Schweigepflicht Minderjährige/Hormontherapie

    Mein Kind hat im letzten Winter darauf bestanden, eine Psychotherapie anzufangen. Es ist minderjährig, aber knapp vor Volljährigkeit. Wir wussten nicht, warum es das wollte und haben auch nicht nachgebohrt und alle Befreiungen für die Schule etc. ermöglicht. Die Psychotherapie wurde über seinen Psychiater aus der Autismus-Ambulanz vermittelt, dort finden auch die Sitzungen statt.


    Vor zwei Wochen ruft mich der Kinderarzt an (er ist auch Endokrinologe) und meint, dass er ab nächster Woche mit einer geschlechtsangleichenden Behandlung bei meinem Kind anfangen möchte.

    Zusammengefasst (es ist natürlich viel komplizierter) wussten Psychiater und Psychologe seit Monaten Bescheid und diese beiden und Kind haben schon alles in die Wege geleitet, inkl. Besuchen beim Arzt, Blutabnahmen etc... Nun waren wir einen Tag (!) vor Gabe der ersten sog. "Blocker", die das geschlechtsspezifische Hormon erst einmal unterdrücken.


    Nach dem Gespräch mit dem KiA habe ich einige Tage später beim Psychologen angerufen, ob er noch ganz dicht ist,

    Nachdem Kind offensichtlich hohen Leidensdruck hat, was ich nachvollziehen kann, haben wir nun in einem organisatorischen Kraftakt alles regeln können, damit es mit der Behandlung anfangen kann, aber wir Eltern fühlen uns von Psychiater/Psychologen so richtig über den Tisch gezogen.

    Der behandelnde Psychologe arbeitet nicht systemisch; er sieht "nur" das Kind, alles außen rum wird von ihm während der Behandlung ausgeblendet.


    Wir haben nun zwei Möglichkeiten der Sichtweise:

    1. wir werden für gute Eltern gehalten, deswegen wurden wir nicht informiert, denn von uns wurde wohl eh keine Gegenwehr erwartet (Therapie abbrechen, Kind kasernieren, bis es bald 18 wird und dann rausschmeissen, was man halt immer so liest von überforderten Eltern).....

    unsere Gutmütigkeit also ausgenutzt.

    2. wir als Eltern sind den Behandlern vollkommen egal. Und eigentlich ist ihnen dann auch unser Kind egal, denn unsere etwaige Reaktion wäre dann ja nicht ihr Problem gewesen, sondern sein. Was bei Eltern, die ablehnend reagiert hätten, unter Garantie keine Hilfe wäre für das Kind - was ja im Behandlungsfokus steht.


    Anyway,

    meine Frage:

    es wurde argumentiert, dass zwischen 16 und 18 die Schweigdpflicht gilt, wenn Patient möchte. Und Kind wollte (dato) nicht, dass wir an Bord sind.

    Ist das wirklich so?

    Dem Kinderarzt wäre es auch nicht im Traum eingefallen das Kind zu behandeln, ohne vorher mit uns zu sprechen (was wir dann innerhalb von zwei Tagen (!) nachgeholt haben, damit es am 4. Tag (!), nachdem wir davon erfahren haben, los gehen konnte.

  • 224 Antworten

    Ich habe nun gerade recherchiert, dass bei Ärzten und Heilpraktikern tatsächlich ab 14, spätestens 15 von einer Entscheidungsfähigkeit des Patienten ausgegangen werden kann, dann gilt es analog evtl. für Psychotherapeuten. Allerdings wird auf die nötige Einzelfallprüfung hingewiesen, d.h., sie hätten uns informieren können. Vor allem, weil es auch heißt, dass das besonders dann nötig ist, wenn langfristig größere Eingriffe in die Gesundheit zu sehen sind - was bei einer Geschlechtsangleichung ja wohl gegeben ist.... denke ich zumindest.....

    criecharlie schrieb:

    Wir haben nun zwei Möglichkeiten der Sichtweise:

    1. wir werden für gute Eltern gehalten, deswegen wurden wir nicht informiert, denn von uns wurde wohl eh keine Gegenwehr erwartet (Therapie abbrechen, Kind kasernieren, bis es bald 18 wird und dann rausschmeissen, was man halt immer so liest von überforderten Eltern).....

    unsere Gutmütigkeit also ausgenutzt.

    2. wir als Eltern sind den Behandlern vollkommen egal. Und eigentlich ist ihnen dann auch unser Kind egal, denn unsere etwaige Reaktion wäre dann ja nicht ihr Problem gewesen, sondern sein. Was bei Eltern, die ablehnend reagiert hätten, unter Garantie keine Hilfe wäre für das Kind - was ja im Behandlungsfokus steht.

    1. Die Behandler wissen nicht, ob und wie gutmütig ihr seid. Folglich wurde da auch nichts ausgenutzt. Keine Aktion ist für dich schwierig, aus Sicht des Behandlers aber "neutral". Nichts kann nicht einfach als Ausnutzen gedeutet werden.

    2. Die Schlussfolgerung, dass ihr ausgeklammert werdet bedeute auch, dass das Kind egal sein, ist haltlos.

    Überhaupt ist alles haltlos, wenn man nicht weiß, was euer Kind sich dabei gedacht hat, euch erst auf den letzten Drücker einzuweihen. Vielleicht hat der Behandler damit öfter angefangen, aber euer Kind immer wieder drauf bestanden, euch da rauszulassen?


    Die wütende Schuldfrage bringt euch nicht weiter. Es gibt immer mehrere Faktoren. Und ganz vorwurfslos: Wieso meinst du, wollte dein Kind euch nicht einweihen? Hättest du vom Arzt erwartet, dass er gegen den Willen deines Kindes handelt, also die Behandlung ganz verwehrt?

    Ich kenne mich mit der Thematik durchaus aus und sage mal so: Wenn euer Kind euch nicht von Anfang an in das Vertrauen gezogen hat, wird es dafür Gründe geben. Und an der Stelle ist eher Selbstreflexion gefragt, als die Schuld bei anderen Personen zu suchen.

    Ein offenes, vertrauensvolles Gespräch wäre sicherlich angebracht. In den nächsten Jahren wird da nämlich jemand sehr viel Unterstützung benötigen.

    marblemadness schrieb:

    Ich kenne mich mit der Thematik durchaus aus und sage mal so: Wenn euer Kind euch nicht von Anfang an in das Vertrauen gezogen hat, wird es dafür Gründe geben. Und an der Stelle ist eher Selbstreflexion gefragt, als die Schuld bei anderen Personen zu suchen.

    Ein offenes, vertrauensvolles Gespräch wäre sicherlich angebracht. In den nächsten Jahren wird da nämlich jemand sehr viel Unterstützung benötigen.

    Das möchte ich mal ganz fett unterstreichen.

    Ich kenne aus meinem Umfeld zwei Personen die eine Angleichung hinter sich haben.

    Beide Personen haben die Angleichung erst nach dem Auszug von zu Hause begonnen, weil sie wussten dass Mama und Papa die Sache nicht ernst nehmen und statt Unterstützung nur blöde Kommentare zu erwarten sind.

    Ich kann dir nur den Tipp geben dein Kind ernst zu nehmen und es zu unterstützen.

    Andernfalls läufst du Gefahr dein Kind zu verlieren.

    Und komm bloß nicht auf die Idee deinem Kind zu sagen dass es auch ohne Angleichung glücklich werden kann.

    Steh zu deinem Kind ohne wenn und aber.

    Bei Angleichungen ist es so, je eher mit der Hormontherapie begonnen wird, umso besser das Ergebnis.

    Da dein Kind sich ja zur Angleichung entschieden hat würde es wenig Sinn machen mit der Hormongabe zu warten.

    Man will sich ja nicht nur Klamotten und Haartechnisch verändern, sondern auch stimmlich und in den Körperproportionen.

    Mein Bekannter wollte unter anderem deshalb Testosteron um nicht immer und ewig für eine maskuline Lesbe gehalten zu werden sondern für einen richtigen Mann.

    Plüschbiest schrieb:

    Bei Angleichungen ist es so, je eher mit der Hormontherapie begonnen wird, umso besser das Ergebnis.

    Ich kann das sehr unterstreichen. Bei mir war es eben viel zu spät. Das bereitet mir heute sehr viele Probleme, mitunter auch in Suizidgedanken. Meine Eltern waren immer sehr verständnisvoll, aber in der damaligen DDR wurde sowas systematisch als krank eingestuft.

    Ich kann nur raten, das Pferd nicht von hinten aufzuzäunen. Es geht nicht um euch und um eure Befindlichkeiten. Es geht nur um euer Kind, das nicht mit euch darüber sprechen konnte/wollte.

    Ich habe vor Jahren von meinem Kind erfahren, wie unverstanden sie sich wirklich in ihrem Autismus fühlte, während ich immer dachte, ich wäre ihr nahe.

    Heute bin ich froh um diese Chance, die sie mir gegeben hat und wir haben ein völlig anderes Vertrauensverhältnis als damals. Aber noch heute entsetzt mich, dass sie tatsächlich auch Suizidgedanken hatte. Und ich kenne eine Familie, wo sich der Asperger Sohn tatsächlich in der Pubertät umbrachte.

    Bitte seht jetzt nur euer Kind und nichts anderes und nehmt es so an, dass es sich ausgeschieden hat. Es hatte sicher gute Gründe. Aber jetzt geht es um 100% Akzeptanz und nicht um Schweigepflicht.

    Ich habe nun noch nicht alles detailliert gelesen, möchte jedoch einwenden,

    dass sowohl KiA als auch der Psychologe am Telefon meinten, Kind hätte sich deswegen so stark abgegrenzt, weil wir so neutrale bzw. verständige Eltern wären und Kids in dem Alter wollen immer rebellieren.

    Wenn die Eltern nun eigentlich extrem umgänglich sind, wird sich auch extrem abgegrenzt.

    Ansonsten muss man dem Kind auch zugestehen, dass es erst mal mit sich selbst fertig werden muss;

    es geht nicht um Schuld oder Kind, sondern darum, dass man dem Kind als Erwachsene schon einiges hätte ersparen können, wenn man an einem Strang gezogen hätte, was wir gerne machen bzw. gemacht hätten.

    Zitat

    Ich kann dir nur den Tipp geben dein Kind ernst zu nehmen und es zu unterstützen.

    Andernfalls läufst du Gefahr dein Kind zu verlieren.

    Und komm bloß nicht auf die Idee deinem Kind zu sagen dass es auch ohne Angleichung glücklich werden kann.

    Steh zu deinem Kind ohne wenn und aber.

    Aber das machen wir doch?

    Wir haben alle Vorboten (Anmeldung an neuer Schule unter Namen anderen Geschlechts, Kauf typischer Klamotten etc..), VOR OUTING mitgemacht ohne groß zu bohren.

    Und nachdem nun die Sache auf dem Tisch war, anstandslos innerhalb weniger Tage (!) alles organisatorisch klar gemacht, damit Kind los legen kann. Sowohl mit Terminen, als auch Genehmigungen als auch finanziell.


    Der Vorwurf der Ablehnung ist ungerechtfertigt, zumal Kind und wir eine lange Asperger/ADS/HB-Geschichte hinter uns haben was uns zusammen geschweißt hat. Das hat Kind auch so formuliert.

    Es ist aber immer noch ein Jugendlicher - aber von den Erwachsenen hätten wir ehrlich gesagt mehr erwartet.

    Zitat

    Aber jetzt geht es um 100% Akzeptanz und nicht um Schweigepflicht.

    Da sind aber zwei Ebenen und es geht uns um beides;

    Akzeptanz ist Ebene zum Kind, da halten wir unsere Kajüte sauber,

    aber Schweigepflicht ist Erwachsenenebene. Und das wollte ich abklären, da wir uns da wie geduscht fühlen.

    Ist das so unverständlich? Um nichts anderes geht es hier im posting.

    Der erwähnte Suzizid ist furchtbar,

    solche Gedanken kamen hier GsD nie auf, nur einmal war es grenzwertig, das lag an der Konstellation bestimmter Lehrkräfte, war aber zu beheben.

    Für das, was Kind mit sich rumschleppt, ist er wirklich gut "geraten", offen, freundlich, schlau und verständig. Passende Schulleistungen, Zukunftspläne, Freunde und tolles Verhältnis zu seinen (auch sehr speziellen) Geschwistern - und zu uns.

    Es sollte kein Vorwurf sein, ich wollte nur aus eigener Erfahrung berichtet, dass Asperger eventuell dein Verständnis anders erleben als du. Umso besser, wenn es nicht so ist.

    Trotzdem finde ich die Erwachsenenebene im Moment unwichtig.

    Wenn ich das richtig verstehe wusstet ihr doch dann aber schon ne Weile dass das Kind sich im falschen Körper fühlt (anderer Name usw). Warum haut es dich dann jetzt so aus den Socken das die Hormontherapie beginnen soll? Ist doch nur der logische nächste Schritt.

    Dein erstes Posting hörte sich an als ob du zum ersten Mal davon hörst dass das Kind sein Geschlecht angleichen will.

    Warum spricht ihr immer nur von dem Kind und von "es", obwohl es doch ein Geschlecht hat, also Sohn oder Tochter?

    criecharlie schrieb:

    Die Psychotherapie wurde über seinen Psychiater aus der Autismus-Ambulanz vermittelt

    Ist der Sohn/die Tochter Autist?


    EIn Geschlechtsumwandlung ist ein sehr aufwendiger, lang dauernder operativer Eingriff, der nicht rückgängig gemacht werden kann. Das sollte man wissen.


    Und die Fragestellung oben gilt übrigens für alle medizinischen Eingriffe.

    Ich kann verstehen, warum das für euch, wie ein Schlag ins Gesicht sein muss, aber dein Kind hat nunmal nicht mit euch darüber geredet. Ich gehe mal davon aus, dass dein Kind das einfach nicht wollte und dies sicherlich auch mit den Ärzten besprochen hat. Es ist doch wohl absolut klar, dass die Ärzte euch dann nicht einweihen. Das wäre ein extremer Vertrauensbruch zwischen Arzt und Patient. Ich hätte mich ja absolut keinem Arzt mehr anvertraut, wenn dieser medizinische Details ungewollt an meine Eltern weitergegeben hätte.

    Es gibt nunmal Dinge, egal wie offen, flexibel und unterstützend die Eltern sind, die Kinder/Jugendliche nicht gleich mit den Eltern teilen möchten bzw wo sie sich erstmal selber finden müssen.

    Du kannst das nunmal nicht in "zwei Ebenen" aufteilen und erwarten, dass die Ärzte sich quasi für euch, anstatt für euer Kind entscheiden.


    Für mich hört es sich eher danach an, dass du enttäuscht/verletzt bist, dass dein Kind nicht zu dir kam, obwohl ihr bis jetzt immer alles unterstützt habt und dass du nicht unterstützen konntest, macht dich nun wütend auf die Ärzte, weil du der Meinung bist, dass sie dich einbinden hätten müssen.


    Schau einfach nach Vorne, unterstütz dein Kind weiterhin und akzeptiere, dass du teilweise außen vorgelassen wurdest. Rechtlich scheint das ja in Ordnung gewesen zu sein. Du kannst es natürlich prüfen lassen, aber was bringts? Was wäre denn die Konsequenz daraus, wenn dir dein Jurist sagt, dass das falsch lief und die Juristen der Ärzte, dass es legitim war, euch nicht einzubinden? Würdest du klagen? Würdest du die Ärzte, die gerade deinem Kind helfen vor Gericht zerren?