Ist das eine Depression?

    Hallo ihr Lieben,


    ich schreibe hier, weil ich im Moment etwas verzweifelt bin und Angst habe, in eine richtige Depression abzurutschen. Und es tut mir schonmal leid, dass sich das wie ein Riesengejammer anhört. Bevor ich mein eigentliches Problem beschreibe, mal eben ein paar Informationen, die vll. wichtig sein könnten:


    Ich bin quasi seit ich denken kann kranke Eltern: meine Mutter leidet seit ihrer Kindheit an Depressionen (psychosomatische Belastungsstörung, phasenweise auch mal mit Psychose und Klinikaufenthalten). Ich habe ein sehr gutes, freundschaftliches Verhältnis zu ihr, wir fahren oft in Urlaub und erzählen uns (fast) alles. Dennoch war die Kindheit mit ihr nicht leicht (immer krank, konnte phasenweise nicht aufstehen und den Alltag bewältigen, war oft zu energielos für Unternehmungen, Psychosen). Mein Vater hatte als ich 7 war einen Verkehrsunfall und ist seit dem schwer behindert. Gesicht musste rekonstruiert werden, Auge und Kniescheibe verloren, über 30 Operationen und Reha, hat Jahre gedauert, bis er wieder laufen konnte. Bei dem Unfall ist meine damals 11-jährige Schwester gestorben. Kurz nach dem Unfall haben sich meine Eltern scheiden lassen. Beide Eltern waren aufgrund des Todes meiner Schwester stark traumatisiert und haben sich natürlich sehr auf mich fixiert/nur aus mir ihre Kraft aus mir gewonnen.


    Nach dem Abi habe ich studiert und bin Anfang 20 mit einem Freund von mir zusammen gekommen, der Marihuana abhängig war/ist und angeblich eine narzistische Boarderline-Persönlichkeitsstörung hat (was ich vorher aber nicht wusste) mit begleitenden Depressionen und keiner Frustrationstoleranz. Wer sich mit Boarderlinern auskennt weiß, dass man selten ohne Störung aus diesen Beziehungen rausgeht. Irgendwann war ich nur noch co-abhängig und hab mich verantwortlich gefühlt. Nach 7 Jahren hat er dann Schluß gemacht (womit ich nie gerechnet hätte) und ist vor Kurzem mit seiner neuen Freundin zusammen gezogen.


    Mein eigentliches Problem ist aber nun, dass ich trotz Bestnoten- Diplom und Praktika keinen Job finde und mich das langsam wahnsinnig macht. Ich suche seit 3,5 Jahren, kriege eine Absage nach der anderen und könnte jedes Mal heulen, wenn ich wieder die Worte lese "wir haben uns für einen besser geeigneten Bewerber entschieden". Praktika kann ich wegen des Mindestlohngesetzes nicht mehr machen. Gerade mache ich ein Fernstudium und ab November fange ich einen Bundesfreiwilligendienst an um wenigstens Erfahrungen in meinem Bereich zu sammeln( die haben explizit ein/e Akademiker/in gesucht ab 28 mit Uni Abschluss für 400 Euro Aufwandsentschädigung im Monat). Vor einer Woche hatte ich dann mein erstes Vorstellungsgespräch in 3,5 Jahren, die sagten mir aber, dass ich als Berufsanfängerin ja nicht viel kann und eher ne finanzielle Belastung darstellen würde. Das hat dann nochmal schön aufs Selbstbewusstsein drauf gehauen und mir etwas den Rest gegeben. Ich würde so gerne eine Aufgabe haben, bei der ich das Gefühl habe, gebraucht zu werden und was produktives zu machen (und natürlich mal richtig auf eigenen Beinen zu stehen). Als ich ein unbezahltes Praktikum gemacht habe vor 2 Jahren bin ich richtig aufgeblüht. Jetzt habe ich das Gefühl, dass man unbrauchbar ist und einen niemand haben will, obwohl man eigentlich weiß, dass man viel gelernt hat und einfach nur mal eine Chance braucht.


    Ich hab das Gefühl, dass ich immer versucht habe, alles richtig zu machen, ich hab mir in Schule und an der Uni Mühe gegeben, war immer für meine Eltern und Freunde da und hab mir auch in dieser anstrengenden Beziehung unglaublich viel Mühe gegeben. Und jetzt steh ich hier mit 33, habe nie viel erwartet und dennoch kein Geld, keine Beziehung, keine Kinder, nichts worauf ich aufbauen kann wohingegen in meinem Freundeskreis bis auf eine Ausnahme alle seit Jahren gut funktionierende Beziehungen haben und langsam zusammen ziehen und Kinder kriegen während ich immer mehr in Selbstmitleid versinke und (von Unternehmungen und Ausgehen am Wochenende abgesehen) im Alltag wie eine Rentnerin lebe.


    Ich habe irgendwie keine Hoffnung mehr, dass nochmal irgendwann irgendwas besser wird oder ich jemals ein Fuß ins Berufsleben bekomme. Und je mehr man "raus" ist, desto schwieriger fällt es einem, motiviert zu bleiben, sich weiterzubilden und zu versuchen, sich weiter zu bewerben. Zwischendurch schreibe ich auch Initiativbewerbungen oder frage in Büros/Instituten an, ob sie vll vakante Stellen zu besetzen haben – bis jetzt negativ. Oft denke ich auch darüber nach, nochmal eine Ausbildung zu machen, mir fehlt aber irgendwie die Kraft, denn ich habe zu große Angst, dann wieder eine falsche Entscheidung zu treffen oder dass ich, wenn ich mit Leuten die meine Kinder sein könnten in der Berufsschule sitze, irgendwann Amok laufe.


    Ich habe also keinen Job, keine Beziehung - ich bemüh mich zwar drum, aber mit über 30 und nicht mehr an der Uni bzw. nicht am "wirklichen" Leben teilnehmend ist das wirklich schwierig. Es ist nicht so, als würde ich niemanden kennenlernen, aber entweder sind es Männer über 30, die (abgesehen von erster Verspießerung) meist in Beziehungen sind oder ganz junge Anfang 20, die in ner ganz anderen Lebensphase sind. Außer einer 2 jährigen Daueraffäre (in die ich etwas verliebt bin aber es keinen Sinn macht auf Dauer bzw. die Person sich auch nicht festlegen will) kriege ich also auch nichts zustande.


    Hinzu kommt – auch wenn das vll banal klingt – dass meine kleine Katze vor 2 Jahren gestorben ist und mir das nochmal den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Ich hatte sie schon als Babykätzchen und sie war immer ganz klein und schwach und ist mehrmals beinah gestorben (einmal ein Hundebiss, einmal ein Autounfall). Ich hab immer versucht, sie zu beschützen und letztendlich ist sie doch vergiftet worden und musste eingeschläfert werden. Ich saß damals im Zug und meine Mutter rief mich an und sagte, sie sei gerade beim Tierarzt und sie müsse jetzt sofort eingeschläfert werden. Da hatte ich die erste Panikattacke meines Lebens, so dass eine Freundin die dabei war sogar einen Arzt hat ausrufen lassen. Seit dem tag bin ich viel unsicherer draussen unterwegs, weil ich Angst davor habe, dass das wieder kommt. Ich bin danach zum Glück zu einem sehr guten Arzt gegangen, der mir erklärt hat, was das war und mir Tipps gegeben hat, wie man das unter Kontrolle haben kann. Es ist seitdem auch nur noch 1-2 Mal wiedergekommen (wenn auch ganz leicht nur) aber dieses Grund-Selbstbewusstsein ist seitdem auch weg.


    Ich fühl mich einfach mega schlecht und einsam momentan und denke viel zu viel über den Tod nach. Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem nicht der Gedanke in meinen Kopf kommt, dass der Tag näher kommt, an dem ich ganz allein sein werde. Wenn meine Eltern gestorben sind (sie sind 70 und 64), was hoffentlich noch lange dauert, habe ich niemanden mehr (es gibt keine weiteren Familienmitglieder und Schwäger oder Nichten/Neffen werde ich auch nie haben) und dann würde es für mich definitiv keinen Sinn mehr geben, weiter zu leben. Ich bin eigentlich ein totaler Familienmensch (auch wenn ich keine habe ^^) und bin wie gesagt finanziell und persönlich weit weg davon, eine eigene zu gründen. Und als Frau hat man auch nicht ewig Zeit, weswegen meine Prognose für die Zukunft so aussieht, dass ich dann eben ganz allein sein werde, mit allen Problemen. Oft wenn ich nachts oder morgens aufwache schießt als erstes dieser Gedanke in meinen Kopf, dass ich und alle die ich kenne in 100 Jahren inexistent sein werden und wieso man sich dann überhaupt Mühe geben sollte. Vor zwei Monaten hatte ich eine Phase, die vll 2 Wochen angedauert hat, in der ich nur noch geschlafen habe (im Schnitt 12-14 Stunden pro Tag). Ich war immer müde und habe mich morgens schon gefreut darauf, wieder schlafen gehen zu können. Das ist zum Glück vorbei (und hatte auch was mit einer Männersache zu tun), aber da hatte ich wirklich kurz Angst, dass ich richtig depressiv werde.


    Ich würde nie auf die Idee kommen, jetzt Suizid zu begehen (das könnte ich schon meinen Eltern niemals antun), aber wenn meine Horrorprognose wirklich eintritt und man niemanden mehr hat ( außer ein paar Freunden die ihr Leben irgendwo leben) und keiner mehr an einen denkt, dann macht das wirklich keinen Sinn für mich. Ab und zu denke ich dann schon mal darüber nach, wie man das dann am besten hinter sich bringen könnte (und wenn es so ist, wie ich prognostiziere, dann wüde es ja vermutlich auch niemanden so richtig schlimm stören). :-/


    Vll hört sich das jetzt hier alles zu negativ an, ich liebe das Leben eigentlich, ich reise und lache gerne, habe Tiere und gute Freunde. Ich geh gern aus und liebe es, mit Freunden zu kochen. Eigentlich bin ich ein super positiver Mensch immer gewesen, der eher eine Stütze für andere war. Ich trete nur seit Jahren auf der Stelle in einem Alter, in dem man eigentlich durchstarten will...und auch wenn ich weiß, dass es vielen viel schlechter geht, fehlt mir momentan einfach der Glaube daran, dass es nicht einfach nur immer schlechter wird und ich irgendwann vll wenigstens so viel verdiene, dass ich einigermaßen davon leben kann. Ich habe einfach seit Jahren kein Erfolgserlebnis mehr, weder beruflich noch privat, und irgendwie glaube ich, dass Menschen sowas brauchen. Momentan fühle ich mich – trotz ehrenamtlichen Engagements – einfach nur kraft- und nutzlos. Glaubt ihr, dass das schon eine Depression ist? Ich glaube ja eigentlich schon, nur dass sie halt durch äußere Dinge ausgelöst wird und dementsprechend – wenn ich zB mal wieder eine Aufgabe und das Gefühl hätte, es geht bergauf – sich auch wieder einstellen kann. Ich glaube, dass es viele Menschen gibt in meiner Situation und habe Mal gelesen, dass Anfang 30 und arbeitslos eine recht gefährliche Mischung ist.


    Wenn hier Leute sind, die sich vll ähnlich fühlen, würd ich mich gern mit Euch austauschen. Vll hilft das dann ja schon ein wenig :)

  • 5 Antworten

    Warum denkst du, dass ein Leben nur dann Sinn macht, wenn man nicht alleine ist?


    All das, was du hier so schreibst klingt nach einer mittelschweren Depression.


    Gerade dieses kraftlose lässt mich das vermuten, ich kenne das auch.


    Man fühlt sich, als würde man 500 Kilo mit sich rumschleppen und hat kaum noch Antrieb.


    Such dir irgendeinen Job der bezahlt wird und dir halbwegs Spaß macht, damit du wieder auf andere Gedanken kommst. Ein Gespräch mit einem Psychologen wäre sicher auch nicht verkehrt.

    Zitat

    Ich hab das Gefühl, dass ich immer versucht habe, alles richtig zu machen, ich hab mir in Schule und an der Uni Mühe gegeben, war immer für meine Eltern und Freunde da und hab mir auch in dieser anstrengenden Beziehung unglaublich viel Mühe gegeben. Und jetzt steh ich hier mit 33, habe nie viel erwartet....

    Hallo Janna, ich glaube, das oben Zitierte ist für dich ganz entscheidend.


    Es gibt so etwas wie ein Lebensprogramm, ein Denkmuster, was man unbewusst als Kind schon übernimmt.


    Du warst unfreiwillig Stütze für die Eltern, die ein grausames Schicksal hatten. Du hast dich wahrscheinlich selbst zurückgenommen, damit die Eltern nicht noch mehr Sorgen haben. Du hast dich bemüht, alles richtig zu machen. Hast aber feststellen müssen, dass deine Anstrengung nicht ausreicht um den Eltern zu helfen.


    Das wiederholt sich jetzt im Beruf: Was immer du gelernt hast, es reicht den anderen nicht.


    Ein kleines Kind braucht eigentlich starke Eltern um eine gesunde Seele entwickeln zu können.


    Ein kleines Kind darf nicht als Stütze "missbraucht" werden, weil es damit überfordert ist.


    So kann sich kein gesundes Selbstvertrauen entwickeln.


    Ich würde dir raten, mal eine Therapie zu machen, damit du erkennst, wo deine Programme, deine Denkmuster dich behindern. Das kann man mit einer Therapie auflösen.

    Vielen Dank für Eure lieben Antworten :)*

    @ Plüschbiest:

    ich bin nicht jemand, der nicht alleine sein kann - im Gegenteil, ich bin sogar eher introvertiert und brauch viel Zeit für mich allein. Ich habe auch als meine Beziehung vor 2,5 jahren endete mir nicht - wie viele andere - wieder sofort jemanden gesucht, nur um nicht allein sein zu müssen :-D


    Über die Frage, ob das Leben auch allein lebenswert wäre, mache ich mir viele Gedanken und bin da noch zu keinem Schluss gekommen. Klar gibt es total viele Dinge, die es lebenswert machen. Ich glaube aber, dass der Mensch schon ein soziales Wesen ist und für Gruppen/Familien gemacht und die Vorstellung, dass irgendwann wirklich quasi keiner mehr da ist, dem man wichtig ist, finde ich schon sehr schrecklich. Ich sehe das an zwei Freundinnen meiner Mutter, die sind ein bisschen ein abschreckendes Beispiel für mich, da ich deren Verzweiflung oft mitbekomme. Die sind nämlich in genau der Situation: kein Partner mehr/nie einen gehabt, Einzelkinder, keine Eltern mehr und nie Kinder gekriegt.


    Ich denke nicht, dass man sein Glück nur in zwischenmenschlichen Beziehungen finden kann, aber es gehört auf eine gewisse Weise doch auch zum menschlichen Wohlbefinden dazu.

    Eine Therapie ist wirklich jedem Menschen zu empfehlen.


    Man lernt sich selbst besser kennen, man weiß, warum man so handelt, wie man handelt.


    Zum Beispiel: Wenn man als Kind gewalttätige Eltern hatte, sucht man sich oft unbewusst später einen gewalttätigen Partner. Man folgt damit einem unbewussten Muster.


    Diese alten Muster kann man in einer Therapie auflösen.


    Bei dir fällt es auf, dass dich kein Arbeitgeber haben will - trotz der guten Ausbildung.


    Auch das kann ein unbewusstes Muster sein.