Wo endet pubertäres Verhalten,wo beginnt ernsthafte Traurigkeit?

    Ich befinde mich seit 6 Jahren in einer Beziehung zu einem Mann, der aus seiner vorigen Ehe eine Tochter hat. In diesem Faden soll es um sie gehen, ich nenne sie hier Anna.


    Anna ist fast 13, als ich sie kennenlernte war sie frisch 7 Jahre alt. Ihren Lebensmittelpunkt hatte sie immer bei ihrer Mutter; ganz grob kann man sagen, dass Anna inzwischen alle 14 Tage übers Wochenende zu uns kommt, oder in den Ferien auch mal länger.


    Die Trennung (Frühjahr 2011) und eine lange Zeit danach war für alle Beteiligten wirklich fordernd, es ist vieles ganz, ganz schief gegangen, und einiges davon wird Anna da auch mitbekommen haben. Kurz nach der Trennung lernten mein Freund und ich uns kennen - ich war somit nicht der Grund für das Auseinanderbrechen der Eltern-Beziehung, das zu erwähnen, erscheint mir wichtig.


    Es hat etwa anderthalb Jahre gedauert, bis Anna und ich "wirklich" miteinander warm wurden. Ich denke, es war für sie einfach eine zu große Aufgabe, sich plötzlich an zwei neue Menschen in ihrem Leben gewöhnen zu müssen, den neuen Partner ihrer Mutter, den sie nicht mochte, und mich eben, zumal sie sich sehr wünschte, dass ihre Eltern wieder zusammenkämen. Und auch ich brauchte meine Zeit, mich auf die neue Situation einzulassen – nie vorher hatte ich einen Partner mit Kind, nie vorher hatte ich überhaupt mit einem Mädchen wie Anna zu tun gehabt. Ich fand sie speziell, im Positiven, in ihrer ausgeprägten Sensibilität, wie auch in ihrer Uneinschätzbarkeit.


    In unserer Beziehung war und ist es mir wichtig, mich nicht als "Stiefmutter" aufzuspielen, sondern ich versuche, eine große Schwester für sie zu sein. Bisher bin ich/ sind wir gut mit diesem Modell gefahren, und inzwischen haben wir eine Basis zueinander gefunden, auch wenn diese sich mit den Jahren nun verändert hat. Wir haben in ihren Kindheitsjahren viel zusammen gemalt, gebastelt, gespielt, Filme geschaut, uns unterhalten, Ausflüge gemacht, vieles auch im Alleingang, ohne ihren Vater. Für mich war es jedes Mal ein Highlight, wenn sie zu Besuch kam.


    Für sie (und mich) bezeichnend ist allerdings, dass, obwohl wir noch immer ein gutes Verhältnis zueinander haben, und sie auch Vertrauen zu mir hat, dennoch eine gewisse Distanz zwischen uns blieb, damals wie heute. Sie war, so empfinde ich das, eher verschlossen und "unergründlich", gleichzeitig weiß ich, dass ich diese Eigenschaften auch habe, was eine gänzliche Annäherung erschwert. So blieb also immer eine Grunddistanz, oder ein "geheimer Bereich", den wir beide gewahrt und beim anderen respektiert haben, ganz automatisch.


    In den letzten zwei Jahren hat sich diese Distanz zwischen uns leider vergrößert, aus verschiedenen Gründen, u. A. auch durch mich und meine aktuellen Themen, und von ihrer Seite wegen der beginnenden Pubertät – was ich sehr natürlich und auch nötig finde, da sie nun altersentsprechend nach mehr Autonomie strebt. Ihre Interessen sind somit jetzt anders gelagert: Freiheit, FreundeInnen, Mode, Medien und Musik, ggf. die Erste Liebe usw. bekommen einen höheren Stellenwert, und sie möchte nicht mehr alles mit Erwachsenen besprechen (was sie auch nie restlos getan hat). Dennoch könnte sie sich jederzeit mit einem Problem an ihren Vater oder mich wenden, wenn sie das möchte, das haben wir ihr über die Jahre immer wieder zu vermitteln versucht.


    Soweit finde ich das also unbedenklich und auch wichtig für ihre Entwicklung.


    Weshalb ich nun einen Faden mit der oben genannten Frage eröffne: Ich bin mir sehr sicher, dass Anna begonnen hat sich zu ritzen.


    Dieser Verdacht kam auf durch einen Zufall: ich habe in ihrer Abwesenheit (sie war schon wieder abgereist) ihr Zimmer bei uns betreten – das ist etwas, was ich für gewöhnlich nicht, oder nur selten tue, dann aber mit einem Grund dahinter. Es ist mir/ uns wichtig, dass Anna ihre Privatsphäre hat.


    Dieses Mal war ein Gewitter im Anmarsch und ich wollte sichergehen, dass das Velux-Fenster in ihrem Zimmer geschlossen war. Ihr Schreibtisch steht direkt unter diesem Fenster, das ich schließen wollte. So fiel mein Blick auf den Schreibtisch, der bis auf wenigen Krimskrams leer ist, und so das Bildchen, das sie mit einem schwarzen Edding daraufgemalt hatte, in den Fokus rückt: eine Rasierklinge mit herabtropfendem Blut, darum ein Geschmier aus Glitzer.


    Auf dem Fußboden zwischen Schreibtisch und Bett: Noch solch ein Bildchen, diesmal auf Papier und offenbar mit einer realen Rasierklinge als Schablone angefertigt, zumindest legen das die Größe und die geraden Linien nahe. Daneben ein Kosmetikpad mit getrockneten Bluttropfen.


    An der Magnettafel (mit so einer Zeichenfläche) neben dem Schreitisch: inmitten von viel, viel Krimskrams, Postkarten, Erinnerungen etc. findet sich das gleiche Bildchen nochmal, daneben eine traurige Figur mit Ritzwunden an den Unterarmen, plus ein Selbstporträt, auf dem sie sich eine Pistole an den Kopf hält. Darum verschiedene negative Adjektive, angeordnet wie in einer unstrukturierten Mind-Map, die sie offenbar auf sich selbst bezieht. :-|


    Ich habe bisher noch nicht mit ihrem Vater darüber gesprochen. Ich stelle mir gerade sehr viele Fragen.


    Neben dem Warum frage ich mich, weshalb ihr das Vertrauen fehlt, sich an jemanden zu wenden, an ihre Mutter, an ihren Vater, an mich, an jemand anderen, dem sie vertraut…? Ich frage mich, ob unsere Botschaft, dass sie sich jederzeit an uns wenden kann, bei ihr nicht ehrlich angekommen ist. – Ja, ich kann mir diese Frage selbst beantworten, zum Teil, basierend auf meinen eigenen Jugenderfahrungen.


    Warum fühlt sie sich so "ungeliebt"? Natürlich kann dieses Gefühl pubertätsbedingt sein, ja, das kennen wahrscheinlich alle (phasenweise) aus ihrer eigenen Jugend. Aber letztendlich erzählte mir ihr Vater, Anna habe es in einem Gespräch bedauert, dass ich in den letzten zwei Jahren nicht mehr so viel zuhause sei wie früher. Geht es ihr besser, wenn ich mich wieder "so wie früher" um sie kümmere? Jedoch merke ich, dass sie diese Distanz hält, sie ist nicht mehr das kleine Mädchen. Es ist deutlich schwerer für mich, sie aus der Reserve zu locken. Und letztendlich…wäre es durch sie auch irgendwie eine Konfrontation mit meiner eigenen Vergangenheit. Das zu trennen fällt mir im Augenblick nicht ganz leicht.


    Ich frage mich, ob sie überhaupt Hilfe will, denn sie hat es offenbar noch niemandem mitgeteilt – die Mutter hätte meinen Freund sonst bestimmt informiert. – Und dann spricht auch wieder ganz viel dafür, wenn auch mehr oder weniger subtil: die Bildchen. Denn theoretisch könnte sie annehmen, dass wir ihr Zimmer in ihrer Abwesenheit betreten. Oder weiß sie, dass wir das normalerweise nicht tun, und wägte sich da in Sicherheit, dass die Spuren unentdeckt blieben….? Mein Gefühl sagt mir, sie kann/möchte darüber nicht sprechen, und daher teilt sie sich durch die Bilder mit, in ihrer Abwesenheit. So muss sie nicht Auge in Auge mit uns/mir in einer Konfrontation reagieren.


    Diesen Gedanken unterstützt etwas, das ich in unserem Sommerurlaub vor drei Wochen beobachtet habe. Auf einem Ausflug mit Picknick zeigte sie mir ganz offen den Inhalt ihres Rucksacks und erklärte mir, was die einzelnen Dinge waren/bedeuteten. Unter anderem befand sich darunter ihr Tagebuch. Das legte sie neben die anderen Sachen auf die Decke, und gesellte sich zu ihrem Vater, der weiter entfernt angelte. Sie ließ mich damit zurück, bestimmt eine halbe Stunde lang, ich hätte darin lesen können, es war ja kein Schloss dran. Später, im Ferienhaus, lag das Tagebuch tagelang auf dem Wohnzimmertisch, für jeden zugänglich. Keiner hat es angerührt, da bin ich mir sicher, mein Freund hätte mir 100%ig davon erzählt.


    Dieses Liegenlassen könnte man doch als ein bewusstes Liegenlassen und als Einladung zum Lesen deuten? Zumindest tue ich das, denn in dem Alter habe ich sehr rege Tagebuch geschrieben, und es wäre mir im Traume nicht eingefallen, mein Tagebuch irgendwo "achtlos" liegenzulassen. Andererseits war und ist Anna häufig sehr leichtfertig mit ihren Sachen und ziemlich schusselig im Umgang damit.


    Zudem frage ich mich, ob das Ritzen bei ihr eventuell weniger "authentisch" als "pubertär-szenebedingt" ist: seit gut einem halben Jahr sympathisiert Anna mit der Emo-Szene, die neben Emotionalität auch mit Selbstverletzungen kokettiert. Die Szene ist inzwischen bei Jugendlichen so ziemlich out, aber Anna betont mit stolzem Trotz, dass sie eben genau nicht mainstream sein will, und dass "emo" ihr eben entspreche. Gleichzeitig leidet sie unter Einsamkeit, wie sie durch die Blume mal mitteilte.


    Sie hat ihren Style dem Emo-Style entsprechend verändert: (dunkle) Kleidung, dunkelgefärbter Kurzhaarschnitt, My Chemical Romance als Lieblingsband, das Meiden von Sonne….und jetzt auch Ritzen? - Ja, ich glaube daran, dass diese Szene da mit reinspielt. Aber das allein bringt niemanden dazu, sich selbst zu verletzen. Und eigentlich sehe ich es auch als fahrlässig, ihre Selbstverletzungen ausschließlich als szenebedingt abzutun.

  • 12 Antworten

    Mir ist klar, dass es richtig und wichtig wäre, es jemandem mitzuteilen. Ihrem Vater. Jedoch bin ich zu etwa 95% sicher, dass er mit dieser Information überfordert sein wird, und er mich dann fragt, was er tun soll. Unter Umständen werde ich ihm das Phänomen sogar erklären müssen. Natürlich liegt darin auch die Chance, einen neuen Zugang zu seinem (jugendlichen) Kind zu finden.


    Dann müsste man die Mutter informieren.


    Gleichzeitig denke ich mir jedoch auch, ob es nicht sinniger wäre, erst mit Anna zu sprechen? Letztendlich ist sie die Betroffene, um sie geht es. Aber wer soll dies tun, ihr Vater, ich, wir beide? Sie ist wie gesagt sehr verschlossen und manchmal auch sehr ruppig abweisend, dieser Weg gleicht sehr einem Minenfeld...und dennoch erscheint er mir ebenso wichtig wie ihre Mutter ins Boot zu holen.


    Ich sehe, dass es wichtig ist zu handeln, nicht abzuwarten. So im Groben. Aber was tue ich im "Feinen"? Ich kann Annas frische Sache gerade schlecht von meiner alten Sache trennen: Ich habe das Gefühl, dass ich Anna in den Rücken falle, auch wenn ich ihr dadurch zur Hilfe verhelfe. Wie kann ich dieses Gefühl "abstellen"? Muss ich überhaupt ein schlechtes Gewissen haben, dass ich diese Seite von ihr entdeckt habe? Wie kann ich sie unterstützen, und ihr (wieder) das Gefühl geben, dass sie trotzdem voll in Ordnung ist und wir sie annehmen wie sie ist?


    Ich fürchte, dass alles, was ich/ wir in die Wege leiten, das Falsche sein könnte.


    Und dann wiederum sehe ich das Potenzial darin: nur dadurch, dass man von ihren Selbstverletzungen weiß, kann ihr geholfen werden.


    Jetzt, wo ich das alles aufgeschrieben habe, erkenne ich, dass ich nicht so hilflos und verwirrt dastehe, wie am Anfang des Textes. Dennoch würde ich mich über eure Gedanken und Erfahrungen freuen. @:) @:) @:)

    Zitat

    Gleichzeitig denke ich mir jedoch auch, ob es nicht sinniger wäre, erst mit Anna zu sprechen?

    Das halte ich für die sinnvollste Sache. Dabei solltest du versuchen, neben ihren Motiven für ihr Handeln in Erfahrung bringen, mit welchen "Freundinnen" sie sich umgibt und warum.


    Eventuell landest Du hier.

    Du musst mit ihrer Vater reden. Du kommst nicht drumherum.


    Er und die Mutter müssen eine Lösung finden.


    Dieses Problem kannst du nicht einfach ignorieren oder verschieben. Wer weiß wie sie sich sonst verletzt.

    Zitat

    plus ein Selbstporträt, auf dem sie sich eine Pistole an den Kopf hält. Darum verschiedene negative Adjektive, angeordnet wie in einer unstrukturierten Mind-Map, die sie offenbar auf sich selbst bezieht.

    Das würde ich sehr Ernst nehmen.


    Egal, was du tust, es ist besser als wegsehen und nichts tun.


    Wie ist denn das Verhältnis zwischen dir und Annas Mutter?

    Zitat

    Du musst mit ihrer Vater reden.

    :|N Zuerst immer mit der betreffenden Person selbst reden! Das ist das Sinnvollste und mit den meisten Möglichkeiten verbundene. Sprich deine Stieftochter direkt auf die Bilder, die du beim Fester zumachen gesehen hast, an und das dich das beunruhigt und du dir Sorgen machst. Da kann sich schon im Vorfeld vieles klären. Erst wenn das nicht weiterhilft, würde ich mit anderen Betreuungspersonen wie dem Vater sprechen, weil diese eventuell einen anderen Zugang zu dem Mädchen finden.

    also erst mit den eltern reden würde ich auf keinen fall tun. dann fühlt sich anna total übergangen, wenn sie das mitkriegt und das vertrauen is gänzlich im eimer


    du sagst, es ratzt an deiner eigenen vergangenheit. ich weiß nun nicht, was genau da war, aber vielleicht kannst du genau das nutzen, um zu ihr zugang zu finden


    betroffene fühlen sich ja von betroffenen immer am besten verstandn, weilfach weil man einen satz nur anfangen muss und der andere ihn dann beenden kann... das verbindet unglaublich.


    und dann würde ich mit anna, wenns gut läuft, ausmachen, was sie sich wünsch und ihr sagen, daß du gern mit ihrem vater und ihr zusammen ne lösung finden würdest


    du scheinst psychologisch jetzt nicht so ungeschickt zu sein, daß du das absolut nicht hinkriegst.


    wenn sie dann natürlich tobt und gleich vollkommen dicht macht, wirds schwierig.


    dann würde ich glaub ich die situation erstmal verlassen, sie runterkommen lassen, selber runterkommen und wenn sie gar nicht mehr an sich ran lässt, mit dem vater reden @:)

    Erstmal vielen Dank an alle, die mir bisher geantwortet haben!

    @ sensibelmann:

    Zitat

    Dabei solltest du versuchen, neben ihren Motiven für ihr Handeln in Erfahrung bringen, mit welchen "Freundinnen" sie sich umgibt und warum.

    Ich kenne bisher nur zwei ihrer engeren Freundinnen persönlich: sie hat seit 6 Jahren eine Freundin aus der Nachbarschaft meines Freundes, ein ganz unscheinbares, aber freundliches Mädchen. Und dann hat sie seit dem 5. Schuljahr noch eine weitere Freundin, die mit ihr in einer Klasse ist (in ihrem Heimatort), und ihre beste Freundin darstellt. Wir haben das Mädchen vor ein paar Wochen kennengelernt als Anna sie für eine Übernachtung zu uns mitbrachte. Mein Freund und ich fanden sie ganz nett, intelligent, jedoch auch etwas "düster". Sie hört dieselbe Musik wie Anna und ist auch ähnlich gekleidet. Die beiden gehören, wie es scheint, als die beiden einzigen aus der Klasse dieser Szene an, und beide erzählten mir von einer Art Konflikt mit zwei weiteren Mädchen aus der Klasse, die sich deswegen freundschaftlich von ihnen abgewandt hatten, und sie nun allein dastünden.


    Dann gibt es in Annas Leben noch mehrere losere Freundschaften. Eines der Adjektive an Annas Whiteboard war "gay", also - in ihrem Falle - "lesbisch" - ich vermute, dass eines dieser Mädchen Annas "Liebe" ist, und es sich um eine On-Off-Sache handelt. Aber das ist (noch) lose Spekulation von mir. %:|


    Insgesamt beklagte sich Anna hin und wieder darüber, dass sie "einsam" sei, aber auch das habe ich eher zwischen den Zeilen gelesen. Sie ist dennoch sehr, sehr viel mit ihrer besten Freundin zusammen. Teilweise ist sie mehr bei ihr zuhause als bei ihrer Mutter, was ich (wir) manchmal denkwürdig finde(n).

    @ Luci:

    Ich denke, ich werde zunächst mit Anna selbst Kontakt aufnehmen, und ggf. mit ihr zusammen die Eltern einweihen. Dennoch danke ich dir für die Bekräftigung, dass es besser ist, nicht mehr abzuwarten.

    @ Plüschbiest:

    Zitat

    Wie ist denn das Verhältnis zwischen dir und Annas Mutter?

    Schwer einschätzbar. Eigentlich kann man da gar nicht von einem "Verhältnis" sprechen. Die Trennung zwischen Annas Eltern lief, wie bereits im Eingangsbeitrag erwähnt, tendenziell katastrophal ab, und beide Seiten weigerten sich, Kontakt miteinander zu haben. Was sich wirklich schwierig gestaltete in Bezug auf Absprachen über Abholen, Zurückbringen, Erziehung und wichtige Entscheidungen (letztere beide waren leider gar nicht möglich :-|, und mein Freund fühlte sich dauernd übergangen), denn anfangs war Anna ja selbst noch sehr klein, gerade erst 7 geworden, und konnte da nur bedingt mitorganisieren/ unterstützen.


    In diesen Jahren habe ich in Abständen immer wieder meinen Freund bearbeitet, dass es da zu einer Lösung kommen muss/sollte, zu Annas Wohl. Erst nach zwei Jahren nach der Trennung waren die beiden Eltern in der Lage miteinander zu telefonieren, und erst nach noch einem weiteren Jahr persönlich und unter vier Augen miteinander zu sprechen. Auch heute beschränkt sich der Kontakt nur auf das Allernötigste zu Annas Wohl.


    Die Mutter habe ich somit erst zweimal persönlich näher erlebt, beide Male im Rahmen von Annas Weihnachtsfeier in der Schule, wo sie sich gewünscht hatte, dass ihre Mutter, mein Freund und ich daran teilnehmen. Da war die Mutter mir gegenüber eher distanziert, was ich schade fand. Allerdings bin ich selber auch etwas schüchtern, und meine Versuche mit ihr ins Gespräch zu kommen waren daher nicht besonders hartnäckig. Mein Freund meinte desöfteren, dass sie "eifersüchtig" sei auf mein gutes Verhältnis zu Anna, aber das ist ja nun auch nur ein subjektiver Eindruck.


    @Birkenzweig und Sensibelmann und eigentlich an alle:

    Zitat

    Zuerst immer mit der betreffenden Person selbst reden! Das ist das Sinnvollste und mit den meisten Möglichkeiten verbundene. Sprich deine Stieftochter direkt auf die Bilder, die du beim Fester zumachen gesehen hast, an und das dich das beunruhigt und du dir Sorgen machst. Da kann sich schon im Vorfeld vieles klären. Erst wenn das nicht weiterhilft, würde ich mit anderen Betreuungspersonen wie dem Vater sprechen, weil diese eventuell einen anderen Zugang zu dem Mädchen finden.

    Zitat

    also erst mit den eltern reden würde ich auf keinen fall tun. dann fühlt sich anna total übergangen, wenn sie das mitkriegt und das vertrauen is gänzlich im eimer

    Zitat

    betroffene fühlen sich ja von betroffenen immer am besten verstandn,

    Ja, ich denke auch, dass es für unser Verhältnis am besten ist, wenn ich erstmal sie anspreche, bevor die Eltern informiert werden. Inzwischen habe ich mir auch Gednaken gemacht, wie ich es am besten tue. Wir beide, Anna und ich, sind uns vom Naturell her ähnlich, eben "introvertiert". Als ich in ihrer Situation war (auch wenn ich damals älter war als sie), wäre es mir sehr unangenehm gewesen, wenn ich direkt, von Auge zu Auge, damit konfrontiert worden und an Ort und Stelle in Zugzwang gekommen wäre. Ich hätte nicht gewusst, wohin ich schauen sollte, was ich hätte sagen sollen, möglicherweise hätte ich angefangen zu heulen, und ich weiß, dass das Anna vor anderen Menschen auch sehr unangenehm ist. Es wäre jedenfalls eine schreckliche, peinliche Situation daraus entstanden, eher wie eine brüske Einmischung.


    Daher finde ich es - für uns beide - leichter, wenn ich das in einem Brief tue. Darin würde ich ihr erklären, wie es dazu kam, dass ich ihr Geheimnis herausgefunden habe, und dass ich mir Gedanken mache. Ich würde ihr anbieten, mir auch in einem Brief darauf zu antworten, oder wenn sie möchte, persönlich darüber zu sprechen, wenn sie das nächste Mal hier ist. So kann man gemeinsam eine Lösung finden, und wenn sie mag, würde ich sie auch begleiten zu einem Gespräch mit den Eltern, oder diese schon vorweg informieren. Auf diese Weise kann sie den "Schock" über die Entdeckung erstmal verdauen und sich sammeln, und sich überlegen wie sie reagieren möchte.


    Natürlich besteht bei dieser Variante die Gefahr, dass sie sich "drückt", nicht auf den Brief antwortet, und erstmal nicht mehr zu Besuch kommen möchte. Zudem ist sie gerade auch im Ferienlager bis kurz vor Ende der Ferien. :-|


    Aber...eventuell kommt sie vor Schulbeginn noch mal zu Besuch. Dann könnte ich ihr den Brief geben, sie ihn in Ruhe lesen lassen, und dann zu einem späteren Zeitpunkt mit ihr sprechen.


    Was meint ihr?

    Vielleicht würde ich erstmal nichts schreiben, von " sie begleiten Gespräch mit Eltern"


    das schreckt sie vielleicht ab, sich dir zu öffnen.


    Ich denke, es wäre erstmal wichtig an das Mädchen herranzukommen und dann schauen, was sie möchte.


    Vielleicht ist eine Vertaute außerhalb des Elternpaares erstmal wichtig.


    Wenn du diese Aufgabe / Verantwortung aber z.Z. nicht übernehmen kannst /willst (ohne Vorwurf - es ist nicht dein Kind; entscheide vorher wieviel Kraft du hast, dich um das Mädchen zu kümmern), dann informiere die Eltern und die müssen sich kümmern.


    Aber weist du, dieses: "wir müssen es deinen Eltern sagen " - nee wieso, vielleicht kann die Hilfe auch anders aussehen ":/

    und weist du, wenn ein Kind sich ritzt, sollte das doch die Mutter sehen - (da ev. Tipp geben , schaut mal genau hin auf den Körper eurer Tochter) und gar nichts sagen, von den Bildchen - dann bist du nicht die "Veräterin" und kannst ev. ein eigenes Verhältnis zur Tochter behalten.


    Aber sei dir vorher klar, wieviel du investieen willst - wirst du zur Ansprechpartnerin für die Tochter kann das ein Einsatz öfter als alle 14 Tage erfordern. Dann musst du da sein, wenn sie dich braucht.

    Ich nehme mal die Ausgangsfrage:

    Zitat

    Wo endet pubertäres Verhalten,wo beginnt ernsthafte Traurigkeit?

    Nimm mal das als ersten Ansatz im Versuch, selbst eine Einschätzung zu treffen:


    https://de.wikipedia.org/wiki/Depression#Anzeichen


    Und überleg dir mal, wieviele der folgenden Säulen bei ihr gestört oder gefährdet sind:


    Erfüllende Tätigkeit (Ausbildung, Schule, Hobbies)


    Wohlstand (Finanzielle Sicherheit, Perspektiven)


    Gesundheit (Körper und Geist), insbesondere Schlaf und Ernährung


    Beziehungen/Familie (Freunde, Eltern, Beziehungspartner)


    Persönlichkeit (Werte, Lebenssinn, Spiritualität)


    Wohnung/Rückzugsort


    Das braucht jeweils mehr Kontextwissen als dein Ausgangstext beinhaltet, daher versuche ich mich nicht daran. Es braucht auch mehr, als die Tochter des Partners alle 14 Tage mal zu sehen.


    Was kannst du selbst tun:


    Mehr Gelegenheiten schaffen, die gerade kein Emo-Verhalten in den Vordergrund stellen (und indirekt belohnen!), sondern Lebensfreude und Ausgelassenheit widerspiegeln. Wasserrutsche in der Therme, sportliche Sachen (auch mal Wandern oder Joggen oder Radfahren zusammen), viel draußen im Licht/in der Sonne, Freibad, Badesee. Kabarett, Lachen, Fernseh-Abend in der Familie mit Zusammenkuscheln auf der Couch. Geburtstage feiern, schön essen gehen, Kochen, Schlemmen, was zum Lachen im Kino. Oder über nen Erotik-Kalender oder nen Film (früher z.B. "Die blaue Lagune"), der irgendwo hängt, Zugang zum Thema Sexualität finden, der hat auch das Thema Suizidalität mit drin (mit den Beeren am Ende), was dann aber nur Schlafen ist. Manchmal kann man Gelegenheiten für Offenheit auch schaffen.


    Bisschen moderner, aber schon krasser Holzhammer, sind so Filme wie "Türkisch für Anfänger" oder die "Fack ju Göhte"-Filme (I und II). Vielleicht ein bisschen sehr mainstream. Aber damit ja auch Teil der Alltagskultur.


    Ist sie wirklich hochsensibel, dann wird sie da bestimmt auch ihre Grenzen haben.


    Und unterhalten kannst du dich darüber gerade mit dem Vater und der Mutter, so wie es dir gut geht damit. Sowie als erstes mit Anna selbst.


    Was immer geht, aber ein sehr passiver Ansatz ist: "Wenn du jemanden zum Reden brauchst, bin gern für dich da." Ich finde aber, das hat sowas Mitleidiges. Dann lieber sowas wie "Du Anna, ich geh ne große Runde mit dem Hund spazieren. Kommst du mit?" Dann ergibt sich schon was.


    Aufschreiben würde ich von dem ganzen so wenig wie möglich. Aufgeschriebenes hat blöde Eigenschaften für so ein Thema finde ich. Es zementiert Aussagen, erlaubt keinen direkten Dialog, keine Fragen und Antworten in relativ flotter Folge. Und es bekommt so eine Bedeutungsschwere, die ja eigentlich vermieden werden sollte.