Was ist der Sinn von Psychotherapie?

    Der Titel mag etwas provokant klingen, deshalb möchte ich betonen, dass es hier lediglich um meine persönliche Situation geht und nicht um eine allgemeine Kritik an der Psychotherapie.


    Ich halte das Konzept, psychische und emotionale Probleme in einer Gesprächstherapie zu behandeln, grundsätzlich für sinnvoll. Aus diesem Grund habe ich mich selbst dazu entschlossen, dieses Angebot anzunehmen. Ich folgte dabei der Idee, dass ich Probleme habe, die ich selbst nicht lösen kann, und dass es daher sinnvoll ist, mir helfen zu lassen. In der Praxis funktioniert das bei mir jedoch nicht.


    Ich habe selten konkrete, alltagsverbundene Probleme. Meine Schwierigkeiten liegen in der Selbstwahrnehmung, im zwischenmenschlichen Bereich, in der Gedankenebene. Mir scheint, dass Therapie da einfach nicht hilft.


    Meine Eigenwahrnehmung ist so schlecht, dass ich nicht einmal weiß, was genau mein Problem ist. Ich hatte gehofft, dass ein*e Therapeut*in mir helfen kann, das herauszufinden.


    Ich mache jetzt schon die zweite Therapie und würde das Ganze am liebsten abbrechen, weil ich immer noch keinen Sinn erkenne.


    Geht das nur mir so?

  • 14 Antworten
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    Was ist der Sinn von Psychotherapie?

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    Meine Schwierigkeiten liegen in der Selbstwahrnehmung, im zwischenmenschlichen Bereich, in der Gedankenebene. Mir scheint, dass Therapie da einfach nicht hilft.

    Zum Schluss geht es wohl darum das es zu einer Weiterentwicklung bei Dir kommt (Um es mal so zu nennen)


    Es geht wohl meistens um Persönlichkeitsstörungen die eigentlich Beziehungsstörungen sind. Der Name ist irreführend.


    Ein Beispiel: Jemand mit passiv agressiver Störung verwechselt persönliche Beziehungen mit Machtkämpfen. Das ist eine der tieferen Denkfehler die so eine Person macht. Man kann das jemand mit der Störung nicht so einfach direkt sagen. Er neigt in der Therapie ohnehin sehr schnell zum blockieren wenn man so mit ihm spricht. Außerdem ist das falsche Denkmuster wohl tief verankert. Das "Werkzeug" zur Diagnose und Veränderung ist dann wohl die Psychotherapie. Der Patient muss umdenken und das auch noch verinnerlichen.

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    Meine Eigenwahrnehmung ist so schlecht, dass ich nicht einmal weiß, was genau mein Problem ist.

    Das könnten die Psycho Profis im Grunde herausfinden und Dir mitteilen. Das lässt sich meiner Meinung nach ganz gut diagnostizieren wenn Du mitspielst. Da beginnt dann das Problem das die meisten Betroffenen das übel nehmen würden wenn es ihnen gesagt wird, obwohl eigentlich nichts wichtiger wäre als die Probleme zu kennen.


    Nach der Art Deines Postings könnte es sein das Du der sachliche Typ bist. Wenn Du mit meiner Art der Antwort etwas anfangen kannst dann bist Du es wahrscheinlich wirklich. Das wäre ein erster Schritt sich selbst anfangen herauszufinden welcher Typ man ist.

    Was für eine Therapie machst du denn? Es gibt da ja verschiedene Therapieformen, vielleicht hast du bisher nicht den passenden Zugang gefunden? Und wie ist die Beziehung zu deinem Therapeuten so?


    Du schreibst das du Probleme mit der Selbstwahrnehmung hast, äußern die sich denn in konkreten Problemen oder woran machst du fest, dass du ein Problem hast?

    Ich habe (meines Wissens nach) nie eine Diagnose erhalten. Es wurde immer etwas von Depressionen angedeutet, aber ob das auch schwarz auf weiß offiziell irgendwo festgehalten ist, weiß ich nicht.


    Ich habe in der Therapie auch mal angesprochen, dass ich nicht denke, ein "psychisches Problem" zu haben, aber eine Einschätzung habe ich auch daraufhin nicht erhalten.


    Es kann wirklich sein, dass ich für Psychotherapie zu sachlich veranlagt bin. Ich habe immer den Eindruck, dass es mehr darum geht, negative Gedanken ins Positive zu wenden und dass ich mich mit mir selbst besser fühle. Was ich aber eigentlich brauche (oder denke zu brauchen) ist eine sachliche Einschätzung und Klartext.


    Ich will nicht immer darüber diskutieren müssen, was ich selbst von mir denke. Ich möchte wissen, wie andere von mir denken, damit ich das mit meiner Eigenwahrnehmung vergleichen kann. Ergibt diese Denkweise einen Sinn?


    Kann man das als Patient auch mal selbst in die Hand nehmen und fragen, "Sagen Sie mal, wie wirke ich eigentlich auf Sie?" Ich würde das gerne machen, weiß aber nicht, ob ich mich traue.


    Danke jedenfalls erst mal für die Denkanstöße. :-)

    Ich mache derzeit eine tiefenpsychologische Therapie. Davor habe ich schon eine Verhaltenstherapie abgeschlossen. Ich kann nicht sagen, ob da eine Beziehung ist, oder was für eine. Ich empfinde es als neutral.


    Meine Selbstwahrnehmung funktioniert eher schlecht, das merke ich daran, dass ich große Selbstzweifel habe und mir nie sicher bin, ob meine Gedanken und Handlungen richtig bzw. angemessen sind. Ich weiß selten, was ich fühle. Bei Gedanken bin ich mir nicht sicher, ob es meine sind oder ob ich die Gedanken anderer übernehme. Meine Handlungen hinterfrage ich permanent, weil ich nie weiß, ob ich mich einer Situation angemessen verhalte oder nicht. Ich habe einfach sehr oft das Gefühl, als komisch wahrgenommen zu werden. Ich frage mich immer, was andere von mir denken und wie sie mein Verhalten interpretieren, und denke, dass sie mich verurteilen und genervt von mir sind, mir Dinge verheimlichen, hinter meinem Rücken über mich reden. Und dann kann ich nicht sagen, ob ich mit meiner Wahrnehmung richtig liege, und wie ich mich ändern könnte, damit ich nicht mehr so bin. Oder ob das nur massive Selbstzweifel sind, vielleicht sogar an Paranoia grenzend. Oder weder noch? Vielleicht werde ich so wahrgenommen wie jeder andere auch, und vielleicht hat jeder diese Selbstzweifel und das ist bei mir noch in einem gesunden Rahmen. Es könnte auch sein, dass ich mich selbst zu wichtig nehme und annehme, andere würden sich Gedanken über mich machen, und vielleicht interessiert das niemanden, was ich im Alltag sage oder tue. Aber woher weiß man das, wenn es einem keiner sagt?

    Mh, also ich finde dein Anliegen ausgesprochen vernünftig. Du solltest so direkt nachfragen wie du das hier formuliert hast. Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung kann man ja auch nicht so einfach ohne weiteres trennen, das ist ja eine reziproke Dynamik.


    Hast du mal in deinem Umfeld nachgefragt? Das mache ich bis heute gelegentlich, wenn ich mir nicht sicher bin.


    Du schreibst das du Schwierigkeiten hast deine Gefühle wahrzunehmen. Könnte es sein das du auch bei anderen Menschen damit Probleme hast? Also vielleicht Probleme Mimik und Körpersprache zu lesen?

    Früher hatte ich extrem Angst davor, auf andere Menschen zuzugehen. Heute ist das eher Unwille, also ich mache es einfach nur sehr ungerne.


    Ich kann sowas in meinem Umfeld schlecht nachfragen, weil ich nicht glaube, neutrale Antworten erhalten zu können. Die meisten Menschen wollen einem ja nicht vor den Kopf stoßen und werden sich nicht ehrlich negativ äußern, auch nicht wenn man sie darum bittet.


    Es kann sein, dass ich die Körpersprache anderer schlecht lesen kann. Es könnte aber auch sein, dass ich ganz einfach zu viel auf mich beziehe. Ich bemerke es, wenn mein Gegenüber unzufrieden oder verärgert ist und beziehe das automatisch auf mich. Dabei kann es natürlich auch sein, dass ich die Zeichen falsch deute. Oder dass es gar nichts mit mir zu tun hat. Oder dass ich den Grund für den Ärger mir gegenüber falsch interpretiere.


    Dann versuche ich das zu entwirren und verheddere mich noch mehr in diesem "Was könnte mein Gegenüber denken - was denkt er/sie, was ich gemeint haben könnte - wie könnte mein Verhalten gewirkt haben - was denkt er/sie, was ich denke, was er/sie denkt - ist er/sie ehrlich zu mir oder möchte meine Gefühle schützen - usw."


    Ich frage mich, was meine Therapeutin für einen Eindruck von meiner Person hat. Es könnte ja auch sein, dass der Eindruck falsch ist und ich dann falsch behandelt werde. Oder dass der professionelle Eindruck stimmt und mein eigener falsch ist. Oder meine Therapeutin kann sich einfach kein Bild von mir machen, würde mir das aber nicht sagen, weil mich das als Patient verunsichern könnte.


    Vielleicht habe ich auch einfach zu viel Freizeit und denke deshalb so viel darüber nach, wer was wie warum über mich denken könnte und mir das aus welchen Gründern auch immer nicht sagt.

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    Vielleicht habe ich auch einfach zu viel Freizeit und denke deshalb so viel darüber nach, wer was wie warum über mich denken könnte und mir das aus welchen Gründern auch immer nicht sagt.

    Ja, das ist mein Eindruck: Du denkst zu viel nach. Es sind viele Dinge über die man so viel nachdenken kann, wie man will. Wir können alle nicht Gedanken lesen. Wir werden niemals erfahren, was andere denken. Aber Du willst anscheinend irgendwie erfahren, was andere über Dich denken?


    Meiner Ansicht nach geht es darum, sich damit abzufinden, dass Du es niemals wissen wirst.

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    Ich habe in der Therapie auch mal angesprochen, dass ich nicht denke, ein "psychisches Problem" zu haben, aber eine Einschätzung habe ich auch daraufhin nicht erhalten

    Du schreibst in einem anderen Faden von einer Erziehung mit Ohrfeigen: Das ist die Grundlage für psychische Probleme. Man findet sich ok und denkt man hat kein Problem. Man merkt aber auch das es im Leben nicht so richtig funktioiniert und das von selber nicht besser wird. Also hat man doch ein Problem.

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    Es kann wirklich sein, dass ich für Psychotherapie zu sachlich veranlagt bin.

    Genau das "Sachliche" ist ein Hinweis auf eine bestimmte Richtung.

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    Ich habe immer den Eindruck, dass es mehr darum geht, negative Gedanken ins Positive zu wenden

    Es geht z.B. darum, iInnere Denkfehler und falsche Annahmen zu korrigieren usw. Denkst Du z.B. das sich Kontakte nicht lohnen?

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    Kann man das als Patient auch mal selbst in die Hand nehmen

    Das kommt auf die Art Deiner Probleme an. Manche Personen sehen sich selber als extrem ok und haben keine Motivation an sich etwas zu ändern. Da ist das wohl schwierig Fortschritte zu machen. Ansonsten kann ein sachlicher Typ der sich selber kritisch hinterfragen kann sehr viel eigene Bewältigungs-Arbeit leisten.

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    Meine Handlungen hinterfrage ich permanent, weil ich nie weiß, ob ich mich einer Situation angemessen verhalte oder nicht.

    Das ist schon ok. Im Prinzip kannst Du mit dieser Einstellung an Deinen Problemen arbeiten. Das ist aber auch gleich das zweite Problem das man hat, durch schlechte Erfahrungen und Vermeidung von Kontakten weiss man nicht was ok ist und wie man es besser oder richtig macht.


    Ein Posting weiter beschreibst Du das im Prinzip auch so.

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    Früher hatte ich extrem Angst davor, auf andere Menschen zuzugehen. Heute ist das eher Unwille, also ich mache es einfach nur sehr ungerne.

    Ich könnte jetzt noch eine Menge schreiben. Habe aber im Moment nicht soviel Zeit.

    Ich würde es ja eher so sehen: Da wir alle nicht Gedanken lesen können, musst du mal den Mund aufmachen und nachfragen. Das ist dann immer eine subjektive Geschichte über dich. Objektiver wird es dann, wenn du genügend Leute gefragt hast, so dass sich die Aussagen statistisch validieren lassen.


    Ich habe früher auch viel herumgegrübelt und habe festgestellt, dass die Leute, die sich keinen Kopf machen, einfacher durchs Leben gehen. Gerade Gedanken, was andere über einen denken, können extrem ineffektiv und ineffizient sein.

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    Ich mache derzeit eine tiefenpsychologische Therapie. Davor habe ich schon eine Verhaltenstherapie abgeschlossen. Ich kann nicht sagen, ob da eine Beziehung ist, oder was für eine. Ich empfinde es als neutral.

    Anhand der von dir beschriebenen Symptomatik halte ich Verhaltenstherapie für sinnlos. Eine Verhaltenstherapeutin hat mich mal buchstäblich gefragt, was denn genau der Auftrag sei. Darauf wusste ich keine Antwort, sie wollte mich daher auch nicht in Therapie nehmen. Dass sie es mir doch angeboten hat, sofern ich anderweitig nicht unterkomme, war "nur" eine Art emotionale Unterstützung.


    Die Symptomatik deutet schon darauf hin, dass es um die Bearbeitung von Unbewusstem geht - d. h. da macht man dann mindestens eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie, wenn nicht gleich eine Psychoanalyse.

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    Es kann wirklich sein, dass ich für Psychotherapie zu sachlich veranlagt bin. Ich habe immer den Eindruck, dass es mehr darum geht, negative Gedanken ins Positive zu wenden und dass ich mich mit mir selbst besser fühle. Was ich aber eigentlich brauche (oder denke zu brauchen) ist eine sachliche Einschätzung und Klartext.


    Ich will nicht immer darüber diskutieren müssen, was ich selbst von mir denke. Ich möchte wissen, wie andere von mir denken, damit ich das mit meiner Eigenwahrnehmung vergleichen kann. Ergibt diese Denkweise einen Sinn?

    Es geht doch letztlich darum, mit sich selbst zufrieden zu sein - das ist einfach keine sachliche Angelegenheit. Deine Aussage ergibt für mich deswegen wenig Sinn, weil es in keinster Weise darum geht, andere zufrieden zu stellen. In der Therapie noch weniger als anderswo.

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    Ich habe (meines Wissens nach) nie eine Diagnose erhalten. Es wurde immer etwas von Depressionen angedeutet, aber ob das auch schwarz auf weiß offiziell irgendwo festgehalten ist, weiß ich nicht.

    Soweit ich weiß, müsste der Psychotherapeut eine Überweisung von einem Allgemeinmediziner angefordert haben. Aus Datenschutzgründen hast du selbst das Schreiben übermittelt. Da steht dann die Diagnose drin, aufgrund der dein Therapeut bei der Kasse einen Antrag auf Kostenübernahme stellt. Du könntest auch einfach deinen Therapeuten Fragen ;-)

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    Es könnte auch sein, dass ich mich selbst zu wichtig nehme und annehme, andere würden sich Gedanken über mich machen, und vielleicht interessiert das niemanden, was ich im Alltag sage oder tue. Aber woher weiß man das, wenn es einem keiner sagt?

    Im Gegenteil, du nimmst dich selbst zu "unwichtig" - du hast ständig das Gefühl, etwas falsch zu machen und auf das positive Feedback der anderen angewiesen zu sein.

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    Ich kann sowas in meinem Umfeld schlecht nachfragen, weil ich nicht glaube, neutrale Antworten erhalten zu können. Die meisten Menschen wollen einem ja nicht vor den Kopf stoßen und werden sich nicht ehrlich negativ äußern, auch nicht wenn man sie darum bittet.

    Oh ne, also es gibt immer wieder Leute, die an der Stelle einfach nur ehrlich sein wollen - natürlich hilft es, selbst den Eindruck zu erwecken, dass man mit der Kritik auch umgehen kann. Mir persönlich reicht es meist schon, wenn jemand sich die Kritik, die er hören will auch einfach nur ruhig anhört und keine Diskussion oder gar einen Streit anfängt. Bei mir hättest du als sachlicher Zuhörer also ein einfaches Spiel, weil ich keinen emotionalen Ausbruch erwarten müsste. Bloß dass meine Antwort - wie alle anderen auch - nicht neutral sind, damit müsstest du schon leben können. Außerhalt der Mathematik gibt es keine Neutralität. Selbst das Urteil eines Richters hängt von der Tageszeit und dem Füllungszustand seines Magens ab.

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    Es kann sein, dass ich die Körpersprache anderer schlecht lesen kann. Es könnte aber auch sein, dass ich ganz einfach zu viel auf mich beziehe. Ich bemerke es, wenn mein Gegenüber unzufrieden oder verärgert ist und beziehe das automatisch auf mich. Dabei kann es natürlich auch sein, dass ich die Zeichen falsch deute. Oder dass es gar nichts mit mir zu tun hat. Oder dass ich den Grund für den Ärger mir gegenüber falsch interpretiere.

    Das betrachte ich auch als Folge von, sagen wir mal unglücklicher, Erziehung.

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    Ich frage mich, was meine Therapeutin für einen Eindruck von meiner Person hat. Es könnte ja auch sein, dass der Eindruck falsch ist und ich dann falsch behandelt werde. Oder dass der professionelle Eindruck stimmt und mein eigener falsch ist. Oder meine Therapeutin kann sich einfach kein Bild von mir machen, würde mir das aber nicht sagen, weil mich das als Patient verunsichern könnte.

    Dass du dir da so den Kopf zerbrichst und scheinbar doch nicht einfach nachfragst, sehe ich als Teil der Symptomatik - was soll das mit dem "richtig" und "falsch"? Wenn es um Zufriedenheit geht, dann sind wir gar nicht auf irgendeiner sachlichen Ebene ...