroffenem Schweigen enden, sondern sie müssen geführt werden. Sein Einsatz in Paris ist eine Zäsur, und sie wird kommen und von dir Entscheidungen verlangen.


    Als jemand, der Frankreich ebenfalls nicht mag, dafür aber Skandinavien liebt, würde ich dir gerne zurufen: Da oben wirst du ebenfalls dein Glück finden! Aber das wäre ja sehr subjektiv und nicht ganz fair. Ich lebe übrigens immer noch in Deutschland, und das ganz bewusst. Ich weiß, dass ich jederzeit nach Skandinavien fahren kann. Und ich werde es immer so unbeschwert genießen, wie ich es kennengelernt habe. Das wäre nicht der Fall, wenn ich oben arbeiten würde und der Tag "normal" wird. Auch ein Aspekt, den du bei deiner Entscheidung berücksichtigen solltest. Manche Dinge verlieren ihre Faszination, wenn man sich nicht mehr darauf freuen kann.


    Ich freue mich, weiter von dir zu lesen und wie deine/eure Entscheidungen verlaufen werden. @:)

    Hallo, habt Dank für eure Antworten.


    Mir ist schon klar, dass jeder Ort seine Faszination verliert nach einer Weile - man kann auch nie wissen, ob es für immer ist. Aber ich hatte ja bereits einige Jahre Arbeitsalltag da oben mit seinen Vor- und Nachteilen und sehe da eben, für mich persönlich, sehr vieles, mit dem ich besser zurecht komme, mit dem ich mich viel mehr identifiziere. Ich kenne Behördenabläufe, den ganzen Kram... bin vertraut mit NO. Generell fühle ich mich dem inzwischen mehr zugehörig als Deutschland. Ich feiere sogar 17. Mai, Nationaltag. Klima, Menschen, Lebensweise, alles. Hatte Vorfahren dort, vielleicht liegts im Blut.


    Ich möchte nicht irgendwo in Frankreich leben, nein, aber im Elsass wäre ja noch für mich in Ordnung! Da kann er auch arbeiten, ganz sicher, aber er will ja nicht "irgendeinen 08/15-Job"...und da ist der Foodsektor nicht so gross. Momentan arbeitet er für einen Getränkeriesen, klar dass er da bleiben will erstmal.


    Elsass wäre sehr schön, ich mag es und es ist a) deutlich günstiger als hier in Baden und ich bin schnell zu Hause. Ich hatte bei den Gesprächen immer zu ihm gesagt, ich möchte in max. 2-3 Stunden bei der Familie sein können, dann ist es ok. Aber nicht Bordeaux oder Marseille. Warum ich dann nach NO gehen würde, fragte er dann, da ist deine Familie doch auch nicht. Er kann nicht nachvollziehen, dass das für mich auch Vertrautheit und eine Art Heimatgefühl ist.


    Im Zweifel, so denke ich, würde er sich wohl schon für mich entscheiden. Aber was hane ich davon, dann ist er später mit dem Job unglücklich und hält es mir vor? Er sagte mir letzte Woche, ohne dich war mein Leben grau und farblos, seit du da bist, ist jeder Tag schön. Und er weiß nicht, wie sehr ich mit mir hadere, ich fühle, ich würde ihm so wehtun, würde ich Schluss amchen und ich will das ja auch gar nicht. :�(


    Aber momentan reicht schon das falsche Lied im Radio, irgendwas Skandinavisches und ich werde melancholisch.

    Nachtrag: Derzeit lebt er im Elsass, da er im Außendienst mit Home Office für den Getränkekonzern arbeitet. Er gehr aber davon aus, dass er später als Manager intern arbeiten wird, in einer Firma, und das geht ja im beschaulichen Elsass wohl nicht, weil da gibts ja laut ihm nix. Er selbst stammt aus der Nähe von Metz, ist also auch 3 h weggezogen für den Job.

    Wenn Norwegen dein Lebenstraum ist - und danach klingt es - würde ich Norwegen wählen. Dein Freund macht umgekehrt keine Abstriche in seinen Zukunftsplänen und wer weiß, wie es mit eurer Beziehung in 2, 3 Jahren aussieht. Deine Liebe zu Norwegen ist dagegen schon seit Jahren konstant und das Land hat dich bisher nicht enttäuscht.