Mein Vater, zu dem ich nie eine Bindung hatte

    Hallo,

    mein Vater ist vor einiger Zeit mit nur 69 Jahren an Krebs verstorben und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen kann. Er hatte nie wirklich Interesse an mir oder an Kindern, es gibt keine schöne/prägende (oder überhaupt längere) Unterhaltung, an die ich mich erinnern kann. Es wurde immer nur kurz und knapp gefragt, wie es in der Schule oder auf der Arbeit läuft und das war’s. Wenn ich ihm etwas mehr erzählen wollte, zeigte er nie Interesse oder hat es direkt abgeblockt. Schon als Kind hatte er kein Interesse was mit mir zu machen und hat nie was mit mir unternommen oder gespielt. Er dachte, es läuft alles irgendwie von allein und er hatte wohl generell Schwierigkeiten mit Menschen und familiärer Bindung. Hinzu kommt, dass er mich mit wichtigen Sachen in Bezug auf sein Leben und seine Vergangenheit (die aber auch mich betreffen) angelogen hat und ich das nur nebenbei mit über 20 mal herausgefunden habe. Das tat ihm auch nicht wirklich leid, obwohl das für mich ein großer Schock war.


    Trotz allem ist es einfach furchtbar traurig für mich, dass er plötzlich gar nicht mehr da ist, obwohl doch eigentlich nie eine wirkliche (Ver-)Bindung zu ihm da war. Wie gehe ich damit um? Mit der völlig fehlenden Beziehung zu ihm, Wut, aber gleichzeitig trotzdem Trauer und Traurigkeit... Es ist so, als wäre ein Mensch, der vorher nie da war, jetzt endgültig nicht mehr da. Als ich vom Priester oder Bestatter gefragt wurde, was mich mit ihm verbindet, wusste ich gar nicht, was ich sagen soll. Ich habe auch ziemliche Schuldgefühle, dass ich nicht rausfinden konnte, warum mein Vater so desinteressiert war, oder woher das bei ihm kommt. Leider hat mich das auch so stark geprägt, dass ich seit Kindheit/Jugend an ziemlich starke Ängste und Minderwertigkeitsgefühle habe und immer denke, dass andere Menschen auch kein Interesse an mir hätten und ich möglichst kaum was erzählen dürfte.

    Ich weiß einfach nicht, wie ich mit allem umgehen kann. Mit der verpassten Chance, eine Beziehung entstehen zu lassen oder überhaupt den Ursachen von seinem Verhalten auf den Grund zu gehen.


    Danke fürs Lesen.


  • 8 Antworten

    Du wirst seine Gründe nicht mehr herausfinden können und so wie uch das lese, war es auch zu seinen Lebzeiten nicht möglich. Es bleibt dir letztlich nur die Akzeptanz, das er so war, wie er nun mal war.

    Was du machen kannst ist, mit ihm über seinen Tod hinaus ein "Gespräch" mit ihm zu führen. Ich habe das nach dem Tod meines Vaters ebenso gemacht, weil vieles ungeklärt war, weil er sich nicht mit bestimmten Dingen auseinandersetzen wollte. Ich habe ihm einfach gedanklich mitgeteilt, wie ich das für mich sehe, wo seine Verantwortung war. Und ich habe ihm auch ganz klar mitgeteilt, dass ich seine Urne zu Grabe trage aus nur einem Grund, nämlich dass ihn seine Freunde nicht wissentlich oder unwissentlich in seine Lügen betten. Damit habe ich ihm seine Verantwortung mitgegeben. Und so bescheuert wie das klingt, es war auch befreiend für ihn und er konnte in Frieden gehen, das konnte ich spüren. Für mich war das ebenso befreiend.

    Sonstige Gefühle zu seinem Tod hatte ich nicht, weder Wut, noch habe ich getrauert. Ich hatte halt auch keine wirkliche Bindung zu ihm. Und letztlich sehe ich es so, alle Gefühle sind erlaubt und keine zu haben ebenso.

    Hey, danke für deine Antwort. Das mit dem Sprechen mit ihm ist eine gute Idee.

    Schwierig ist, dass demnächst noch seine Verwandtschaft aus Dresden zu Besuch kommt, die auch gleichzeitig meine Verwandtschaft ist, aber von der er mir erst mit 20 überhaupt so nebenbei mal erzählt hat (jetzt bin ich 23). Zu der hatte er auch nie mehr Kontakt. Da habe ich zumindest gemerkt, dsss das Desintersse nicht nur speziell auf mich bezogen ist. Aber ich weiß überhaupt nicht, wie ich mich verhalten soll, wenn ich sie das erste Mal sehe. Ich habe ja diese blöde Angststörung und kann mit Menschen nicht normal (viel) reden und bin immer ängstlich. Das ist voll komisch, wenn die mich das erste Mal sehen und ich dann so bin. Außerdem weiß ich nicht, was ich erzählen soll. Ich kann ja nicht direkt alles Schwierige/Negative sagen, obwohl mein (bzw. „unser“ - von meinen anderen Geschwistern, Cousins usw. wusste ich nichts) Vater gestorben ist?

    Alias 938891 schrieb:

    Ich habe auch ziemliche Schuldgefühle, dass ich nicht rausfinden konnte, warum mein Vater so desinteressiert war, oder woher das bei ihm kommt.

    Deswegen solltest Du keine Schuldgefühle haben, wir "Kinder" sind ja nicht für alles verantwortlich was unsere Eltern angeht. Vielleicht hat er bei seinen Eltern auch nie Verbindlichkeit erfahren und konnte es so einfach nicht an Dich weitergeben.

    Du bist noch jung, Du kannst es besser machen:)*.

    Wieso kommst Du nicht einfach auf die Idee- statt was soll ich erzählen - die Verwandschaft ganz ehrlich zu fragen: Mensch, ich kenne euch gar nicht, was macht ihr eigentlich in Dresden.


    Menschen müssen erst mal auf den niedrigsten Nenner kommen, sich interessieren. Füreinander. Das öffentliche doch schon mal ein Gespräch. Und wieso könntest Du nix aus Deinem Leben berichten? Du hast doch Arbeit? Ein Hobby? Oder wenn nix davon, würde ich ehrlich sein und genau das sagen, was Sache ist: Leute, ich hab ein Problem mit fremden Menschen, bin da sehr unsicher.

    Ich habe noch nie einen Menschen erlebt, der daraufhin sagen würde: leck mich doch. Im Gegenteil, man kommt auf einen zu.


    Und wieso Schuldgefühle wegen des Vaters? Laß doch mal die Dinge dort, wo sie hingehören, zu ihm. Und laß es auch, dauernd darüber zu grübeln, was hätte anders sein können. Heute bist Du weder ein Kind, das diesen Dingen ausgesetzt ist, noch mußt Du von anderen Menschen ein Bild pflegen, sie seien auch wie Dein Vater. Werde erwachsen und lerne die Welt kennen, wie sie auch anders ist. Nicht mit dem Quark auf dem Teller, den Du da weiter verrührst.

    DU redest nur von Deinem Vater.

    So wie ich das herauslese, hatteer wohl seelische, psychische und physische Probleme.

    ABER, wie war das mit Deiner Mutter ?

    Hast Du sie einmal gefragt ? hast Du mal Omas und Opas gefragt ??

    Ich würde, wenn Vater jetzt auch nicht mehr lebt, nachfragen.

    Hier wird man Dir kau helfen können.

    DU musst herausfinden warum er soo war !

    Zitat

    Alias 938891 schrieb:

    Mit der völlig fehlenden Beziehung zu ihm, Wut, aber gleichzeitig trotzdem Trauer und Traurigkeit...


    Zitat

    Das sind recht viele traurige Dinge, die du als Kind erlebt
    hast und dieser Teil von dir hat wohl auch immer die Hoffnung gehabt, dass sich
    eure Beziehung irgendwann doch bessert. Das ist schon eine Schwierigkeit, dies
    als junge Erwachsene zu verarbeiten, denn man ist kein Kind mehr und muss nun
    lernen selbstverantwortlich zu sein, sein Selbstbewusstsein zu entwickeln, auch
    wenn der Vater da ehe dagegen gearbeitet hat.

    Es ist so, als wäre ein Mensch, der vorher nie da war, jetzt endgültig nicht mehr da.


    Das ist auf der einen Seite sehr traurig, denn es ist endgültig, auf der anderen Seite kannst du dir so auch nicht mehr irreale Hoffnungen machen, dass sich die Beziehung bessern könnte und einen Schlussstrich ziehen. Sie war zwischen euch nicht gut. Jetzt ist aber auch die Chance da, dass du das so akzeptierst, auch ohne Erklärungen. Wir bekommen nicht immer eine Erklärung. Man kann auch ohne Erklärung akzeptieren.


    Zitat

    Als ich vom Priester oder Bestatter gefragt wurde, was mich mit ihm verbindet, wusste ich gar nicht, was ich sagen soll. Ich habe auch ziemliche Schuldgefühle, dass ich nicht rausfinden konnte, warum mein Vater so desinteressiert war, oder woher das bei ihm kommt.


    Welche Schuldgefühle sind das? Welche Schuld meinst du zu haben?


    Zitat

    Leider hat mich das auch so stark geprägt, dass ich seit Kindheit/Jugend an ziemlich starke Ängste und Minderwertigkeitsgefühle habe und immer denke, dass andere Menschen auch kein Interesse an mir hätten und ich möglichst kaum was erzählen dürfte.

    Wodurch sind deine Ängste und Miderwertigkeitsgefühle entstanden bzw. woher kommen sie heute? Machst du eine Therapie?


    Zitat

    Ich weiß einfach nicht, wie ich mit allem umgehen kann. Mit der verpassten Chance, eine Beziehung entstehen zu lassen oder überhaupt den Ursachen von seinem Verhalten auf den Grund zu gehen.

    Von seinem oder deinem Verhalten auf den Grund zu gehen? Es geht ja um dich und die Aufarbeitung gewisse Dinge in deiner Kindheit, als noch dein Vater und wohl auch deine Mutter die Verantwortung für dich hatten. Wenn due diese Verhaltensweisen nicht in dein Erwachsenenleben mitnehmen willst, denn jetzt ist ja niemand anderer mehr für dein Verhalten außer dir selbst verantwortlich und das gilt es zu lernen. Leichter macht es, wenn due die Vergangenheit aufarbeitest und sie dort sein lässt, wo sie hingehört. In die Vergangenheit. Du kannst dich, deine Einstellung jederzeit ändern und demzufolge natürlich dann auch dein Verhalten. Vielleicht fällt es dir leichter dies zu tun, wenn du einige Therapiestunden nimmst, damit zu zumindest einen Anfang findest. Alles auf einmal geht ja nicht aufzuarbeiten und zu ändern. Einen Schritt nach dem anderen.

    Ich halte irgndwelche nachfragen bei der Verwandschaft für kontraproduktiv. Zumindest wenn die Fragen dahin zielen, warum er sich gegenüber des TE so verhalten hat.

    Allenfalls kann man fragen: "Hey, wie habt ihr ihn erlebt?" Aber auch da ohne Bezug auf sich selbst. Denn jeder Mensch empfindet so etas anders. Und dieses ewige stochern in der Vergangenheit und rumgrübeln, warum, wieso, weshalb, das bringt einen nicht voran, meist birgt es nur noch mehr Verletzungen. Da sollte man wirklich mit Akzeptanz arbeiten und dem Vater seine Verantwortung zurückgeben, das geht auch über den Tod hinaus.

    Was den Verwandschaftsbesuch angeht, das sehe ich wie Benita B.

    Ich sehe es auch wie Grottig. Und selbst wenn man der Sache näher kommt, Deine Kindheit lässt sich nicht mehr ändern. Du solltest Dich auf das konzentrieren was Dich angeht, versuche an Dir zu arbeiten.