Solche Fälle meine ich nicht. (Eine Arbeitsstelle, der von mir Voraussetzungen abverlangt, die ich nicht erfüllen kann, würde ich überhaupt nicht erst antreten.)


    Sondern ich meine eher zu behaupten, man habe eine Erkältung gehabt als zu offenbaren, dass man wegen psychischer Probleme ausgefallen ist. Oder wenn ich schon zugebe, dass es psychische Probleme waren, würde ich welche erfinden, die jeder versteht ("ich musste Oma, Opa, Vater und Mutter auf einmal pflegen und mich auch noch um meinen Neffen kümmern, das war zuviel")… Mag feige sein - ist aber meine Strategie… Und bisher fahre ich damit ganz gut.


    Ich halte es wie Depeche Mode mit "Policy of truth"...

    Zitat

    das war auch hier im Forum grad sehr offen ;-)

    es ist auch praktisch (von wenigen Ausnahmen (oder therapeutischem Umfeld) eben abgesehn) der einzige Ort wo das bei dem Thema überhaupt geht (Ich kann gar nicht ausdrücken was das für mich für ein Segen war).


    Offenheit ist ein weites Feld (und Verschlossenheit nicht weniger). Leute die einem im RL (ich finde Forum ist da generell direkt ne andere Welt) schnell und ungebremst intimes mitteilen tun das vermutlich auch aus verschiedensten Gründen die nicht immer in Offenheit begründet sein müssen (aber das kann natürlich auch ganz simpel der Grund sein). So können da durchaus innere Nöte dazu verleiten aber auch unterbewusste oder bewusste Versuche den Gegenüber einzuschätzen, aussortieren oder auch gar abzuschrecken. Es kann ein versuchtes Erzwingen von beidseitiger Nähe beabsichtigen. Oder ein Reflex sein Opferhaltung einnehmen oder Mitleid zu genererieren. Oder das Mitteilen kann dem Mitteiler schlicht und einfach nicht in dem Maße zu Herzen gehen wie es es jemand anderen tät. Es kann auch den Grund haben dass gewisse Grenzwahrungsüblichkeiten oder das Potential dazu im Laufe der Kindheit kaputt gingen/nie erlernt wurden. (Das alles ist absolut wertfrei gemeint und ich hoffe es wird auch nicht für Wertungen verwendet werden)

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    Bei mir dauert so etwas länger.

    Bei mir meistens auch, ich hab aber oft auch schon anders agiert. Meine Offenheit ist oberflächlich betrachtet (Innenansicht) ziemlich chaotisch und mein Verhalten potentiell in Richtung beider Extreme möglich. Wenn ich's mir genauer anschaue spielt da aber sehr viel mit rein was mit dem Thema Offenheit nicht mehr sonderlich viel zu tun hat (Es stehen auf der (sehr) theoretischen Achse "Offenheit-Verschlossenheit" z.B. Misstrauen und Naivität gar nicht mit drauf sondern jenseits davon, haben aber starken Einfluss) - aber auch wenn ich mir andere Menschen diesbezüglich ansehe lässt sich manchmal (manchmal natürlich schon) nicht wirklich sagen ob jemand wirklich offen oder wirklich verschlossen ist weil sich da nicht zwangsläufig in allen Teilbereichen gleich verhalten wird. Das erzählen intimer Dinge ist z.B. das eine, das mitteilen wie es einem gerade oder bzgl diesem und jenem geht wieder was ganz anderes. Was ich mich grundsätzlich frage ist auch: Wie offen kann jemand grundsätzlich sein der nicht oder kaum weiß was in ihm los ist?

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    "sich nicht verstellen", einfach "so zu sein wie ich bin"

    kann ich im RL eher selten, hauptsächlich durch Gebremstheit in allen möglichen Hinsichten, das zu ändern ist aber schwer.

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    Naja, Unwahrzeiten diesbezüglich z.B. ggü Kollegen führen dazu, dass auf Dauer ein falsches Bild von einem selber vermittelt wird und es immer anstrengender wird, die Fassade aufrechtzuerhalten. Aber es kommt natürlich auch stark auf die Einzelsituation an. Wenn man z.B. einen Job hat wo verlangt wird das man Dienstreisen zu Kunden macht, dies einem aber aufgrund einer Angststörung sehr schwer fällt und man sich dann mit Notlügen "durchhungert" wird der Druck auf Dauer immer größer.

    stimmt, es braucht da auch nicht mal direkte Unwahrheiten dazu, einfach eine Diskrepanz zwischen dem wie man sich gibt und dem wie man fühlt reicht dazu schon - und es beschränkt sich nicht zwingend nur auf's Berufsleben sondern spielt potentiell bei jeder sozialen Geselligkeit mit.

    @ S. wallisii

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    Was ich mich grundsätzlich frage ist auch: Wie offen kann jemand grundsätzlich sein der nicht oder kaum weiß was in ihm los ist?

    Ich kenne zwei Varianten. Der eine sagt gar nichts, und der andere redet ausführlichst um den heißen Brei herum oder direkt am Thema vorbei. Heißt, jemand, der nicht weiß, was mit ihm los ist, kann meiner Meinung nicht normal offen sein. Selbst wenn er es versucht nicht. Allenfalls reicht es dann zu der Aussage "mir geht es schlecht", "mit mir stimmt etwas nicht" - das ist dann schon das höchste der Gefühle.

    Zitat

    stimmt, es braucht da auch nicht mal direkte Unwahrheiten dazu, einfach eine Diskrepanz zwischen dem wie man sich gibt und dem wie man fühlt reicht dazu schon - und es beschränkt sich nicht zwingend nur auf's Berufsleben sondern spielt potentiell bei jeder sozialen Geselligkeit mit.

    Wie ich mich fühle - bzw. wie meine Laune ist - weiß eigentlich immer jeder, da ich nicht in der Lage bin, gute Laune zu heucheln, wenn sie schlecht ist. Nur den Grund kennt nicht jeder und muss es auch nicht.

    LichtAmHorizont

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    Wäre für mich tatsächlich grenzwertig. Letztlich aber einzelfallabhängig. Wenn sich zwischen Euch in so kurzer Zeit schon Vertrauen aufgebaut hat, passt es wieder. Mit etwas Übung entwickelt man da sicher schnell ein Gefühl, wem man trauen kann. Bei mir dauert so etwas länger.


    Was ich meine ist aber jemand, der überhaupt nicht abcheckt, wem er trauen kann, und jedem sofort alles erzählt. Ich hatte es mal dienstlich mit einer Frau (Kundin) zu tun, die meinte mir erzählen zu müssen, dass ihr Ex-Freund sie geschlagen hat. Und die hatte vorher keine Gelegenheit zu erfahren, ob ich vertrauenswürdig bin. Meinem Eindruck nach hätte sie das auch jedem meiner Kollegen so erzählt. Da habe ich mir gewünscht, sie wäre etwas zurückhaltender gewesen, denn mit dieser Information wusste ich im gegebenen Zusammenhang nichts anzufangen und auch nicht adäquat darauf zu reagieren (ich habe die Information letztlich ignoriert).

    Ich verstehe. Gut, da hat sie Dich ja mehr oder minder missbraucht oder zumindest versucht Dich für ihre Zwecke zu missbrauchen. Das ist etwas, was ich als übergriffig beurteilen würde. Offenheit allein führt noch nicht unbedingt dazu, dass Kommunikation entsteht. Gegenseitiges Interesse am Thema oder an der Person oder an beiden wäre da nützlich gewesen.

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    Sondern ich meine eher zu behaupten, man habe eine Erkältung gehabt als zu offenbaren, dass man wegen psychischer Probleme ausgefallen ist. Oder wenn ich schon zugebe, dass es psychische Probleme waren, würde ich welche erfinden, die jeder versteht ("ich musste Oma, Opa, Vater und Mutter auf einmal pflegen und mich auch noch um meinen Neffen kümmern, das war zuviel")… Mag feige sein - ist aber meine Strategie… Und bisher fahre ich damit ganz gut.

    Ich denke nicht, dass das feige ist. Die Frage ist auch, ob Offenheit auf diesem Gebiet überhaupt gegenseitig zur Arbeitsbeziehung gehört. Sehr oft interessiert sich der AG gar nicht für die Persönlichkeit des Arbeitnehmers oder seine Befindlichkeit und missbraucht diese.

    @ S. wallisii

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    Was ich mich grundsätzlich frage ist auch: Wie offen kann jemand grundsätzlich sein der nicht oder kaum weiß was in ihm los ist?

    Dazu noch einmal…


    Ich denke doch, auch jemand, der nicht weiß, was mit ihm los ist, ist prinzipiell schon in der Lage, sich zu öffnen. Allerdings braucht er dazu ein Gegenüber, dass bereit ist, in seiner Psyche herumzustochern, und er braucht selbst die Bereitschaft, jemanden stochern zu lassen.

    stochern^^ ja vermutlich ginge es so schon. Eine offenwirkende Art könnte aber so jemand vermutlich dennoch haben, kompliziert das ganze...

    Zitat

    Nur den Grund kennt nicht jeder und muss es auch nicht.

    Das ist zumindest vernüftig, auch das mit den Begründungen weiter oben. Das ist z.B. ein Gebiet auf dem ich immer recht offenherzig war, praktisch kaum anders konnte, denn wenn ich mit jemand viel Zit verbringe geht's irgendwie net anders (naja ich lerns ganz langsam^^ auch wenn ich mir einen Teil der Wirkung solcher Unfähigkeit erhalten will, nur schlecht ist das nämlich nicht) direkt schlau ist das vllt halt eher nicht im Arbeitsleben alles mögliche Zeuchs zu erzählen :|N ;-D Es ist aber nicht zwingend schädlich (und falls dann hätte man zu einem gewissen Preis einen Arsch als solchen enttarnt wenn er sowas gegen einen benutzt), was wieder ein anderer Aspekt ist - manchmal macht Offenheit nicht im mindesten so angreifbar wie man/manche meinen, manchmal sogar im Gegenteil und es macht auch etwas mit einem selbst sozusagen Angreifbarkeiten zur Verfügung zu stellen (eben oft weniger angreifbar) Hm, Hat wohl Vor- und Nachteile und ja, wie gesagt, kompliziert das ganze^^

    Ich hab das Gefühl, dass man relativ wenig angreifbar ist, wenn man vor allem zu sich selber steht, mit allen stärken und schwächen.


    Unsouverän macht es, wenn man meint, es nötig zu haben, Teile von sich zu verleugnen, um den heissen Brei herumzureden, Ausreden zu erfinden.


    Ein Beispiel was ich da öfters bringe ist: was, wenn man öffentlich bei sexuellen Dingen ertappt wird? Also z.B. wenn ein Video auftauchen würde wie jemand wie Robbie Williams im Chat vor der Webcam onaniert, oder etwas derart grenzüberschreitendes. Hat man nicht nach wie vor Respekt vor der Person, wenn sie sagt, so what, das bin ich, das ist ein Teil von mir, was ist dabei, als wenn sie versucht, zu vertuschen und drumrum zu reden? Siehe auch z.B. sibel kekilli, mit Porno-Vergangenheit, zu der sie offen steht, und was ihr nicht im geringsten als seriöse Schauspielerin zu schaden scheint.

    @ uvg41

    Zitat

    Ich hab das Gefühl, dass man relativ wenig angreifbar ist, wenn man vor allem zu sich selber steht, mit allen stärken und schwächen.

    Das kann man aber auch ohne alle Details von sich preiszugeben. Die wahre Persönlichkeit verleugnen kann auf Dauer eh keiner. Auch wenn ich niemandem erzählen würde, dass ich nicht wegen einer Erkältung krankgeschrieben bin, sondern wegen psychischer Probleme, wissen trotzdem grundsätzlich alle, wer und wie ich bin, und dass ich nicht so selbstbewusst und stabil bin wie Kollege X und bestimmte Aktivitäten weniger mag und mir bestimmte Dinge weniger liegen und so weiter. Wenn ich mich verändere (beispielsweise, weil ich eine Psychotherapie absolviere), werden die anderen das auch merken - warum sich die Änderung vollzieht (könnte ja auch ganz von allein passieren), geht wiederum niemanden etwas an. Ich verändere mich eben, das sehen sie ja, und mehr müssen sie nicht wissen.

    Damit meine ich das, was man von außen wahrnimmt. Ob jemand selbstbewusst auftritt, laut ist, leise, schüchtern, cholerisch, selbstdarstellerisch… Natürlich ist das nicht die gesamte wahre Persönlichkeit, das ist mir klar. Aber mich beispielsweise als selbstbewusst und erfolgreich darstellen, obwohl ich das Gegenteil bin, wird eben nicht funktionieren. Das meine ich.

    Der gleiche Zweifel nochmal:

    Zitat

    wenn man vor allem zu sich selber steht

    Wer steht hier zu wem? Offenbar "ich zu mir". Das "Mir" vorgestellt als "wahre Persönlichkeit" und "Ich" als das in mir (?), das entscheidet, was ich nach außen zeige. Aber natürlich ist das "Ich" und seine Entscheidungen nicht weniger wahr, als das "Mir". Sogar, wenn das "Ich" entscheidet zu Lügen, ist die Lüge wahrer Ausdruck des "Ichs". Nun kann es verschiedene Instanzen in mir geben, die miteinander im Konflikt stehen. Eine, die situatives Lügen für notwendig hält und eine, die sich dafür verabscheut. Welche davon ist meine "wahre Persönlichkeit"?


    Manchmal erscheint es so, als würde mit wahrer Persönlichkeit etwas Klares, Widerspruchsfreies gemeint - das meinte ich mit falschem Ideal. Manchmal wird darunter auch übelmeinenderweise das Schlechteste in einem Menschen verstanden, das was ungehemmt zum Vorschein kommt, wenn jemand seine Beherrschung verliert, er sein "wahres Gesicht" zeigt.


    Aber solche Festlegungen werden niemandem gerecht.

    naja ich würd da jetzt nicht die "wahre Persönlichkeit" als in sich harmonische, stimmige Entität, betrachten, sondern es geht eher um Wahrheiten vs Unwarheiten.. also wenn ich eine Dienstreise verweigere und sagen "ich bin erkältet" ist das nicht die Wahrheit, wenn ich hingegen sagen "ich mache sowas nicht wegen meiner Angststörung" dann ist das in dem Fall die tatsächliche Wahrheit über mich. Und es geht dann um ein zu-dieser-Wahrheit stehen.


    Die Persönlichkeit kann man dann als ein komplexe Bündel derartiger, teilweise sicher auch in Widerspruch zueinander stehenden, Wahrheiten betrachten. Aber es gibt halt einfach Dinge, die in Bezug auf einen selber wahr sind, und Dinge, die es nicht sind.

    Zitat

    Und es geht dann um ein zu-dieser-Wahrheit stehen.

    Ich sehe da verschiedene Möglichkeiten:


    - Man kann zu der Wahrheit der psychischen Krankheit stehen und diese auch nach außen kommunizieren. (uvg41-Position; ich würde sie die offene Position nennen)


    - Man kann zu der Wahrheit der psychischein Krankheit stehen und beschließen, dass diese Wahrheit nicht jeden was angeht. (LichtAmHorizont-Position; ich würde sie die souveräne Position nennen)


    - Man kann die psychische Krankheit nicht wahrhaben wollen (oder hat keine Ahnung von ihr) und nach außen so tun, als ob alles in Ordnung wäre. Aber auch das ist dann so die aktuelle Wahrheit. Man kann darüber innerlich total zerrissen sein, aber auch das ändert nichts daran, dass diese Zerrissenheit wahr ist. (LovHus-Ergänzung; ich denke, dass in realen Situationen immer einiges von dieser Ergänzung zu finden ist)