Doch, es gibt genug Leute, die Angst haben vor dem Outing. Nur weil es in den Medien "in" ist, heißt es nicht, dass die eigene Familie es begeistert aufnimmt oder es am Arbeitsplatz gut ankommt.


    ??Eine Freundin von mir ist seit 15 Jahren in einer lesbischen Beziehung, die Familie weiß es – aber am Arbeitsplatz weiß man es nicht. Könnte bei einer Sportlehrerin ja durchaus negativ beäugt werden. Aber man MUSS es ja auch nicht auf der Stirn tätowiert ggü. allen publik machen.??

    @ Benenice

    Zitat

    Ja, eben, sie ist in. Niemand muss sich mehr schämen oder verstecken, auch wenn es immer noch etwas Mut kostet, sich zu outen, das will ich auch nicht herunterspielen.

    Ich finde, man braucht Mut für etwas anderes.


    Man braucht Mut dazu, öffentlich zu sagen, wenn man nicht schwul sein möchte und das mit ein paar klaren Sätzen zu untermauern. FromHell muss das natürlich nicht in der Öffentlichkeit sagen. Aber er braucht Selbstbewusstsein um sich seiner persönlichen Meinung zum Thema Homosexualität sicher zu sein.


    Ich glaube schon, dass sich viele mit Meinungsäußerungen zum Thema Homosexualität zurückhalten, weil man wegen jeder Kleinigkeit in die Diskriminierungsschublade gesteckt wird.

    Zitat

    Aber Angst?

    Es geht nicht um Angst vorm Outing. Es geht um Angst davor, schwul zu werden. Wenn man nicht schwul werden möchte, muss man sich dem medial vermittelten Trend widersetzen.

    @ Sunflower_73

    Es ist doch einfach nur unprofessionell, wenn man am Arbeitsplatz über seine sexuellen Praktiken redet. Ich finde es bedauerlich, dass derlei Unprofessionalität immer mehr zunimmt.


    Wenn Menschen privat zusammen wohnen, weiß ich in der Regel auch nichts darüber, ob oder was da sexuell läuft. Warum sollte ich auch? Ich finde Sexualität sollte Privatsache sein.


    Ich weiß nicht woher dieser Irrglaube kommt, Homosexuelle müssten dem Rest der Welt von ihrer Homosexualität erzählen. Ich finde, das müssen sie nicht.

    Klar MUSS es niemand erzählen. Aber ständig gezielt zu LÜGEN, was die Begleitung bei Urlaubsreisen etc. angeht, ist dann die Kehrseite. Es geht ja auch nicht um Sexpraktiken im Detail, aber einen vorhandenen PARTNER wird doch jeder mal erwähnt haben. Diese Selbstverständlichkeit sollte möglich sein.


    ??Ich habe einen schwulen Bekannten, der mit einem Kinderarzt (!) zusammen ist. Da ist irgendwann mal beiläufig gesagt worden, dass es sein Partner ist, und basta. Machen beide im beruflichen Umfeld auch. Aber kurz und knapp und mit seiner selbstbewussten Selbstverständlichkeit. Und wenn es um Urlaubsplanungen etc. geht, fragt man ganz normal, wo die BEIDEN denn hinfahren. Das hat für mich nix mit Sexpraktik zu tun, sondern mit einer banalen Anteilnahme am Leben eines anderen Menschen auf zimelich alltäglichem Niveau. Daran finde ich nichts unprofessionell. Hetero-Menschen reden ja auch über die geplante Hochzeit oder oder oder.??

    Ach, SO hast du das gemeint!? Das ist jetzt eine völlig andere Sicht der Dinge, die mich überrascht.


    Du meinst, es gibt also eine Angst davor, NICHT schwul werden zu wollen? ":/ Aber hat der TE das wirklich so gemeint?

    @ Sunflower_73

    Zitat

    Klar MUSS es niemand erzählen. Aber ständig gezielt zu LÜGEN, was die Begleitung bei Urlaubsreisen etc. angeht, ist dann die Kehrseite. Es geht ja auch nicht um Sexpraktiken im Detail, aber einen vorhandenen PARTNER wird doch jeder mal erwähnt haben.

    Es muss doch niemand lügen.


    Wenn ein Mann mit seinem Freund in den Urlaub fährt, dann fährt er halt mit seinem Freund in Urlaub. Es ist doch ganz egal, was für eine Art Freundschaft das ist. Wer prüft das überhaupt, ab wann eine Männerfreundschaft homosexuell ist? Von mir aus braucht das niemand zu prüfen. Ich brauche keine Stempel und ich finde es auch nicht gut, Menschen in Schubladen zu stecken.

    Zitat

    Diese Selbstverständlichkeit sollte möglich sein.

    Was heißt es sollte möglich sein? Es ist möglich. Es sind auch noch ganz andere Sachen möglich.


    Jeder kann sich jederzeit outen, wann und wo er will. Ob ich das gut finde, ist das eine. Aber möglich ist es. Das ist das andere. Und falls es irgendwann einmal auch nur einen Ansatz einer Disussion darüber gegeben haben sollte, habe ich sie verpasst.

    @ Benenice

    Zitat

    Du meinst, es gibt also eine Angst davor, NICHT schwul werden zu wollen? ":/

    :-/ ":/


    Es gibt eine Angst davor, schwul zu werden. Das schlimme daran ist, dass man sich dann von der Möglichkeit, Kinder von seinem Partner zu bekommen, verabschieden muss.


    Angst vorm Outing ist ganz etwas anderes. Dort geht es um eine eventuell negative Reaktion des Umfelds. Das sollte heute eigentlich vermeidbar sein.


    Und ja, ich habe den TE so verstanden, dass es um seine Angst vor dem schwul werden geht und nicht um seine Angst vor negativen Reaktionen seines sozialen Umfelds, wenn er sich outen würde.

    @ mond+sterne:

    Zitat

    Und ja, ich habe den TE so verstanden, dass es um seine Angst vor dem schwul werden geht und nicht um seine Angst vor negativen Reaktionen seines sozialen Umfelds, wenn er sich outen würde.

    Das ist korrekt. Es geht hier um ein absolut zwanghaftes Gedankenkarussell, das sich dreht und dreht und dreht.

    Lieber FromHell


    Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlst. Seit dem 6. Januar 2013 leide ich ebenfalls unter demselben Problem: Zwangsgedanken, schwul zu sein. Leider ist dieses Phänomen einer Zwangsstörung bislang nur wenig bekannt. Unter dem Begriff "Homosexual OCD" findest du auf englisch aber viel zu disem Thema.


    Es fing bei mir ebenfalls schlagartig an, als ich auf einer Party einen Kollegen musterte und darüber nachdachte, warum er keine Freundin hatte, obwohl er mir als attraktiver und sympathischer Mann erschien. Zack, plötzlich war dieser Gedanken in meinem Kopf: "Bin ich schwul??" und begleitet mich seitdem jeden Tag...Bei jedem Mann, den ich kennenlerne oder einfach nur auf der Strasse begegne, frage ich mich "Finde ich ihn sexuell attraktiv?", "bin ich dabei, mich in ihn zu verlieben?"


    Es ist schwer, dies einem anderen Menschen zu erklären. Mir wurde von einem auf Zwangserkrankungen spezialisierten Psychiater bestägit, dass es sich um eine Zwangsstörung handelt. Leider hilft mir diese Info immer nur zeitweise, bevor wieder die bohrenden Zweifel kommen.


    Gruss

    Hallo FromHell


    Ja schlagartig, innerhalb eines einzigen Augenblicks an dieser Party.


    Dann erinnerte ich mich allerdings, dass ich in den vergangenen zwei Jahren schon mehrmals ein ähnliches Gefühl gehabt hatte. Ich bekam beispielsweise einen neuen Arbeitskollegen, redete mit ihm und plötzlich dachte ich: "Er ist gutaussehend, attraktiv, nett...hoppla, finde ich ihn etwa toll? Bin ich verliebt in ihn? Bin ich schwul?"


    Dieser Gedanke versetzte mich in Sorge und Angst, verschwand allerdings nach einigen Stunden wieder. Das erlebte ich in den letzten zwei Jahren einige Male, ohne gross darüber nachzudenken. Im Nachhinein könnte es sein, dass sich diese "Schwul-Angst" (wie ich persönlich es nenne) langsam aufgebaut hat, bevor sie dann am 6. Januar 2013 plötzlich explodierte.


    Ich war seit der Grundschule immer nur in Mädchen verliebt, teilweise sogar sehr heftig. Nie in einen Jungen. Ich hatte auch nie sexuelle Phantasien, mit einem Mann Sex zu haben, höchstens zwei oder dreimal in der Pubertät im Traum. Ansonsten kein einziges Mal. Ich stellte mir allerdings gelegentlich in meinen Phantasien vor, wie es als attraktive Frau wäre, mit einem Mann Sex zu haben.


    Seitdem diese Zwangsgedanken aufgetreten sind, kontrollieren und erschweren sie mein Leben: Bei jedem Mann, dem ich irgendwie begegne, kontrolliere ich meine Gedanken und Gefühle: Finde ich ihn anziehend? Könnte ich mich in ihn verknallen? Bin ich etwa schon heimlich in ihn verliebt und will es nur nicht wahrhaben?


    War ich mein ganzes Leben lang schwul und habe es immer verleugnet? Werde ich bald mein Coming-Out haben? Mich nie wieder in eine süsse Frau verlieben, sie im Arm haben? Nie wieder Sex mit einer Frau? Keine Familie gründen können mit einer lieben Frau und netten Kindern, wie es immer mein grösster Wunsch war?


    Ich hatte bisher erst zwei Beziehungen mit Frauen, auch erst als ich die 20 schon deutlich überschritten hatte. Weil ich so schüchtern und introvertiert bin, dachte ich immer. Oder etwa weil ich eigentlich gar nicht auf Frauen stehte? Bei meiner letzten Freundin hatte ich anfangs auch Potenzschwierigekeiten, als junger, gesunder Mann mit 29 Jahren...die Nervosität und die Verliebheit, dachte ich damals. Oder war es etwa, weil ich schwul bin?


    Alles dreht sich seit knapp einem Jahr nur um dieses Thema: Bin ich schwul? Oder nicht? Nur Zwangsgedanken? Oder doch schwul und zusätzlich ZWangsgedanken?


    Wer das nicht selbst erlebt hat, wird es sich nur schwer vorstellen können...

    @ Sunflower_73

    @ Benenice

    Sollte uns das nicht zu denken geben? Eigentlich kann sich doch jeder selbst überlegen, was für einen jungen Mann so schlimm daran ist, schwul zu werden.

    Zitat

    Keine Familie gründen können mit einer lieben Frau und netten Kindern, wie es immer mein grösster Wunsch war?

    Aber es hat echt lange gedauert, bis mir das klar war. Wie geht es Euch? Gibt es Euch auch zu denken?

    Mal davon abgesehen, dass die wenigsten Menschen zu 100% heterosexuell sind, sehe ich hier eher eine Zwangserkrankung und keine Homosexualität.


    Wenn man mal den einen oder anderen homosexuellen Gedanken hat, macht einen das nicht gleich schwul. Das Spektrum von reiner Homo- zu reiner Heterosexualität enthält sehr viele Abstufungen. Menschen werden von Menschen angezogen – manchmal auch gleichgeschlechtlich.


    Ich "diagnostiziere" wirklich sehr vielen angeblich Bisexuellen eine Homosexualität, die sich die Betreffenden nicht eingestehen wollen.


    In diesem Fall tue ich das nicht.


    Aber: Homosexualität ist nicht krankhaft; eine Zwangsstörung aber schon. Durch den Leidensdruck ist diese Zwangsstörung mit Sicherheit tausendmal schlimmer als eine Homosexualität.


    Ich bin nämlich tatsächlich homosexuell und lebe ganz normal mein Leben, gehe zur Arbeit, habe Freunde und Familie – und eben auch ein Sexualleben, mit dem ich keineswegs unzufrieden bin.


    Isst ein Mensch gerne Erdbeeren und hasst Himbeeren, wird er halt dazu neigen, Erdbeeren zu essen und Himbeeren zu neigen.


    Solche sexuellen Präferenzen sind letztendlich auch nur tiefverwurzelte Geschmäcker.


    Der Erdbeerfan wäre völlig gestört, wenn er dennoch andauernd Himbeeren isst, obwohl er sich davor ekelt – nur, weil alle anderen auch Himbeeren essen.


    Nicht die Homosexuellen haben ein Problem, sondern die Menschen, welche damit nicht klarkommen.


    Da nunmal Männer meinem Geschmack entsprechen, Frauen aber nicht, habe ich halt Sex mit Männern. Aus dem Grund esse ich auch gerne Pizza, Schweinebraten oder chinesisches Essen: weil ich das mag und sozusagen drauf stehe.


    Damit tue ich das gleiche wie jeder heterosexuelle Mann, der Frauen aufreisst. Ich folge einfach dem, was mich anzieht. In diesem Fall eben Männer.


    Es haben nunmal nicht alle Menschen den gleichen Geschmack. Manche Leute essen sogar Heuschrecken. So gibt es auch Menschen mit seltenen Hobbies.


    Im Fall der Sexualität folgt man einfach seinem Trieb – ob er einem zu diesem oder jenem Geschlecht führt.


    Homosexualität definiert sich übrigens durch das völlige Fehlen von Heterosexualität. Ansonst wäre man bisexuell, was ja auch sehr viele Menschen sind. Wer Frauen erotisch anziehend findet, ist nicht schwul.


    Allerdings ist diese Angst für mich fast so absurd, als ob jemand Panik davor hätte, lieber Himbeeren als Erdbeeren zu essen – obwohl man doch lieber Erdbeeren hätte...


    Das Verrückte darin ist, dass man sich mit solch einer Angst vor Dingen verückt macht, die völlig normal sind. Scheissegal, ob man schwul oder hetero ist. Das einzige Problem hier ist die Zwangsstörung.

    @ Gurkenase:

    Sehr guter Beitrag!


    Ich bin ja genau wie FromHell davon betroffen. Es mag sich schockierend anhöre, wenn jemand, der sich für heterosexuell hielt, plötzlich mit solchen Zwangsgedanken konfrontiert ist. Ich habe selbst einige Kollegen, die schwul sind und hatte die nie geringsten Probleme damit. Es hat mich auch nie so stark interessiert. Natürlich habe ich meine homosexuellen Freunde gelegentlich gefragt, wie das bei ihnen so abläuft. Ich denke, es ist dasselbe wie bei Heteros, nur dass sich schwule Männer halt in Männer verknalle, romantische Gedanken an sie haben, sich eine Beziehung mit ihnen Wünschen und auch Sex- und das dann auch alles real erleben.


    Trotzdem wurde mir erst durch die Zwangsgedanken klar, wie wieviel Mut ein Coming out erfordert. Ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob ich da so klar hinstehen könnte und das meinem Umfeld mitteilen. Meine Freunde und Familie hätten kein Problem damit, das weiss ich, aber wie das im erweiterte Bekanntenkreis und am Arbeitsplatz ankommt, davor hätte ich doch grosse Befürchtungen. Geschweige denn, wie der Wunsch nach eigenen Kindern dann aussieht.


    Das merkwürdige ist, solche Gedanken zu haben, und gleichzeitig auf ein Leben zurückzuschauen, dass seit früher Jugend voll von Schwärmereien und Verliebtheiten für Frauen war – und nie für einen Mann. Immer erotische Phantasien mit Frauen gehabt zu haben (in meinem Fall u. a. auch, sich gelegentlich den Sex aus Sicht der Frau vorzustellen und dies erregend zu finden), aber sich nie körperlich von einem Mann oder dem männlichen Körper angezogen gefühlt zu haben. Und wenn man tatsächlich auch schon mit Frauen geschlafen hat, und diese Momente so unvergleichlich intim, schön und lustvoll in Erinnerung hat, dann fragt man sich erst recht: War ich immer schwul und wollte es nicht wahrhaben? Der Gipfel der Verleugnung der eigenen sexuellen Identität?


    Ich glaube übrigens auch, dass praktisch alle Menschen, egal ob hetero oder homo, durchaus auch Sex mit dem eigenen wie auch mit dem anderen Geschlecht haben könnten. Wenn die meisten Männer dass strikt verneinen, dann nehme ich ihnen das nicht ab – das sage ich als Mann, der sich immer als hetero betrachtet hat.


    Nur ist dann je nachdem vielleicht die Lust und die emotionale Intensität viel geringer, wenn es nicht der hauptsächlichen Identität entspricht.


    Ich frage mich oft, wie Schwule Frauen empfinden. Nur freundschaftlich und nett, ohne jeden Anflug von Verknalltsein und körperlicher Anziehung?