Schauspielert ihr auch alle beim Gefühlsausdruck?

    Wie machen andere Menschen das, dass man ihnen ansieht, was sie innerlich fühlen?


    Natürlich läuft das über die Stimme und über die Mimik, Körperhaltung usw. - das ist mir klar.Nur bezweifle ich, dass die meisten Mitmenschen dabei ständig so viel künstlich nachhelfen müssen, wie ich.


    Bei mir funktioniert das aber meistens nur, wenn ich schauspielerisch nachhelfe und dann z.B. künstlich lächel, um mein inneres Gefühl von Freude nach Außen hin zu vermitten. Das Gleiche bei meiner Stimme.


    Dazu kommt, dass ich meistens keine sonderlichen Gefühlsausschläge in irgendeine Richtung habe. Meine Gefühle nehme ich über meinen Körper wahr, bei Nervösität fühle ich mich z.B. körperlich unwohl, meine Hände sind kühler, ich habe keinen Appetit, der Körper ist irgendwie angespannter, ich würde gerne woanders sein usw..


    Es ist nicht so, dass ich meine Gefühle nicht lesen oder differenzieren kann oder schlecht in Theory Of Mind wäre. Die Gefühlszustände anderer fallen mir idR sehr deutlich in deren Stimme auf; mit der Mimik kann ich weniger anfangen; aber ich habe mal ein bisschen wie Vokabeln Bücher über Mimik, Körpersprache usw. gelesen und davon auch bzgl. meiner eigenen sozialadäquaten Schauspielerei profitiert, auch wenn ich manche Gefühlszustände in Gesichtern - ohne weitere Informationen - nicht sicher auseinander halten kann. Man hat aber im normalen Alltag ständig irgendwelche weiteren Informationen, so dass es mir da eher leicht fällt, den anderen richtig zu deuten.


    Alexithymie passt nicht, andere sagen mir komischerweise eine eher hohe emotionale Intelligenz nach und ich denke auch nicht, dass es etwas Pathologisches bei mir ist. Ob mein EQ nun niedrig, normal oder hoch ist, kann ich nicht beurteilen.


    Leider denke ich oft nicht oder erst spät daran, dass meine Mitmenschen irgendwelche sichtbaren Gefühlsregungen bei mir erwarten und vergesse z.B. zu lächeln.

    Wenn ich daran denke kann ich wiederum offenbar sehr überzeugend damit sein.


    Ich finde es einfacher verbal einfach zu sagen, was gerade in mir vorgeht, als dem anderen nun mein Gefühlsleben mimisch, stimmlich und körpersprachlich vermitteln zu "müssen", weil nur die verbale Form für die meisten nicht reicht, nicht kongruent wirkt.


    Gerade bei Arztterminen oder auch als Notfall im Krankenhaus ist es jedes Mal in irgendeiner Weise aufgefallen, dass ich entweder a) nicht so starke Schmerzen empfinde, wie zu erwarten, oder b) angebe, Schmerzen zu haben, was aber nicht ernst genommen wird, weil ich dabei wohl nicht leidend, sondern relativ neutral rübergekommen bin.

    Seitdem ich mich in solchen Situationen um einen etwas leidenden Gesichtsausdruck bemühe, gibt es da weniger Irritationen.

    Für mich ist das aber in der Summe doch etwas anstrengend immer sozialadäquat irgendwelche passenden Gefühlszustände durch Mimik und Stimme "darzustellen".


    Meistens fühle ich mich auch eher neutral, als dass ich nun irgendein bestimmtes starkes Gefühl hätte. Es ist aber nicht so, als hätte ich kaum Gefühle; eigentlich empfinde ich innerlich für mich in Gedanken sehr tief, z.B. beim Musikhören.

    Ich kann das nur eben nicht ansatzweise nach Außen hin vermitteln.


    In meinem Beruf ist das alles nicht schlimm und sogar eher vorteilhaft, solange ich nicht zu emotional monoton bzw. zu zurückhaltend wirkend rüberkomme (was ich aber durch die Schauspielerei idR vermeide). Meine Freunde, die mich kennen, sind meine Art auch gewohnt. Außerdem habe ich natürlich auch so etwas wie eine natürliche "Restmimik", die einsetzt, wenn ich z.B. für meine Verhältnisse sehr fröhlich bin oder sonstwie ausnahmsweise etwas sehr deutlich fühle, so dass ich bei ihnen auch weniger schauspielerisch nachhelfen muss.


    Vor vielen Jahren habe ich mich mal ein bisschen erschrocken, als ich Fotos und auch einmal eine Videoaufnahme von mir gesehen habe, wie gefühlsneutral ich da rüberkomme, obwohl das alles Momente waren, in denen ich eigentlich für mein Empfinden sogar viel gefühlt habe.


    Es ist nicht so, dass ich "meine Art" unbedingt problematisch finde, ich muss ja nur die passenden Empfindungen in mein Gesicht und meine Stimme zaubern, um sozial keine Probleme zu haben oder falsch rüberzukommen, aber mich interessiert, wie ihr das eigentlich macht?


    Helft ihr auch viel schauspielerisch nach bei eurer Mimik und Stimme? Musst ihr eure Gefühlswelt auch immer erst sehr bewusst in Worte sowie die dazu passende Mimik und Stimmlage "übersetzen"?

  • 82 Antworten

    Zunächst finde ich es ganz erstaunlich, wie differenziert du über dich und deine Gefühle schreibst - du scheinst dich selbst gut zu kennen und ein/e gute/r Beobachter/in zu sein. Hut ab dafür!


    Zu deiner Frage: was die emotionale Mimik angeht, halte ich mich für recht durchschnittlich, aber in deinen Sätzen zum Thema Schmerzen finde ich mich ein Stück wieder. Ich habe von Natur aus wohl eine außergewöhnlich hohe Schmerzschwelle, sodass meine Mutter früher, als ich klein war, schon befürchtete, ich könne gar keine Schmerzen spüren. Schmerzen kann ich besser aushalten als Kälte. Außerdem mag ich Jammern nicht und halte mich entsprechend mit Schmerzäußerung oft zurück. Damit finde ich es ziemlich nervig, dass einem dann kaum einer glaubt, wenn man dann doch wirklich mal "was hat", und manchmal trage ich dann auch schonmal etwas dicker auf, damit mein Gegenüber kapiert, dass ich es ernst meine. Da achte ich dann wie du verstärkt auf Mimik und Stimme. Leider wirkt das dann offenbar ziemlich künstlich, sodass mein Mann anfangs, als wir uns kennenlernten, mich zunächst für eine DramaQueen hielt, die sich bei Schmerzen fürchterlich anstellt. Also so richtig gut geht der Plan dann doch nicht auf.


    Bei deinen Schilderungen dachte ich auch an Alexithymie - warum schließt du das aus?

    Shinnok schrieb:

    Helft ihr auch viel schauspielerisch nach bei eurer Mimik und Stimme? Musst ihr eure Gefühlswelt auch immer erst sehr bewusst in Worte sowie die dazu passende Mimik und Stimmlage "übersetzen"?

    Nö. Und nö.

    Ich muss mich in manchen Situation eher bremsen. Um dann immer noch so beherrscht zu sein.


    Aber neulich hatte ich mal ein Körpersprache-Seminar: die Trainerin (eine Schauspielerin, klein von Wuchs, aber schon etwas älter, aber sehr präsent) war körpersprachlich äußerst theatralisch für mein Dafürhalten, aber sie empfand ihre Körpersprache als total normal und angemessen.

    Dorfnixe schrieb:

    Damit finde ich es ziemlich nervig, dass einem dann kaum einer glaubt, wenn man dann doch wirklich mal "was hat"

    Das ist der Nachteil.

    Dorfnixe schrieb:

    Da achte ich dann wie du verstärkt auf Mimik und Stimme. Leider wirkt das dann offenbar ziemlich künstlich, sodass mein Mann anfangs, als wir uns kennenlernten, mich zunächst für eine DramaQueen hielt, die sich bei Schmerzen fürchterlich anstellt.

    Und wenn du es mit ganz "minimaler Schauspielerei" versuchst? ... Den "sterbenden Schwan" würde man uns beiden wohl eh nicht abkaufen. Aber zwischen quasi gar keiner Mimik und einem leicht stumm leidenden Gesichtsausdruck können bzgl. der Reaktion anderer Welten liegen.

    Auch wenn ich mir dabei trotzdem irgendwie auch immer etwas "doof" vorkomme. Für mich fühlt sich das einfach übertrieben an.


    Dorfnixe schrieb:

    Bei deinen Schilderungen dachte ich auch an Alexithymie - warum schließt du das aus?

    Bei den Merkmalen von Alexithymie steht u.a., dass diejenigen wenig Fantasie hätten und auch wenig Wert darauf legen würden. Das entspricht mir so überhaupt nicht, ich liebe es in Tagträume, Musik oder auch Spiel- oder Filmwelten abzutauschen. Oft spinne ich Filme oder Bücher später für mich weiter und kann mir das sehr plastisch vorstellen. Eigentlich denke ich eh sehr viel in Bildern.


    Das hilft mir auch bei Metaphern, weil ich mir die an sich recht wortwörtlich als Bild vorstelle, über das Bild aber die Metapher inhaltlich einfach zu verstehen finde, wenn man die Metapher bereits mal irgendwann "kennengelernt" hat.


    Bei Alexithymie sollen die Betroffenen unfähig sein, ihre körperlichen Empfindungen mit ihrer Gefühlswelt und aktuellen Auslösern in Verbindung zu bringen. Z.B. erkennen sie nicht, dass ihre Bauchschmerzen daher kommen, weil sie wegen der bevorstehenden Prüfung nervös sind.


    Das geht mir nicht so. Meine Gefühle nehme ich zwar sehr über meinen Körper/mein Körpergefühl wahr, aber die Zusammenhänge mit äußeren Auslösern zu erkennen, auf die ich körperlich reagiere (z.B. Stress) finde ich idR einfach.

    Eigentlich finde ich mich von meiner Gefühlsstruktur her im Kern eher sensibel, z.B. bin ich wegen vieler Sachen oft etwas nervös, auch wenn man es mir nicht ansieht. Das ging mir als Kind schon so.


    Anders als der typische Alexithyme komme ich aus einem fürsorglich-liebevollen Elternhaus. Meine Eltern haben zwar auch keine so ausgeprägte Mimik und schauspielern selbst bei ihrem Gesichtsausdruck usw. außerhalb unserer Familie, um nicht aufzufallen etc., und reagieren eher pragmatisch-besonnen, aber ich fand sie immer schon zugleich sehr fürsorglich-zugewandt emotional.

    Mir ist diese Art auch lieber, als z.B. Eltern, die selbst sehr emotional drauf sind. (Quasi die "Oh my god"-Eltern, die aus Kleinigkeiten emotionale Dramen machen ;-D)


    Dorfnixe schrieb:

    du scheinst dich selbst gut zu kennen und ein/e gute/r Beobachter/in zu sein.

    Das ist wohl die Folge davon, dass ich früh gemerkt habe, dass ich doch irgendwie auf schwer zu erklärende Weise auf mein außerfamiliäres Umfeld andersartig gewirkt habe. Mal wurde das als positiv-anders gewertet, mal als seltsam-andersartig. Teilweise wurde ich aufgrund meiner Art auch für arrogant gehalten, was mich seinerzeit sehr überrascht hat - ich habe aber verstanden, was die Ursachen für diesen Eindruck gewesen sind und das war ein Grund, warum ich mit diesem "Sozial-Lächeln" angefangen habe.


    Ich denke heutzutage, dass jeder das aus seiner Kindheit und später auf die ein oder andere Weise kennt. Früher habe ich mich dadurch gefragt, was mit mir nicht stimmt. Außerdem habe ich andere sehr genau beobachtet, um soziale Interaktionen und deren Verhaltensweisen besser zu verstehen und mich eben auch selbst "normal" zu verhalten, um nicht aufzufallen. Gerade Gleichaltrige fand ich in einigen Verhaltensweisen schwierig zu verstehen und bin mit Älteren oder Erwachsenen besser ausgekommen. Es ist aber nicht so, dass ich nicht fast durchgängig Bekanntschaften bis hin zu Freundschaften mit Gleichaltrigen gehabt hätte.


    Wie das so ist im Leben, habe ich später mal auch den Sinn von Small Talk verstanden und finde den inzwischen gar nicht mehr so "sinnlos-seltsam". Ich weiß ja inzwischen, dass es gar nicht so um den Inhalt des Gespräches dabei geht, sondern darum, dass man dem anderen z.B. signalisiert, dass man ihm wohlgesonne ist und dem anderen seine Stimmung anzeigt bzw. dem anderen die Chance gibt, sich ein Bild von einem zu machen; auch dient der Small Talk dem Beziehungsaufbau.

    Früher hatte ich lange Fragezeichen im Kopf, wenn diese sehr öden Small Talk-Gespräche anstanden.


    Obwohl ich es nicht bin, kann ich sehr gesellig wirken und mich an viele Umfelder anpassen, wenngleich nicht an alle. Wobei ein genauer Beobachter sicher merken würde/könnte, dass das bloß löchrige Mimikry ist.

    DarkerShark schrieb:

    Ich muss mich in manchen Situation eher bremsen. Um dann immer noch so beherrscht zu sein.

    Hast du eine sehr lebhafte/ausgeprägte Mimik, wenn du dich nicht gerade gezielt beherrscht?



    DarkerShark schrieb:

    Aber neulich hatte ich mal ein Körpersprache-Seminar: die Trainerin (eine Schauspielerin, klein von Wuchs, aber schon etwas älter, aber sehr präsent) war körpersprachlich äußerst theatralisch für mein Dafürhalten, aber sie empfand ihre Körpersprache als total normal und angemessen.

    ;-D Erklärt, warum die sich nicht ständig doof und seltsam fühlen mit so einer sehr theatralischen Art.

    Ist bei dir schon mal an eine leichte Form von Autismus gedacht worden?


    Das Spektrum ist absolut riesig und jeder ist anders.


    Ich kenne aber so einige erwachsene Autisten, gerade die Frauen darunter kompensieren oft fantastisch indem sie Körpersprache, Mimik usw Auswendiglernen wie eine Fremdsprache. Das kam mir sehr bekannt vor bei dem, was du beschrieben hast.


    Fantasie usw hat zum Beispiel mein Sohn wunderbar... Und er ist liebevoll und sucht Kontakt zu Kindern. Er erfüllt so manches Klischee nicht und ist dennoch Autist. Das zeigt sich kurz zwischendurch, nicht auf jeder Ebene. Normalerweise schafft er es auch gut sich einzufühlen


    Zu mir selbst: ich habe zwar normalerweise keine Fassade gehabt, aber mir ist es mittlerweile nur schwer möglich bis unmöglich zu weinen - aber dafür gab es konkrete Gründe (wenn du über Jahre mit jemandem zusammen bist vor dessen Wut du Angst hast und den nichts so wütend macht wie Tränen, verlernst du das Weinen)

    Paritu schrieb:

    Ist bei dir schon mal an eine leichte Form von Autismus gedacht worden?


    Das Spektrum ist absolut riesig und jeder ist anders.


    Ich kenne aber so einige erwachsene Autisten, gerade die Frauen darunter kompensieren oft fantastisch indem sie Körpersprache, Mimik usw Auswendiglernen wie eine Fremdsprache. Das kam mir sehr bekannt vor bei dem, was du beschrieben hast.


    Wenn man schon mal andere Beiträge von der TE gelesen hat, dann kommt man nicht umhin an Autismus zu denken.


    Ich habe einen Bekannten der ähnlich drauf ist und bei ihm wurde als Kind Asperger diagnostiziert.

    Aber wenn jemand als Erwachsener einigermaßen zurecht kommt dann interessiert sich niemand dafür, ob derjenige Asperger hat.

    Bei mir ist es so, je tiefer und schlimmer die Gefühle, um so weniger sieht man es mir an. Es äußerst sich dann irgendwie wie in einer innerlichen Starre. Kleinere Gefühle sieht man mir schon ehr an....ein wenig grinsen, wenn ich etwas lustig finde, oder Gebölke, wenn ich sauer werde, aber bei tieferen Gefühlen sieht man nichts.

    Shinnok schrieb:

    Helft ihr auch viel schauspielerisch nach bei eurer Mimik und Stimme? Musst ihr eure Gefühlswelt auch immer erst sehr bewusst in Worte sowie die dazu passende Mimik und Stimmlage "übersetzen"?

    Nein und nein. Gefühle steuern meine Mimik ganz stark. Selbst wenn ich das nicht möchte. Wenn ich beispielsweise auf einer Hochzeit bin, dann bin ich meist so gerührt dass meine Augen gleich wässrig werden. Wenn ich nen traurigen Film schau, dann kullern die Tränen ganz automatisch. Mein Freund hört es sogar am Telefon an meiner Stimme welche Stiummung ich gerade habe. Wenn ich voll Freude bin, weil ich beispielsweise einen Job bekommen hab, dann kann ich meine Mundwinkel gar nicht nach unten drücken :_D


    Wenn ich wirklich wirklich richtig traurig bin, dann kann ich nicht mal sprechen, dann kommen keine Worte mehr raus, nur noch schluchzen, weil sich mein ganzer Körper zusammenzieht und man nen dicken "Kloß" im Hals hat.

    Also ich kenne es, dass ich sehr auf meinen Gesichtsausdruck achten muss, damit es nach außen hin richtig wirkt. Wenn ich mich gefreut habe, waren manche schon irritiert, dass man mir das nicht angesehen hat. Auch wenn es mir schlecht geht, kann ich das nicht wirklich zeigen. Generell rede ich auch eher monoton-neutral-sachlich.


    Bei mir ist der Grund, dass ich Gefühle nicht richtig zeigen kann/will und in meiner Innenwelt lebe. Ich möchte mich nicht verletzlich/angreifbar machen. Das kommt durch psychische Probleme/Ängste/Depressionen/bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und das wiederum ist durch Verletzungen in der Kindheit/Jugend entstanden, wo ich mich durch eine nach außen hin emotions- und gefühllose Fassade geschützt habe.


    Weiß nicht, ob das bei dir auch in so eine Richtung gehen könnte? Hast du denn Leidensdruck oder versteckst du deine Emotionen aufgrund einer tief sitzenden Angst?

    Kann man beim Gefühlsausdruck schauspielern?


    Mir hat mal nach einem Vortrag an der Hochschule ein Professor gesagt, ich hätte Ausstrahlung. Ja, wenn er meint. 8-(


    Also Mimik und Gestik schauspielern kann ich mir vorstellen, aber ist das immer Ausdruck dessen, was man gerade fühlt?


    Weinen beim Film funktioniert jedenfalls nicht. Ist ja nur ein Film.

    Selbst bei Beerdigungen funktioniert das nur mit enger emotionaler Bindung zum Verstorbenen.


    Und bei Schmerzen im Krankenhaus lass ich mir ein Schmerzmittel geben. Alles andere kann ich aushalten. Also Gefühle äußern geht definitiv.


    Ich bin ein Mensch, der meistens lächelt. Das hat sich so eingebrannt, dass ich damit selbst negative Gefühle anderen gegenüber überspielen kann. Aber ein echter Gefühlsausdruck ist das dann nicht.


    Und Mimik und Gestik sind doch oft auch Reaktionen auf das, was um einen herum passiert. Kann man das steuern?

    Ja, das kann man. Wenn einem Mimik und alles, was damit zu tun hat, so sehr bewußt ist, kann man sogar das "richtige" Lächeln spielen.


    Ich habe das unter anderem in Seminaren mit einem Theaterschauspieler sehr eindrücklich erleben dürfen.


    Und auf anderer Ebene - wenn du zum Beispiel lernst, das bestimmte Gefuhlsregungen (oder auch das Fehlen davon) in deinem Gesicht zu Gewalt führen, lernst du genau das zu beherrschen. Zu unterdrücken oder gezielt zu zeigen.

    Zitat

    Ja, das kann man. Wenn einem Mimik und alles, was damit zu tun hat, so sehr bewußt ist, kann man sogar das "richtige" Lächeln spielen.


    Ich habe das unter anderem in Seminaren mit einem Theaterschauspieler sehr eindrücklich erleben dürfen.


    Und auf anderer Ebene - wenn du zum Beispiel lernst, das bestimmte Gefuhlsregungen (oder auch das Fehlen davon) in deinem Gesicht zu Gewalt führen, lernst du genau das zu beherrschen. Zu unterdrücken oder gezielt zu zeigen.

    Danke. Das ist schon interessant.

    Ich dachte bisher: Man freut sich, also lächelt man, aber eben "unbewusst". Also das merkt man schon, aber die Reaktion lächeln kommt eben automatisch.

    Das man das erlernt unterdrücken kann, kann ich mir schon vorstellen. Auch das man einen Gesichtsausdruck zeigt, um seinem Gegenüber ein bestimmtes Gefühl vorzutäuschen, dass man in dem Moment gar nicht fühlt, kann ich nachvollziehen.

    Aber etwas tatsächlich fühlen und dann absichtlich den Gesichtsausdruck dazu kreieren zu müssen, ist irgendwie ein abwegiger Gedanke.

    Vielleicht muss ich mich da aber auch mal genauer beobachten. :-)

    Paritu schrieb:

    Ist bei dir schon mal an eine leichte Form von Autismus gedacht worden?

    Meine Eltern haben mich gerade früher vereinzelt halb-ernst, halb-scherzhaft als Autist bezeichnet. Mehr war da aber nicht in Richtung Autismus.


    Von Psychotherapie etc. haben meine Eltern nie viel gehalten. Auch weil die Leute, von denen man das so mitbekommen hat, offenbar durch die Therapie(n) nicht stabiler und wieder funktionsfähig geworden sind, sondern danach erst recht nicht mehr auf die Beine gekommen sind; dass auch, weil sie dann nur noch ungut um sich selbst gekreist sind bzw. dauerhaft abhängig von externe Hilfe geworden sind oder so eine "special snowflake"-Attitüde gepflegt haben. Vor der Therapie waren die deutlich normaler, gesellschaftsfähiger und selbstständiger.

    Wenn eine Therapie einen quasi erfolgreich repariert, so dass man danach dann wiederhergestellt selbstständig und unabhängig von anderen weiterleben kann, eben für sich selbst kompetent, wäre das ja sinnvoll, aber so wie bei den Kandidaten kommt mir das überhaupt nicht nützlich vor.


    Außerdem haben sich meine Eltern ihrerseits mit diesen ganzen "Sozialkram-Sachen" selbst etwas schwer getan und mussten das auch erst lernen. Das gilt auch für die Mimik, weil meine Eltern ihre Stimmung eher über ihre Stimme, als über ihre Mimik vermitteln.


    Daher fanden sie mich da auch recht normal, haben aber natürlich viel Wert darauf gelegt, dass ich mich "unter Menschen zu benehmen weiß" und nicht negativ auffalle (Stichwort: "Was sollen denn die Nachbarn denken?!")


    Meine Mutter hatte u.a. mal das Problem, dass sie bei ihrem Notruf zunächst gar nicht ernst genommen worden ist vom Disponenten der Rettungsstelle, weil sie sachlich-ruhig die erforderlichen Angaben durchgegeben, sich dabei an das Notrufschema gehalten und die Sachinformationen durchgegeben hat.


    Sorgen hat sie sich aber sehr wohl gemacht; nur hat man ihr das eben am Telefon nicht angemerkt. Der Disponent hat ihre sachliche Art zum Anlass genommen, den Notruf als nicht ernst einzustufen, obwohl der Inhalt, den meine Mutter geschildert hat, eine lebensgefährliche gesundheitliche Komplikation nahegelegt hat. Am Ende wurde dann doch noch widerwillig ein RTW geschickt, dessen Besatzung umgehend den Notarzt nachgefordert hat. Im Krankenhaus konnte die Ursache dann erfolgreich behandelt werden.


    Bis dahin bin ich immer davon ausgegangen, dass die Disponenten in den Leitstellen die Einschätzung nach den übermittelten Sachinformationen vornehmen - und nicht danach, wie besorgt der Anrufer klingt.

    (Hoffentlich muss ich nie so einen Notruf machen .... das wäre dann schlecht für den, für den ich anrufe, auch wenn ich mich natürlich dann bemühen werde, angemessen besorgt zu klingen.)


    Paritu schrieb:

    Fantasie usw hat zum Beispiel mein Sohn wunderbar... Und er ist liebevoll und sucht Kontakt zu Kindern. Er erfüllt so manches Klischee nicht und ist dennoch Autist. Das zeigt sich kurz zwischendurch, nicht auf jeder Ebene. Normalerweise schafft er es auch gut sich einzufühlen

    Dann hat dein Sohn bestimmt auch diese Spezialinteressen, die man als Autist haben muss, oder?


    Das ist u.a. etwas, weshalb ich nicht denke, dass ich Autist sein könnte. Ich habe keine solchen Spezialinteressen.


    Was ich mal passend gefunden habe, war die Beschreibung des schizoiden Persönlichkeitsstils.


    Paritu schrieb:

    Zu mir selbst: ich habe zwar normalerweise keine Fassade gehabt, aber mir ist es mittlerweile nur schwer möglich bis unmöglich zu weinen - aber dafür gab es konkrete Gründe (wenn du über Jahre mit jemandem zusammen bist vor dessen Wut du Angst hast und den nichts so wütend macht wie Tränen, verlernst du das Weinen)

    Das klingt nach einer schlimmen Zeit, die du durchgemacht hast. Das tut mir Leid.


    Plüschbiest schrieb:

    Wenn man schon mal andere Beiträge von der TE gelesen hat, dann kommt man nicht umhin an Autismus zu denken.

    Woran machst du das fest?


    Plüschbiest schrieb:

    Aber wenn jemand als Erwachsener einigermaßen zurecht kommt dann interessiert sich niemand dafür, ob derjenige Asperger hat.

    Wenn man so unauffällig ist, kann man die Diagnose Autismus/Asperger doch eh nicht trennscharf stellen. Derjenige könnte auch einfach normal sein oder hat evtl. etwas anderes, als Autismus.


    Kalinkana schrieb:

    Bei mir ist es so, je tiefer und schlimmer die Gefühle, um so weniger sieht man es mir an. Es äußerst sich dann irgendwie wie in einer innerlichen Starre. Kleinere Gefühle sieht man mir schon ehr an....ein wenig grinsen, wenn ich etwas lustig finde, oder Gebölke, wenn ich sauer werde, aber bei tieferen Gefühlen sieht man nichts.

    Fühlst du die tieferen Gefühle in solchen Momenten deutlich oder stehst du dann eher etwas neben dir?


    sugarlove schrieb:

    Wenn ich beispielsweise auf einer Hochzeit bin, dann bin ich meist so gerührt dass meine Augen gleich wässrig werden.

    Verzeih' die Frage, aber wovon genau bist du bei einer Hochzeit gerührt?

    Durch die Hochzeit ändert sich ja nur die Rechtsbeziehung, nicht die menschliche Beziehung der Eheleute zueinander.

    Was ist an der Hochzeit so emotional berührend für dich?


    Mich interessiert das, weil ich weiß, dass Hochzeiten als ein sehr emotionales Ereignis gewertet werden von vielen. Ähnlich wie Trauerfeiern, nur eben als erfreuliches Ereignis ... wobei man das sicher auch von manchen Trauerfeiern sagen könnte.^^

    Lebkuchenherzchen schrieb:

    Also ich kenne es, dass ich sehr auf meinen Gesichtsausdruck achten muss, damit es nach außen hin richtig wirkt. Wenn ich mich gefreut habe, waren manche schon irritiert, dass man mir das nicht angesehen hat. Auch wenn es mir schlecht geht, kann ich das nicht wirklich zeigen. Generell rede ich auch eher monoton-neutral-sachlich.

    Oh, ein "Artgenosse"! :-) Beschreibung passt auch gut auf mich.


    Auch wenn der Grund bei dir natürlich unerfreulich ist:

    Lebkuchenherzchen schrieb:

    Bei mir ist der Grund, dass ich Gefühle nicht richtig zeigen kann/will und in meiner Innenwelt lebe. Ich möchte mich nicht verletzlich/angreifbar machen. Das kommt durch psychische Probleme/Ängste/Depressionen/bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und das wiederum ist durch Verletzungen in der Kindheit/Jugend entstanden, wo ich mich durch eine nach außen hin emotions- und gefühllose Fassade geschützt habe.

    Weiß nicht, ob das bei dir auch in so eine Richtung gehen könnte? Hast du denn Leidensdruck oder versteckst du deine Emotionen aufgrund einer tief sitzenden Angst?

    Unerfreuliche Erlebnisse kenne ich zwar aus meinem Leben, aber diese meine Art war bei mir schon als Kind vorher so.

    Mag sein, dass sich das später durch das ein oder andere unschöne Erlebnis ausgebaut hat, aber ich wüßte da gerade nichts. Es gab einfach nie ein "Ereignis X", nach dem ich nun so geworden bin.


    melb1985 schrieb:

    Also Mimik und Gestik schauspielern kann ich mir vorstellen, aber ist das immer Ausdruck dessen, was man gerade fühlt?

    Ich glaube nicht. Vielleicht schauspielern ja insgeheim die meisten Menschen ihre Mimik, weil sie glauben, dass gehöre sich so, und denken jeweils, dass sie damit exotisch wären & bemühen sich, nicht aufzufliegen. ;-D

    Es ist ja bei Menschen schon merkwürdig, dass ein Lächeln, bei dem man die Zähne sieht, als freundlich gilt. Im Tierreich wäre das Zähnezeigen eher eine Drohgebärde.

    Dafür beschnuppern wir uns zur Begrüßung immerhin nicht gegenseitig am Hintern.^^


    melb1985 schrieb:

    Und Mimik und Gestik sind doch oft auch Reaktionen auf das, was um einen herum passiert. Kann man das steuern?

    Ich denke, es gibt die natürliche Mimik, die spontan aus dem inneren Gefühl heraus entsteht, und die Mimik, bei der man schauspielerisch nachhilft.


    Bei mir kann ich es nicht immer auseinanderhalten, ob z.B. das Lächeln von mir nun echt war oder ein nur gut antrainierter "Reflex".


    Aber ich habe natürlich auch eine gewisse Eigenmimik, bei der ich nicht nachhelfen muss.


    melb1985 schrieb:

    Ich dachte bisher: Man freut sich, also lächelt man, aber eben "unbewusst". Also das merkt man schon, aber die Reaktion lächeln kommt eben automatisch.

    Das innere Freuen und das äußere Lächeln müssen meiner Erfahrung nach nicht gemeinsam auftreten, sondern können stark auseinanderfallen.


    Als Kind fand ich es z.B. unangenehm, dass ich mich über Geschenke zum einen erst zeitverzögert gefreut habe innerlich, und zum anderen nach Außen hin oft nicht so gewirkt habe, als würde ich mich freuen, was dann wieder den Schenker enttäuscht oder betroffen gemacht hat, was widerum mich betroffen gemacht hat.

    Eine ungute wechselseitige Reaktion.