Wenn Zahlen Angst machen...

    Moin Moin 🤗


    Erneut habe ich wieder etwas über meine Psyche zu erzählen. Wer meine anderen Beiträge kennt, merkt schnell, dass im Oberstübchen ständig Synapsen-Fasching ist. (Humor ist immer gut 🙃)


    Vorab möchte ich darum bitten, mein Anliegen ernst zu nehmen. Ich habe in der Schulzeit, und auch danach, oft mit Aussagen zu kämpfen wie : so blöd kann man doch gar nicht sein -stell dich nicht so an- das kann ja ein Zehnjähriger besser...ist nicht schön, ist nicht hilfreich, macht es nur schlimmer.


    Nun denn, ich versuche es Mal so kurz und kompakt wie möglich zu beschreiben.


    Im Alter von sieben Jahren kam ich in die Schule (da ich, wie in anderen Fäden lesbar ist, mit fünf psychisch gebrochen war, kam ich ein Jahr später als üblich in die Schule). War alles gut, alles super, auch Mathe. Bis ich in die dritte Klasse kam. Jetzt muss ich leider etwas ausholen: mein damaliges Heim war so geizig, das wir nur abgetragene Klamotten der Nachbarn bekam. Egal, wie die aussahen, ob wir sie schön fanden, es musste getragen werden. Meine Schulbücher wurden-kein Witz- in Werbung eingeschlagen. Also mit diesen Prospekten. Wenn mir mal langweilig wurde, konnte ich nachlesen, wie teuer Orangen vor einem Monat waren. Dann noch meine Kurzhaarfrisur, die ich nie wollte. Aber, ich hatte ja nix zu melden. Resultat: seit der dritten Klasse wurde ich gemoppt, gehänselt, beschimpft, ignoriert, ausgelacht. So auch jedesmal, wenn ich nach vorne an die Tafel musste. Zu der Zeit gingen meine Leistungen bei Mathe schon zurück. Ich stehe da nun, mit dem Gesicht zur Tafel. Höre, wie alle tuscheln und kichern, (ich spüre auch jetzt noch den Druck in meinem Rücken) bekomme die an mich gestellte Aufgabe nicht auf die Reihe, und das war das Signal für meine Mitschüler. Lautes Gelächter.


    Und so wurde über die Jahre alles schlimmer, bis hin zur zehnten Klasse. Irgendwann gewöhnte ich mich an die Rolle des Aussenseiters. Und alle Noten waren gut. Außer Mathe. Seit der dritten Klasse habe/hatte ich mit folgendem zu kämpfen: Angst, Panik, Schweißausbrüche.


    Als Beispiel: wenn ich am nächsten Tag Matheunterricht hatte, konnte ich die Nacht vorher kaum schlafen. Kurz vor dem Matheunterricht: trockener Mund, Herzrasen, Schwindel, kalte und nasse Hände, der Drang zu flüchten, das Gefühl abzudriften.


    Und das alles seit der dritten Klasse. Für mich ist der Auslöser klar. Meine Mitschüler. Vor einigen Jahren in der Berufsschule hatte ich mich dann getraut, den Lehrer unter vier Augen zu bitten, mich nicht aufzurufen. Ich wollte beim besten Willen keine Extrawurst, aber die Angst war zuviel.


    Seit einigen Jahren habe ich mit Mathematik nix mehr zu tun gehabt, und ich dachte, es würde jetzt besser laufen. Ich bin keinem Druck mehr ausgesetzt, ich habe keine intoleranten Mitschüler mehr, könnte klappen. Falsch gedacht. Sudoku, so als Test: Hölle. Einfache zweistellige Zahlen im Kopf addieren: dauert Minuten, ich muss meine Finger zur Hilfe nehmen. Textaufgaben: ich lese den ersten Satz. Dann den zweiten, und schon wusste ich nicht mehr, was im ersten Satz stand.


    Heute komme ich natürlich immer mal wieder mit Zahlen in Berührung. Und sobald ich die sehe, oder mich in irgendeiner Weise damit befassen muss, macht mein Kopf dicht. Feierabend. Nix funktioniert mehr. Ich dachte jahrelang, dass es eine Dyskalkulie wäre.


    Ich dachte nur: wie kann man eine regelrechte Phobie gegen Mathe, oder auch nur Zahlen haben. Aber genau so fühlt sich das an. Jedes andere Schulfach: kein Ding. Stand Mathe an: ich will sterben.


    Ich habe dann immer mal wieder in meiner Freizeit versucht, mich mit Mathe anzufreunden. Kennt noch wer den Lück-Kasten? Den für Grundschüler, mit normalerweise lächerlich einfachen Aufgaben. Fünf Minuten später war ich fix und alle. Nichts funktionierte. Es ist nicht so, dass ich dann zu mir sagen: du MUSST das jetzt können, Herrgott. Du wirst nicht mehr ausgelacht, du musst keine Leistungen bringen, etc...


    Das klingt für einige sicher übertrieben oder unglaubwürdig.


    Ich selbst finde das total absurd. Und mich ärgert, dass es mit den Jahren, ohne Schule oder dergleichen, nie besser wurde. Viele sagen ja, dass sie Mathe hassen. So auch ich, aber wenn es wenigstens nur Hass wäre. Mathe ist für mich der "Endgegner". Ich kann Zahlen nicht ausstehen, weil sie mir Angst machen. Und selbst beim Einkaufen, wenn ich mein Handy nicht mitnehme und versuche, die Kosten "grob" zusammen zu zählen: Overkill.


    Erst haben mir die Mitschüler die Schule versaut. Danach war es jeden Tag eine Tortur, wenn Mathe anstand. Da der Auslöser vermutlich eben jene Schüler waren, hatte ich das auch in der Therapie angesprochen. Heute weiß ich: die wussten es damals wohl nicht besser. Und ich wurde nicht nur wegen Mathe ausgelacht. Religion, Politik, WUK...(für die etwas jüngeren: WUK- Welt-und Umwelt Kunde. Gibt es schon seit geraumer Zeit nicht mehr) Eigentlich wegen fast allem. Und heute ist nicht damals. Auch heute noch habe ich Angst, in der Öffentlichkeit negativ aufzufallen. Aber einfachstes Kopfrechnen Zuhause, ohne Druck: Nö. Selbst das Wort Mathe an sich macht mich schon kirre.


    Gibt es Gleichgesinnte? Macht es überhaupt Sinn, mich mit Mathe zu beschäftigen, und wenn ja, wie gehe ich am besten vor?


    *:)

    @ :)

  • 7 Antworten

    Es tut mir für ich sehr leid, dass du solche Probleme mit Zahlen hast. So wie ich das verstanden habe, geht es dir gar nicht um Mathe in dem Sinne, sondern es wäre dir schon geholfen, wenn du "ein wenig" rechnen könntest. Also ein grobes Gefühl für Zahlen und die Werte dahinter und ein bisschen Plus und Minus, richtig?

    Zitat

    Ich habe dann immer mal wieder in meiner Freizeit versucht, mich mit Mathe anzufreunden. Kennt noch wer den Lück-Kasten? Den für Grundschüler, mit normalerweise lächerlich einfachen Aufgaben. Fünf Minuten später war ich fix und alle. Nichts funktionierte. Es ist nicht so, dass ich dann zu mir sagen: du MUSST das jetzt können, Herrgott. Du wirst nicht mehr ausgelacht, du musst keine Leistungen bringen, etc...

    Respekt, dass du dich deinem Angstgegner immer wieder stellst. Auch wenn du zu verlieren scheinst. Bitte verdiss das Wort Mathe. Mir scheint wichtig zu sein, dass du erstmal ein Gefühl für Zahlen bekommst, dich mit ihnen so gut wie es dir möglich ist, anfreundest.


    Meine Empfehlung:


    https://www.amazon.de/Zahlenfuchs-1-Clever-rechnen-%C3%BCben/dp/3939965200/ref=pd_sim_14_4?_encoding=UTF8&psc=1&refRID=PX0SKXKAHCDYT54PJSDN


    Trau dich mal, ganz auf "Anfang" zu gehen und versuch spielerisch deiner Phobie gegen Zahlen mit winzigen Lernerfolgen Paroli zu bieten. Arbeite den Zahlenfuchs Seite für Seite in kleinen aber kontinuierlichen Schritten ganz bewusst ab. Wenn du durchhältst, kannst du dir ja die Folgehefte besorgen.


    Probier es und glaub an dich! Gesteh dir deinen eigenen Rythmus zu und hab keine Angst vor Fehlern. Du wirst merken, dass du mehr kannst, als du jetzt glaubst.


    Alles Gute @:) :)*

    Erstmal Danke für eure Antworten. :)


    Da ich in Therapien gelernt habe, dass man Ängste auf Dauer nur mit Konfrontation besiegen kann, versuche ich es auch bei Mathe/Zahlen auf diesem Weg.


    Hm, eine Dyskalkulie dürfte schwer bis gar nicht nachzuweisen sein, wenn ich, bzw mein Hirn schon dicht macht, sobald es nur um das Thema an sich geht. Leider wurde ich als Kind dahingehend auch nicht unterstützt, im Gegenteil.


    Hätte man da schon was unternommen, anstatt mich dafür auch noch zu bestrafen, sähe das ganze heute sicher anders aus. Ich hatte in meinem Leben auch so einige Intelligenz Tests (also, so richtige, nicht diese aus dem Internet), unter anderem einen ziemlich komplexen, professionellen Test während einer stationären Therapie. Das folgende sage ich nicht, um damit anzugeben, wie intelligent ich doch bin, sondern wegen des krassen Gegensatzes. IQ: 127. Fast alle Tests teilweise weit über Durchschnitt. Tja, und bei Mathe krachte die gedachte Linie aller Ergebnisse ins Bodenlose. Bei der letzten Therapie habe ich kognitives Training am Computer gemacht. Nicht, weil ich musste, sondern weil mein Hirn dann wieder mal was zu tun hatte. Das Endergebnis war das gleiche. Ich denke, ich behindere da mich auch teils selbst, indem ich mir unbewusst sage: du hast das nie auf die Reihe gekriegt, also vergeigst du das jetzt auch wieder. So wie immer.


    Aber ich werde mich dann mal mit euren Tipps beschäftigen. Erstmal lernen, dass Zahlen nicht weh tun. :)

    Zitat

    Aber ich werde mich dann mal mit euren Tipps beschäftigen. Erstmal lernen, dass Zahlen nicht weh tun. :)

    :)^ :)_


    Im Gegenteil. Sie könnn sogar berauschen. ;-)


    Glaub mir, du schaffst mehr als du denkst. Vor allem, weil du trotz negativer Erfahrungen, ein schlaues Mädchen bist. IQ von 127 ist grandios! Wäre jetzt schön, wenn du jetzt ganz bewusst, nach und nach dein Zahlentrauma überwinden würdest.


    Ich würde mich sehr freuen in regelmäßigen Abständen von dir zu lesen.


    Frohes und gesundes 2018 @:):)*

    @ ReisfinkenMutti

    Was du beschreibst, kenne ich vom Französisch-Unterricht. Ich konnte noch nie gut auswendig lernen, also waren Vokabel-Abfragen ein Gräuel. Die zickige Lehrerin brachte dann so dämliche Sprüche wie "das war schon ganz gut, das war eine Fünf (ungenügend)".


    Also hatte ich die Sprache mit einer unangenehmen Person, mit immer widerlicher werdenden Situationen verknüpft. Später im Urlaub in Frankreich stellte sich heraus, dass auch nette Leute französisch sprechen und ich entkrampfte. Die wollten mich nicht runtermachen, sondern halfen mir bei der Kommunikation.


    Vielleicht hast du die Möglichkeit, dich mit Zahlen zu beschäftigen gemeinsam mit netten Menschen. Also nicht pauken im Sinne von Nachhilfe, sondern irgendwie lustig und verblüffend wie hier:


    Multiplizieren ohne zu rechnen


    Mathematik zum Anfassen

    Ich glaube nicht, dass dein Problem mit Mathe nur mit den Mitschülern zu tun hat. Ausschlaggebend ist für mich der Zeitpunkt, dritte Klasse ist nämlich ziemlich nachvollziehbar auch mathematisch. Du lernst in Klasse 1 und 2 Zählen bis 100 und die absoluten Grundlagen (z.B. die Ziffern 1-9 so kombinieren, dass es jeweils 10 ergibt... am Ende sollte das automatisiert sein, oder das kleine 1x1, das sollte absolut automatisiert sein). Sitzen die nicht am Ende der Klasse 2, geht alles was in Mathe danach kommt den Bach runter. Du kannst nix mehr schaffen, wenn du z.B. immer noch 5 an den Händen abzählen musst, 2+8=10 und umgekehrt nicht im Schlaf kannst, das 1x1 nicht auswendig kannst usw. Auch Stellenwerte musst du da schon können, also sicher wissen was Zehner, Einer usw. sind.


    Dafür, dass man das nicht kann, gibts verschiedene Ursachen, von zu wenig Übung bis hin zu Lernbehinderung (man kann sich egal wie man sich anstrengt nix auswendig einprägen) oder Dyskalkulie o.ä. Hast du mal Förderunterricht in Mathe bekommen? Lernbehinderung generell scheint es ja nicht zu sein, da du ja in anderen Fächern besser klarkommst. Aber die Mitschüler können es dann auch nicht sein, wenn dein Problem hauptsächlich auf Mathe bezogen ist.

    Zitat

    Ich habe dann immer mal wieder in meiner Freizeit versucht, mich mit Mathe anzufreunden. Kennt noch wer den Lück-Kasten? Den für Grundschüler, mit normalerweise lächerlich einfachen Aufgaben. Fünf Minuten später war ich fix und alle. Nichts funktionierte.

    Das ist ja normal, wenn du wirklich auf dem Stand der 1. oder 2. Klasse hängst. Dann sind diese Grundschulaufgaben für dich natürlich schwierig. Die Frage ist jetzt nur, obs denn besser wird, wenn du so rangehst, dass du die Aufgaben ernst nimmst und übst oder nicht. Wenn sich bei Übung und grundsätzlicher Offenheit dafür nix verbessert, dann ist es wahrscheinlich so, dass du wirklich in dem Bereich eine Lerneinschränkung hast. Auch dagegen kann man aber ein bisschen was tun. Und wenns gar nicht geht, dann kannst du wenn du Mathe im Alltag kaum brauchst auch ausweichen, indem du z.B. nen Taschenrechner benutzt.

    Zitat

    Ich konnte noch nie gut auswendig lernen

    Deswegen war mir Mathe ganz sympathisch. Wenn ich vergessen hatte, wieviel 5 x 5 ist, konnte ich das Ergebnis auch über die Addition erreichen. Wege kann ich mir besser merken als Punkte.


    Eine vergessene Vokabel kann man nicht logisch herleiten, aber umschreiben. Das war aber in der Schule nichts wert. Dort wurde keinerlei Wissen mit Hilfe der Fremdsprachen vermittelt, nur inhaltloses Gelaber. Meine erste Englisch-Lektion hat sich eingebrannt:

    Zitat

    Look, there is a dog. The dog's name is Spot. Is Spot a fox? Noooo - Spot is not a fox, Spot is a dog.

    Und so zog sich der Schwachsinn bis zum Abitur. Im IT-Bereich wurde english dann zu meiner Arbeitssprache und erst im sehr fortgeschrittenen Alter - wieder im Urlaub - gab es Gespräche, in denen es um Gefühle und Menschlichkeit ging. Und - oh Wunder - das konnte man auch in english formulieren.


    Leider kann man nicht ins Matheland fahren und sich dort nett mit Rechenaufgaben verständigen. Oder vielleicht geht's doch irgendwie?