Kontaktabbruch Vater und Schuldgefühle

    Hallo,


    ich möchte euch gerne erzählen, wie es mir gerade geht, weil ich mich sehr belastet fühle und die Situation noch nicht richtig greifen kann.


    Heute habe ich meinem Vater mitgeteilt, dass ich vorerst keinen Kontakt zu ihm wünsche. Er hat darauf nicht geantwortet. Und seitdem schwanke ich zwischen Stolz, diesen Schritt gegangen zu sein und Schuldgefühlen, ihn im Stich gelassen zu haben. Fakt ist nämlich, dass es meinem Vater gerade gar nicht gut geht.


    Er hat vor ungefähr einem Jahr seinen Job verloren, quasi parallel ist seine Mutter, meine Oma an Krebs erkrankt. Es war ein kurzer, heftiger Krankheitsverlauf und beinahe auf den Tag, an dem sie gestorben ist, bekam er einen neuen Job. Ohne groß Pause dazwischen, klammerte er sich mit aller Energie an diesen neuen Job. Denn ein Mann müsse ja Geld verdienen, das Haus abbezahlen, dürfe nicht Zuhause hocken und so weiter. Lust auf eine neue Herausforderung hatte er wohl auch. Nun ja, der neue Job entpuppte sich nach wenigen Wochen als Reinfall. Er war überfordert mit den Ansprüchen, es klappte einfach nicht. Einen Monat hat er sich gequält ("ich muss mich jetzt einfach täglich prostituieren, das geht schon, werde ich halt zum Motivationskünstler; aber mach dir keine Sorgen, hier ist alles gut und alle haben sich lieb" - nie habe ich ihm das abgenommen, gleichzeitig tat er mir wahnsinnig leid und ich fand es schrecklich, diese destruktiven Denkfiguren lesen zu müssen). Und ich hatte recht: vor ein paar Tagen ist er vor einem Kunden zusammengebrochen. Er ist nun mit einem Burnout krankgeschrieben, erwartet seine Kündigung, bewirbt sich aber schon auf die nächsten Jobs. Weil: was muss das muss.


    So viel zu den Fakten.


    Mein Vater und ich hatten nie ein einfaches Verhältnis zueinander. In meiner Kindheit zeigte er sich häufig unterkühlt und abweisend, teilweise aber auch unberechenbar und aggressiv. Ich habe ihn über alles geliebt und auch idealisiert, aber eigentlich nicht viel von ihm bekommen. Das ist ihm vor eins, zwei Jahren wohl auch bewusst geworden, als sein Vater, mein Opa starb. Plötzlich taute er auf, wurde emotionaler. Das machte mich anfänglich skeptisch, weil ich es bis dato einfach nicht gewohnt war. Ich war völlig zerrissen: einerseits beobachtete ich seine Versuche, auf mich zuzukommen und freute mich, andererseits überkam mich zeitgleich eine riesige Wut - was bildete der sich eigentlich ein?! Ich habe versucht, ihm meinen Konflikt zu kommunizieren, dass so etwas Zeit bräuchte und Vertrauen sich nicht von heute auf morgen aufbaute usw.


    Trotz neuer Weichheit, hatte ich dennoch nicht den Eindruck, dass mein Vater nun wirklich Interesse an mir zeigte. Viel mehr war es so, dass er jetzt begann, mich einfach stärker in Probleme und Geschehen einzuweihen. Ich bekam heftige SMS über aktuelle Gesundheitszustände, die weder Nachfragen noch Einwände erlaubten. Es interessierte ihn auch nicht, wie ich mit all dem fertigwürde. Ich wurde immer wieder vollgeschwallt mit Hiobsbotschaften, sodass ich irgendwann, wenn ich nur den Namen meines Vaters auf dem Handydisplay las, es am liebsten ausgemacht hätte. Für mich war es, als würde mir einfach alles vor den Latz geknallt und ich dann damit allein gelassen. Regelmäßig warfen mich diese Nachrichten völlig aus der Bahn in ihrer brutalen Sachlichkeit, gepaart mit "Ist halt alles scheiße. Kuss"


    Ich wurde immer wütender!!! Zumal es sich nun auch ergab, dass, wenn ich mal mit meinem Vater allein war (was nicht häufig vorkam, denn ich wohne schon lange nicht mehr bei ihnen), meist im Auto, ich mich darauf einstellen konnte, dass sobald die Tür zufiel, ER völlig in sich zusammenfiel, mir angespannt und resegniert seine Lebenssituation darlegte wie einen abgeschlossenen Bericht. Für mich unerträglich, schmerzhaft, überfordernd. Keine Nachfrage, kein Einfühlungsvermögen. Einfach wie ein Offizier, der einem untergeordneten Soldaten von den Verlusten an der Front erzählt. Einseitig. Traurig. Kalt. Extrem unangenhem. Für mich als Tochter eine enorm schwierige Situation: ich fühlte einerseits, dass meine Grenzen überschritten wurden, ich dem ausgesetzt, ausgeliefert war und gleichzeitig hatte ich den enormen Wunsch, zu trösten, zu richten, da zu sein. Also ein totaler Konflikt aus dem Bedürfnis, sich zu schützen und gleichzeitig meinen Vater zu schützen, der wiederum nicht an mich dachte, sondern nur an sich und sein Bedürfnis, abzuladen. Jedenfalls fühlte es sich für mich genau danach an. Meine Meinung, meine Perspektive, meine Gefühle: unwichtig.


    Die letzte dieser Situationen ereignete sich vor ca. zwei Wochen, ebenfalls im Auto. Da hat es mir gereicht. Ich habe im gesagt, dass ich das nicht länger aushielte. Er guckte mich verdattert an und meinte: "Aber du beschwerst dich doch sonst immer, dass ich dir nicht von meinen Problemen erzähle!" Ich nur: "Wie bitte? Nein, darum habe ich nie gebeten! Ich wollte, dass du weniger distanziert bist!"


    Das Fass zum Überlaufen gebracht hat letztlich die Nachricht, die er mir vor einigen Tagen schrieb und in der es um besagten Zusammenbruch ging, ungefähr im Ton: "Ich bin heute abgeklappt. Aber mach dir keine Sorgen. Warte auf Kündigung, aber suche nach neuen Jobs. Bekomme bunte Pillen. Gruß, Papa" DAS MACHT MICH FERTIG! Er soll aufhören, mir so etwas so zu schreiben! Ich ertrage ihn/es einfach nicht länger! Also habe ich ihm mitgeteilt, dass ich das gerade einfach nicht mehr kann. Es überforfert, überlastet mich, macht mich wütend. Ich brauche eine Pause davon. Habe ihm gesagt, dass ich ihn lieb habe und ihm gute Besserung wünsche, aber da nicht mehr mit einsteigen kann. Zumal ich ihm in der Vergangenheit öfter Ratschläge gegeben habe wegen Therapie usw. Er hat auch keine Freunde. Also werden mein Bruder und ich permanent "ins Vertrauen" gezogen. Es kotzt mich so an.


    Jedenfalls sitze ich nun hier, schreibe das, habe heute bereits mehrmals geheult vor lauter Schuldgefühlen. Es gibt eine Stimme, der tut alles einfach nur leid und weh, die möchte ihren Papa trösten und ihm helfen. Aber da ist auch das wütende, ungesehene Kind (und Jugendliche und junge Erwachsene). Und die Frau, die ich jetzt bin und die lernt, Grenzen zu setzen, um sich selbst zu schützen. Es ist schrecklich. Mir ist schlecht, ich kann nichts essen. Verliere ich meinen Vater? Gab es ihn nie? Habe ich einen Fehler gemacht? Wie geht es ihm gerade? Ich bin so traurig.


    Danke fürs Lesen.


    Sine (27)

  • 6 Antworten

    Lieber Peddi,


    danke für deine Antwort. Aber aktuell bin ich mir ja noch nicht einmal sicher, ob ich mit der Sperre überhaupt richtig gehandelt habe. Ich bin hin und her gerissen und möchte ihn natürlich nicht verlieren. Aber ich habe den Eindruck, er muss selbst Dinge klären, bei denen ich ihm nicht helfen kann.


    Vielleicht habe ich auch nur gehofft, mir hier Absolution zu holen, weil ich mich teilweise einfach schäbig fühle gerade.


    Sine

    Mahlzeit liebe Sine,


    Absolution kannst Du von niemandem bekommen.


    Nur die Stärkung, das zu tun, was gut für Dich ist.


    Aus der Ferne ein Rat: Dein Vater belastet Dich mit seinen Problemen. Dafür aber gibt es Spezialisten, an welche Dein Vater sich wenden könnte. Problem: Viele Männer gehen nicht zum Psychologen. Weil, ..................... //Da gehen ja nur Bekloppte hin// ]:D ]:D ]:D . Dass ein Psychologe aber dabei hilft, eigene Probleme zu überwinden, das wissen ja nicht alle Menschen. Für Dich aber sind diese Probleme zu viel. Er lädt das alles bei Dir ab, was er bei einem Spezialisten, einem Seelenklempner, abladen könnte. Der könnte dann mit ihm auch erarbeiten, was los ist, und wie eine Lösung gefunden wird. Nur, darauf müsste Dein Vater schon selber kommen, oder, wenn er drauf gestoßen würde, es auch wirklich wollen. Solange er aber Dich als Müllhalde hat, wird es das nicht tun. Es is ja auch so schön bequem.


    In erster Linie ist wichtig, was Du möchtest. Gar keinen Kontaktabbruch, sondern aber Entlastung in Form dessen, dass er die Probleme nicht mehr bei Dir ablädt. Also konsequent sagen, was los ist. Weiß Dein Papa denn, dass er Dich belastet oder weiß er es nicht? Ich meine damit, hat er wirklich begriffen, wie schlecht es Dir damit geht??


    GLG

    Lieber Peddi,


    was du schreibst, tut mir wirklich gut, danke.


    ich habe den Eindruck, dass der momentan gar nicht viel begreift, sondern mental am Limit agiert, bzw. seine Akkus in Gedankenschleifen verpulvert. Vielleicht hat dieser Knall (der Zusammenbruch) aber auch etwas angestoßen, das würde ich ihm wünschen.


    Ich habe ihm gesagt, dass mich seine Art überfordert, ja. Und dass er nicht so mit seinen Kindern über seine Probleme sprechen soll, sondern mit meiner Mutter (macht er anscheinend aber nicht gern), mit Freunden (die er leider nicht hat) oder lieben Nachbarn (da hat er dann auch angefangen, drüber nachzudenken). Ärztin habe ich ihm auch geraten. Die verschreiben aber nur Beruhigungspillen und Antidepressiva. Und natürlich auch einen Therapeuten. Aber wie du schon sagtest: "Es ist ja alles okay." (haha, von wegen). Es ist eben auch diese Doublebind-Kommunikation, die es für mich so ätzend macht: aus allen Nachrichten schreit es "Hilfe", die dann aber mit einem "Ist schon gut" abgedeckelt wird. Der merkt es sicher nicht. Aber wie soll man so reagieren? Such dir eine Botschaft aus?


    Mir geht es heute etwas besser, ich ringe aber auch immer wieder mit mir, nicht zum Telefon zu greifen und alles zurückzunehmen. Weil ich mir vorstelle, wie schlecht es ihm geht und alle denken, ich würde ihn im Stich lassen. So nach dem Motto: "Wird es brenzlig, macht sie sich aus dem Staub." X-

    Das, was Du hier beschreibst, erinnert mich an Folgendes:


    Ich war vor ca. 2 Jahren in einer psychosomatischen Klinik. Das ist eigentlich nichts anderes, als eine sehr gute Reha mit Einweisung des Psychiaters. Ist aber leider sehr stigmatisiert, wie Depressionen es ja auch sind. Sagt jemand Burn-Out, hört es sich ja auch schöner an. Der hat einfach zu viel gearbeitet. Nö, ist nur ein Teil der Krankheit, die leider nicht ernst genommen wird. Oft ... Jedenfalls war in der Gruppe eine junge Frau, die hatte folgendes Problem: Der Vater war alkoholkrank. Darunter hatte die junge Frau so gelitten, dass sie selber krank wurde und in die Klinik kam. Schuldgefühle, hat die Familie mit versorgt und leider den Suff des Vaters mit gedeckt. Sollte ja keiner mitkriegen. Sie war aber ausgezogen, weil sie es zu Hause nicht mehr ausgehalten hat. Trotzdem hatte sie Schuldgefühle, hat immer den Geschwistern und der Mutter geholfen, bis sie zusammenbracht. Sie mußte lernen, dass es die Erkrankung des Papa s war.. Nicht ihre. Sie war so krank dadurch, dass sie wirklich nicht mehr konnte.


    Zu begreifen, dass man selber keine Schuld trägt, weil man nicht helfen kann, weil man s nicht mehr hören kann, weil man doch eine gute Tochter sein will ..... Was denken denn die Leute sonst?? ..... und weil es ja der Vater ist. Nein!!.... Es ist DEIN Leben.


    Wenn Dein Vater sich nicht helfen lassen will, dann ist es sein Problem, nicht Deines.


    Bei uns war es so, dass der jungen Frau geraten wurde, den Vater erst dann wieder zu unterstützen, wenn er zu den anonymen Alkoholikern geht (wie gesagt, wir in der Gruppe waren Laien, keine Psychologen, die viel von dem Mädchen mitbekommen haben) . Was Du daraus machst, ist Dein Ding. Wir alle haben ihr gesagt, dass sie darum eben trotzdem eine gute Tochter ist. Und dass sie an sich denken muss.


    Wenn Du es nicht aushälst, mach vielleicht mit Dir selber einen Vertrag: Du kannst mit Dir selber als Beispiel ausmachen, dass Du ihn erst wieder in einer Woche kontaktierst. Du kannst mit Dir selber ausmachen, dass Du ihn im Abstand von 7 Tagen kontaktierst. Wie gesagt, ein Vorschlag. Und ihm das Ultimatum stellst, zum Psychologen zu gehen. Das sind nur Vorschläge.. Du kannst ihm sagen, dass der Kontakt wöchentlich bestehen darf, aber nur Du ihn anrufst. Und dass er nicht von seinen Problemen erzählen darf. Dass er dafür einen Psychologen aufsuchen soll.


    Oder aber Du schreibst ihm, dass Du erst dann wieder Kontakt aufnimmst, wenn er eine Therapie macht.


    Das alles sind nur Vorschläge, ich bin eine Laie. Es könnte sein, dass er erst mal mit Wut und Unverständnis reagiert. Umsonst hast Du Deine Schuldgefühle ja nicht. Und dass er Dir noch mehr Schuldgefühle macht. Es kann sein, dass er bockig wird. Damit musst Du rechnen.


    Das klingt sehr hart. Es könnte aber auch sein, dass es Deinem Vater hilft. Es könnte sein, dass Du damit Deinem Vater hilfst. Und Du hilfst Dir selber.


    Solche Menschen holen sich nur dann Hilfe, wenn nichts mehr geht.


    Alles ohne Gewährleistung, ohne ärztlichen Rat, ohne Apothekerauskunft, einfach aus dem Gefühl.


    Dir alles Gute.