Ich kenne das Problem, das du, GuteFrauvonSezuan, schilderst, nur zu Genüge.


    Ich möchte mal definieren, was für mich ein guter Mensch ist, und glaube auch, mit dieser Definition nicht alleine zu stehen.


    Ein guter Mensch ist zunächst einmal ehrlich. Das bedeutet: Er lügt nicht, um sich Vorteile zu schaffen, er lügt auch nicht aus Bequemlichkeit. Ehrlichkeit heißt allerdings auch nicht grenzenlose Offenheit. Man sollte sich schon gewählt ausdrücken können. Beim Geschichten erzählen hat ein guter Mensch es nicht nötig, groß auszuschmücken oder zu übertreiben, er erzählt das, was vorgefallen ist. Wie es war. Er möchte schließlich nicht prahlen, um sich besser darstellen zu wollen.


    Er ist freundlich und hilfsbereit, und das von sich aus. Wenn er Menschen sieht, die fragend umher schauen, dann spricht ein guter Mensch sie an, auch auf die Gefahr hinaus, dass diese überhaupt keine Hilfe in Anspruch nehmen wollen oder gar abweisend reagieren. Er kümmert sich vor Allem um andere Menschen, aber vernachlässigt sich dennoch nicht selbst.


    Ein guter Mensch hat ein Leben, das er mag, weil er es selbst weitgehend so versucht zu gestalten, dass er glücklich wird. Er ist fleißig und versucht, seine Ziele zu erreichen. Wenn er schlechte Zeiten erlebt, so steht er wieder auf und versucht es nochmal – oder schlägt einen anderen Weg ein.


    Ebenso – und nun wird es wirklich (!) unrealistisch – hegt er kaum schlechte Gedanken. Er sieht immer das Positive in jedem Menschen, lebt die Nächstenliebe und kann verzeihen. Egal, was ihm angetan wurde.


    Diesem Bild würde ich gerne entsprechen. Ich weiß, dass es solche Menschen von Natur aus, so denke ich, eher nicht gibt. Oder sehr, sehr selten. Eine Freundin lebt dieses Bild, nicht, weil sie so geboren wurde, sondern durch ihre Religion. Die hat von mir aus gesehen auch ihre Nachteile, aber in dieser Hinsicht bewundere ich das. Ich wäre gerne so motiviert, Religion funktioniert bei mir aber nicht als Motivator. Also muss Selbstdiziplin ran.


    Leider erwische ich mich beim Gegenteil meines idealen Bildes. Nein, ich bin so oft unehrlich. Ich übertreibe gerne, weil ich Angst habe, sonst kein Gehör bei anderen zu finden. Das klappt ja auch, deswegen mache ich es weiter und weiter. Ich bin überhaupt nicht fleißig, sondern faul. Ich habe den Luxus, ich habe die Zeit und das Geld, trotzdem bin ich zu bequem um mehr zu machen, als nötig ist. Und das schlimmste sind die Gedanken. An manchen Tagen funktioniert das "Denke positiv!" Bild in meinem Kopf, aber zu oft auch gar nicht. Es muss nur ein unfreundlicher Mensch in der Nähe sein, der sich z.B. beim Bus einsteigen vordrängelt, dass es mir weh tut, und schon bin ich für den Tag "bedient". Ich erlebe mich manchmal sogar ohne äußere Vorfälle, dass ich die Menschen negativ wahrnehme. Ich denke mir dann überaus garstige achen wie "Die alten Schrullen" oder "diese blöden Jugendlichen, die sich so cool vorkommen" oder "diese blöden Tussis, die nichts außer schminken im Kopf haben". dabei kenne ich doch die Personen gar nicht! Ich weiß doch gar nicht, was sich hinteer der Hülle und ihrem Auftreten verbirgt! Wieso meine ich also als kleines, eigentlich bedeutungsloses Individuum in dieser Welt solche grausamen gedanken anmaßen zu müssen? Ja, das nimmt mich schon mit. Ich würde schon sagen, dass ich kein guter Mensch bin. Ich kann nur so handeln. Wenn ich mich dazu zwinge. (Ich bin z.B. immerhin sehr hilfsbereit, aber das ist eine von vielen Facetten, die für mich noch lange keinen guten Menschen ausmacht)

    Mimiko, Dein Beitrag trifft für mich genau den Nagel auf den Kopf. Wobei ich sagen muss, dass ich mich jetzt seid ca. neun, zehn Jahren sehr anstrenge, was die negativen Gedanken über andere Menschen angeht, und es ist in der Zeit besser geworden. Jetzt, wo ichs aufgeschrieben habe, klingt "besser geworden" gerechnet auf zehn Jahre ziemlich beschissen, aber ich sag mir .. immerhin. Irgendeine Verbesserung scheint möglich.

    Wir können unser Denken und Handeln und unsere Gefühle steuern, aber nur bis zu einem gewissen Grad – wir bleiben Menschen, und die haben nun mal gute und weniger gute bis ungute Eigenschaften.


    Deshalb sollte man ruhig danach streben, gut zu sein, aber nicht zu hohe Erwartungen an sich richten; das ist ein Weg, um sich unglücklich zu machen, scheint mir.


    Glückliche Menschen sind meist gute Menschen. Aber auch bewusst gut zu sein, kann glücklich machen.

    Ich habe in den letzten Jahren gelernt, das ich immer erstmal positiv auf alle und alles reagiere.


    Damit meine ich, dass ich keine Vorurteile fälle, hinter jedem Handeln kann auch ein Grund stehen. Niemand ist von Grund auf "schlecht – unsympathisch"-.


    Auf alle und alles grundsätzlich positiv eingehen und/um herauszubekommen, was hinter dem steht.


    Um mal ein Bespiel anzuführen:


    Ich sitze abends im Restaurant und am Nebentisch hantiert jemand mit seinem Handy rum. Die Reaktion wäre ja erstmal negativ. Muß der nun auch noch abends beim gemütlichen Essen mit seinem Handy dasitzen?!


    Ich selbst brauche mein Handy IMMER griff- und hörbereit, weil ich eine pflegebedürftige Person zuhause habe, die evtl. Hilfe benötigt. Oder ich habe Nacht-/Notdienst, usw.


    Ich habe im Laufe meiner ehrenamtlichen Tätigkeit und meiner eigenen Lebenserfahrung meine Sicht auf Vieles ändern müssen, worüber ich froh bin.


    Ich bezeichne mich nicht als Gutmensch, sondern als tolerant und offen für alles.


    Jedoch sollten wir unsere Grenzen kennen und diese auch deutlich aufzeigen.


    Der Spruch: "Ich bin nicht auf dieser Welt, um es anderen recht zu machen" bedeutet nicht, das ich asozial bin, sondern dass ich meine Grenzen kenne und setze.

    Zitat

    Glückliche Menschen sind meist gute Menschen. Aber auch bewusst gut zu sein, kann glücklich machen.

    :)^

    hi an alle


    also, ich versuche es immer wieder, war auch schon beim psychodoc. solange du kein zyniker bist kann man sich leicht ändern (laut doc). du behandelst die mitmenschen ja nicht mit absicht schlecht. ich zitiere "das erwachsene wesen ist ein spiegelbild deiner kindheit". ich selbewr bin ein zyniker und behaupte mich über meinen beruf und verletzte mein mitmenschen nicht mit absicht.

    Ich finde Mimikos Beitrag auch echt klasse! :)^


    Und ich weiß manchmal nicht, was gut ist oder was nicht.


    ZB hab ich heute mein schon benutztes, aber nicht unterschriebenes Zugticket weiterverkauft. Hatte mich 22 Euro gekostet. Natürlich mag die Bahn sowas nicht, deswegen ist es auch eigentlich verboten. Der Kerl, dem ich es verkauft hatte, hat sich aber arg gefreut, dass er sich Geld gespart hat, und ich hab mich arg gefreut, dass mein halber Einkauf im Supermarkt finanziert war und ich der Frau in der Fußgängerzone, die da immer Schifferklavier spielt, auch noch einen Euro geben konnte.


    War das jetzt also eine gute oder schlechte Aktion? ???

    Zitat

    ZB hab ich heute mein schon benutztes, aber nicht unterschriebenes Zugticket weiterverkauft. Hatte mich 22 Euro gekostet. Natürlich mag die Bahn sowas nicht, deswegen ist es auch eigentlich verboten. Der Kerl, dem ich es verkauft hatte, hat sich aber arg gefreut, dass er sich Geld gespart hat, und ich hab mich arg gefreut, dass mein halber Einkauf im Supermarkt finanziert war und ich der Frau in der Fußgängerzone, die da immer Schifferklavier spielt, auch noch einen Euro geben konnte.


    War das jetzt also eine gute oder schlechte Aktion? ???


    Sandra2006

    Wenn es dir damit gut geht und du ein gutes Gefühl hast, ist es eben gut. Ich bin d.M, dass wenn wir Sachen machen, womit es uns ein gewisses gutes Gefühl gibt, dann ist es auch gut. Wie du dich damit/danach fühlst ist wichtig.

    Aber richtig schlechte Menschen fühlen sich doch auch gut, wenn sie was Böses zu ihrem eigenen Vorteil getan haben.


    Wie man sich selbst fühlt, ist doch dann kein Indikator, ob man "gut" war...


    Böse Menschen fühlen sich auch nach bösen Taten gut, haben sich selbst etwas Gutes getan, und dabei aber andere verletzt...


    Ich weiß nicht, das wäre doch egoistisch, darauf zu gucken wie man sich selbst fühlt. Und Egoismus ist ja eigentlich schlecht, während Altruismus gut ist.


    Ich finde das gar nicht so einfach.

    Ich denke, jeder Mensch wird "gut" geboren.


    Wie er sich später entwickelt, hängt von seiner (Lebens-)erfahrung ab.


    Heute bin ich einem guten Menschen begegnet. Ich war zu früh bei der Arbeit und stand auf einem Parkplatz. Da es noch zu früh war und noch niemand bei der Arbeit wartete ich noch einen Moment im Auto. Es hat geregnet und gehagelt ohne Ende. Da stand plötzlich eine wildfremde Frau neben meinem Auto und gestikulierte wild herum. Ich die Autotür aufgemacht. Sie: "Wollen Sie mit unter meinem Schirm?" Sie dachte mit Sicherheit, ich sitze noch im Auto, weil es so regnet. Das war eine nette Person. :-D :)z

    "Gut" und "schlecht" sind Worte, die urspruenglich auf ganz direkte Empfindungen verweisen (sowohl der Leute, die handeln, als auch derjenigen, die davon betroffen sind), aber die Sprache und die Art, wie die Leute sie benutzen, suggerieren, dass alles moegliche entweder in irgendeinem allgemeinen, objektiven Sinne gut oder schlecht/boese waere. Aber seid ihr euch sicher, dass das wirklich so ist?


    Dass die Frage, ob die Zugticket-Geschichte von Sandra2006 wirklich gut oder schlecht waere, eine Antwort hat?

    Zitat

    Und Egoismus ist ja eigentlich schlecht, während Altruismus gut ist.

    Warum? Wer sagt das? Ich persoenlich finde es gut, aufmerksam fuer das Empfinden von Menschen zu sein. Ob's nun man selber oder jemand anders ist. Von daher bekommen Altruismus und Egoismus von mir beide ein "Plus". Wobei man natuerlich auch wieder beiden ein "Minus" geben koennte, wenn man die Betonung da heraus hoert, fuer wen man gerade nicht aufmerksam ist. Was aber alles daran haengt, wie genau man die Worte verwendet, was man assoziiert etc.


    Um die Paradoxie der ganzen Sache noch mehr herauszuarbeiten: Ich kann mir vorstellen, dass ich es schlecht finde, wenn man sich so sehr davon leiten laesst, was (nach irgendeinem Kanon) Gutes tun zu wollen, dass man die Aufmerksamkeit dafuer vergisst, was in der Situation gerade da ist und passiert (ohne automatische Wertung).

    Ich glaube, dass wir sowohl mit der Anlage zu guten und zu schlechten Eigenschaften geboren werden; unsere Lebensaufgabe ist es, uns immer mehr zum Guten hin zu entwickeln.


    Es gibt leider keine "Gebrauchsanweisung" dafür, außer das menschliche Zusammenleben, das es beweist (es sei denn, man ist gläubig, dann findet man: Glaube betont immer das Streben nach dem Guten.) Aber auch außerhalb des Glauben merkt man, dass Gut sein einem gut tut, weniger weil "man" so sein soll, als deshalb, weil es einen Unterschied macht.


    Wer das ausprobieren will, kann ja mal probeweise altruistisch sein und die tägliche gute Tat üben; den Unterschied wird er merken. :)z ;-)


    Derjenige, der zum eigenen Vorteil andere übers Ohr haut oder betrügt, fühlt sich nicht wirklich wohl in seiner Haut; das Gewissen ist eine Instanz, die nur mühsam zum Schweigen zu bringen ist; irgendwie rächt sich das Bösesein.

    Ich bin von den Gedanken ganz nahe bei Lewian. Wir sind kulturell geprägt, was wir als gutes und schlechtes Verhalten ansehen. Das mag sogar bei ganz kleinen Dingen wie der Auswahl von Speisen eine Rolle spielen.


    Man könnte es auch so sehen: Wir sind vollkommene Wesen. o:) Die Vollkommenheit bedeutet aber auch, dass sowohl Gutes als auch Schlechtes gleichzeitig in uns sind. Mir schwebt so der einzige Satz im Kopf herum, den ich aus der Ausstrahlung von Dr. Who (Science Fiction-Serie der BBC) im deutschen Fernsehen behalten habe: "Möchtest du gut sein auf der Seite der Guten oder gut auf der Seite der Bösen oder möchtest du böse sein auf der Seite der Guten oder böse auf der Seite der Bösen? In dieser Polarität manifestiert sich menschliches Leben normalerweise nicht. Ich wüsste schon gar nicht welche Seite ich wählen würde. Außerdem wäre mir nicht klar, für wie lange meine Wahl Bestand hat. Ist mein jetziges Handeln (zum Beispiel beim Anbilck einer Schwarzwälder Kirschtorte) zwar momentan gut, aber langfristig schlecht? - Ich glaube dem Ernährungsteil in diesem Forum blieben einige Fäden erspart, wenn sich das so einfach entscheiden und umsetzen ließe. :=o


    Die alten Griechen haben sich schon mit dieser Thematik herumgeschlagen und sind auch nicht viel weitergekommen. Eine ihrer Ideen war es den Menschen nach seiner Tüchtigkeit zu bewerten. Demnach wäre ein Schreiner zum Beispiel gut, wenn er schöne Tische baut. Oder um es mit den Worten eines meiner griechischen Bekannten zu sagen: "Jeder hat etwas Gutes, auch wenn er/sie nur eine gute Lasagne kochen kann." Wenn dann die Pfannkuchen partout nicht klappen wollen, ist man dann schlecht?


    Ich glaube es geht am Ende darum, sowohl das Gute als auch das Schlechte in einem zulassen zu können.