Verlustangst und Angst vor dem Tod nach Trauerfällen - wie besiegen?

    Ich war mir nicht sicher, ob "Abschied und Trauer" hier passt, oder doch eher "Psychologie". Bei Bedarf bitte verschieben.


    In meinem näheren Umfeld gab es bisher (bin in den 20ern) 9 Todesfälle, wenn ich mich richtig erinnere. 5 dieser Menschen standen mir nicht nahe, ich war noch zu klein, als sie gestorben sind, oder die Betreffenden waren damals schon über 80. Damit kam ich irgendwie klar (wobei der Fall, wo ich noch zu klein war, mir mittlerweile doch nahe geht, weil damals ein Kleinkind bei einem tragischen Unfall gestorben ist). Nicht so gut klar kam ich damit, als sich eine Freundin von mir umgebracht hat und ein mir sehr enger Angehöriger gestorben ist, obwohl es an der Zeit war. Und in den letzten Jahren sind zwei meiner Angehörigen viel zu früh an Krebs gestorben, einer erst im letzten Jahr mit nicht mal 50. Das war absolut zerstörend. Vor allem habe ich gerade zuletzt noch Frau und Kinder getröstet und es war einfach nur furchtbar. So ungerecht. Es war noch nicht an der Zeit. Seitdem habe ich immer wieder meine Großtante und ihren Mann als Traumpaar vor Augen, das sie immer waren, und dann hat der Tod ihn einfach so fortgerissen...


    Zunächst habe ich meine Trauer bewältigt, indem ich mich eben um die gekümmert habe, die dieser Einschlag noch härter getroffen hat - die Kinder, meine Großtante. Aber mittlerweile ist es ruhiger geworden. Und irgendwie habe ich noch immer sehr daran zu knabbern. Ich merke, wie ich mich vor Verwandten, bei denen ich denke, sie könnten bald sterben (also alle ab 50), zurückziehe. Ich will einfach nie wieder so einen unerträglichen Schmerz erleben. Und ich merke auch, wie meine Angst immer näher rückt. Ich bin selbst in einer sehr glücklichen Beziehung, die sich anfühlt wie ein Traum. Mein Freund hat allerdings auch eine begrenzte Lebenserwartung aufgrund von Vorerkrankungen und auch ich habe ein erhöhtes Krebsrisiko.


    Kurz nach diesem letzten Todesfall habe ich mein Leben so intensiv gelebt, wie nie zuvor. War auf Parties, habe alles versucht, auszukosten. Aber aufgrund der aktuellen Situation ist diese Flucht auch nicht möglich und mein Ansatz "carpe diem, memento mori" funktioniert nicht mehr. Durch Corona hat sich meine Panik nur noch verstärkt und ich denke fast täglich daran, was wäre, wenn jemand stirbt, der mir nahe steht.


    Das ist alles so seltsam. Früher hatte ich nie so große Probleme mit dem Tod. Aber seit ich meinen Opa mit 62 und meinen Großonkel mit 47 verloren habe, habe ich nicht mehr das Gefühl, das sei alles ganz weit weg, oder auch nur irgendwie gerecht. Ja, manchmal sterben Menschen zu früh. Aber doch nicht so? Sie sterben dann vielleicht bei Unfällen, es geht ganz schnell, oder von mir aus auch durch Suizid - so schlimm das auch sein mag, ist aber auch das zumindest für den Verstorbenen in dem Moment der richtige Weg gewesen. Aber in was für einer Welt leben wir nur, in dem der Tod die Liebe besiegt, und Menschen, die noch viele glückliche Jahrzehnte erleben wollten, durch eine hässliche Krankheit ihren Lieben entrissen werden? Krebs ist ein grauenhafter Tod, der alle traumatisiert zurücklässt.


    Ja, das war jetzt ein ganz schönes Wirr-Warr, aber vielleicht wurde klar, warum ich aktuell so eine eiskalte Furcht durchlebe. Wie komme ich da nur wieder raus? Ich will das Leben wieder genießen können, meine Kontakt pflegen, und meinen Partner so nah an mich ranlassen können wie auch nur möglich. Ich will nicht mehr alle auf Abstand halten, weil ich mit den negativen Gefühlen nicht zurechtkomme.


    Ich weiß nicht, ob ich eine Therapie brauche. Ich habe eher das Gefühl, dass ich noch nicht den richtigen Blickwinkel gefunden habe. Im Moment erscheint alles so düster, aber irgendwo muss doch ein Sinn in allem liegen?


    Ich habe mir immer vorgestellt, dass meine Eltern irgendwann mit 90 sterben und auch mein Partner nach 60 gemeinsamen Jahren oder so sterben wird und ich dann eben noch ein paar "lustige Jährchen" in einem der besseren Altenheime verbringe und ihm dann folge. Aber im Moment sehe ich schwarz, und glaube, meine und seine Eltern in den nächsten 10 Jahren zu verlieren und ihn dann in 20 oder so.


    Vielleicht gibt es ja Leute, die schon mal in einer ähnlichen Situation waren, und ihre - im wahrsten Sinne des Wortes - Todesangst irgendwie überwinden konnten.


    Wer macht mir Mut?

  • 2 Antworten

    Da fällt mir ein:


    Ich glaube, meine Ängste haben schon etwas früher begonnen, das muss so 2017 gewesen sein. In diesem Jahr sind mehrere Prominente, die ich sehr mochte, zwischen 50 - 70 an Krebs gestorben und auch ein Lehrer, zu dem sich als Mentor aufgeschaut habe, ist mit 50 an Krebs gestorben.


    Ich glaube, der Tod meines Opas einerseits und dann noch der Tod meines Großonkels andererseits mit sogar unter 50 haben mir einfach noch den Rest gegeben.


    Sind die Menschen schon immer so unglaublich früh an Krebs gestorben? Ich dachte immer, sowas bekommen meistens nur Menschen über 70. Ist auch schlimm genug, keine Frage, aber warum sterben in meinem Umfeld alle mit 50 an Krebs, ja, wie die Fliegen?


    Ich weiß, darauf gibt es vermutlich keine Antworten, aber ich war mir einfach nur bisher sooo sicher, dass wir alle über 80 werden, wenn uns hoffentlich kein Unfall geschieht.

    Übrigens sind meine Urgroßeltern, bis auf einen, der einen Unfall hatte, alle über 70 geworden, manche sogar über 90. Ich glaube, ich war mir auch daher so sicher, dass wir alle lange leben werden. Aber jetzt greift der Krebs schon so früh um sich (eine Oma hatte auch schon mit über 60 Krebs, hat ihn aber überlebt und ist jetzt über 70 - das war verdammtes Glück). Und bis auf meine Oma wurde es jedes Mal trotz Symptomen leider zu spät erkannt. Irgendwie habe ich daher auch kein Vertrauen mehr in die Medizin oder das Leben an sich. Warum war das alles bei meinen Urgroßeltern noch kein Thema und jetzt, trotz moderner Medizin, sterben wir alle so früh?


    Sorry, dass das jetzt doch noch so lang geworden ist. Ich bin irgendwie fertig.