Mangelnde Psychotherapieplätze in D - andere Länder besser?

    Hallo! *:)


    Ich beschäftige mich gerade in der Uni mit der Gesundheitspolitik im internationalen Vergleich und überlege zum Thema der mangelnden ambulanten Psychotherapieplätze in Deutschland eine Hausarbeit zu schreiben und dem Ganzen das System eines anderen Landes gegenüber zu stellen, in dem das besser funktioniert.


    Fällt Euch da was ein? Falls ihr nicht aus D kommt, was läuft diesbezüglich bei Euch besser?


    Liebe Grüße @:)

  • 47 Antworten

    Kein Schnellschuss - lass dir von kompetenter Stelle die Zahlen nennen: zugelassene Psychotherapeuten aufgegliedert nach Bereich Ärzte und Bereich Psychologen, dazu die derzeit nicht besetzten Psychotherapeutenplätze (Zahl vermutlich gegen Null).


    Weiterhin wieviel sind in welcher räumlicher Verteilung zugelassen? Altersstruktur?

    wenn du so vorgehst wie der aug233 vorschlägt, dann ist es wichtg auch die Therapeuten zu listen, die auch im Kostenerstattungsverfahren arbeiten bzw nur im Kostenerstattungsverfahren arbeiten.


    Auch sind Unterschiede der Krankenkassen in der Genehmigung von normaler Psychotherapie und Genehmigung von Kostenerstattungsverfahren erheblich!


    *


    wenn du aber was wirklich zukunftweisendes machen willst dann gehe mal auf eine Meta Ebene: sind die konventionellen Therapieansätze in Deutschland überhaupt fähig , Menschen dauerhaft von ihren Problemen effektiv und zeitlich überschaubar zu helfen? Da gibts nämlich auch viel Kritik von Profis und Clienten die schon wissen was alles bereits möglich ist und schon seit über 20 Jahren gemacht wird in England und USA.


    Also das geht in die Richtung mangelde Modernität der Psychotherapieverfahren.


    Zu letzterem gibt es etliche Beispiele an Verfahren und Methoden.


    Therapie ist auch einem Wandel und einer Weiterentwicklung unterworfen und das muß dann auch mittelbar in die Gesetzesgebung einfliessen, damit es von den Kassen übernommen wird.


    Der Trend ist: neue Therapieformen sind immer einfacher, schneller und günstiger.


    Das wird aber nicht übernommen, da dann die ganzen Therapeuten arbeitslos werden, bzw sich verändern und weiterentwickeln müssten und Dinge die sie in acht Jahren mühsam gelernt hätten, plötzlich nicht mehr gefragt wären.


    Z. B. EMDR ist seit Januar 2015 kassenzugelassen. EMDR wurde aber erst Ende der 80er erfunden und erst 1991 in Deutschland vorgestellt. Da es super effektiv, einfach und günstig ist hat es sich schnell weltweit verbreitet.


    Viele andere Beispiele gibt es noch , die alle sehr wertvoll sind.


    Soviel ich weis empfielt der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie an den Gesetzgeber.


    http://www.wbpsychotherapie.de/page.asp?his=0.113


    https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftlicher_Beirat_Psychotherapie

    Zitat

    Fällt Euch da was ein?

    Ja, ich sehe drei grundsätzliche Ursachen für den Mangel an Therapieplätzen. Die wesentliche Ursache sehe ich in den äußeren Umständen unserer modernen westlichen Kultur. Sie produziert eine Vielzahl an Patienten.


    Ein Beispiel: In einem Beitrag des MDR wurde über den Therapeutenmangel in Thüringen berichtet. Dort herrscht ein Mangel, weil es zu viele Kinder gibt, die psychische Probleme haben, weil sie die Ehescheidung ihrer Eltern nicht verkraften.


    Also, nein, dazu fällt mir nichts mehr ein.

    Hat das nicht auch was damit zu tun, dass nur eine bestimmte anzahl an therspeuten kassenärztlich für eine region zugelassen werden dürfen...?


    Hab ich mal wo aufgeschnappt.


    So nach dem motto in berlin dürfen nur 500 Therapeuten kassenärztlich praktizieren. (Nur fiktives beispiel)


    Oder ist das so ein alter mythos?

    Xirain, an der Zahlenverteilung ist was dran. In Berlin dürfen pro 10.000 Einwohner fast fünf mal mehr Therapeuten zugelassen werden als im ländlichen Bereich 100 km entfernt; sind die in Berlin fünfmal so krank? Wenn dies so nicht mehr stimmt, dann möge es die Kassenärztliche Vereinigung mal offiziell korrigieren und Zahlen nennen.


    Die Platzverteilung in Deutschland ist weiterhin eine Folge der Systemgeburtsstunde 1999. Damals mussten wegen Besitzstand in bestimmten Gebieten wesentlich mehr Therapeuten zugelassen werden als eigentlich nach dem Verteilungsschlüssel zulässig.


    Die Plätze sind zudem aufgeteilt in Ärzte mit Zusatzausbildung und Psychologen. Kann sich jemand vorstellen, dass ein Allgemeinarzt mit entsprechendem Praxisbetrieb am Tag mehr als 2 Stunden für die Psychotherapie verwendet? Er beansprucht aber einen vollen Platz im Verteilungsplan.


    Wie mond+sterne anführt, es besteht Bedarf im Bereich Kinder und Jugendliche. Diese Therapeutenplätze zählen im Gesamtbereich mit.


    Wozu würde eine Aufstockung der bestehenden Therapieplätze führen? Kombiniert mit der Zulassung verschiedener Methoden?


    Die Summe des zu verteilenden Geldes bleibt gleich. Also bekommen entweder alle Therapeuten weniger für ihre Leistung oder es gibt einen in der Öffentlichkeit nicht sichtbaren Verteilungskampf zwischen Psychotherapiebereich und übrigen Medizinbereich, das Nachsehe hat dabei auf jeden Fall die Bevölkerung.

    Hintergrund der aktuellen Bedarfsplanung (= "erlaubte" Kassensitze) ist die Anzahl der Therapeuten, die 1998/1999 bei Einführung des Psychotherapeutengesetzes niedergelassen waren. Darum auch in attraktiven Regionen mehr Therapeuten.


    Puuh, grundsätzlich machst Du mit dem Thema ein Riesenfass auf.


    1. Das Problem der ungleichen Niederlassungszahlen, die obendrein dem Bedarf hinterherhinken.


    2. Die Tatsache, dass z.T. Therapeuten auf vollen Sitzen zugelassen sind, aber gerade mal hälftig arbeiten = der Sitz wird verschenkt.


    3. Das Problem, dass fast nur noch halbe Sitze abgegeben werden und Therapeuten, die mehr arbeiten wollen, abgestraft werden. Weil Einkommensdeckelung und daraus resultierende vielfältige Limitierungen bis hin zu Praxisräumen und Alterabsicherung.


    4. Das Problem, dass die KV'en Sitze aufkaufen in überversorgten Gebieten = Reduktion des Therapieplatzangebotes. Nur ist es ja nicht so, dass in Großstädten keine Wartelisten existieren.


    5. Das Problem, dass Sitze z.T. zunehmend an MVZ's gehen und Therapeuten dort zu eher miesen Bedingungen arbeiten. So witzige Anekdoten, dass Dialysezentren auch Psychotherapie-Ziffern abrechnen dürfen ohne entsprechende Zulassung.


    6. Das Problem, dass zumindest auf (berufs)politischer Ebene immer noch Mediziner die bessere Lobby haben als Psychologen. Was sich regional anders darstellt, wenn sich nämlich alle rein therapeutisch tätigen Menschen (= Ärzte die nur Therapie machen und Psychologen) zusammenschließen. Regional z.T. echt toll, politisch nicht abgebildet.


    7. Die unterschiedlichen Ausbildungsbedingungen: Ärzte bekommen (mit Ausnahme des Facharztes für Psychosomatische Medizin) alles von den Kliniken bezahlt und bekommen als Assistenzarzt ein reguläres Gehalt. Psychologen zahlen Zehntausende Euros selber, arbeiten z.T. über ein Jahr unbezahlt. Dennoch angeblich drohende Therapeutenschwemme, weil sich doch immer mehr für den Beruf bzw. die Weiterbildung nach dem Studium entscheiden.


    All dies sind Probleme, die den Markt beeinflussen. Und wie aug233 schreibt, bleibt das Budget ja gleich. Zumindest, so lange man nicht volkswirtschaftlichen Schaden durch zu lange Ausfälle nicht mit reinrechnet.


    Und die Probleme gehen weiter:


    Es wird Reformen geben; die ersten ab April 2017. Ob's was bringt: Keine Ahnung. Mir erscheinen die Veränerungen eher als oberflächliche Augenwischerei plus Mehrbelastung der Thrapeuten durch Pflichten, wo völlig unklar ist, ob eine Entlohnung erfolgen wird (bspw. Pflicht zu mehreren Stunden Sprechstunde und Telefonsprechstunde. Aber gibt es dafür Geld?).


    Und solange es immer an die eigene Existenz geht (und das geht es, wenn bspw. immer wieder Gerüchte hochkochen, dass das Zulassungssystem evtl. abgeschafft werden soll. Wenn ich aber ??wie soeben in meinem Fall tatsächlich erfolgt?? einen Sitz KAUFE für Zehntausende von Euros, dann wäre es bitter, wenn ein Jahr später alles kippt, ich aber Jahrzehnte menen Kredit abstottere. Politikwillkür trifft auf Existenzangst; da bleibt dann auch für neue oder kombinierte Verfahren (Internetgestützte Therapie etc.) wenig Raum bzw. Kreativität, das intelligent zu verknüpfen. Und das Korsett aus Berufsrecht etc. ist z.T. auch so starr, dass man sich kaum traut, was Moderneres zu probieren, weil es die Rechtslage kaum her gibt oder man gefühlt gleich mit eine Pobacke auf der Anklagebank sitzt (Stichwort neue Medien).

    Zitat

    Das wird aber nicht übernommen, da dann die ganzen Therapeuten arbeitslos werden, bzw sich verändern und weiterentwickeln müssten und Dinge die sie in acht Jahren mühsam gelernt hätten, plötzlich nicht mehr gefragt wären.

    Und klar gibt es Therapeuten, die sich nicht weiterentwickeln. Klar ist es Fakt, dass manche Verfahren (z.B. Systemische Therapie) keine Kassenzulassung haben. Trotz Empfehlung. Aber Fakt ist auch, dass viele Therapeuten sich auch aufgr. der schlichtweg existierenden Fortbildungszwanges und der eigenen Bedürfnisse, was die Arbeit angeht, neue Verfahren aneignen. Die aber z.T. ALLEIN gar nicht funktionieren können, sondern eins solide Basis voraussetzen.


    Und: Grundlagen wie Störungswissen, solide Diagnostik, Psychopathologie können durch KEIN neues Verfahren abgekürzt/ersetzt werden. Ich lerne im Studium quasi nichts, was mir Praktisch als Therapeut hilft. Studienwissen und praktische Therapeutentätigkeit klaffen arg auseinander, auch wenn Letztere ohne Ersteres nicht funktioniert.




    Bzgl. andere Länder:


    Teilweise sind die Wartezeiten kürzer. Dafür zahlen es Krankenkassen nicht. In den USA gibt es praktisch keine Gebührenordnung, d.h. jeder Therapeut kann lustig verlangen, was er will. Da erfolgt eine andere Selektion, die ich auch für fragwürdig halte.


    In den Niederlanden kenne ich die Wartezeit nicht, dafür gibt es insgesamt ein sehr gutes Psycho-Netz, wo auch Pflegepersonal bspw. mit Zusatzqualifikationen viel abfedert.


    Ach, ich könnte mich hier seitenweise auskotzen. Das Feld ist im Umbruch; was bei rauskommt wird sich zeigen.

    Vielen Dank für die ganzen Antworten!


    Ich glaube, ich mach da tatsächlich ein riesiges (zu großes) Fass auf... vielleicht ändere ich das ab und lasse den Vergleich zu anderen Ländern nur ganz grob und kurz mit einfließen und stelle eher die Probleme und die Veränderungen vor.


    Ich weiß nur noch nicht genau, was ich da als Quellen nehme, weil ich bezweifle ganz stark, dass da meine Uni irgendwas zu hat.


    Ich glaube, in dem Thema kann man sich wirklich total verirren, aber ich finde es so wichtig.


    Leider gibt mir der Dozent nicht gerade viel Seiten -.-.

    Zitat

    Kein Schnellschuss - lass dir von kompetenter Stelle die Zahlen nennen: zugelassene Psychotherapeuten aufgegliedert nach Bereich Ärzte und Bereich Psychologen, dazu die derzeit nicht besetzten Psychotherapeutenplätze (Zahl vermutlich gegen Null).

    Zitat

    wenn du so vorgehst wie der aug233 vorschlägt, dann ist es wichtg auch die Therapeuten zu listen, die auch im Kostenerstattungsverfahren arbeiten bzw nur im Kostenerstattungsverfahren arbeiten.


    Auch sind Unterschiede der Krankenkassen in der Genehmigung von normaler Psychotherapie und Genehmigung von Kostenerstattungsverfahren erheblich!

    Aug233 und Feri ,da muss ich mal recherchieren, aber ich glaube, zu differenziert kann ich da nicht vorgehen. Vielleicht ein Vergleich zwischen ländlicher Gegend und Städte..


    Ich glaube, ich werde mich da auch auf die beschränken, die von den GKVs übernommen werden.


    Nja, ich hab gerade keine Ahnung, wo ich diese Daten herbekomme, aber mal sehen ;-D .

    Zitat

    wenn du aber was wirklich zukunftweisendes machen willst dann gehe mal auf eine Meta Ebene:

    Das ist tatsächlich ziemlich interessant, aber ob die vorhandenen Therapien sinnvoll sind und helfen können, das wäre dann eher in einer anderen Veranstaltung ;-) . Das Seminar war speziell zur Gesundheitspolitik und da gehts eher mehr um die Struktur und so. Auch die Ursachenforschung ist da im System angesagt.


    Mit der Platzverteilung, das wusste ich. Da ist es aber interessant, dass da wohl so riesige Unterschiede sind. Die könnte ich näher ergründen.

    Zitat

    Wozu würde eine Aufstockung der bestehenden Therapieplätze führen? Kombiniert mit der Zulassung verschiedener Methoden?


    Die Summe des zu verteilenden Geldes bleibt gleich. Also bekommen entweder alle Therapeuten weniger für ihre Leistung oder es gibt einen in der Öffentlichkeit nicht sichtbaren Verteilungskampf zwischen Psychotherapiebereich und übrigen Medizinbereich, das Nachsehe hat dabei auf jeden Fall die Bevölkerung.

    Das ist halt fies. Liegt da nicht irgendwie ein ganz ganz wichtiger Punkt, was im System schiefgeht?


    Sunflower, vielen Dank für die vielen Punkte! Da ist ganz viel dabei, was ich mal überlegen könnte.


    Also eigentlich alle Punkte. Kennst du da eine gute Quelle?


    Ich könnte also in der Arbeit erst einmal kurz unser System in der Hinsicht erklären, dann Zahlen und Fakten und dann direkt mal das Problem mit der ungleichen Verteilung aufzeigen bzw. eben teilweise (aus Platzmangel halt, muss ich dann halt in der Einleitung genau so begründen, damit es den Rahmen nicht sprengt) ausführen.


    Die geplante Reform könnte auch echt gut mit einfließen und dann ganz vielleicht noch ein kurzer Überblick zu ausgewählten anderen Ländern.


    Das ist wohl trotzdem noch ein Riesending ;-D .

    Puuh, so richtig gute Quellen weniger. Es ist halt etwas, was ständig auf mich einprasselt via Ärzteblatt, Kammer, Gesundheitspolitik,...


    Ggf. folgende Websiten:


    - Kassenärztliche Vereinigungen (Statistiken über Niedergelassene) / Kassenärztliche Bundesvereinigung


    - Psychotherapeutenkammern


    - Berufsverband BDP


    - Deutsche Psychotherapeutenvereinigung


    Statistiken über im Kostenerstattungsverfahren arbeitende Therapeuten gibt es (soweit ich weiß) nicht. Evtl. Infos via Gesundheitsämter?

    Danke! Hab grad danach geschaut, da steht ja doch schon relativ viel. Muss mal mit dem Dozenten reden, ob das überhaupt möglich ist, wie das am Schlausten wäre und ob solche Quellen reichen würden. Weil aktuelle Bücher werde ich wohl eher weniger finden ;-) .

    Für mich sieht das, für den Rahmen einer Seminararbeit, nach viel zu viel aus. Ehrlich. Einen Aspekt davon könnte man vernünftig abhandeln, zum Beispiel die Verteilung durch die Ist-Situation bei Einführung des Systems, aber alles? Nie und nimmer.

    Ists auch. Zumal ich von dem, was ich momentan so lese, sowieso nichts wirklich kapiere und irgendwie in eigene Worte fassen könnte. Ich weiß nicht, mir fehlt da ein bisschen das Verständnis, das zu sortieren. Ich bin halt wirklich komplett aus dem Thema Uni draußen, ich merke das total und meine Auffassungsgabe ist gleich null.


    Vielleicht schreibe ich die Arbeit, ich weiß es gerade echt nicht. Weil hier so viele Punkte genannt wurden, das ist wirklich viel komplexer, als ich dachte und das geht nicht auf 7 Seiten. Wer fordert bitte eine Hausarbeit, die nur 7 Seiten lang sein darf?! %:|

    Nach Deinen ersten Zeilen geht es um die Gesundheitspolitik hier und in anderen Ländern. Der Begriff Gesundheitspolitik ist meiner Ansicht nach dass, was sich die breite Politik so als Ziel vorstellt. Das reale Gesundheitswesen, so wie es die Bevölkerung erlebt, ist etwas ganz anderes und weicht mit Sicherheit von der Gesundheitspolitik in manchen Bereichen ab. Beispiel Psychotherapie hier in der BRD: gewollt war eine flächendeckende Versorgung mit Therapeuten; Ist-Zustand: Flickenteppich mit großen Löchern und langen Wartezeiten, der Weg über die Ausnahmeregeln ist beschwerlich und ungewiss.


    Wenn es schon der Psychobereich sein sollte: hier gezielt nach BRD, Schweiz und Österreich fragen, da gibt es Unterschiede. Dazu noch drei Staaten in Europa, aus denen die Informationen leicht zu beschaffen sind. Macht pro Staat eine Seite, dazu Einleitung und Abschluss und 7 Seiten sind voll.