Kann ich meiner Freundin und ihrem Kind helfen?

    Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Faden unter Psychologie oder Kindererziehung gehört... Aber da es mehr um die Psyche meiner Freundin geht, versuche ich es hier.


    Meine Freundin ist 44 Jahre alt und verheiratet. Die beiden haben einen Sohn. Eigentlich wirkte für mich immer alles ganz normal. Sie schimpfte m.E. manchmal zu schnell mit dem Sohn, wurde eher mal lauter, als ich es gemacht hätte, aber mehr habe ich da nicht reininterpretiert. Das Kind ist ein sehr netter Junge, höflich, spielt gerne, hat viele Freunde und wurde dieses Jahr eingeschult. Meine Freundin hat mir jetzt ein paar Sachen offenbart, die mich geschockt haben, und ich weiß nicht, ob und wie ich ihr helfen kann.


    Mein Wunsch wäre, wenn mir hier jemand konkrete Ansätze geben könnte, was ich richtiges für sie tun kann.


    Meine Freundin sagte mir, dass sie ihren Sohn geschlagen hat. Ihr sei die Hand ausgerutscht. Der Junge ist wohl sehr aufgeweckt und teilweise auch anstrengend, weil er sehr stur sein kann. Es gibt wohl Situationen, wo er sich einfach weigert auf sie zu hören. Sie hat mir die Situation so erklärt, dass er die Hausaufgaben machen sollte und er hat die Angewohnheit nur Sachen zu machen, die ihm leicht fallen. Diese Hausaufgabe hatte er wohl nicht verstanden und als sie sie ihm erklärt hat, hat er rumbrüllt und sich geweigert das zu machen. Das Thema Hausaufgaben ist wohl ständig auf dem Tisch und es gab auch schon Gespräche mit der Lehrerin, weil der Junge zwar sehr pfiffig ist, aber alles was praktisch gemacht werden muss (rechnen, schreiben, lesen) fällt ihm sehr schwer. Er ist im Unterricht unruhig und passt dann auch nicht gut auf. Die Situation sei dann wohl eskaliert und sie hat ihn gehauen. Am Ende haben dann beide geheult. Sie hat mir gestanden, dass das vor einiger Zeit ähnlich passiert ist, in einer anderen Situation.


    Sie ist total am Ende, weil sie sagt, dass sie das nicht will. Sie liebt ihr Kind und ist auch aus meiner Sicht heraus eine liebe Mama. Der Junge ist auf sie fixiert und die beiden machen auch alles zusammen. Der Papa ist tagsüber arbeiten und mischt sich in die Erziehung nicht ein. An Gesprächen in der Schule nimmt er teil, und er spielt mit dem Sohn auch. Er funkt meiner Freundin nur nicht dazwischen. Allerdings weiß er wohl nicht, dass meine Freundin so ausgerastet ist. Ich bin aus allen Wolken gefallen, als sie mir das gebeichtet hat.


    Ich weiß nur nicht, wie ich ihr helfen kann. Ich habe ihr gesagt, dass sie mit ihrem Mann sprechen soll, weil sie offensichtlich überfordert ist. Sie arbeitet halbtags und ist nachmittags immer mit Kind unterwegs. Bringt ihn zu seinen Verabredungen und zum Fußball. Und macht halt die Hausaufgaben mit ihm, obwohl er die in der Hausaufgabenbetreuung in der Schule schon macht. Aber das funktioniert nicht, daher noch einmal die Kontrolle zu Hause.


    Gibt es Beratungsstellen wo sie hin kann? Sie sagte, dass sie gerne eine Mutter-Kind-Kur machen will, aufgrund ihrer Überforderung. Aber ist das der richtige Weg? Wenn sie eine alleinige Kur machen würde, wäre der Sohn nicht betreut, das ginge also nicht.


    So, jetzt hoffe ich erstmal auf Ansätze, die mir weiterhelfen können. Danke schon mal dafür!!

  • 9 Antworten

    So hat sie mir das beschrieben. Ich erlebe die beiden selten zusammen, weil ich mich meist nur mit ihr und dem Sohn treffe.

    Hallo rita,


    was Deine Freundin da gemacht hat, ist absolut nicht in Ordnung und darf einfach nicht passieren. So etwas darf auch nicht verharmlost werden. Kinder zu schlagen ist in meinen Augen das Allerletzte.


    Ich lese aber heraus, dass das Deiner Freundin selbst klar zu sein scheint.


    Allerdings kenne ich auch das Gefühl, als Elternteil überfordert zu sein. Man reagiert dann leichter über, wenn der Stressfaktor


    zu hoch ist. Und da muss Deine Freundin meiner Meinung nach als erstes ansetzen: was kann sie tun, um den Stress zu verringern?


    Der Ehemann und Vater sollte da die erste Anlaufstelle sein. Er sollte mehr einbezogen werden, damit die Freundin etwas mehr Ruhe und ein bisschen Abstand zum Alltagsstress gewinnen kann.


    Wenn ich persönlich den Kopf frei(er) habe, dann muss viel, sehr viel passieren, um mich aus der Ruhe zu bringen.


    Bin ich jedoch schon bis über beide Ohren gestresst, dann ist mein Geduldsfaden natürlich auch dünner. Das ist absolut menschlich (was das "Hand ausrutschen" natürlich dennoch nicht entschuldigt!).


    Ich würde der Freundin das als erstes raten. Viel mehr Möglichkeiten wirst Du vermutlich sowieso nicht haben, als ihr beratend zur Seite zu stehen.

    Ich kann zu diesem Thema das Buch hier empfehlen: https://www.amazon.de/gp/aw/d/…ID=51symz66tKL&ref=plSrch


    Das hat mir sehr geholfen, als ich in meiner Wut meinen Sohn auf den Arm geschlagen habe. Ich war auch verzweifelt, weil ich so nicht erziehen möchte, und mein Kleiner hat geweint vor Schock. In dem Buch wird sehr gut erklärt, wie Wut entsteht, welche Phasen es gibt und wie man sich Strategien aneignet, um die Wut nicht soweit kommen zu lassen.

    Furious


    Das habe ich ihr auch gesagt, dass sie mit ihrem Mann sprechen soll. Ich hoffe, dass sie das macht, aber sie hat auf diesen Vorschlag verhalten reagiert. Ich habe den Eindruck, dass es sie große Überwindung gekostet hat sich mir zu offenbaren. Und vor ihrem Mann schämt sie sich noch viel mehr als vor mir. Wir kennen uns schon aus dem Kindergarten. Ich weiß, dass die beiden sich häufig streiten. Ist wahrscheinlich ein weiterer Stressfaktor.

    Dass einen Kinder an die Grenzen bringen und darüber hinaus, ist wohl normal. Und dass es Eltern gibt, denen trotzdem, dass sie sich geschworen haben, die Kinder gewaltfrei zu erziehen, die Hand ausrutscht, wenn sie die Fassung verlieren, kommt vermutlich ziemlich häufig vor. Ich finde es gut, dass sie da offen drüber redet und sich vor allem auch mit ihrem Sohn da gleich drüber unterhalten hat (liegt nahe, wenn am Ende beide geheult haben). Ich würde kein Drama draus machen, offenbar ist sie erschrocken über sich selbst und ich denke nicht, dass da eine Gefahr besteht, dass sie nun zur gewalttätigen Schlägerin mutiert. Wichtig ist, dass man sich in so einer Situation als Erwachsener beim Kind entschuldigt und deutlich macht, dass das auch für Erwachsene absolut nicht ok ist/war.


    Das Thema Hausaufgaben ist ein ewiges Drama. Was mich schockiert ist, dass sie offenbar völlig allein gelassen wird damit. Warum bringt sich der Mann da nicht ein? Das ist kein Einmischen, verdammt, es ist ihr gemeinsames Kind! Da kann man sich bitteschön schlicht mal gegenseitig unterstützen. Jeder hat andere Herangehensweisen, vielleicht liegt Dem Kind die des Papas mitunter mehr? Und wenn er einfach mal übernimmt, wenn die Mutter gerade mit den Nerven durch ist.


    Ein Patentrezept gibt es nicht. Wir haben es mal so, mal so versucht. Mitunter ist der kleine hungrig, unterzuckert geht da gar nichts. Also erstmal was essen. Kleine Schokobons als Belohnungen haben wir auch schon verteilt. Viel Lob für fertige Sätze / Zeilen hilft mehr als Druck machen.


    Weniger Fernsehen, Playstation und co hilft auch, das macht die Kinder ziemlich unruhig, unaufmerksam und dauergestresst. Mehr Bewegung tut immer gut.

    Zitat

    rita26


    Das habe ich ihr auch gesagt, dass sie mit ihrem Mann sprechen soll. Ich hoffe, dass sie das macht, aber sie hat auf diesen Vorschlag verhalten reagiert. Ich habe den Eindruck, dass es sie große Überwindung gekostet hat sich mir zu offenbaren. Und vor ihrem Mann schämt sie sich noch viel mehr als vor mir. Wir kennen uns schon aus dem Kindergarten. Ich weiß, dass die beiden sich häufig streiten. Ist wahrscheinlich ein weiterer Stressfaktor.

    Okay, wenn sie das bei ihrem Mann nicht anbringen kann oder will, dann liegt wohl in der Beziehung etwas im Argen...


    Dass der Stressfaktor dann von Haus aus schon recht hoch ist, ist dann verständlich.


    Sie sollte unbedingt daran arbeiten, um zu verhindern, dass der Sohn darunter leidet.


    Auch bei uns gab es schon die eine oder andere schwierige Phase. Die Kids haben da sehr feine Antennen für und merken sofort, wenn Mama und Papa Streit haben. Auch wenn der Streit selbst in Abwesenheit der Kleinen ausgetragen wird.


    Als Elternteil hat man dann auch Schwierigkeiten, sich das gegenüber den Kids nicht anmerken zu lassen.


    Von daher versuchen wir immer, solche Sachen schnellstmöglich aus der Welt zu schaffen. Die Kinder sollten nicht dafür "büßen" müssen, dass die Eltern streiten.


    Von daher wohl erster Ansatz: an der Beziehung zum Mann und Vater arbeiten und diesen daraus folgend mehr in die Erziehung des Sohnes einbeziehen! Vermutlich klären sich dann einige Problempunkte von selbst. ;-)