Im Bus geoutet: Borderline

    Gestern im Bus: Ein nett aussehender junger Mann sitzt neben mir.


    Er liest. Ich auch.


    Nach etwa 20 Minuten fragt er mich, ob ich denn wisse, wie spät es ist. Ich sage es ihm und wundere mich ein wenig, weil ich davon ausgehe, dass Leute meistens wissen, wann sie in einen Bus steigen. Offenbar ein Irrtum.


    Er fragt nach dem Titel des Buches. Ich zeige ihm das Buch (eine Celan-Biografie).


    Er schaut wie gebannt auf das Buch, lange, sehr lange. Ich gebe es ihm.


    Er sagt "Danke!" und fasst es behutsam, blättert darin, bleibt an einigen Stllen hängen, liest, blättert.


    Ich frage ihn, ob er Celan kennt. Er bejaht.


    Dann.. ihm fließen Tränen über das Gesicht.


    Der Bus nähert sich der nächsten Haltestelle, er sagt mit sehr leiser Stimme: "Ich habe Borderline" und stürzt aus dem Bus.


    Er war vielleicht 25-26 Jahre alt..


    Das Ganze geht mir nicht aus dem Kopf.


    Er machte so einen sehr feinfühligen Eindruck auf mich. Ein sensibler Mensch. Achtsam.


    Sein letzter Satz, so hilflos. Er sprach ihn und ...


    Ich hätte mich gern mit ihm unterhalten, auch über das, was ihn bedrückt. Auch über Borderline.


    Er hat es so ausgesprochen, als sei das etwas, was man verstecken müsste.


    Schade eigentlich.


    Haben hier Andere Erfahrungen mit Leuten, die an Borderline leiden?

  • 14 Antworten

    hi yukumu!


    als erstes meine komplimenten für deine mitfühlende art :)^ , ich kenne genug leute die in solch einer situation eher verständnislos und harsch reagiert hätten.


    ich kenne zwei diagnostizierte borderliner, und erfülle selbst die kriterien, bei mir haben sich die docs aber eher für die diagnose ADHS entschieden (ja, mir kommt es auch ziemlich komisch und willkürlich vor).


    ironischerweise ist bei den beiden eher die abwesenheit von feingefühl auffällig, mit den jungen im bus kann ich mich aber doch identifizieren, so was passiert mir relativ oft.


    naja, ich sage es so, niemand macht werbung mit den eigenen störungen, ein gewisses schamgefühl ist, denke ich, ziemlich verbreitet.


    ...und das leben ist ein haifischbecken, es kann sehr gefährlich sein, gefühle (also, wie noch vielen glauben, schwäche) zu zeigen...

    yukumu

    Zitat

    Er machte so einen sehr feinfühligen Eindruck auf mich. Ein sensibler Mensch. Achtsam.

    Darf ich mal eine Gegenfrage stellen:


    Was für eine Vorstellung (bzw. Kenntnis) hast Du bezüglich dieser Erkrankung?

    Danke für deine Antwort.


    Ich glaube, er war wirklich in einer schwierigen Situation.


    Schwer zu beschreiben.


    Obwohl er nur sehr wenig gesprochen hat, spürte ich, dass es ihm schlecht ging, auch noch bevor ihm die Tränen kamen.


    Schon wie er das Buch hielt! Sein Gesichtsausdruck. Wie er auf die Seiten des Buches schaute!


    Mir war, als hätte er viel, sehr viel zu sagen. Das Beeindruckendste aber war für mich seine Sensibilität, seine Feinfühlichkeit. Sehr zart, leidend.


    Was macht er? Findet er die Unterstützung, die er brauchen wird?


    Es ist Sch., dass man glaubt, sich damit verstecken zu müssen. Immerhin hat er es mir, einem Fremden, gesagt. Vielleicht war das gut für ihn. Auch wenn das sicherlich weniger als ein Tropfen ist.

    @ Isabell

    Zitat

    Was für eine Vorstellung (bzw. Kenntnis) hast Du bezüglich dieser Erkrankung?

    Ich weiß nicht wenig über psychische Krankheiten. Auch über Borderline.


    Aber wenn man etwas erlebt, geht das einem nahe. Anders etwa, wenn man nur ein Buch darüber liest.

    Es klingt so als wäre bei dem jungen Mann gerade eine Menge in Bewegung. Das macht verletzlich und unsicher, aber das ist ja per se nicht schlecht. Es kann ja auch bedeuten das man sich aus seiner aggressiven verteidigungshaltung begeben hat und damit wirklich eine Chance hat, dass es mal gut wird.

    Es liest sich so, als hätte er die Diagnose erst vor kurzem (wenn nicht sogar erst kurz bevor er den Bus nahm) bekommen und wäre deswegen so fix und fertig, zumal psychische Erkrankungen mMn heutzutage immer noch nicht halb so ernst genommen werden, wie viele andere.


    Ich kann verstehen, dass diese Begegnung bei dir hängen geblieben ist und ich hätte an deiner Stelle auch mehr Zeit mit eben jenem haben wollen..


    Ich selbst kenne einen, bei dem Borderline diagnostiziert ist und seine Gesellschaft ist oft nicht einfach, aber das mag auch an div. anderen Diagnosen liegen :-/


    Bei mir wurde eben dieses auch diagnostiziert, doch für mich ist es nicht mehr als ein Wort auf einem Stück Arzt-Papier %-|

    @ danae87

    Zitat

    Das macht verletzlich und unsicher, aber das ist ja per se nicht schlecht. Es kann ja auch bedeuten das man sich aus seiner aggressiven verteidigungshaltung begeben hat und damit wirklich eine Chance hat, dass es mal gut wird.

    Verletzlich! Ja. Das war er auf jeden Fall.

    @ Mittern8cht

    Zitat

    Es liest sich so, als hätte er die Diagnose erst vor kurzem (wenn nicht sogar erst kurz bevor er den Bus nahm) bekommen und wäre deswegen so fix und fertig,

    Ich weiß nicht, vielleicht interpretiere ich es nur hinein, aber auf mich wirkte er nicht so, als hätte er gerade eben von der Diagnose erfahren.


    Dass es mir so nahe ging, hat auch damit zu tun, dass ich das Gefühl habe, es lag an der Situation insgesamt, dass es so kam: Das Buch, was ich las, sagte ihm vielleicht auch etwas über mich, zumindest in seiner Vorstellung.


    Außerdem teilten wir ja auch etwas: Das Interesse für den selben Autor.


    Vielleicht wäre unter anderen Umständen doch ein längeres Gespräch möglich gewesen.


    Ich fahre eigentlich öfter mit dem Bus.. Wer weiß..

    also, ich wünsche den jungen auf jeden fall das er dich wieder trifft... ;-)


    ich würde aber nicht zu viel in seinem verhalten hineininterpretieren wollen, wenn ich mir überlege wie ich manchmal auf manches reagiere, aus welchem grund ich manchmal anfange zu heulen oder auch lachen, da würde ich selbst, selbst 10 sekunden davor, nicht darauf kommen.


    ich würde also festhalten das er den kontakt gesucht hat, und sich einen stück weit geöffnet hat, beides finde ich an sich recht schön, klingt fast schon nach vergessene zeiten, ganz ohne tweets und likes...


    ob er dann gezielt zu dir gekommen ist, ob die uhrzeit nur ein aufwand war, um mit einen gespräch anzufangen, ob er wegen Celan an sich weinte (was schon nichts komisches wäre, oder?), oder weil irgendwas vom geschriebenes an eigene erfahrungen erinnerte, das wird niemand erfahren, es sei denn du triffst ihn wieder...

    Zitat

    ob er dann gezielt zu dir gekommen ist, ob die uhrzeit nur ein aufwand war, um mit einen gespräch anzufangen, ob er wegen Celan an sich weinte (was schon nichts komisches wäre, oder?),

    Ja, hmm.. Ich glaube nicht, dass nur Celan selbst der Auslöser war, eher das Ganze, inkl. Celan vielleicht.


    Ob nur wegen Celan zu weinen komisch wäre? Weiß ich nicht.


    Wenn jemandem die Tränen kommen, dann hat das immer einen Grund und für die Anderen mag das komisch erscheinen, manchmal sogar für einen selbst, aber einen Grund dafür gibt es immer, auch wenn man ihn vielleicht nicht einmal selber kennt.


    Es kann auch sein, dass man z. B. meint, wegen Celan zu weinen und eigentlich weint man wegen sich selbst oder wegen einer Sehnsucht usw.

    huiiii, das wird jetzt philosophisch... ;-)


    und eigentlich meine ich ziemlich derselbe, hab' mich vielleicht etwas missverständlich ausgedrückt.


    "nur" Celan kann eigentlich nicht der auslöser sein, zumindest muss eine gewisse sensibilität seitens der leser dahinter stecken.


    alles was darüber hinaus geht kann man aber nicht wissen, es gibt unendliche möglichkeiten, bewusste und unbewusste, die einen sensiblen mensch zum weinen bringen könnten.


    also, an weinkrampf-potential fehlt es Celan sicher nicht, aber es muss nicht damit zu tun haben, wer weiß, vielleicht hattest du "nur" die schnursenkeln genau so gebunden wie sein bester freund es tat, den er jetzt nicht mehr sieht...


    oder sein uropa ist im kz gestorben, oder der junge verfolgt dich seit monaten, hat sich in dich verliebt, und endlich geschafft dich anzusprechen.


    oder vielleicht war seine katze gerade gestorben, oder er hatte zahnweh, oder alles zusammen, oder nichts davon...


    nicht einmal dieses "ich hab' borderline" würde ich überbewerten, man rechtfertigt sich halt, wenn man einen sagen wir auffälligen verhalten zu tage gelegt hat, ganz besonders wenn man weiss (oder so gesagt bekommt) das man verhaltensauffällig ist.


    man kann unendlich spekulieren, vieles könnte man aber wahrscheinlich nicht mal im gespräch erortern.


    was man von der kurzgeschichte festhalten kann, ist eigentlich "nur" eine schöne, intensive, auch nicht-verbale kommunikation, und die hoffnung das ihr euch wieder trifft.

    Yukumu


    Ich habe gerade Schwierigkeiten mich so auszudrücken, dass es nicht falsch rüberkommt.


    Aber was ich mich seit heute Mittag, seit ich Deinen Faden gelesen habe, frage:


    Warum beschäftigt Dich das so extrem?


    Warum lässt es Dich nicht los?


    Worum genau geht es Dir gerade? Spiegelst Du da etwas was in Dir selbst vorgeht?


    Einen fremden Menschen, mit dem Du lediglich ein paar Worte gewechselt hast, so einzuschätzen wie Du es tust....darüber stolpere ich.

    Zitat

    Er machte so einen sehr feinfühligen Eindruck auf mich. Ein sensibler Mensch. Achtsam.

    Zitat

    Das Beeindruckendste aber war für mich seine Sensibilität, seine Feinfühlichkeit. Sehr zart, leidend.

    Zitat

    Verletzlich! Ja. Das war er auf jeden Fall.

    Zitat

    Dass es mir so nahe ging, hat auch damit zu tun, dass ich das Gefühl habe, es lag an der Situation insgesamt, dass es so kam: Das Buch, was ich las, sagte ihm vielleicht auch etwas über mich, zumindest in seiner Vorstellung.

    ...(...)....


    Ich möchte es gleich klarstellen: Es geht mir dabei nicht darum, dass man einen Menschen dem es schlechtgeht nicht beistehen sollte - auch einem Fremden. Das sehe ich hier aber nicht als Thema.


    Aber was genau beschäftigt Dich so daran? Was genau hat Dich bewegt diesen Faden zu eröffnen?


    Denn auch wenn es natürlich keine Frage ist, dass Dein Verhalten nett war - es geht hier um einen völlig fremden Menschen, der Dich im Verhältnis gesehen sehr beschäftigt.


    Warum ist das so, kannst Du das beantworten?

    @ Isabell

    Zitat

    Warum ist das so, kannst Du das beantworten?

    Ich weiß nicht, was dich dazu bewegt, die Fragen, die du gestellst hast, zu stellen und vor allem, sie so zu stellen.


    Aufgrund der Tonlage deiner Fragestellungen spüre ich kein Bedürfnis, auf sie einzugehen.


    Ein Punkt scheint mir dabei aber wichtig, daher möchte ich ihn hier aufgreifen. Nicht um dir zu antworten, sondern für Mitlesende:


    Ein"völlig fremder" Mensch, ist für mich im unmittelbaren Erleben seiner Emotionalität ein Mensch, egal ob fremd oder nicht.


    Ein psychisch leidender Mensch ist auch einer von uns. Es gibt keine Trennung.

    Zitat

    Aufgrund der Tonlage deiner Fragestellungen spüre ich kein Bedürfnis, auf sie einzugehen.

    Hmmm....schade, dann wurde ich wohl tatsächlich von Dir gründlich mißverstanden.


    Denn z.B. in eine derartige Richtung wollte ich noch nicht mal annähernd hinsteuern:

    Zitat

    Ein"völlig fremder" Mensch, ist für mich im unmittelbaren Erleben seiner Emotionalität ein Mensch, egal ob fremd oder nicht.


    Ein psychisch leidender Mensch ist auch einer von uns. Es gibt keine Trennung.

    Sehe ich nämlich genauso.


    Dennoch hinterfrage ich mich selbst bei Erlebnissen mit mir fremden Menschen die mich nachhaltig beschäftigen. Denn meist ist es etwas in einem selbst, was dieser Mensch, diese Begegnung, die Konstellation, der Ablauf usw. ausgelöst hat. Und das tue ich nicht wertend, weder mir selbst oder diesem anderen Menschen gegenüber, noch jetzt hier in diesem Faden Dir oder dem Menschen den Du getroffen hast gegenüber.


    Ich finde es einfach interessant in dem Sinne, dass man auch etwas über sich selbst dabei lernt. Und dazu gehört eben auch rauszufinden, warum man das Gegenüber in der doch kurzen Zeit, mit so wenigen Worten doch so stark einschätzt, so stark empfindet.


    Vielleicht verstehst Du meine obigen Fragen jetzt besser? @:)


    Sie sind nicht wertend, sondern eher erweiternd gemeint.

    @ Isabell

    Zitat

    Und dazu gehört eben auch rauszufinden, warum man das Gegenüber in der doch kurzen Zeit, mit so wenigen Worten doch so stark einschätzt, so stark empfindet.

    Das entscheidende Wort ist für mich "empfindet".


    Wir hatten nämlich kaum miteinander gesprochen.


    Fast die gesamte "Kommunikation" lief nonverbal.. Blicke, Gesichtsausdruck, Haltung, Bewegungen, Stimme in den wenigen Worten..


    Das ist es ja auch: Worte sind ein Werkzeug. Sie können manchmal sehr wichtig sein, wenn sie es schaffen, eine innere Wirklichkeit zu transportieren. Aber sie sind nicht die Essenz, nicht die Substanz selbst, höchstens Teil davon.


    Aber Worte können etwas transportieren (etwa durch die Stimme).


    Ich war schon die ganze Zeit berührt, durch das, was er nonverbal spüren ließ.


    Es gibt eine menschliche Kommunikation, die sehr wirksam sein kann, wenn sie ohne Worte abläuft.


    Worte nämlich können auch ablenken, abschwächen, sehr von Gefühlen "gereinigt" sein und dadurch auch etwas verbergen.


    Hier war es nicht so. Es war unmöglich nicht berührt zu sein. Diese Art des Kommunizierens erfolgt ohne Filter. Sie ist unmittelbar und direkt.


    Daher war es vollkommen normal, dass ich davon so berührt war.


    Ich war es ja auch schon, bevor ich von seiner Diagnose wusste. Sie setzte natürlich eins drauf, weil ich dann Grund hatte, mich zu fragen, ob es ihm gelingen würde, für sich einen Weg zu finden.


    Hätte er es mir nicht gesagt, dann wäre er mir sicherlich auch nicht sofort aus dem Kopf gegangen, aber die Erinnerung hätte nicht diese Farbe der Sorge. Es wäre die Erinnerung an eine berührende, kurze Begegnung mit einem feinfühligen Menschen gewesen. Sie hätte bei mir vielleicht nur ein Fragezeichen hinterlassen.


    Nicht ein Fragezeichen, ob er krank wäre, sondern wer dieser empfindsame Mensch wohl gewesen sein mag.


    Solche Begegnungen sind nicht alltäglich, weil wir oft mehr oder weniger Masken tragen.


    Und deine Fragen bezüglich des Hinterfragen von sich selbst? Ob das Ganze etwas damit zu tun haben kann, dass es etwas in mir ausgelöst hätte?


    Nein. Damit hat es nicht zu tun.


    Ich bin nur fast immer offen, empfänglich für die nonverbale Kanäle der Kommunikation. Und mache damit so auch meine Erfahrungen (mit fremden Menschen).


    Das ist manchmal schön, ja sogar sehr schön oder auch nicht, manchmal sogar richtig erschreckend. Auch weil ich mir dabei fast immer sehr bewusst bin, was gerade, wie, vor sich geht.