Schlimme Erinnerungen kommen zurück, wie aushalten/mildern?

    Ich muss mir einfach mal was von der Seele schreiben, vielleicht kann mir ja sogar jemand helfen, auch wenn mein Problem komplex ist. Achtung, könnte eventuell triggern (Verg.ewaltigung). Und sorry für den doofen Titel.


    Ich hole mal etwas aus, schon als Kind hatte ich voll und länger als gewöhnlich mit Heimweh zu kämpfen. Wollte auch nie länger bzw. später dann über Nacht alleine bleiben. Im Alter von 16 gab sich das zum Glück und ich genoss sturmfreie Bude ]:D.


    Mit 17 war ich ein halbes Jahr sexueller Gewalt ausgesetzt, weil ich nicht die Kraft bzw. den mit hatte, mich zu wehren. Es gipfelte in einer beinahe Vergewaltigung, die Details lasse ich bewusst weg. War schlimm genug. Ich verdrängte es, mit wenig Erfolg. Ich konnte wieder zunehmend schlechter alleine sein und nach einem halben Jahr offenbarte ich mich meinen Eltern und begann eine Therapie. Die half auch, ich zog sogar in eine eigene Wohnung. War zwar anfangs schwierig, aber ich habe es geschafft und das Erlebte verarbeitet. Dachte ich.


    Lernte dann meinen Freund kennen, wir zogen zusammen und alles war soweit okay. Hatte zwar immer ein blödes Gefühl, wenn mein Freund mal weg war, aber es war aushaltbar. Durch Corona waren wir nun die letzten Monate nahezu 24h zusammen (natürlich etwas übertrieben). Jetzt ist er seit gestern für eine Woche mit seinen zwei besten Freunden im Urlaub (Radfahren, kein Partyurlaub) Das gönne ich ihm absolut, ich bin auch nicht eifersüchtig oder so.


    ABER ich habe massive Probleme mit dem alleine sein und zu allem Überfluss auch noch Flashbacks der heftigen Sorte und Panikattacken. Auslöser ist wohl, dass sich die Situation, in der es vor zehn Jahren zu der Fastvergewaltigung kam, am Mittwoch wiederholt hat. Das war wohl zu viel für meine Psyche.


    Mittwoch ging es noch, hab auch meinem Freund nichts gesagt, um ihm den verdienten Urlaub nicht zu ruinieren. Seit er weg ist, bin ich innerlich zusammengebrochen. Ich kann nicht schlafen, will aber eigentlich auch nicht wach sein, kann kaum etwas essen und schwanke zwischen Panikattacken und Phasen, die mich an eine Depression erinnern. Wenn es dunkel wird, wird es noch schlimmer. Fühle mich unglücklich und traurig.

    Ich war heute in meiner Not nach einer fürchterlichen Nacht bei meinem Hausarzt, der mir eine erneute Therapie empfahl wegen der Erinnerungen (werde ich auch am Montag in Angriff nehmen, wird aber dauern, bis ich einen Platz kriege, meinte mein Arzt) und mir für die Woche Tavor verschrieb. Ich kenne das Zeug, nehme es einmal im Jahr gegen Flugangst und da hilft es wunderbar. Aber ich weiß auch um die Gefahr einer Abhängigkeit. Das würde mir gerade noch fehlen.


    Ich soll morgens 0,5mg und abends 1mg nehmen für drei Tage und dann je nach Zustand reduzieren. Ist das zu verantworten und hilft das Zeug wohl in meinem Falle? Ich fühle mich wie gelähmt. Gibt es andere Dinge, die kurzfristig helfen könnten? Für morgen habe ich zwei Freundinnen zu mir eingeladen in der Hoffnung, dass mich das ein bisschen ablenkt.


    Danke an alle, die bis hierhin durchgehalten haben.

  • 35 Antworten

    zunächst mal möchte ich dir sagen, dass es mir sehr leid tut, was dir widerfahren ist.

    und es ist wirklich extrem blöd, dass dein freund ausgerechnet jetzt weg ist, nachdem du erneut so ein schlimmes Erlebnis hattest.

    wirklich gut kenne ich mich nicht aus, aber ich weiß, dass es hochgefährlich ist, tavor zu nehmen aufgrund des hohen suchtpotentials.

    ich würde dir dringend davon abraten.

    wie wäre es, wenn du nachts ein schönes hörbuch hörst, ruhig über (mini-) Kopfhörer, so dass du dich richtig gut darauf konzentrieren kannst und dir keine anderen gedanken in den kopf kommen. irgendwann wirst du wegdämmern und einschlafen, ohne dass du es merkst.


    kleiner, kostengünstigerr tipp: viele stadtbüchereien haben mittlerweile ein onlineangebot, dass auch zahlreiche hörbücher umfasst. du kannst dir eine app herunterladen und die hörbücher dann einfach streamen. Voraussetzung ist natürlich, dass du dir einen büchereiausweis holst bzw. hast.

    aber es gibt auch andere portale, die hörbücher anbieten.

    Alias 974486 schrieb:

    Ich fühle mich wie gelähmt. Gibt es andere Dinge, die kurzfristig helfen könnten?

    Spricht etwas dagegen, Strategien aus deiner früheren Therapie abzurufen?

    Das ist ein toller Tipp mit den Hörspielen, das versuche ich heute Nacht. Letzte Nacht hab ich das Radio laufen lassen, mit wenig Erfolg. So ein Hörspiel könnte besser sein, hoffe ich.


    Melete, grundsätzlich natürlich nicht. Nur waren die Strategien damals langfristig angelegt und ich hatte Unterstützung durch meine Eltern/damalige Freunde. Wenn mein Freund wieder da ist, wird es sicher etwas einfacher werden. Andererseits muss ich es ja auch alleine schaffen.


    Immerhin ist dieses Mal nichts schlimmes passiert, nur waren die Situationen insgesamt so ähnlich, dass mich das scheinbar furchtbar getriggert hat :-(.


    Im Moment schaue ich meine Lieblingsserie, bis ich so richtig müde werde.

    Ich würde an deiner Stelle einmalig abends die Tavor nehmen, dass du zur Ruhe kommst und schlafen kannst. Ist auch nicht schlimm, wenn du das mal 3 Tage abends machst, daraus entsteht nicht gleich ne Abhängigkeit. Aber klar, aufpassen muss man mit dem Zeug definitiv. Aber ich will es nicht nur schlechtreden, denn es kann in emotionalen Ausnahmszuständen auch ein Segen sein. Und manchmal hilft es, einmalig eine Tablette zu nehmen, um den Kreislauf zu durchbrechen und aus der Anspannung herauszukommen.


    Mein Tip ist: Wenn es geht, iss eine Kleinigkeit. Essen vermittelt dem Körper, dass alles in Ordnung ist und man Zeit hat und Ruhe und bringt einen runter. Da hat die Panik dann keinen Platz.

    Alias 974486 schrieb:

    Immerhin ist dieses Mal nichts schlimmes passiert, nur waren die Situationen insgesamt so ähnlich, dass mich das scheinbar furchtbar getriggert hat :-( .

    Naja, die Situation war schlimm genug, dass Du ähnliche Gefühle wie damals hattest.

    Alias 974486 schrieb:

    Melete, grundsätzlich natürlich nicht. Nur waren die Strategien damals langfristig angelegt und ich hatte Unterstützung durch meine Eltern/damalige Freunde. Wenn mein Freund wieder da ist, wird es sicher etwas einfacher werden. Andererseits muss ich es ja auch alleine schaffen.

    Eben, wenn im Moment niemand anderer da ist, kannst du dich nur auf dich verlassen. Auch wenn du damals Unterstützung hattest, so hast doch du doch die Arbeit gemacht.

    Erstmal vorab tut es mir natürlich sehr Leid, was passiert ist. Ich würde zuerst Hörspiele ausprobieren, das ist wirklich eine super Idee, und wenn das nichts bringt, würde ich kurzzeitig das Medikament nehmen.


    Auf lange Sicht kommst du meiner Meinung nach nicht um eine erneute Therapie herum. Du bist noch nicht über dem Berg. Ich hoffe sehr, dass du deinen Freund nach dem Urlaub einweihst. Käme eigentlich eine Anzeige in Betracht?

    Das stimmt, es war plötzlich wieder so, als wäre es vor zehn Minuten und nicht vor zehn Jahren passiert. Und das verfolgt mich seitdem und leider besonders nachts. Tagsüber heute war es schon schwierig, ich hoffe, dass es morgen mit Ablenkung besser klappt.


    Puh, das einen das nach so langer Zeit noch so belasten kann, hätte ich nicht gedacht %:|. Zumal es ja nicht mal zum Schlimmsten kam, dafür bin ich so dankbar. Das muss ich doch recht schnell verarbeiten können. Bin da echt immer noch geschockt über die Reaktion meines Körpers.


    Smilli, essen ist so eine Sache. Ich habe so gar keinen Appetit und heute leider auch zu wenig gegessen. Mir schlägt die Psyche immer sehr auf den Magen und ich kriege, wenn überhaupt nur ungesundes Zeug runter.

    Vor dem Tavor habe ich echt Respekt. Es wirkt gut, das weiß ich. Aber wenn ich jetzt drei Tage abends was nehme und nach den drei Tagen die Packung wegschmeiße, kann sich doch keine Abhängigkeit entwickeln, oder?

    Alias 974486 schrieb:

    Puh, das einen das nach so langer Zeit noch so belasten kann, hätte ich nicht gedacht %:| . Zumal es ja nicht mal zum Schlimmsten kam, dafür bin ich so dankbar. Das muss ich doch recht schnell verarbeiten können. Bin da echt immer noch geschockt über die Reaktion meines Körpers.

    Ja, das ist leider möglich, dass man eine "2. Runde" machen muss. Der Vorteil ist, dass man weiß, dass man es schafft und ja, es kann schneller bzw. ganz schnell gehen, wenn man sich der Situation stellt. Hast du es denn jemandem erzählt?

    Braunesledersofa, danke :) Ja, nach dem Urlaub sage ich meinem Freund natürlich, was Sache ist. Er weiß auch, was vor zehn Jahren passiert ist. Dieses Mal ist ja zum Glück außer einem blöden Spruch nichts passiert, nur die Situationen waren so ähnlich, dass das extrem was getriggert hat bei mir. Der Kerl von vor zehn Jahren wurde angezeigt, kam aber nicht viel bei rum. Immerhin hat er ein Berufsverbot bekommen.


    Eine erneute Therapie werde ich auf jeden Fall machen, hoffe, dass ich schnell einen Therapeuten finde. So will ich auf Dauer nicht leben.


    Alleine das Schreiben hier hat mir schon geholfen, ich danke euch sehr, dass ihr euch die Zeit genommen habt und mir helfen wollt.

    Von Mittwoch hab ich keinem erzählt, das kam mir zu blöde vor X-\. Denn es ist ja nichts vorgefallen außer der nahezu identischen Umstände wie damals und einem blöden Spruch. Es war meine Psyche, die so unerwartet reagiert hat.

    Von den schlimmen Dingen hatte ich damals dann einigen Freunden erzählt, doch diese Freundschaften sind im Laufe der Zeit auseinander gegangen. Mein jetziger Freundeskreis weiß nichts davon, nur mein Freund. Morgen habe ich zwei Freundinnen zu mir eingeladen, ich überlege, ob ich es denen dann erzähle. Würde vermutlich schon guttun.

    Wenn es dir guttut, dann erzähl es. Ich glaube, dass der Schrecken an Schreck verlieren kann, wenn man nahestehenden Personen davon erzählt, es laut ausspricht und man Zuspruch bekommt.


    Wenn du sagst, dass du über die Reaktion deines Körpers geschockt bist, meinst du dann, dass du dir selber nicht erklären kannst, warum du dich nicht gewehrt hast? Kann es sein, dass du nicht abschließen kannst, weil du dir deine Starre nicht verzeihen kannst? Sollte dem so sein, dann sei dir im klaren, dass du gerade mal 17 warst, total überfordert mit der Situation und hilflos. Verzeih dir das!

    Liebe Alias,

    ich habe den Eindruck, dass du gerade schon sehr aktiv anfängst dafür zu sorgen, dass es dir besser geht. Und das ist gut :)z

    Man kann sich das ganz vereinfacht vielleicht so vorstellen, dass bei den früheren traumatischen Erlebnissen eine Art Autobahn im Gehirn gebaut wurde. Durch Zeit und Therapie ist dies zwar über die Jahre zugewachsen, aber natürlich noch vorhanden. Für dein Gehirn ging es damals schließlich ums "Überleben". Durch die ähnlichen Umstände am Mittwoch wurde diese Autobahn wieder ein Stück frei gelegt und befahren, deshalb fühlt es sich jetzt so ähnlich an. Das Problem bei Autobahnen ist immer, dass man relativ schnell fährt und wenig Zeit zum Überlegen hat, ob man nicht doch irgendwo abfahren kann...


    Mit dem, was du gerade machst, versuchst du - um bei dem Bild zu bleiben - die Geschwindigkeit zu verringern, um möglichst die nächste Abfahrt zu nehmen. Das darf dann auch mal medikamentös unterstützt werden.


    Häufig ist es auch hilfreich, wenn man versucht, soweit es geht den normalen Tagesablauf beizubehalten. Routine gibt Sicherheit! Hörspiel, gerne auch Kinderhörspiele, sind eine super Idee. Dein Lieblingsessen, auch wenn du gerade keinen Hunger hast. Vielleicht etwas Bewegung, um das überflüssige Adrenalin aus dem Körper zu bekommen, der hatte sich am Mittwoch ja auf Überlebenskampf eingestellt. Wenn dir nach reden ist, dass sprich mit deinen Freundinnen. Und gebe dir ein wenig Zeit, das ganze zu verarbeiten. Der logische Teil des Gehirns sagt zwar "es ist nix passiert", aber durch die alte Autobahn, war dein Körper einfach direkt wieder im "Überlebenskampf" wie der Steinzeitmensch mit seinem Höhlenbären. Da darf Erholung auch Zeit brauchen.

    Vielleicht kannst du auch kurzfristig mit einer Opferhilfeeinrichtung in deiner Nähe telefonieren? Der Weisse Ring beispielsweise, oder Beratungsstellen wie Wildwasser, Zündfunke, etc. Häufig können die Kolleginnen dort schon telefonisch ein Stück weiterhelfen.


    Perspektivisch würde ich dir empfehlen, dich um eine Traumatherapie zu bemühen, auch wenn die Wartezeiten lang sind. Aber dort erhältst du noch mal mehr Handwerkszeug, um mit deiner Autobahn im Kopf gut umzugehen :)_


    Alles Liebe!

    Zu Tavor: ich habe da auch Respekt vor, aber in manchen Situationen ist es will ich sehr hilfreich. Mein Hausarzt hat mir nur 4 Tabletten à 1mg mitgegeben, wenn ich mehr brauche, muss Ich mir die bei ihm holen. Das finde ich gut, er hat ein Auge drauf und ich habe keine Bedenken, in eine Abhängigkeit zu rutschen.