Kontaminationsangst vs. Hygiene?

    Ich leide schon länger unter 'Kontaminationsangst' und entsprechenden Zwängen bzw. Vermeidungsverhalten.


    Nun möchte ich eine Reizkonfrontation mit Unterstützung durch eine Therapie durchführen. Allerdings fällt es mir schwer zu differenzieren, ob meine Impulse krankhaft sind oder eigentlich sinnvolle Hygienemaßnahmen.


    Beispiel: Ich würde mich duschen und umziehen, sobald ich heimkomme oder bevor ich mich auf einen Stuhl oder gar dass du Bett setzen würde. Dasselbe gilt für Müllentsorgung. Das schränkt meinen Alltag auch nur minimal ein bzw. verursacht kaum Leidensdruck. Allerdings möchte ich meinen Zwang auch nicht unbewusst Aufrecht erhalten, in dem ich auf solche Rituale fortführe.



    Hat jemand einen Ratschlag, wie ich zu unterscheiden lerne? Das würde es wesentlich einfacher machen, meine Zwänge zu rationalisieren und zu bewältigen.

  • 106 Antworten
    Lovaniensia schrieb:

    Nun möchte ich eine Reizkonfrontation mit Unterstützung durch eine Therapie durchführen. Allerdings fällt es mir schwer zu differenzieren, ob meine Impulse krankhaft sind oder eigentlich sinnvolle Hygienemaßnahmen.

    Wirst Du während der Therapie in deinem Alltag begleitet, um dir an Ort und Stelle dein Verhalten zu verdeutlichen? Oder handelt es sich um Gesprächstherapien? Ich weiss leider nicht, wie diese Art der Therapie durchgeführt wird. Deshalb wäre ein Hinweis von dir - jedenfalls für mich - schon hilfreich.

    Wenn diese Therapie schon durchgeführt wird oder kurzfristig ansteht, warum willst Du denn jetzt wissen, welche Impulse für dich sinnvoll sind oder nicht?

    Ich finde es auch sehr schwierig, von hier aus so auf deine Fragen einzugehen, das die Antworten zu dir passen und dir wirklich helfen. Ich könnte mir vorstellen, dass dich viele Antworten eher noch mehr irritieren, weil jedeR ein anderes Hygieneverständnis hat.

    Nach meinem Verständnis wäre zunächst mal wichtiger zu hinterfragen, woher die Ängste und Zwänge kommen, bzw. diese in der Therapie ebenfalls mit einzubeziehen.

    Magst Du dich dazu mal äussern?

    Fizzlypuzzly schrieb:

    Wirst Du während der Therapie in deinem Alltag begleitet, um dir an Ort und Stelle dein Verhalten zu verdeutlichen? Oder handelt es sich um Gesprächstherapien? Ich weiss leider nicht, wie diese Art der Therapie durchgeführt wird. Deshalb wäre ein Hinweis von dir - jedenfalls für mich - schon hilfreich.

    Es handelt sich um eine Verhaltenstherapie und ich hoffe meine Therapeutin von einer Reizkonfrontation vor Ort überzeugen zu können. Reizkonfrontation bedeutet einen zwanghaften Impuls nicht mit einer Zwangshandlung zu neutralisieren und die negativen Gefühle auszuhalten.



    Zitat

    Wenn diese Therapie schon durchgeführt wird oder kurzfristig ansteht, warum willst Du denn jetzt wissen, welche Impulse für dich sinnvoll sind oder nicht?

    Weil ich mich derzeit selbst mit meinen Zwängen konfrontieren soll. Allerdings erscheint mir viele meiner Zwänge und Rituale als sinnvoll. Aber vielleicht spricht da nur der Zwang aus mir.


    Meine Therapeutin schlug außerdem vor, dass ich eines meiner Bücher von einem Obdachlose anfassen lassen solle. Ich denke allerdings, dass das die meisten Menschen ekelhaft finden würden.


    Kurz und knapp: Ich möchte solche Szenarien vermeiden, wenn es nur irgendwie möglich ist.



    Zitat

    Ich finde es auch sehr schwierig, von hier aus so auf deine Fragen einzugehen, das die Antworten zu dir passen und dir wirklich helfen. Ich könnte mir vorstellen, dass dich viele Antworten eher noch mehr irritieren, weil jedeR ein anderes Hygieneverständnis hat.

    Natürlich hat jeder ein anderes Hygieneverständnis. Allerdings wären Beispiele für ein normales 'Ekelgefühl' sicherlich sinnvoll um mich selbst besser regulieren zu können.



    Zitat

    Nach meinem Verständnis wäre zunächst mal wichtiger zu hinterfragen, woher die Ängste und Zwänge kommen, bzw. diese in der Therapie ebenfalls mit einzubeziehen.


    Magst Du dich dazu mal äussern?

    Im Vordergrund steht definitiv Ekel. Ich fürchte mich aber nicht unbedingt vor Krankheiten. Es geht mir mehr um gründliche Sauberkeit. Ich bin in einem Messi-Haushalt aufgewachsen. Das hat mich durchaus geprägt.


    Ich glaube, dass der Zwang aus Perfektionismus und Verlustangst resultiert. Ich kann mich an einen Satz erinnern, der mich zu diesem Zeitpunkt tief getroffen hat: "Ich kann es nicht ertragen etwas zu besitzen, das nicht perfekt ist."

    Zitat

    Ich würde mich duschen und umziehen, sobald ich heimkomme oder bevor ich mich auf einen Stuhl oder gar dass du Bett setzen würde.

    Das ist schon mal nicht normal, außer Du warst als Kaminkehrerin oder ähnliches unterwegs.


    Aus der Ferne ist es echt schwer, einen wirklich hilfreichen Rat zu geben. Dass Du in Therapie bist, ist schon mal gut.


    Was bedeuten für Dich denn Sauberkeit und Hygiene? Keimfreiheit? Das ist das Schlimmste, was Du Dir antun kannst. Unser Immunsystem benötigt unbedingt die ständige Konfrontation mit Bakterien, Viren und Pilzen.


    Vor ungefähr einem Jahr hatte ich intensive Gespräche mit einer putzsüchtigen Frau. Sie war mit mir im Krankenhauszimmer, so dass wir viel Zeit zum Reden hatten. Sie hatte eine ganze Batterie von Desinfektionsmitteln und für jedes Spezialproblem ein eigenes Putzmittel. Von jedem Mittel verbrauchte sie monatlich 3 Flaschen (70-qm-Wohnung mit Balkon). Das ist der helle Wahnsinn! Auch sie duschte immer sofort, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam.


    Ich riet ihr damals, ihr Reinigungsmittelarsenal mal auf Neutralseife oder einen einzigen Universalreiniger zu reduzieren, das genüge vollkommen. Sie tat das tatsächlich. Im März erzählte sie, dass sie mittlerweile "geheilt" sei. Ihr Mann hatte sie im September letzten zum Übernachten auf eine Alm mit nächtlichem Heulager geschleppt. Zunächst habe sie sich furchtbar gegraust, weil sie unzählige Krabbeltiere befürchtete. Die Nacht im Heu war aber extrem erholsam. Danach reduzierte sie zu Hause ihre Reinigungsmittel. In vier Wochen ist sie übrigens erneut auf o.g. Alm, um im Heu zu schlafen.


    Diese Frau war nie in Therapie. Mit Hilfe ihres Mannes, ihrer Freunde und eigener Bemühungen schaffte sie es ohne. Das ist großes Glück.

    Lies mal das Buch: Glauben Sie nicht alles, was Sie denken. Da wird gut aufgefriemelt, wie solche Sachen entstehen können.


    Es wird gut aufgezeigt, dass unser Gehirn nicht immer unser Freund ist.


    Aber ohne Therapie wird eine Zwangshandlung nicht wirklich funzen.

    Sorry für den Vertipper:


    Ihr Mann hatte sie im September letzten zum Übernachten auf eine Alm mit nächtlichem Heulager geschleppt. UNSINN.


    Soll natürlich heißen:

    Ihr Mann hatte sie im letzten September zum Übernachten auf eine Alm mit nächtlichem Heulager geschleppt.

    just_looking? schrieb:

    Ich finde es eher schräg auf jemanden zuzugehen, hier, greif mal mein Buch an.

    Täte es nicht ein Buch aus einer Büchertelefonzellen auch?

    Natürlich ist das schräg. Hat sich aber ohnehin schon erledigt, weil mein Vater letztens alle meine Bucher betatscht hat. Der wäscht sich nach dem WC-Besuch auch nie die Hände. %-|


    Ich würde die Bücher nun später einfach wegwerfen und mir ein neues Exemplar in physischer Form besorgen. Oder ist das übertrieben?

    Man sollte dann auch mal wirklich sich damit auseinandersetzen, wo wie welche Keime was machen. Keime vom Klo - sofern man sie nicht in eine Wunde friemelt, sind so was von alltäglich, da passiert nüschte. Sonst wäre die Menschheit auch schon ausgerottet.


    Das da Gedanken des Ekels entstanden sind, sind genau solche Beispiele, wie man das Gehirn verschalten kann, dass es dann nicht mehr unser Freund ist - sondern hier in Deinem Falle das Signal gibt, nicht nur eklig zu sein, sondern da entsteht ein Drama bis hin zu :das bringt mich um oder sonstigen falsch gedachten Unsinn.


    Mit anderen Worten:


    Unsere Umwelt strotzt nur so voller Keime, und je mehr harmlose davon vorhanden sind, umso weniger wirklich krankhafte können sich da nicht mehr tummeln.

    Und mal wirklich das Denken logisch hinterfragen: wären Bücher so gefährlich, würde es keine Büchereien geben. Da nimmt so sicher mancher auch das Buch mit aufs Klo...


    Und es gibt keine Bildzeitungsmeldungen: schon wieder 1000 Menschen gestorben, weil sie in der Bücherei waren....


    Es dreht sich wirklich darum, das falsche Denken mal zu hinterfragen, es dann zu verstehen und mit Hilfe der Therapie neue Ansätze zu finden, alte Muster auch mal auszuhalten. Mal Hundescheiße für 2 Stunden an die Jeans schmieren, klein wenig, dann auswaschen - und gut is.... Und wie Millionen von Hundebesitzern ist so was schon passiert, dass Hunde in der Wohnung ein Malheur hatten, sie leben noch. Auch Landwirte, die ausmisten.... Die sind in der Regel recht robust. Und Kinder auf Bauernhöfen, die mit allem Dreck in Berührung kommen, haben weniger Allergien. Und die waschen sicherlich auch nicht alle 5 Minuten die Hände....

    Monsti schrieb:

    Das ist schon mal nicht normal, außer Du warst als Kaminkehrerin oder ähnliches unterwegs.


    Nein, aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Außerdem wäscht man sich ja auch die Hände, wenn man nachhause kommt. Das ist zumindest meine Logik.


    Zitat

    Was bedeuten für Dich denn Sauberkeit und Hygiene? Keimfreiheit? Das ist das Schlimmste, was Du Dir antun kannst. Unser Immunsystem benötigt unbedingt die ständige Konfrontation mit Bakterien, Viren und Pilzen.

    Eigentlich nicht. Grundsätzlich würde es mir schon reichen, wenn alles einfach sauber und ordentlich ist. Aber ich möchte keine Mikroorganismen aus den diversen Körperöffnungen von Mensch und Tier in meinem Wohnbereich haben (auch nicht meine eigenen!) und das scheint sich nicht vermeiden zu lassen. Immerhin gibt es Hygienevorschriften etc. nicht ohne Grund.":/


    Zitat

    Diese Frau war nie in Therapie. Mit Hilfe ihres Mannes, ihrer Freunde und eigener Bemühungen schaffte sie es ohne. Das ist großes Glück.

    Das hängt vermutlich auch mit der Ursache des Zwanges zusammen. Für mich wäre eine Nacht im Heu nicht problematisch.


    Aber ich habe nun auch beschlossen, keine umweltbelastenden Putzmittel mehr zu kaufen und meine Desinfektionsputzmittel nur mehr in Ausnahmefällen zu verwenden. :-)

    ---


    BenitaB. schrieb:

    Lies mal das Buch: Glauben Sie nicht alles, was Sie denken. Da wird gut aufgefriemelt, wie solche Sachen entstehen können.

    Danke für den Tipp!


    Zitat

    Unsere Umwelt strotzt nur so voller Keime, und je mehr harmlose davon vorhanden sind, umso weniger wirklich krankhafte können sich da nicht mehr tummeln.

    Was ist mit Kot oder Vaginalsekret?

    ---


    GoldenOldie schrieb:

    Ja ist es. Auch das duschen nach der Müllentsorgung ist meiner Meinung nach nicht normal. Das hat mit normaler Hygiene nichts zu tun

    Würdest du deine Wäsche falten, nachdem du direkt vor einem Müllcontainer gestanden und diesen sogar angefasst hast?

    BenitaB. schrieb:

    Und mal wirklich das Denken logisch hinterfragen: wären Bücher so gefährlich, würde es keine Büchereien geben. Da nimmt so sicher mancher auch das Buch mit aufs Klo...

    Ich habe aber auch keine Angst vor Infektionen. Das wäre mir den Aufwand gar nicht wert, um ehrlich zu sein. Es geht hauptsächlich um Ekel. Krankheitserregende Bakterien finde ich allerdings trotzdem 'ekeliger' als gute Lebensmittelbakterien. Ergibt das einen Sinn?


    Die Bücher in der Bücherei sind aber oft nicht wirklich in einem guten Zustand. Das möchte ich einfach nicht. Außerdem bin ich doch sicher nicht die einzige, die bei gewissen Themen etwas pingeliger ist. Immerhin gibt es ja auch Menschen, die ihr Auto hegen und pflegen wie das eigene Kind.

    Meine Mülltonne lebt draußen. Im Normalfall wird die von Regen gewaschen. Wenn ich ein komisches Gefühl hätte würde ich Hände waschen, fertig.

    Mit Öffis hab ich kein Problem.


    Hygienevorschriften gibt es für Großküchen. Das ist kein Vergleich.


    Vaginalsekret? Welche Art "Gefahr" soll den davon ausgehen? Die zitierte Stelle gilt auch für Kot und Vaginalsekret.

    Und du benutzt nicht einmal Handschuhe? Wie oft putzt du Türklingen und Wasserhähne bzw. Seifenspender?


    Hygienevorschriften gibt es auch für den Haushalt. Wie Händewaschen oder regelmäßiger Wechsel von Putz- und Handtüchern.


    Vaginalsekret und Kot sind beide übelriechend und - vor allem Letzteres - wird oft als ekelerregend empfunden.

    Wobei soll ich Handschuhe verwenden? Benützt du Handschuhe und gehst dann zusätzlich noch duschen? %:|


    Wasserhähne, Seifenspender. Einmal die Woche? Türklinken? Wenn was Klebriges dran ist.


    Das sind keine Vorschriften. Das sind Empfehlungen.


    Ich hab ja nicht gesagt dass ich gerne überall Kot möchte. Aber ich weiß doch, wo der im Normalfall hinkommt, da muss ich keine Angst davor haben, dass der plötzlich Füße bekommt. Übelriechend in Bezug auf Vaginalsekret würde ich zwar nicht zustimmen, aber ansonsten gilt das gleiche wie für Kot.

    Was ist mit Kot oder Vaginalsekret?


    Die Menschheit ist damit seit Millionen Jahren konfrontiert, es wurde ihr zum Leben dazugegeben - sie lebt. Und immer wieder die Fakten betrachten: Hygienevorschriften sind eine Erfindung der Menschen seit über 100 Jahren, davor war das nicht bekannt.


    Und klar, durch Unwissenheit sind viele Menschen auch verreckt. Hätte man einfach nur durch mehr Waschen verhindern können. Und in OP's durch Desinfektion.


    Alles andere ist aber im wahrsten Sinne des Wortes scheißegal. Und dass Mist riecht, ist eben so. Ein Buch, das - wie hier von Dir geschildert - ein Obdachloser angefaßt hat, stinkt aber nicht, ebensowenig wie Geld....


    Aber der Hauptgrund wer, man müßte sich klarmachen, dass das Gehirn hier etwas vorgibt, was eben Dich schädigt. Nämlich Dein Verhalten, was dadurch unnormal wird.


    Menschen mit Krankheiten googeln sich durch alle Krankheitsseiten, weil sie sich informieren wollen.


    Menschen mit Ängsten könnten sich auch mal ganz tief damit beschäftigen, alles lesen, was ihr Thema betrifft, gleichzeitig natürlich eine Therapie machen. Und die Informationen zusammen mit dem Therapeuten intensiv durchzukauen, verstehen, dass hier im Gehirn was falsch läuft, dies durch Konfrontation auch mal auszuhalten um dann festzustellen, dass nix passiert, wenn man man Scheiße am Schuh hat und diese abwäscht. Statt neue Schuhe zu kaufen.


    Der Widerstand muß überwunden werden, man muß sich ändern.


    Welchen Vorteil verschafft das jetzige Verhalten auch innerhalb von der Familie, von Freunden, sofern die nicht schon lange weg sind.

    Durch sein Verhalten schafft man sich auch so eine Art, andere zu gängeln, weil die ja diktatorisch aufgefordert werden, dies oder das (Absurdes) in Gegenwart zu unterlassen.

    ich lebe auf dem land und benutze nie öffentliche verkehrsmittel. es sei denn, ich muss in die große stadt. und wenn ich dann heim komme, oder ich besuche jemanden und war mit zug oder flugzeug unterwegs, dann ist mir das auch unangenehm und ich denke, der dreck der großstadt klebt an meiner hose.

    aber da genau dieser dreck ja auch gesund macht, immun macht, begnüge ich mich mitm händewaschen.

    nach dem müll rausbringen oder solch leckeren waschen, sollte man sich selbstverständlich die hände waschen. das hat nix mit zwang, sondern mit normaler hygiene zu tun.

    ansonsten, liebe TE, müssten wir vielleicht noch andere beispiele von dir bekommen, damit du einen besseren überblick darüber kriegst, was die breite masse als normal oder übertrieben/zwanghaft ansieht

    also neues buch kaufen, weil da einer mit dreckigen händen angefasst hat, find ich auch übertrieben. warum reichts dir da nicht, wenn du mitm lappen drüber gehst? (ganz gesund wäre aber, das komplett zu ignorieren)