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    Es ist jedoch dumm und vor allem nicht hilfreich, wenn man sich selbst auf das Aussehen reduziert, überlegt lieber isoliert zu leben und absolut alles, was in der eigenen Umwelt passiert auf das Äußere zurückführt.

    Ich könnte mich nicht entsinnen auch nur ansatzweise sowas geäußert zu haben.

    Naja, du meinst ja beispielsweise, man würde dich ignorieren, nicht einfach so mit dir flirten, dich mit Kartons am Straßenrand stehen lassen - eben meinte eine andere Nutzerin, dass es ihr nicht anders geht, und dass obwohl sie keine Probleme mit ihrem Äußeren hat.


    Und das kann ich bestätigen, man wird auch als durchschnittliche oder überdurchschnittlich hübsche Person nicht ständig angehimmelt und man bekommt nicht den Hintern hinterher getragen, mal überspitzt gesagt.


    Den grundsätzlichen Wunsch hübscher zu sein, spricht dir doch so niemand ab, oder doch?


    Ich wäre auch gerne hübscher. Und reicher. Und beliebter. Ich denke niemand würde sich über eine Steigerung dieser Attribute beschweren. Die Frage ist nur - wie schwer beeinträchtigt dieser Wunsch das eigene Leben und wie viel tut man dafür, das in irgendeiner Weise zu erreichen?


    Du klingt recht resigniert und vermittelst schon den Eindruck, dass du sehr unzufrieden bist - oder irre ich mich da?

    Seit ein paar Jahren habe ich ??aus Gründen?? sehr starkes Übergewicht. So stark, dass mir schon oft ziemlich fiese Sachen hinterhergerufen wurden. Ich errege in der Öffentlichkeit eigentlich immer negative Aufmerksamkeit. Besonders im Schwimmbad oder wenn ich – du meine Güte – was Essbares in den Händen halten. Ich würde sagen, die meisten Menschen die mir einfach so, ohne nähere Interaktion, begegnen, nehmen mich aufgrund meines Gewichts als vielleicht hässlich, auf jeden Fall aber als unattraktiv wahr.


    Und trotzdem finden sich immer wieder ganz normale, auch anerkannt attraktive (:-D) Männer in der Situation wieder, dass sie viel Spaß dabei haben mit mir zu flirten, zu tanzen und den Abend zu verbringen, weil meine Statur an Gewicht (haha) verliert, sobald man mich näher kennen lernt. Ich bin nämlich weitaus mehr als mein Körper. Ich bin auch nett und charmant, lustig, eine gute Tänzerin, vielseitig interessiert, kann mich gut ausdrücken usw.


    Und das sind eben auch alles Merkmale, die von Menschen als attraktiv wahrgenommen werden. Es gibt doch nicht nur "hässlich" und "schön" und "klug" und "dumm" sondern tausend Facetten, die einen Menschen (nachhaltig) anziehend machen und davon ist nur eine einzige, wenn auch sehr wichtige, die Optik.


    Und Optik ist ja nicht nur Genetik. Ich habe inzwischen ein gutes Gefühl dafür entwickelt, was für Kleidung mir im Moment gut steht, welche Frisur meinem Gesicht schmeichelt, ob, und wenn ja, welchen Lippenstift ich trage und so weiter. Ich habe mich bewusst frei gemacht von diesen tausend Ratgebern, die einem erzählen wollen, was man als dicke Frau tragen sollte und was -um Gottes willen! – nicht. Fickt Euch! Ich trage enge Kleider, ich trage enge Hosen, ich trage Querstreifen und Jumpsuits wie es mir gefällt!


    Weil es mir überhaupt nix bringt in irgendwelchen formlosen Walle-Tuniken durch die Gegend zu wabern, die letztlich meinen Körper auch nicht kleiner machen, dafür aber meine Seele. Wer mich aufgrund meines Körpers verachten will, wird das ohnehin tun, er wird seine Gründe haben und es sei ihm meinetwegen gegönnt, wenn er damit für einen kleinen Moment sein ramponiertes Ego ein bisschen besser erträgt.


    Das klingt jetzt so, als würde mir mein Dick-sein (für diese Diskussion gleichgesetzt mit Hässlich-Sein) gesellschaftlich überhaupt nix ausmachen und als würde ich immer ganz unangetastet über den Dingen stehen. Das stimmt aber nicht. Grausame Kommentare zu meiner Figur von Wildfremden tun mir verdammt weh und es ist nicht schön, eine so offensichtliche Schwachstelle für alle offen vor sich her zu tragen. Ich finde mich auch manchmal hässlich und denke, dass mein Leben viel schöner war, als ich noch schlank gewesen bin (was nicht stimmt). Aber ich habe mich bewusst entschieden, mich davon nicht bestimmen zu lassen. Mein Körper ist im Moment wie er ist und wenn ich die Wahl hätte, dann würde ich ihn mir natürlich leichter und gesünder und hübscher wünschen, aber da das jetzt nicht drin ist, konzentriere ich mich auf andere Sachen, die ich gut an mir finde und ich stelle fest, wenn ich diese Sachen nach außen trage, dann konzentrieren sich die meisten Leute, mit denen ich zu tun habe, auch mehr und mehr darauf, anstatt mich auf mein Gewicht zu reduzieren.

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    Wissen kann man sich aneignen, Schönheit nicht. Das ist dabei der gewaltige Unterschied.

    Nun. Intelligenz, auch soziale, ist nichts was man sich mal kurz anlesen kann.


    Und es macht auch einen Unterschied, ob man mal eben nebenbei studiert oder den ganzen Tag intensiv lernen muss, um das zu schaffen.


    Grundsätzlich haben wir alle unsere Defizite und unsere Päckchen.


    Der Körper kann neben "hässlich" auch allerlei andere Defizite haben. Damit meine ich nichtmal unbedingt Behinderungen. Aber es gibt wirklich Millionen Einschränkungen deren Inhaber bestimmt gerne gegen Hässlichkeit tauschen wollen. Und das nichtmal unbedingt, weil Hässlichkeit schlimm ist, sondern weil der Mensch dazu neigt, sich auf seine eigenen Probleme zu fokussieren.

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    Natürlich kann ich mich so konditionieren mir (wahrlich wie der Pawlowsche Hund) Eitelkeiten abzutrainieren, um irgendwie im Geiste Ruhe zu finden. Aber ich finde es schwierig seine Charakterzüge durch den Fleischwolf drehen zu müssen. Durchschnittlich hübsche Menschen brauchen das nicht und nutzen vielleicht diese Eitelkeit, um auf sich zu achten, sich etwas schick zu kleiden, Sport zu machen. Ich tue das auch, nur macht das eben keinen Unterschied, denn man nur etwas optimieren, was ohnehin "gut" ist.

    Es ist natürlich etwas blöd, wenn man ausgerechnet als hässlicher Mensch besonders eitel ist und diese Eigenschaft auch noch als identifizierenden Charakterzug sieht.


    Durchschnittlich hübsche Menschen müssen allerdings ihre Eitelkeiten dann in anderen Punkten begraben. Ich bin zum Beispiel ziemlich ehrgeizig aber ohne besondere Begabung. Das kratzt auch an meiner Eitelkeit. Der Vergleich mit anderen hat aber noch nie glücklich gemacht.


    Zufriedenheit in der Tätigkeit selbst und nicht in dem Vergleich mit anderen zu finden, fühlt sich für mich persönlich eher als positive Entwicklung und nicht nach Fleischwolf an.

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    Aber es gibt wirklich Millionen Einschränkungen deren Inhaber bestimmt gerne gegen Hässlichkeit tauschen wollen.

    Wie ich das mehrere Male gepostet habe, ist die "Hässlichkeit" Resultat einer schwere Hormonstörung. Aufgrund der Erkrankung hatte ich auch im Intimbereich Fehlbildungen, die aber nicht gut operiert wurden und weshalb ich heute chronische Schmerzen haben und auch keinen Geschlechtsverkehr haben kann. Wegen der Hormonstörung hatte ich zeitweise fast Glatze und musste einen Haarersatz tragen und Akne habe ich seit 25 Jahren - also auch die richtig entzündliche. Läuft halt nicht so ...


    Ich bin hässlich, weil ich krank bin. Mit übertriebener Eitelkeit hat das nichts zu tun. Ich achte auf mich, mache Sport, esse sehr gesund. Ich schminke mich auch, trage Schmuck usw. - mir nachzusagen ich täte nichts um attraktiv zu sein ist schlichtweg gelogen. Nur kann man da auch keine Wunder erwirken.


    Und nebenbei gesagt identifiziere ich mich eher mit Dingen, die ich weiß und kann. Ich sehe vielleicht scheiße aus, aber die Leute neigen dazu mich häufig zu unterschätzen.

    Dakki, der Beitrag ist wirklich schön. Wenn es auch erschütternd ist, dass du so negative Reaktionen bekommst. Was geht bloß in solchen Menschen vor?


    Klar, jeder Mensch bildet sich eine Meinung über das, was er sieht. Und wenn ich Leute in sehr unvorteilhafter Kleidung sehe, frage ich mich auch, warum sie das tragen. Aber das beschäftigt mich ca. eine Sekunde und niemals nie würde ich das kommentieren oder daraus besondere Schlüsse ziehen.


    Ich finde ja Loggins bei 99,5% aller Menschen, inklusive mir selber, wirklich schrecklich.

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    lustig, eine gute Tänzerin

    Das wäre ich auch gerne. Und mich stört es oft, dass ich zB nicht lustig bin.

    Habt ihr mal überlegt, wieviel Energie freigesetzt werden würde, wenn wir... also jeder einzelne... aufhören würde, sich über die negativen Eigenschaften zu definieren?


    Nicht immer wieder diese Mantren im Kopf, was man alles nicht hat und nicht kann und nicht ist und wie schön das Leben wäre, wenn...


    Natürlich muss man bestimmte Umstände betrauern im Leben und die Tatsache, dass man eher ein häßliches Entlein ist, gehört vielleicht auch dazu. Aber wenn man nicht loslassen kann und aus Trauer Selbsthass und Hass und Neid auf die anderen wird, dann wird es destruktiv.


    Der Unterschied, ob ich einen Menschen anflirte oder mit den Kisten helfe, liegt oft in der Ausstrahlung des Menschen oder schlicht in seinem Lächeln.


    Jemand, der sich häßlich findet und mit so einem schwarzen Wölkchen über dem Kopf durch die Gegend rennt, der ist wahrlich unattraktiv.


    Dakki beschreibt total klasse, wie es funktioniert, wenn man trotz einer physischen Eigenschaft, die viele unter häßlich verbuchen, anders mit der Welt in Kontakt ist.

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    Der Unterschied, ob ich einen Menschen anflirte oder mit den Kisten helfe, liegt oft in der Ausstrahlung des Menschen oder schlicht in seinem Lächeln.

    Und ganz häufig liegt es einfach daran, wie mein eigener Tag so war.

    Das klingt ja immer so schön, der Gedanke man solle unglücklich aber trotzdem glücklich sein. Bisher konnte aber noch niemand erklären, wie das funktionieren soll. Deshalb ist das auch kein Ratschlag, sondern nur eine Vorstellung.


    Wie "lässt man denn los"? Wie "findet man sich damit ab"?


    Ich habe dazu schon einen Rat gegeben, aber Isolation soll es ja auch nicht sein, also mal ganz konkret: Die TE ist unglücklich. Wie wird sie glücklich?

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    Jemand, der sich häßlich findet und mit so einem schwarzen Wölkchen über dem Kopf durch die Gegend rennt, der ist wahrlich unattraktiv.

    Das kann ich so nicht bestätigen. Wir waren vor Kurzem zu einer Beerdigung in London. Sichtlich traurig, aber dem Anlass entsprechend gekleidet.


    Wir haben viele nette Menschen auch außerhalb des Beerdiungsgeschehens kennen gelernt. Ich glaube es hängt auch davon ab, egal ob traurig oder nicht, wie offen jemand ist.


    In meiner Heimatstadt Berlin fühle ich mich oft als Auskunftsbüro. Die Menschen fragen mich nach dem Weg zu Sehenswürdigkeiten oder dem nächsten Park oder einfach nur nach einem Supermarkt. Meistens hab ich das alles im Kopf und wenn nicht, dann schauen wir gemeinsam auf den Stadtplan.


    So hat es auch umgekehrt gut funktioniert in London. Unsere Fragen nach Wegen oder anderem wurden trotz unserer Traurigkeit immer beantwortet.


    Eine Situation war sehr schön: Mit der Oystercard muss man in den öffentlichen Verkehrsmitteln ein- und auschecken. Puh, wir waren in einem Bus gelandet, wo man sich mit der Karte nicht auschecken kann. Bin dann zum Busfahrer um zu fragen, was sollen wir jetzt tun. Die ganzen Leute haben dem Fahrer die Antwort abgenommen "you dont need to check out in this bus". War schön und wir hatten sicher nicht die Fröhlichkeit ausgestrahlt, die man an normalen Tagen hat.


    Stumpf auf immer gut gelaunt machen, ist auch nicht ehrlich oder authentisch. Es gibt im Leben nicht nur immer etwas zu lachen. Wenn man frisch aus dem Bad kommt und ordentliche Klamotten trägt, ist der Weg zu den Mitmenschen geregelt - jenseits vom persönlichen Schönheitsempfinden. Respekt und Höflichkeit sind die Stichwörter. Das bekommt man zurück, wenn man es vergibt.

    @ J_B

    Diese Frage muss jeder selbst beantworten und ich vermute, dass weißt du auch.


    Ich für mich stelle fest, dass ich nicht loslassen kann oder will, wenn ich mich den Gefühlen, die mit einem negativen Ereignis verbunden sind, nicht stellen kann.


    Statt Trauer und Angst auszuhalten werde ich dann bitter und zynisch und oft irgendwie nörgelig.


    In so einer Situation argumentiere ich oft alle an die Wand und habe dann recht ...aber bin trotzdem kreuzunglücklich. Für mich ist der Weg raus oft mir einzugestehen, was ich wirklich haben möchte und es auszuhalten, dass ich es nicht (mehr) bekommen kann.


    Über Ungerechtigkeiten zu trauern fühlt sich ganz anders an, als sich über selbige zu beschweren.


    Das alles muss auf Knuffelstern nicht zutreffen und ihr Weg kann ein völlig anderer sein.