Psychiater Manfred Lützim D-Radio Interview, sehr interessant

    tolles Interviev:


    Manfred Lütz:"Ein Drittel der Deutschen ist psychisch krank"


    "Psychisch Kranke sind viel netter als Sie und ich, viel sensibler. Statistisch gesehen sind psychisch Kranke viel weniger gewalttätig als Normale. Das heißt: Hüten Sie sich vor den Normalen!"


    einfach auf "Beitrag hören" klicken:


    http://www.deutschlandradiokultur.de/manfred-luetz-ein-drittel-der-deutschen-ist-psychisch-krank.970.de.html?dram:article_id=370214


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    https://www.facebook.com/dkultur/photos/a.459362520742028.106933.174552715889678/1319918694686402/?type=3&theater

  • 8 Antworten

    Das Buch kann ich übrigens so gar nicht empfehlen. Viel zu viele Allgemeinplätze, Populärwissenschaft, bemühter Witz. Ich war sehr enttäuscht davon. Will heißen: Wer sich über psychische Krankheiten informieren will, der kann auf jede Menge Literatur und Videos im Internet zugreifen, die deutlich differenzierter an die Sache herangehen.


    Oder sich einfach vom althergebrachten Bild des "Irren" distanzieren, es sind letztlich alles Menschen wie du und ich, die in eine Krise fallen. Und daher gibt es auch bei psychisch Erkrankten die normale Bandbreite von Arschloch bis Freund, von dumm bis hochintelligent, von arm bis reich, von dauerhaft erkrankt bis zu einmaligen Krankheitsepisoden, vom Sensibelchen hin zum Holzklotz.


    Lütz erweist den Kranken irgendwie einen Bärendienst, weil er eben von einer negativ konnotierten psychischen Erkrankung ausgeht und das Bild über die Erkrankten eben ins Positive verändern will. Er dreht den flachen Pfannkuchen halt auf die andere Seite, der Pfannkuchen bleibt aber flach und ohne Tiefe.

    @ Zuschauer

    Sorry, das ist einfach ein dummes Argument. Frag mal einen Angehörigen eines Krebskranken, wie gut und toll es ihm geht...? (und damit meine ich nicht Tante Ilse, die zweimal im Jahr im KH aufschlägt). Und ich sage das, weil ich beides selber erlebt habe. Angehörige leiden, klar, aber der Betroffene leidet meist eine Million Mal mehr, bei jeder ernsten Krankheit. Zudem ist die Sorge um Angehörige sehr häufig ein Grund, warum sich psychisch kranke Menschen das Leben nehmen (bei mir auch, ich hab es nicht "geschafft"), weil sie sich wertlos und als Belastung für ihre Familie fühlen. Wie ignorant kann man eigentlich sein in einem Medizinforum??? Könnt kotzen.

    PS: Zur Spezifikation: Würdest du sowas jemals in einem Faden eines Krebskranken posten? Ehrlich?


    Das traut man sich nur bei psychisch Kranken, weil man davon ausgeht, dass der Betroffene sich für die Krankheit entscheidet und selbst schuld an seiner Krankheit hat. Wie makaber ist das?


    Ich glaube nicht, dass sich ein normaler Mensch bewusst dafür entscheidet, sich mit einem Teppichmesser die Arme aufzuschneiden und das Ganze dann selber mit Zahnseide und einer Nähnadel wieder zusammenzunähen. Oder zwei Jahre das Haus nicht zu verlassen, außer um kurz Lebensmittel zu holen.

    Ich meine meinen Beitrag bezogen auf die Aussage im eingangspost, keine Ahnung wie du auf deinen Film gekommen bist.


    Die Aussage ist:"psychisch Kranke sind viel netter als Sie und ich viel sensibler."


    Ich bezweifle, dass das im Durchschnitt so ist. Wer psychisch krank ist, dürfte mit seiner Erkrankung beschäftigt sein und dadurch - im Durchschnitt - eher weniger in der Lage sein, sensibel und nett zu Mitmenschen zu sein. ... Je Erkrankung bestehen sogar deutliche empathiedefizite bis hin zu einem Hang, andere Menschen auszubeuten oder tätlich anzugreifen (als Eltern oder Verwandte, Nachbarn, bekannte, fremde dann ihrerseits Mitmenschen seelische & ggf. körperliche Schäden zuzufügen.)


    Die Aussage aus dem Eingangsseite finde ich daher wenn schon eher höhnisch.

    Zitat

    Ich meine meinen Beitrag bezogen auf die Aussage im eingangspost, keine Ahnung wie du auf deinen Film gekommen bist.

    Okay, damit entschuldige ich mich. Deine knappe Aussage klang für mich nur äußerst gleich, wie viele Fäden / Reaktionen auf dieses sensible Thema, die nach dem Tenor verliefen: "XY funktioniert nicht, wie ich will, da muss er / sie doch psychisch krank sein??"

    Zitat

    Die Aussage ist:"psychisch Kranke sind viel netter als Sie und ich viel sensibler."

    In diesem Punkt stimme ich dir absolut zu! :)= :)^

    Zitat

    Ich bezweifle, dass das im Durchschnitt so ist. Wer psychisch krank ist, dürfte mit seiner Erkrankung beschäftigt sein und dadurch - im Durchschnitt - eher weniger in der Lage sein, sensibel und nett zu Mitmenschen zu sein. ...

    Bezweifeln darfst und sollst du natürlich. Nur: Es werden auch viele Menschen krank, weil sie sich zu sehr um andere sorgen / kümmern. Anders gesagt: Weil sie ihre Bedürfnisse hinter die Erfordernisse einer Extremsituation stellen (sei es nun Job, Krankheit eines Angehörigen, Verantwortung für die verantwortungslosen Eltern)...

    Ich lege dir da meine Seite wieder.


    Ich wurde psychisch krank.


    Diagnosen: mittelgradige Depression, Anpassungsstörung, emotional instabile Persönlichkeitsanteile, Impulsive Persönlichkeitsanteile.


    Ich wollte es immer allen Recht machen. Ich wurde immer zu der Person, die in dem Moment gebraucht wurde.


    Als meine Schwester erkrankte, weinten meine Eltern vor mir bitterlich, Ich ging sofort in die Rolle des Erwachsenen über (mit 15). Ich umarmte sie und sagte "Alles wird gut", weinte mich dafür lieber nachts in den Schlaf, hatte Suizidgedanken und verletzte mich selbst.


    In der Schule spielte ich weiter, nachdem meine Freunde mich im Stich liessen. Ich war Schülerin. Ich war Tochter, die mit allem klar kam...und nachts verletzte ich mich selbst, weil ich es nicht aushielt.


    Diese Phase ging irgendwann vorbei...ich verletzte mich nicht mehr selbst, ich behandelte mich selbst, aber ein verhaltensmuster blieb: Ich passte mich immer an und tat nie, was ich gebraucht hätte.


    Als ich auszog, dachte ich sogar ich hätte das alles im Griff. Ich bekam mehr Selbstbewusstsein und achtete darauf, was mir Spaß macht. Trotzdem ging alles den Bach runter, ich verlor meine Freunde wieder, konnte mich nicht einbringen, war Außenseiter, obwohl ich mich immer versuchte anzupassen.


    Ich half andren ihre Probleme anzugehen, schaffte das aber für mich selbst nicht.


    Meine Beziehungen endeten regelmäßig in Aussagen wie "Du musst dir Hilfe suchen, ich kann das nicht mehr" oder ich habe sie unbewusst manipuliert.


    Meine Schwester starb 2013 und ich brach zusammen. Ich KONNTE nicht mehr funktionieren, wie ich es tun sollte. Ich wusste was das wäre, was die andren von mir wollten, aber versuchte ich es, bekam ich Nervenzusammenbrüche.


    Dann kam ich in Therapie und lernte, endlich zu machen, was ICH will. Ich wurde unbequem für einige der letzten gebliebenen Freunde. Ich hatte ihnen ja immer nach dem Mund geredet oder gemacht und gemacht um Anerkennung und Liebe zu bekommen.


    Ich sagte Treffen ab, weil ich halt keine Lust auf Alkoholgelage hatte. Ich ging nach 2 Stunden, weil es mir zu viel wurde.


    Und ich weinte fürchterlich oft.


    Ich half nicht mehr bei jeder kleinigkeit, weil ich eben auch Ruhephasen brauche. Ich hörte nicht mehr bei jedem Problem zu, da ich es bis heute kaum schaffe mich von der Situation zu distanzieren.


    Wenn es einem Freund schlecht geht und er sich bei mir auskotzt, schlägt mir das an manchen Tagen furchtbar auf die Stimmung. Ich bin dann für Wochen runtergezogen und deprimiert, selbst wenn der Freund inzwischen damit schon abgeschlossen hat.


    Also musste ich lernen, was ich ertragen kann und wann ich sage "Ich liebe dich, aber ich kann dir bei dem Problem nicht helfen."


    Kurz: Ich bin ganz schön unbequem geworden


    Dadurch habe ich Freundschaften verloren, aber die...die geblieben sind, sind stärker als je zuvor.


    Ich war in meiner Depression so sensibel für Stimmungen, dass ich sie selbst annahm. Ich nahm alle negativen Stimmungen der Welt in mich auf und verwurschtelte sie zu einem riesen Ball an negativer Energie gepaart mit Pessimismus. Und irgendwann...saß ich in einer Falle, die ich selbst nicht bemerkte.


    Wenn ich von meiner Depression ausgehe, dann stimmt die Aussage, dass ich zu sensibel war.


    Klar mag das nicht auf alle Depressiven der Welt zutreffen...wär ja auch ganz schön doof, wenn alle gleich wären.


    Wenn ich ein buch empfehlen müsste, dass mir die Augen öffnet, was Therapie und psychisch krank sein heißt, wäre es wohl "Da gehen doch nur Bekloppte hin: Aus dem Alltag einer Psychotherapeutin". Ist vermutlich nicht jedermans Sache, aber mir half die flapsige sarkastische Art der Autorin meine Krankheit anzunehmen. Anzunehmen, dass in meinem Hirn in irgendeiner Lebensphase mal was falsch verdrahtet worden ist und ich die Knoten jetzt lösen muss.