Komplett überlastet, kurz vorm Burnout

    Hallo,

    ich habe mich hier angemeldet weil ich einfach nicht mehr weiter weiß.


    Seit knapp einem Jahr arbeite ich in meinem ersten richtigen Job (Behindertenwohnheim). Anfangs war ich etwas unterfordert, bin Sozialpädagogin und mache dort alles, von Pflege über Putzen hin zu Krisenintervention und Fallbesprechungen. Die Heimleitung hat mich schnell gefördert, neue Aufgaben gegeben, damit kam ich gut parat. Jedoch ist sie seit Januar krank (Brustkrebs) und ich wurde von ihrem Chef und dessen Chef gefragt, die Leitung zu übernehmen. Wurde von allen Seiten motiviert und nahm die Beförderung an. Seitdem läuft aber alles aus dem Ruder, seit zwei Monaten sind dauerhaft ca 50% der Kollegen krank, immer abwechselnd, alles dreht sich nur noch darum die Schichten abzudecken. Büroarbeit kann ich liegen lassen, Bewohner aber nicht. Seit letzter Woche geht unter den Bewohnern eine Krankheitswelle rum, eine ist bereits gestorben, einer liegt im Krankenhaus und wird dort nicht gut versorgt (weil er durch seine Behinderung sehr speziell ist und eigentlich seine gewohnte Umgebung braucht). Gleichzeitig sind wir sowieso unterbesetzt, Vorstellungsgespräche, Hospitationen und Einstellungen bedeuten aber auch wieder viel Arbeit für mich, das Wohnheim soll ja attraktiv für die Bewerber sein, wir haben nicht viele.


    Ich hatte letzte Woche Urlaub, kam aber nicht wirklich zur Ruhe, war jetzt drei Tage wieder arbeiten, habe mich aber angesteckt und bin jetzt erstmal für morgen krankgemeldet. Abgesehen von den Erkältungssymptomen breche ich aber vor allem psychisch immer mehr zusammen. Ich arbeite teilweise 12 Tage am Stück, meistens 10 Stunden, manchmal 12, weil ich sonst die ganze Arbeit nicht packe.

    Mein Vorgesetzter ist sehr nett, ich könnte mich bei ihm "ausheulen", aber will es nicht in zwei Wochen bereuen. Ich habe nur aktuell das Gefühl, es wird jeden Tag nur schlimmer auf der Arbeit. Ich weine nur noch, habe kleine Nervenzusammenbrüche, funktioniere so gut es geht - für die Bewohner, sie sind doch hilflos. Sie können sich nicht selbst versorgen.

    Grundsätzlich habe ich schon lange gemerkt, dass die Wohnheimarbeit nicht das richtige für mich ist. Schichtdienst, Dienstpläne, ständig Einspringen, das ist einfach nicht meine Welt. Ich wollte aber durchhalten und dann, wenn die eigentliche Heimleitung den Krebs besiegt hat (hoffentlich nächstes Jahr) eine Versetzung anstreben und/oder schwanger werden. Aber jeder Tag macht mir nur noch Angst, ich trage zu viel Verantwortung, ich bin gefühlt nur noch am arbeiten, Haushalt bleibt oft liegen, manchmal fehlt mir abends die Kraft um überhaupt noch Duschen zu gehen.


    Mein Partner ist verständnisvoll, tröstet mich, aber ich habe auch zunehmend ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen.

    Zu dem ganzen Stress auf der Arbeit kommt hinzu, dass wir ein Haus renovieren und bald umziehen wollen und meine Oma in ein Altenheim möchte und sollte, darum kümmere ich mich nebenbei auch noch.

    Jeder sagt mir nur "Arbeite nicht so viel", aber was soll ich denn machen?

    Habe überlegt mich für eine Woche oder so krankschreiben zu lassen, aber meine Kollegen sind ja auch schon völlig überlastet und schieben nur noch Überstunden, und meine andere Arbeit würde sich nur sammeln und auf mich warten, wenn ich wiederkomme.


    Einerseits will ich gar nicht mehr zur Arbeit zurück kehren, andererseits will ich dort sein, um alles halbwegs zu regeln und mich um die Leute zu kümmern. Ich habe aber jeden Tag Angst, ich kippe einfach um und habe einen kompletten Zusammenbruch. Ich würde gerne mit einem Psychologen sprechen, aber weiß nicht wie ich das anstellen soll. Mit meinem Hausarzt möchte ich irgendwie nicht so richtig darüber reden. Wer kann mir helfen?

  • 8 Antworten

    ich denke du sitzt da zwischen zwei Stühlen weil du mit Menschen zu tun hast. Wäre es ein 08/15 Bürojob, dann wäre eine gute Lösung wohl mal krankschreiben zu lassen.


    Wenn ich du wäre würde ich mal sehr in mich gehen und schauen was dir am wichtigsten ist. Ich denke dir sitzt das schlechte Gewissen im Nacken, weil du die Heimbewohner nicht hängen lassen willst. Verständlich.


    les ich das jetzt richtig dass du zu den alten Jobs jetzt den neuen zusätzlich machen musst? Pflege Putzen und Leitung?


    Wie soll das gehen?


    Wenn du bleiben willst:


    ich würde mal schauen was die vorherige Person gemacht hat, und dann mit deinen jetzigen Aufgaben abgleichen.


    Dann einen Plan machen, was ist das wichtigste. Wo geht zu viel Zeit drauf, was aber unwichtig ist.


    Notfalls alles neu koordinieren.


    Wenn du merkst dass du weitaus mehr machst, dass dem Chef sagen. Dass das so nicht geht.


    Und eben auch aber sich bewusst sein, dass sich ein Aufopfern auch nicht rentiert, wenn man selber dabei krank wird.

    Alle Aufgaben, die Du hast, auf eine Liste schreiben, nach Priorität sortieren und dazu schreiben, dass du das nicht alles alleine erledigen kannst und als Überlastanzeige Deinem Chef hinlegen und Dir den Empfang quittieren lassen. Dann hast Du den Rücken an der Wand, falls wirklich mal was schief geht.

    Die Vorgehensweise, die BeataM beschreibt wollte ich auch gerade vorschlagen.


    Abgesehen davon: zögere nicht, dich mal für zwei Wochen krankschreiben zu lassen, wenn du das Gefühl hast, dass dir das (noch) helfen würde. Bist du erstmal richtig im BurnOut drin, dauert es sehr viel länger, bis du da wieder rauskommst.

    Trau dich ruhig, dich beim Chef auszuheulen, ihm deine Situation zu schildern. Der Arbeitgeber hat dir gegenüber immerhin eine Fürsorgepflicht. Und das, was du da beschreibst geht wirklich gar nicht, das kann niemand schaffen.


    Vielleicht hilft es, wenn du erstmal das Putzen ganz unten auf die Prioritätenliste setzt, dich auf Pflege, Krisenintervention und alles wirklich Wichtige konzentrierst. Wenn der Dreck sich türmt, wird das zumindest schnell sichtbar und dann reagiert vielleicht jemand.

    Privat würde ich auch das outsourcen, was geht. Kann sich jemand anders um die Unterbringung der Oma kümmern?


    Wenn du ganz furchtbar dringend jemanden zum Reden brauchst, kannst du dich an den Krisendienst wenden (keine Ahnung ob es sowas gibt, dort, wo du wohnst, aber vielleicht in der nächsten größeren Stadt? Meiner Erfahrung nach ist Hingehen besser als Anrufen, ob das machbar ist, musst du wissen). Wenn du eher ländlich wohnst, könnte möglicherweise auch ein Seelsorger weiterhelfen.

    Ansonsten frag mal bei deiner Krankenkasse nach, es gibt doch seit einiger Zeit Kurztherapien für genau solche akuten Fälle, mit wenig Wartezeit. Wie man da genau rankommt, musst du erfragen. (Natürlich kannst du auch einfach Psychologen durchtelefonieren, du brauchst keine Überweisung oder sowas. Vielleicht hast du Glück und bekommst irgendwo schnell einen Termin. Institutsambulanzen sind prima, wenn du sowas in greifbarer Nähe hast.)

    Notfalls weihe eben doch den Hausarzt ein, das kann ein toller Verbündeter sein. Schäm dich nicht für deine vermeintliche Schwäche. Dafür gibt es keinen Grund. Für eine verstauchte Hand würdest du dich ja auch nicht schämen, oder? Je schneller du jetzt handelst, desto besser für dich (und desto preiswerter für's Gesundheitssystem...es liegt also im Interesse Aller).


    Auch wenn es vermutlich nicht hilft: ich fühle mit dir! Kannst mir auch gerne per PN schreiben.

    Letztenendes muss du an dich denken. Eine Woche Krankschreibung wird auf langen Sicht nicht reichen. Du klingst Reha-reif. Ich denke, dass du auf Dauer nicht drum kommen wirst. Eine Psychotherapie wird nicht so schnell gehen - die wartelisten betragen oft Monate. Irgendwann fängst du an Fehler zu machen und du schadest dir selber. Ein richtige Burnout kann sehr lang anhalten, wenn man nicht rechtzeitig abbremst.


    Wie jemand oben geschrieben hat - Prioritäten setzten. Putzen hat kein Priorität. Es ist nicht so schlimm, wenn die Bewohner das nicht perfekt hinkriegen. Hauptsache Küche und Bad sind sauber. Und das können die Kollegen machen.


    Wir hatten ein ähnliches Problem, wo ich vorher gearbeitet habe. Leitung war zwar da, aber von 6 Betreuer fehlten 3. Dann haben wir eben die Betreuung vorübergehend etwas eingeschränkt- die Psychologen müssten einspringen und 2 Jobs machen. Nicht toll, ging aber nicht anders. Dann fielen eben manche Gruppenaktivitäten und Ausflüge aus.

    afried schrieb:

    les ich das jetzt richtig dass du zu den alten Jobs jetzt den neuen zusätzlich machen musst? Pflege Putzen und Leitung?

    Wie soll das gehen?

    Zur Zeit ja, weil es im Gruppendienst keinen Ersatz für mich gibt. Der Chef sagt, ich muss die Gruppendienste nicht machen, dürfte theoretisch Montag bis Freitag 8-16 Uhr arbeiten und mich aus der Pflege und Betreuung der Bewohner rausziehen. Aber das ist nicht realistisch, die Dienste lassen sich nicht abdecken ohne mich.

    Und dann schaffe ich mir schon Luft und plane wenigstens zwei Bürotage die Woche, aber die kann ich fast nie machen weil ich dann wieder für kranke Kollegen einspringe.

    Ich denke immer nur "Bald wird es besser", aber irgendwie wird es das einfach nicht. Weil die Kollegen auch überlastet sind, werden sie auch ständig krank, wie eine Teufelsspirale.


    An Überlastungsanzeige hab ich auch schon gedacht, die werde ich wohl mal machen. Ändert aber jetzt akut auch nichts an meiner Situation.


    Ich danke euch schonmal für die Antworten, es tut gut sich mal mit neutralen Menschen darüber auszutauschen.

    Ja, das Putzen lasse ich auch schon liegen. Wenn alle Bewohner gesund sind, hat man sie morgens auch relativ schnell "fertig" und Zeit für andere Dinge, aber weil so viele auch noch krank sind kommt die Fürsorge auch noch dazu (Arztbesuche, Kontrolle der Vitalwerte, mittags kochen statt dass sie in der Werkstatt essen, öfter umziehen, weil sie verschwitzt sind oder einnässen). Aber das ist ja auch nicht der Dauerzustand, das macht mich nur diese Woche letztendlich fertig.

    Ich denke mir, dass solche Situationen, bei denen alles zusammenkommt, im Jahr sicher häufiger vorkommen. Kann man solche Krisenzeiten nicht mit Personen abdecken, die extra dafür eingestellt werden, z.B. zwei, drei Pflegekräfte außer Dienst, die sich dann ein paar Euro auf 450 Euro-Basis dazuverdienen können?

    Caramala 3 schrieb:

    Ich denke mir, dass solche Situationen, bei denen alles zusammenkommt, im Jahr sicher häufiger vorkommen. Kann man solche Krisenzeiten nicht mit Personen abdecken, die extra dafür eingestellt werden, z.B. zwei, drei Pflegekräfte außer Dienst, die sich dann ein paar Euro auf 450 Euro-Basis dazuverdienen können?

    Nein das geht leider nicht... Das funktioniert nicht mit der Abrechnung über den Kostenträger, der obere Chef würde das nicht genehmigen.


    Ich konnte letzte Nacht gut schlafen, ich habe nur starke Kopfschmerzen, fühle mich ansonsten aber nicht mehr so krank, denke ich gehe morgen wieder hin. Und nächste Woche muss ich dann mal mit meinem Vorgesetzten sprechen, dass ich echt überfordert bin.