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    Ich muss gestehen, dass ich immer die Meinung hatte: Na, wenn die sich so offenherzig kleidet und sich wie eine Schl...e aufführt, braucht sie sich nicht zu wundern.

    Und hat sich diese höchst rückständige Meinung inzwischen geändert? ;-)

    lady-lou, sorry – ich finde es wirklich mutig von Dir, dass Du das schreibst. Bei mir ist das so ein Punkt, bei dem bei mir ungefähr hundert aufs Schärfste geschliffene Messer in der Tasche aufgehen, ich muss mich sehr zusammennehmen, um sie nicht zu zücken und sofort auf Dich loszugehen; das ist ein ungeheuer starker Impuls, und ich atme jetzt einfach erst mal eine Runde tief durch. So eine Meinung ist ja auch oft eine übernommene – man hört es im Umfeld so, wächst damit auf, vielleicht wird es auch von den Eltern benutzt, um das Kind kleidungsmäßig einzunorden ("So gehst du nicht aus dem Haus – verdammt, Kind hört nicht – du siehst aus wie eine Schlampe! – verdammt, Kind hört noch immer nicht – dann bist du selbst schuld, wenn einer das falsch versteht!") Unreflektiert, beknackt, unfair, aber wenn man es als Kind so erlebt, muss man ja erst einmal darauf kommen, den Quatsch zu hinterfragen. Jedenfalls wundere ich mich nur noch bedingt über Deine Freundin, die ist vermutlich vom selben ... hm. Vom selben Klima geprägt. Ich denke halt, wenn man es dann im eigenen Umfeld erlebt, sollte man aufwachen und raffen, dass das eine nicht haltbare und sehr widerliche Denkweise ist, die Opfer stigmatisiert und Täter schützt. Ich habe aber eine solche Meinung nicht eindoktriniert bekommen und kann nicht nachvollziehen, wie tief die womöglich sitzen kann.

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    O ja, das stimmt. Unter zehn, fünfzehn Jahren schwerst aus den Fugen geratenem Leben war es dann wohl doch gar nicht so schlimm. Ätzend. Und immer muss das Sexleben schwer in Mitleidenschaft gezogen worden sein, das ist ja wohl das Mindeste.

    Ich find das auch total ätzend. Nur weil man dem Täter kein Recht einräumt das ganze oder zumidnest große Teile des zukünftigen Lebens zu beeinflußen, weil man sich weigert einem Klischee zu entsprechen ist man dann eben nicht wirklich vergewaltigt worden.


    Inselwölfin


    Das wird bestimmt. Es gibt ja auch sehr nette, einfühlsame und geduldige Männer. Einer davon ist bestimmt für dich reserviert. ;-)


    Was ich mich immer wieder frage ist: Wie erklären sich die Verfechter der mit Mini-bist-du-selber-Schuld-Theorie eigentlich das es auch in Ländern in denen Frauen voll verschleiert gehen immer wieder zu Vergewaltigungen kommt? Und wieso wehren sich Männer nicht verbissen, laut und entschieden dagegen? Immerhin werden sie in dieser Denkweise als triebgesteuerte Tiere ohne jede Selbstkontrolle dargestellt. Mir würde das ziemlich gegen den Strich gehen wenn ich ein Mann wäre.

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    Und wieso wehren sich Männer nicht verbissen, laut und entschieden dagegen?

    Ich kenne viele, die das tun. Eigentlich besteht mein Bekanntenkreis ausnahmslos aus welchen, die das tun, fällt mir gerade auf. Die anderen liegen jetzt ganz still und friedlich unter der Tanne im Garten und äußern sich nicht mehr zu dem Thema. o:) Nee, im Ernst, ich kenne dieses "Selber-schuld"-Argument eigentlich nur von sehr jungen Leuten beiderlei Geschlechts oder von Leuten, die auch ansonsten sehr pompöse Behauptungen aufstellen, an was Leute so selbst schuld sind ... immer Dinge, die sie selbst nicht täten und auch nicht tun wollten oder von denen sie ums Verrecken nicht zugäben, dass sie es doch gern mal machen würden. Von Menschen, die ich als reflektiert und klug empfinde, wurde ich noch nie von derlei Sprüchen überrascht.

    Mir ist vor ca. 4 Jahren ähnliches passiert nur war es bei mir mein damaliger fester Freund.


    Ich war noch nicht bereit mit ihm zu schlafen und das wusste er auch nach einem Jahr Beziehung wollte er aber endlich und hat sich genommen was er wollte und das jede Nacht.


    Als ob ihm das nicht genug Befriedigung gegeben hätte hat er angefangen mich zu schlagen und irgendwo einzusperren. Ich habe im Winter soe inige Nächte im Auto in der Garage verbracht. Bis heute habe ich das alles nicht verarbeitet. Ich war schon in einer Reha und hatte schon 3 stationäre Aufenthalte in der psychatrie u.a. weil ich versucht habe mich umzubringen. Ich habe nie jemandem erzählt weil es mir so unangenehm war. Ich habe mich geschämt. Und als ich dann bei der Polizei war und ihn angezeigt habe kam nix dabei rum. Mangel an Beweisen. Als ob mein komplett entstellter Körper nicht reichen würde. :-(

    pueppyhobbit


    Das war ja ein ganz besonders gestörtes Exemplar. Ich wünsche dir das du es überwindest und wieder frei sein kannst.


    shojo


    Ich hab das Argument schon recht häufig gehört, bevorzugt von Frauen ab 40 Jahren aufwärts. Die Freundin meienr Mutter wurde damals auf der Polizeistation als erstes gefragt was sie denn an hatte als sie ihre Vergewaltigung anzeigen wollte... Aber stimmt schon, die Leute mit denen ich wirklich befruendet bin würden so einen blödsinn wol nicht von sich geben oder wir wären nicht mehr lange wirklich befreundet.

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    Ich hab das Argument schon recht häufig gehört, bevorzugt von Frauen ab 40 Jahren aufwärts. Die Freundin meienr Mutter wurde damals auf der Polizeistation als erstes gefragt was sie denn an hatte als sie ihre Vergewaltigung anzeigen wollte... Aber stimmt schon, die Leute mit denen ich wirklich befruendet bin würden so einen blödsinn wol nicht von sich geben oder wir wären nicht mehr lange wirklich befreundet.

    Ich glaube, ich muss meine Idiotenausblendung mal ein bisschen runterfahren. Vermutlich wird mir dann auch klar, dass ich es schon öfter gehört habe. Ich rede mir die Welt ganz gern ein bisschen schön. %:|

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    Vor allem: Solange es Menschen gibt, die gern (Mit-)Schuld unterstellen. Ich sehe das weniger beim konkret Betroffenen kritisch als beim Umfeld.

    Das finde ich ist ein gewaltiges Manko der Gesellschaft. Diese bewusste oder unbewusste Implizieren einer gewissen Mit-Schuld der Vergewaltigten.


    Ich gestehe, mir geht es heute noch manchmal so, dass ich denke "wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um". Wenn Mädels zB. in der Nacht auf dem Weg aus der Disko in ein fremdes Auto steigen! Ich muss mich dann zusammenreißen und mir ganz klar bewusst machen, dass ein anständiger Mensch keine solche Tat begeht. Schon gar nicht unter dem Deckmäntelchen der Hilfsbereitschaft.


    Aber auch in einer Beziehung nicht! Vergewaltigung ist kein Sex. Es ist eine Gewalttat die dem Opfer Schmerz zufügen soll und es demütigen soll! Nur zufällig dient das Geschlechtsorgan als "Waffe".

    @ inselwölfin

    Es tut mir sehr leid, dass dir das im Erwachsenenalter noch einmal passiert ist und du es noch nicht verkraftet hast.


    Hast du einmal daran eine Psychoteraphie zu beginnen? Wenn man da die richtige findet, kann es einem unheimlich viel helfen.

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    Ich muss gestehen, dass ich immer die Meinung hatte: Na, wenn die sich so offenherzig kleidet und sich wie eine Schl...e aufführt, braucht sie sich nicht zu wundern.

    Dieses Argument ensteht auch oft durch Kausalitätsketten, indem Schlussfolgerungen einfacherer Sachverhalte auf den komplizierten Fall der Sexualstraftat gezogen werden.


    Beispiel, was ich damit meine:


    Es gibt im Alltag sehr viele Situationen, in denen die falsche Kleidung zu "selbst Schuld" Aussagen führt. Letztes Jahr habe ich Frauen gesehen, die zum Wandern in High Heels gekommen sind – klarer Fall von "selbst Schuld".


    Eine 20-Jährige kommt hier zum Vorstellungsgespräch und zeigt mir, dass ihre Hose so tief rutscht, dass ich den Schriftzug "wild bitch" über ihrem Po lesen kann. Die Stelle war für seriöse Menschen ausgeschrieben, also klarer Fall von "selbst Schuld", dass ich dabei keine Zusage geben konnte.


    Arbeiter kommen im Winter im T-Shirt auf die Baustelle und wundern sich, warum es kalt ist.


    __________________


    So, in diesen Fällen ist "Selbst Schuld" immer eine unheimlich praktische und einfache Erklärung und ich glaube, dass viele Menschen so einfache Erklärungen leider auch für Verbrechen haben möchten.


    Für die Oben beschriebenen Fälle fallen mir bei genauerem Nachdenken nämlich auch ganz andere Eräuterungen ein, aber das ist halt nicht so einfach. Vielleicht wollen die Menschen auch verdrängen, dass etwas sehr schlimmes einfach so passieren kann, ohne Kontrolle darüber zu haben.


    ??die Frauen wussten nicht, dass gewandert wird/ die Arbeiter waren Hilfskräfte, welche nicht informiert worden sind/ die junge Frau wollte mich anmachen, weil ich so gut aussehe – natürlich??

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    Was ich mich immer wieder frage ist: Wie erklären sich die Verfechter der mit Mini-bist-du-selber-Schuld-Theorie eigentlich das es auch in Ländern in denen Frauen voll verschleiert gehen immer wieder zu Vergewaltigungen kommt?


    danae87

    Na da war die Frau dann eben schuld, weil sie es gewagt hat alleine unterwegs gewesen zu sein oder durch ihre pure Anwesenheit den Täter provozier hat oder was auch immer ...


    Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass manche der Meinung sind, dass man als Frau sein Schicksal herausfordert (noch "nett" ausgedrückt) aka "selbst Mitschuld" ist, wenn man nachts/abends alleine draußen unterwegs ist – als Frau; als Mann wäre es ok. Übrigens auch in eher ab- als antörnender Kleidung & restlicher Aufmachung ... Komischerweise habe ich das nur über Frauen, die alleine unterwegs sind, gehört . nie über Jungen/Männer, die nachts alleine unterwegs sind. Dabei haben die ein höheres Risiko von streitsuchenden aggressiven Menschen angepöbelt bis tätlich angegriffen zu werden, soweit ich weiß.


    Das bedeutet ja im Umkehrschluss nicht, dass man nicht wachsam & bedacht handeln sein sollte/kann, wenn die konkrete (!) Situation seltsam ist bzw. seine Intuition einem dazu rät; aber eine Mitschuld aus einem sozialadäquaten Verhalten des Opfers abzuleiten, finde ich absurd. Im Nachhinein erscheint die Kausalkette eh naheliegender, als ex ante. Also, dass man sich das hätte denken können, es hätte kommen sehen, was gleich passiert (wenn man bereits den weiteren Handlungsablauf kennt mit seinen Folgen).


    ??Persönlich habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht alleine unterwegs gewesen zu sein; ich würde eher jemanden misstrauen, der sich mir als Begleitperson geradezu aufdrängen wollen würde und fühle mich alleine zu Fuß wohler. Deshalb würde ich nachts einen Fußweg (alleine) dem Taxi oder mir nicht gut bekannten Begleitpersonen immer vorziehen, wenn es geht.??

    Ich habe auch den Eindruck, dass dahinter teilweise eine verkappte, überholte Gesellschaftsmoral mitschwingt und Frauen, die sich nicht daran halten aus Sicht dieser Moralisten, für ihr "Fehlverhalten"/unangepasstes Verhalten abgestraft gehören.

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    Ich habe auch den Eindruck, dass dahinter teilweise eine verkappte, überholte Gesellschaftsmoral mitschwingt und Frauen, die sich nicht daran halten aus Sicht dieser Moralisten, für ihr "Fehlverhalten"/unangepasstes Verhalten abgestraft gehören.

    So ist es. Jene, die besagte überholte Gesellschaftsmoral stützen, sind vermutlich auch die, die dann heimlich Beifall zollen.

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    Ich habe auch den Eindruck, dass dahinter teilweise eine verkappte, überholte Gesellschaftsmoral mitschwingt und Frauen, die sich nicht daran halten aus Sicht dieser Moralisten, für ihr "Fehlverhalten"/unangepasstes Verhalten abgestraft gehören.

    Absolut. Ich bin ziemlich sicher, dass das den Löwenanteil des Hintergrunds ausmacht. Hallo, Mittelalter, da bist du ja, wie schön!

    Tu dem Mittelalter bitte kein Unrecht. Auch da war Vergewaltigung schon in jedem Fall ein Verbrechen, nur eben noch schwerer nachzuweisen. Es gibt da aus der frühen Neuzeit ein Rechtsbuch das ein Gottesurteil für diese Anschuldigung vorsieht, also eine Art Zweikampf wobei der Herr der Schöpfung bis zur Brust eingebuddelt wurde um es fair zu gestalten. In wie weit das tatsächlich umgesetzt wurde ist natürlich nicht klar nachzuweisen, aber zumines als Option war es vorgesehen.


    Außerdem waren die viel weniger prüde als gedacht, ich hab da mal ein Seminar zum Thema besucht und bei den Geschichten die da so schon bei Hofe erzählt wurden würden manchen Leuten heute noch die Ohren rot anlaufen. Da will ich gar nicht wissen was in den Kaschemmen von sich gegeben wurde. 8-) Im 14 Jh. war zum Beispiel ein Kleidungsstück schwer in Mode bei dem man durch kleine Fensterchen die BRüste der Dame sehen konnte. ;-)

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    Ich habe auch den Eindruck, dass dahinter teilweise eine verkappte, überholte Gesellschaftsmoral mitschwingt und Frauen, die sich nicht daran halten aus Sicht dieser Moralisten, für ihr "Fehlverhalten"/unangepasstes Verhalten abgestraft gehören.

    Bin ich mir nicht sicher, weil ich diese Sichtweise als die modernere Sichtweise kenne. Erst seit der Frauenbewegung ist dieses Frauen-sind-selbst-Herr-über-ihre-Sexualität bekannt und können Männer mit ihren Reizen zu irgendeinem Verhalten bringen.


    Wenn meine Schwester früher zu mir oder meinem Vater kam und von sexuellem Missbrauch berichtete, dann wurde von mir selbstverständlich erwartet, dass ich den Schuldigen aufsuche und den Schädel einschlage, als Vergeltung.


    Die Frauenrolle war dabei völlig passiv als wehrloses unmündiges Wesen. Selbst Schuld daran sein zu können, ist eigentlich im Gegensatz dazu eine Steigerung, die in anderen Lebensformen (Partnerschaft, Schule, Beruf, Wohnung) zwar ein großer Erfolg, in diesem Bereich jedoch unangebracht ist.


    Das ist auch der Grund, warum man diese Sichtweise auch heute kaum bei Opfern hört, die männlich oder Kinder sind. Wobei es mittlerweile hier im Forum auch schon Beiträge gab, die es provozierend fanden, wenn Eltern ihre Kinder am Strand nackt rum laufen lassen, was ich persönlich sehr krass finde.