Unfähig, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen

    Hallo zusammen!


    Bislang war ich nur stiller Mitleser, aber nun möchte ich euch mein Problem schildern, vielleicht hat ja jemand einen Denkanstoß für mich. Meine Frage ist hauptsächlich, ob ich schon/wieder psychisch krank/therapierbar bin oder ... ein hoffnungsloser Fall, der einfach so ist, wie er ist. :-p


    Zu mir: Ich bin männlich, 26 Jahre alt, introvertiert, wenig Selbstvertrauen. Ich schaue "normal" aus, weder übermäßig gut noch schlecht, es fällt mir extrem schwer, Freundschaften zu knüpfen. Eine Beziehung hatte ich noch nie. Sexuelles Verlangen ist vorhanden, kann ich mir aber ganz gut selbst befriedigen. Sex mit einem anderen Menschen kann ich mir nur vorstellen, wenn ich starke Gefühle für denjenigen entwickelt habe und sich ein Vertrauensverhältnis gebildet hat ... Das kam in der Vergangenheit dreimal vor, zweimal für Frauen und einmal für einen Mann, alles mit zeitlich großem Abstand. Eine der Frauen zeigte sogar Interesse an mir, wir lebten eine Zeitlang in einer WG und es war die schönste Zeit meines Lebens. Ich bin auf ihre vorsichtigen Avancen nicht eingegangen, weil ich Angst hatte, es zu vermasseln. Man finde den Fehler. :-p


    Ich leide unter dieser Situation. Seit drei Jahren lebe ich alleine, weit weg von der Heimat. Ich habe hier keine Freunde und wenige Bekannte, eigentlich nur meine Arbeitskollegen, die ich zwar sehr gerne mag, aber außerhalb der Arbeit läuft da auch nichts. Früher habe ich gerne Sport in Vereinen gemacht und da Leute kennengelernt, aber meine Arbeit strengt mich sehr an und ich schaffe es daneben einfach nicht mehr, habe es schon versucht ...


    Ich weiß nicht, wie ich da rauskommen soll. Das Hauptproblem ist wohl, dass ich mich selbst für einen völlig uninteressanten Menschen halte, der keinerlei Bereicherung für das Leben von irgendjemandem darstellen würde. Ich bin grundsätzlich sehr freundlich zu allen Menschen, aber auch sehr reserviert und kann niemanden an mich heranlassen. Vermutlich habe ich Angst, zu angreifbar zu werden, keine Ahnung.


    Falls es relevant sein könnte: Ich hatte während meines Studiums eine schwere Depression (es ging GAR nichts mehr, und wenn etwas gegangen wäre, hätte ich mich als erstes umgebracht) und kam nach mehreren Jahren mithilfe von Antidepressiva wieder heraus. Psychotherapien haben bei mir nie etwas gebracht, da ich dazu tendiere, die Psychologen anzulügen und zu sagen, es sei doch alles in Ordnung. Es ist ein starker Drang in mir, nach außen hin perfekt zu wirken, ja keine Schwäche zu zeigen. Klar jammere ich mal über Kleinigkeiten gegenüber den Kollegen o. ä., aber sobald etwas Schlimmeres passiert oder es mir richtig mies geht, kann ich das niemandem sagen. Es will einfach nicht herauskommen.


    Ursache für das alles sind meiner laienhaften Einschätzung nach hauptsächlich meine Eltern gewesen. Meine Mutter war extrem unfair und hat meine jüngeren Geschwister massiv bevorzugt, was mir immer das Gefühl gegeben hat, ein Mensch zweiter Klasse zu sein. Mein Vater ist zwar nach außen hin ein sehr sympathischer Mensch, aber gegenüber seiner Familie ein Diktator. Er gab uns sehr viel (im Sinne von finanzielle Unterstützung für Ausbildung usw., über seine Lippen kam so gut wie nie ein positives Wort), verlangte aber auch sehr viel. Je tiefer ich in die Depressionen rutschte - in seinen Augen eine nicht-existente Krankheit und lediglich Ausrede für Faulheit, was ich ihm lange glaubte -, desto stärker übte er Druck auf mich aus, was zu einem Teufelskreis wurde. Täglich hielt er mir teils stundenlange Vorträge darüber, wie viel er mir ermöglichen würde und wie enttäuscht er von mir wäre, was ich für ein fauler Versager sei, der nichts auf die Reihe bekommt, wie so etwas wie ich von jemandem wie ihm abstammen könne usw. usf. Ich brauche glaube ich nicht dazuschreiben, dass ich zu meiner Familie kaum Kontakt halte.


    Jah ... Wie gesagt, ich sehne mich nach sozialen Kontakten, nach vertrauten Menschen, mit denen ich mal was unternehmen kann, aber ich schaffe es nicht aus meiner Haut. Und ja, ich versuche schon mein Leben lang, mich zu ändern, aufgeschlossener zu werden. Ich sage ja zu jeder Veranstaltung, zu jeder beruflichen wie persönlichen Herausforderung, treffe eigentlich auch genügend "neue" Menschen immer wieder ... Aber es bleibt freundschaftstechnisch nie etwas hängen. Und ich weiß nicht, wie ich da herauskommen soll. Bin ich einfach so? Muss ich es akzeptieren, dass es nunmal so ist, und das Leben so "absitzen"? Ich bin schon vor so vielen Therapeuten gesessen, dass ich die Hoffnung langsam aufgebe ...

  • 4 Antworten

    Als psychisch krank würde ich Deinen derzeitigen Zustand nach den obrigen Schilderungen nun nicht bezeichnen. Aber als unheimlich beherrscht und kontrollierend. Immer alles schön unter Verschluß haltend. Kann man dann eigentlich noch "echt" sein? Vielleicht ist gerade der "echte" Gossenprinz der viel sympathischere? Ich würds mal ausprobieren, im kleinen Rahmen und mal gucken, was passiert. Könnte durchaus interessant werden. Vielleicht mögen Dich gerade dann andere Menschen?


    Gossenprinz schrieb:

    Und ich weiß nicht, wie ich da herauskommen soll.

    Schade, dass Du Deinen Therapeuten ständig etwas vorgemacht hast. Du hast damit so viele Chancen vertan, tatsächlich etwas an Deinem verkrampften Sein zu ändern. Wäre es eine Möglichkeit, nochmals eine Therapie zu beginnen, wobei Du Dich selbst verpflichtest, die Wahrheit zu sagen, nix zu beschönigen und dann eine reelle Chance hast, dass Du "echter" wirst? Mit allen Stärken und Schwächen?

    Vielen herzlichen Dank für eure Antworten! Ich weiß es sehr zu schätzen, dass ihr euch die Mühe gemacht habt, meinen langen Eingangsbeitrag durchzulesen und etwas darauf zu erwidern.


    Plüschbiest schrieb:

    Welche Topps haben dir denn die Therapeuten gegeben, um Freunde zu finden?

    Gar keine, weil ich mit ihnen nicht darüber gesprochen habe. Das war damals auch zweitrangig für mich, als ich noch in den Tiefen der Depression steckte.


    HasiX schrieb:

    Als psychisch krank würde ich Deinen derzeitigen Zustand nach den obrigen Schilderungen nun nicht bezeichnen. Aber als unheimlich beherrscht und kontrollierend. Immer alles schön unter Verschluß haltend. Kann man dann eigentlich noch "echt" sein? Vielleicht ist gerade der "echte" Gossenprinz der viel sympathischere? Ich würds mal ausprobieren, im kleinen Rahmen und mal gucken, was passiert. Könnte durchaus interessant werden. Vielleicht mögen Dich gerade dann andere Menschen?

    Tjah ... Leider weiß ich selbst nicht, wer der "echte" Gossenprinz ist oder wie ich mich "unverkrampfter" verhalten kann. Wenn ich mein Verhalten so einfach ablegen/ändern könnte, würde ich es sofort tun, aber ich kann nicht aus meiner Haut ... Beispielsweise war ich kürzlich mit besagter einen Kindheitsfreundin, die ich noch habe, auf einer Faschingsparty. Mit dabei war ihre ganze Freundesgruppe, die ich allenfalls vom Sehen her kannte. Sehr nette Menschen, aber ich habe allenfalls fünf Worte mit ihnen gewechselt, obwohl mein Smartphone bei so etwas in der Hosentasche bleibt. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich mit diesen Leuten ein Gespräch initiieren könnte. Leider hat von ihnen auch keiner einen Versuch unternommen, mit mir zu sprechen - da mache ich ihnen auch keinen Vorwurf. Der Abend war mal wieder deprimierend für mich, weil er mir - mal wieder - vor Augen geführt hat, dass ich einfach anders/komisch bin und ganz offensichtlich nicht imstande, das abzulegen, so gerne ich es tun würde.


    Zitat

    Schade, dass Du Deinen Therapeuten ständig etwas vorgemacht hast. Du hast damit so viele Chancen vertan, tatsächlich etwas an Deinem verkrampften Sein zu ändern. Wäre es eine Möglichkeit, nochmals eine Therapie zu beginnen, wobei Du Dich selbst verpflichtest, die Wahrheit zu sagen, nix zu beschönigen und dann eine reelle Chance hast, dass Du "echter" wirst? Mit allen Stärken und Schwächen?Das ist die einzige Lösung, die ich aktuell sehe, oder zumindest ein Versuch davon ... Ich bin ja auch zu den anderen Therapeuten nicht mit dem Vorsatz gegangen, sie anzulügen. Das war mehr eine unbeabsichtigte Affekthandlung. Vielleicht war auch noch nicht der richtige Therapeut dabei ... Jetzt muss ich mich nur noch überwinden. Ich fühle mich nicht gut dabei, einen Therapieplatz für mein gefühlt nichtiges Problem in Anspruch zu nehmen, obwohl es meine Lebensqualität ja doch enorm einschränkt.