Probleme im Job, mache alles falsch

    Hallo,


    ein bißchen zu mir: ich bin 42, seit 2 Jahren verheiratet, meine Frau lebt allerdings in den USA, wo auch ich hinziehen will, sobald es die rechtlichen Gegebenheiten zulassen. Bevor meine Frau in die USA gezogen ist, hatten wir 10 Jahre gemeinsam eine kleine Handwerksfirma.


    Seitdem habe ich hier in D einen Job in einem Callcenter eines Maschinenherstellers,d.h. ich supporte in der Vorklärung dessen Maschinen. Die Kunden rufen bei uns an und beschreiben die Probleme,wir versuchen dann telefonisch oder per Remote-Wartung eine Lösung zu finden, geben schwerere Fälle an Spezialisten weiter bzw schicken Techniker raus. Klingt nicht übermäßig anspruchsvoll, hat es aber in sich. Insbesondere deshalb,weil so eine Maschine nicht nur aus Hardware,sondern auch aus Software besteht,die regelmäßig aktualisiert wird und die natürlich ihre Macken hat. Dummerweise lässt die Kommunikation in der Firma sehr zu wünschen übrig, d.h. wir erfahren nicht unbedingt immer,wenn mal wieder neue Software aufgespielt wurde und welche Fehler dafür schon bekannt sind. Das Ergebnis ist,daß sich die Vorgehensweise,wie mit bestimmten Fehlern umzugehen ist, ständig ändert. Ein Fehler, der gestern noch mit Methode X gelöst wurde, wird heute vielleicht schon ganz anders gelöst. Entsprechend viele Fehler macht man bei der Lösungsfindung, was bei Kollegen und Vorgesetzten nicht gerade für Jubelstürme sorgt.


    Sprich: man wird entsprechend oft zusammengestaucht, weil man unnötig Techniker zum Kunden geschickt hat, weil man irgendwelche Infos nicht abgefragt hat, die zur Bearbeitung des Falles nötig wären usw. Man lebt also ständig mit der Angst, jeden Moment wieder wegen irgendeiner Kleinigkeit zusammengestaucht zu werden.


    Die Folge ist,daß man sich nach jedem Ansch*ss in sein Schneckenhaus zurückzieht und dadurch eigentlich alles nur noch schlimmer macht, weil man dann natürlich beim nächsten Anruf versucht,alles richtig zu machen und dabei über das Ziel hinausschießt oder die eigenen Kompetenzen nicht ausschöpft. Da fragt man dann beim Anrufer zuviele (unnötige) Infos ab und/oder gibt Tickets an die Kollegen von der Bearbeitungsabteilung weiter, die man hätte selber lösen können. Und auch das gibt dann wieder Ärger. Entweder mit den Kollegen selbst und ganz bevorzugt mit unserem "Vorarbeiter" (d.h. Supervisor), der sprichwörtliche Riesenohren kriegt,wenn er mich telefonieren hört. Sprich: Er wartet förmlich nur drauf,daß ich wieder einen Fehler mache und er mich zusammenstauchen kann.


    Was mich persönlich aber am meisten belastet, ist das Gefühl,daß irgendwie immer nur ich derjenige bin, der für Fehler zusammengestaucht wird. Mir ist schon bewusst,daß ich fachlich gesehen nicht perfekt bin und noch viel zu lernen habe. Was mich daran belastet ist der Umstand,daß ich im Rahmen einer täglichen Auswertung auch Tickets von Kollegen zu sehen kriege und natürlich unwillkürlich deren Lösungsmethodik mit dem vergleiche,was ich gemacht hätte und sich das eigentlich nicht wirklich unterscheidet. Kurz gesagt: ich werde für Sachen zusammengestaucht, die andere Kollegen genauso gehandhabt haben/hätten.


    Dieser Druck sorgt inzwischen bei mir davor,daß ich mich regelrecht davor fürchte, zur Arbeit zu gehen. Einerseits weil ich keinen Bock mehr habe, mich ständig zusammenstauchen zu lassen für Sachen,die andere Kollegen genauso handhaben und weil ich diesen Kollegen zum Großteil nicht mehr über den Weg traue. Der Anteil derer,die einem vorne ins Gesicht lächeln und hinternrum beim Chef anzinken, ist leider ziemlich hoch, wie ich schon mehrfach erfahren musste.


    Inzwischen hat dieser Stress auch körperliche Auswirkungen: Ich kann zukucken wie die Haare grauer werden, bin eigentlich permanent nervös und entwickle zunehmend eine Vergesslichkeit,die sich interessanterweise NUR auf die Arbeit auswirkt. Was ich mir nicht sofort aufschreibe, vergesse ich gleich wieder. Auch das sorgt zunehmend für Ärger, weil ich oft selbst einfache Arbeitsschritte vergesse. Versuche ich selbst, mein Wissen zu steigern, indem ich bei Kollegen nachfrage, kriege ich dann nicht selbst zu hören "Nö, sag ich dir nicht, vergisst du doch eh wieder!". Warum sollte ich mich da also noch in die Arbeit reinknien ?


    Die einfachste Möglichkeit wäre natürlich, umgehend den Job zu wechseln,doch ist das leider nicht ganz so einfach,wie man sich das gemeinhin vorstellt. Natürlich bewerbe ich mich nebenbei noch, allerdings kann ich das nicht in inflationärem Maße tun, da mich Absagen seelisch auch immer ziemlich zurückwerfen. Man hat mit jeder weiteren Absage immer mehr das Gefühl, nichts mehr wert zu sein.


    Inzwischen kam die nächste Hiobsbotschaft: die Firma plant in einem eigens eingerichteten "Opitimierungsprogramm" Stellen aus den Servicebereichen zu verlagern. Dazu wurden und werden zur Zeit massiv Callcenteragenten in Polen ausgebildet. Sprich: Stellen in Deutschland sollen gestrichen und nach Polen verlagert werden. Unsere direkten Vorgesetzten tun zwar so,als würde es uns auf keinen Fall betreffen, allerdings hat man nach 10 Jahren Selbstständigkeit genügend Erfahrung gesammelt,um bestimmte Faktoren im Firmenumfeld richtig deuten zu können. Dazu gehört zum Beispiel der Umstand, daß zur Zeit bei uns ein Mitarbeiter nach dem anderen kündigt, aber von Seiten unserer direkten Vorgesetzten kein Versuch kommt, die Leute zu halten oder zumindest Ersatz zu finden. Es macht also alles den Anschein,als wüssten sie weit mehr als sie zugeben. Die Anzeichen dafür habe ich schon vor Monaten entdecken können und wurde dafür von Kollegen mit "Du spinnst doch!" verspottet.


    Übrigens gehts nicht nur mir alleine so,daß die Leute zunehmend Probleme mit Arbeit und Firmenführung haben. Allein in den letzten 4 Monaten haben 6 (!) Leute in unserer Abteilung gekündigt, 2 weitere waren wegen psychischen Problemen und Suizidversuchen über viele Monate krankgeschrieben. Der Rest nimmt jede Gelegenheit war, krank zu machen.


    Mein Hausarzt,dem ich schon vor längerem von meinen Problemen berichtet habe, hat mir daraufhin erst Mirta TAD und später Opipram verschrieben. Allerdings haben beide bei mir eine mächtige Nebenwirkung: sie machen mich mächtig müde. Die Probleme im Job belasteten mich damit zwar weniger, was aber wohl in erster Linie dem Umstand zu verdanken war,daß mir so ziemlich alles piepegal ist, wenn ich todmüde bin. Aber es kann ja wohl keine Lösung sein, mich quasi permanent in eine Art Dämmerzustand zu versetzen,oder ?


    Vor 4 Wochen konnte ich kurzfristig eine Psychiaterin konsultieren, die mich daraufhin erstmal krankgeschrieben hat (Diagnose: Depressionen und posttraumatische Belastungsstörung). Desweiteren hat sie mir Sertralin verschrieben und mich aufgefordert, zusätzlich die Opipram weiter einzunehmen. Eine Besserung trat aber nur begrenzt ein. Ich merke zwar, daß die nervliche Belastung nachlässt, wenn ich mich mit anderen Sachen beschäftige, aber das würde wohl auch ohne Medikamente der Fall sein. Sie kommt aber binnen Minuten zurück, wenn ich nur allein dran denke, bald wieder in den Job zurückkehren zu müssen. Oft reicht es schon, wenn mal wieder einer von 3 Kollegen, mit denen wir eine kleine Facebook-Gruppe betreiben, von den neusten Aktionen der Firmenführung berichtet.


    Was würdet ihr mir empfehlen,wie ich mich weiter verhalten soll ? Weiter nach einem anderen Job suchen ist natürlich logisch. Morgen gehts wieder zur Psychiaterin, ich werde versuchen, mich weiter krankschreiben zu lassen.

  • 8 Antworten

    Hey Werni,


    Ich würde dir, aus Erfahrung aus meinem Umfeld, dringend empfehlen dich weiter raus zu bewerben und weiter krank schreiben zu lassen. Gerade die Tätigkeit im Callcenter ist dazu prädestiniert krank zu machen. Die Gründe hast du selbst aufgezählt.


    Trotzdem schreibe ich auf was mir dazu einfällt:


    - Zeitdruck während des Calls (Quote)


    - Großraumbüro (permanente Reizüberflutung)


    - Überwachung (ständige Überwachung der Effizienz)


    - fehlendes Briefing (so wie du beschreibst nicht über Neuerungen in Kenntnis gesetzt zu werden)


    - Ersetzbarkeit (Call-Center haben ständig Zulauf)


    Es gibt Firmen die vernünftig mit ihren Agents umgehen und fair sind, aber in einer solchen scheinst du nicht zu sein.


    Lass dich dort nicht weiter für Dinge blöd machen, die du nicht beeinflussen kannst. Du hast bereits Schäden davongetragen und das ist es nicht Wert!


    Wovon ist abhängig wann du deiner Frau in die USA folgen kannst?

    Das ist momentan in erster Linie eine rechtliche bzw finanzielle Sache. Sie hat momentan ein Arbeitsvisum, soll aber eine Greencard über ihren Arbeitgeber bekommen. Ich selbst besitze aktuell ein sogenanntes Ehepartnervisum,womit ich mich rechtlich gesehen zwar dauerhaft in den USA aufhalten,aber nicht arbeiten darf. In Kürze wird der Antrag für ihre Greencard eingereicht, womit ich auch eine kriegen würde. Rechtlich gesehen haben wir daher aktuell 2 Möglichkeiten:


    Möglichkeit 1: Ich bin zum Zeitpunkt des Einreichens des Antrages in den USA, dann könnte man für mich eine Art Übergangsarbeitserlaubnis einreichen. Bis die genehmigt ist, vergehen aber üblicherweise 5-6 Monate, in denen ich kein Einkommen hätte (und wir möchten ungern unsere Ersparnisse schon dafür raushauen,da noch einige andere wichtige Anschaffungen anstehen). Zudem könnte ich momentan aufgrund des hier vorhandenen Jobs auch gar nicht ausreisen. Hab meinem Chef diesbezüglich schon auf den Zahn gefühlt, wie es denn mit unbezahlter Freistellung oder einem Aufhebungsvertrag aussieht.


    Möglichkeit 2: wir machen das sogenannte Consular processing,d.h. ich warte hier in D ab, bis der Greencardantrag meiner Frau genehmigt ist (dauert ebenfalls bis zu 6 Monate,da ihr Chef zu geizig fürs Premium Processing ist, in welchem die Entscheidung nach 2 Wochen fällt). Anschließend wird dann quasi die Umwandlung meines bisherigen Visums in eine Greencard beantragt, was dann über die Frankfurter Botschaft passiert. Das kann dann aber auch nochmal weitere 8-9 Monate dauern. Und solange hocke ich hier fest.


    Und momentan läufts wohl auf Möglichkeit 2 hinaus, was mir persönlich zwar gar nicht in den Kram passt, aber wohl nicht zu beschleunigen ist.

    Ergänzung zur Ersetzbarkeit: Wir sind fast alles Zeitarbeiter, die aber zum Teil schon 7-8 Jahre dort arbeiten, die Zahl der Festangestellten ist überschaubar. Wenn ich mal die Berufsbezeichnung in der Jobbörse der Bundesarbeitsagentur suche,finden sich immer 2-3 Zeitarbeitsbuden,die gerade Leute für genau diesen Job suchen, den ich jetzt mache. Bis etwa Oktober 2017 kamen auch hin und wieder neue Leute,diese haben aber in der Regel nach spätestens 2-3 Tagen wieder aufgehört, nachdem sie merkten,wie anspruchsvoll der Job ist. Auf diese Art habe ich in den letzten 22 Monaten ca 25 Leute anfangen und bald darauf wieder gehen sehen.


    Inzwischen hat das einen Punkt erreicht, wo zwar die Stellenausschreibungen noch online sind,aber seit Monaten keiner mehr neu dazu gekommen ist. Ich kann nur mutmaßen, ob sich der Personalverschleiß der Einsatzfirma herumgesprochen hat oder ob die Einsatzfirma nur keine neuen Leute mehr von den Zeitarbeitsbuden anfordern. Hatte ja schon geschrieben,daß unsere direkten Vorgesetzten offenbar mehr wissen, als sie uns sagen.


    Und obwohl der Firmenstandort eine Uni-Stadt ist,finden sich nicht mal mehr Werksstudenten,die noch dort arbeiten wollen, was wiederrum für die These spricht,daß sich der Personalverschleiß herumgesprochen hat.

    Das ihr eure Ersparnisse nicht auf den Kopf hauen wollt kann ich verstehen.


    Wäre es denn für dich eine Option dich weiter krankschreiben zu lassen?


    Wenn dem nicht so ist - könntest du an einer Schulung innerhalb des Betriebs teilnehmen, die dich zumindest erstmal aus dem laufenden Betrieb nimmt? Gibt es verschiedene Teams, so das du innerhalb des Projekts in ein anderes Team wechseln könntest (manchmal sind es ja vor allem die Teamleiter, die einem zu Schaffen machen)?


    In jedem Fall möchte ich noch mal betonen das nicht du das Problem bist!


    Wie sieht derzeit deine Freizeit aus? Hast du einen Ausgleich?

    Heute nachmittag gehts wieder zur Psychiaterin. Ich denke,ich werde mich wohl weiter krankschreiben lassen, auch wenn das letztendlich natürlich nur eine Überbrückung ist,bis ich einen anderen Job gefunden habe. Denn eine Verbesserung im bisherigen Job sehe ich momentan nicht am Horizont. Dazu müssten sich einfach viel zu viele Sachen in der Firma ändern, was ebensowenig in Sicht ist. Obwohl die Kollegen durchaus häufig Verbesserungsvorschläge bei unseren Vorgesetzten einbringen,welche diese aber faktisch nie umsetzen. Man merkt es ihnen halt an,daß sie selbst sich nicht für die Probleme ihrer Angestellten interessieren, warum sollten sie also was ändern ?


    Ein Ausgleich....naja..nicht wirklich. Oder besser: das hängt wohl davon ab,was man als Ausgleich bezeichnen will. Wenn das Wetter halbwegs ok ist, bin ich häufig mit dem Rad unterwegs, was ich aber weniger als seelischen Ausgleich mache,als vielmehr dazu dient, ein wenig abzunehmen (bin Magenbypass-Patient,da ist Sport ein Muss). Ansonsten bin ich als ausgebildeter Fachinformatiker ein echter Computerfreak und bilde mich in meiner Freizeit in erster Linie selbst weiter. Ich kann mich da an Problemen echt festbeißen und tüftle oft tagelang an manchen Sachen. Klingt zwar seltsam,aber bis zu einem gewissen Punkt empfinde ich das sogar entspannend.

    Lass' Dich weiter krankschreiben! Die Perspektive ist ja endlich und mit Glück lässt Deine Krankenkasse Dich eine ganze Weile in Ruhe.


    Das sind unhaltbare Zustände, v.a. dass alle nach einem Anpfiff schweigen, statt zu sagen "So geht es nicht, wie brauchen Infos, sonst läuft es weiter falsch." Ihr könnt ja gar nicht korrekt und effektiv arbeiten unter diesen Bedingungen. Aber wenn sich keiner wehrt... es kann aber auch nicht Deine Aufgabe allein sein, da müsste das ganze Team zusammen Klartext reden.


    Daher hat Vorrang, wie Du über die nächste Zeit kommst. Willst Du in den USA selber arbeiten? Dann kümmere Dich darum in der Zeit, in der Du krankgeschrieben bist.

    Natürlich habe ich überlegt, wie ich es am Besten anstellen kann, optimalerweise schon jetzt in die USA zu können UND arbeiten zu dürfen. Dabei dachte ich natürlich erstmal an ein Arbeitsvisum, was allerdings 2 neue Probleme mit sich bringt: a) Mein Beruf ist zu alltäglich, man muss aber nachweisen,daß es keinen Ami für den Job gibt. Und b) ein Arbeitsvisum ist zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht schneller zu bekommen als die eh schon anvisierte Greencard. Habs ja am Beispiel meiner Frau selbst hautnah miterlebt, wie lange sowas dauert (erster Schritt dazu im Mai 2014, bekommen im Oktober 2015).


    Zudem gestaltet sich die Jobsuche aus der Ferne üblicherweise schwer und vor Ort ist es brandgefährlich, weil nicht erlaubt. Wenn man erwischt bzw von irgendeinem Chef verpfiffen wird, dann wars das mit den Auswanderungsplänen. Insofern bleibt mir wohl nix übrig,als einfach abzuwarten.


    "Kucken" ist jedoch erlaubt,d.h. man durchaus schonmal online schauen bzw bei Besuchen zumindest schonmal die Augen offenhalten, wo denn vor Ort öfters mal Leute gesucht werden und dann zu gegebener Zeit direkt bei den Firmen anzufragen, wo man in der Vergangenheit die schon fast klischeehaften "Now hiring"-Schilder gesehen hat. Natürlich kann man dort auch gezielt nach Jobs im eigenen Beruf suchen, aber es ist weitaus üblicher,auch Jobs anzunehmen, mit denen man selbst nie gerechnet hätte.