Gender Disappointment

    Liebes Forum!

    Ich weiß, dass dieses Thema ein heikles Tabuthema ist und deshalb poste ich lieber als Alias.

    Das Wichtigste zuerst: Ich würde mich sehr über einen Austausch mit „Betroffenen“ freuen und bitte sehr um Zurückhaltung, wenn sich jemand mit dieser Thematik nicht identifizieren kann. Mir ist sehr wohl bewusst, dass den ein oder anderen das Thema triggern könnte und bei Vielen Unverständnis herrscht. Diejenigen würde ich bitten, von Belehrungen abzusehen und dieses Thema einfach zu missachten.


    Es geht um das Thema Gender Disappointment, das mich leider momentan völlig vereinnahmt.


    Nach einer längeren Kinderwunschzeit wurde ich vor 3 Jahren mit meinem Sohn schwanger. Seit meiner Kindheit war mir klar: Ich will unbedingt mal eine Tochter haben. Natürlich war mir bei Eintritt der Schwangerschaft klar, dass es auch ein Junge werden könnte. Da die Schwangerschaft über 1 Jahr brauchte, um einzutreten, rückte mein Geschlechtswunsch völlig in den Hintergrund. Das Outing, das wir einen Jungen erwarteten, erwischte mich eiskalt. Ich brauchte einige Zeit, um mich mit diesem Gedanken anzufreunden. Kurzgefasst: Mein Sohn ist nun 2 Jahre alt und ich bin überglücklich, ihn zu haben und kann es mir nicht mehr anders vorstellen. Trotzdem gab es mir immer irgendwie einen Stich, wenn ich erfuhr, dass Andere ein Mädchen erwarteten. Ich schon dies jedoch in den Hintergrund, mit dem Wissen, beim möglichen zweiten Kind noch mal eine „Chance“ zu haben.


    Ich bin nun wieder schwanger mit unserem zweiten und definitiv letzten Kind und wir wissen seit Kurzem, dass wir wieder einen Jungen erwarten. Auch wenn ich dies natürlich im Hinterkopf hatte, hat mich die Nachricht wieder eiskalt erwischt. Ich weiß, dass ich auch diesen Jungen abgöttisch lieben werde, wenn er erstmal da ist, er kann schließlich nichts für meine Träume. Dennoch sehe ich mich einfach nicht als Mutter von 2 Söhnen.


    Ich frage mich nur, wie ich dauerhaft mit diesem Gefühl umgehen kann. Ich möchte nicht ständig einen Stich bekommen, wenn ich Mütter mit Töchtern sehe und dadurch weiß, dass ich das nie erleben werde, wo es immer mein Traum war. Natürlich weiß ich, dass ich froh sein kann über 2 gesunde Kinder. Keine Frage, das ist die Hauptsache! Dennoch habe ich das Gefühl, dass gerade ein großer Lebenstraum zerplatzt, auch wenn ich weiß, dass das Leben kein Wunschkonzert ist.


    Wie geht ihr mit Gender Disappointment um?

  • 22 Antworten
    Alias 975252 schrieb:

    Ich frage mich nur, wie ich dauerhaft mit diesem Gefühl umgehen kann.

    Ich denke, du kannst es nur aussitzen. Alles Logische, was man dir sagen könnte, weiß du ja eh schon. Liest sich zumindest du, als sei dir das alles glasklar.

    Ich gebe mnef recht: Mit Logik kommt man nicht weiter. - Ich wollte immer einen Sohn. In erster Linie weil ich (mMn) einen tollen Namen gefunden hatte; es sind zwei Töchter geworden. ;-D

    Und die zweite auch noch behindert. Ja, gerade mit der zweiten: Es gibt einen Stich, wenn man andere "normale" Kinder in ihrem Alter sieht, wie sie herumstreunen. Aber dann sehe ich wie meine älteste Tochter sich um sie kümmert, und auch wie süß die Kleine "Verstecken" spielt....


    Was sagt dein Mann dazu? Hast Du schon mal mit ihm gesprochen? Was hat er sich gewünscht? geht es ihm ähnlich?


    Meine ältere Tochter bringt mich immer wieder zurück, wie normal man mit Behinderung umgehen kann. Es hilft, dass der Stich, den man bekommt seltener und weniger schwerwiegend wird.

    "Gender Disappointment"...gerade wieder ein neues Wort gelernt. Dachte erst, es geht um Enttäuschung übers andere Geschlecht. Also das Übliche.

    Ich kann das nachvollziehen, also Enttäuschung über das, was in der Lotterie herausgekommen ist. In den Momenten, in denen ich über eine eigene Familie nachgedacht habe, ist mir aufgefallen dass ich nur eine ganz bestimmte Konstellation haben möchte, und alles andere gruselig finden würde.


    Ich habe mich dann gegen Kinder entschieden.

    Freidreher schrieb:

    Ich habe mich dann gegen Kinder entschieden.

    Auch eine Möglichkeit. ;-D


    Magst Du erzählen, wie deine Wunschfamilie ausgesehen hätte?

    Meine Oma hat sich immer ein Mädchen gewünscht... Geworden sind es am Ende 5 Jungs. Ich wünsche mir auch ein Mädchen und hoffe ich hab mehr Glück. Am Ende kann man es eh nicht ändern.

    Liebe TE, ich kann deine Gedanken verstehen. In der ersten Schwangerschaft war ich total davon überzeugt, dass es ein Mädchen wird, da ich mich total als Mädchen-Mama gesehen habe. Tja, und dann gab es das Outing, dass es ein Junge wird. Ich war im ersten Moment auch geschockt und brauchte ein wenig, um die Nachricht zu verdauen. Mein Sohn kam zur Welt und irgendwie wurde es zur Normalität, dass ich nun eben eine Jungen-Mama bin.


    Ich bin wieder schwanger und dieses Mal wird es ein Mädchen und soll ich dir was sagen: Ich bin natürlich froh, dass die Kleine nach altuellem Stand gesund ist, aber die übermäßige (Vor-)Freude wegen dem Geschlecht ist ausgeblieben. Seit ich das Geschlecht weiß, bin ich mir gar nicht so sicher, ob ein zweiter Junge nicht „schöner“ wäre und ich war immer ziemlich angefressen, wenn ich überschwängliche Glückwünsche zum Geschlecht bekam, weil es eben dieses Mal ein Mädchen wird ":/


    Ich denke, mit der Zeit gewöhnt man sich an seine „Rolle“ und irgendwann fühlt es sich auch natürlich und gut an.


    Vielleicht hilft es dir, einmal zu reflektieren, was dir deiner Meinung nach entgeht, weil du keine Tochter haben wirst? Vielleicht stellt sich dann ja heraus, dass das Geschlecht gar nicht entscheidend dafür ist? Nicht alle Mütter und Töchter verstehen sich beispielsweise automatisch blendend und werden „Freundinnen“.

    Zitat

    Magst Du erzählen, wie deine Wunschfamilie ausgesehen hätte?

    Recht langweilig. Die richtige Frau die ein Leben lang an meiner Seite bleibt, und eine oder zwei Töchter.


    Problem war, sobald in diesem Bild die Frau fehlte, fehlte mir auch jegliches Interesse an den Kindern, das war gedanklich eine Einheit. Wollte dann meinen potentiellen Mädels nicht zumuten dass Mama nicht die Schnauze voll von mir haben darf ;-D

    Hallo zusammen!

    Vielen Dank erstmal für den konstruktiven Austausch!


    mnef :

    Ja, aussitzen trifft es wohl. Rein vom Verstand her weiß ich, dass es eben Zufall ist und versuche auch die Vorteile zu sehen.


    Makkabi :

    Vielen Dank, dass du mir trotz deiner nicht einfachen Erfahrungen schreibst!

    Mein Mann sieht es zum Glück anders als ich. Er wollte immer einen Sohn, dass er nun gleich zwei hat, findet er perfekt. Eine Tochter war nie sein Wunsch, er findet es nur jetzt sehr schade, dass mein Wunsch eben nicht in Erfüllung geht und sagt, er könne meine Gefühle gut nachvollziehen und ich müsste mich auf die positiven Dinge konzentrieren.


    Platypus :

    Das Merkwürdige ist, so richtig kann ich nicht erklären, warum es mir eigentlich so wichtig ist, auch eine Tochter zu haben. Denn auch 2 Töchter wären nicht mein Wunsch gewesen. Ich wollte immer Junge und Mädchen, um die Erfahrung beider Geschlechter zu machen. Das ist für mich irgendwie perfekt. Natürlich bin ich nun auch traurig, dass ich Dinge wie Kleidchen nähen und kaufen, Zöpfe flechten usw. wahrscheinlich nicht erleben werde, aber das ist doch eher Nebensache. Viel mehr geht es mir um die Erfahrung beider Geschlechter. Ich werde nun die Erfahrung einer Tochter in ihrer ganzen Bandbreite nicht machen. Da fehlt nun immer irgendwas. Dieses Gefühl resultiert vielleicht auch daraus, dass ich im Vorhinein dieser Schwangerschaft ein paar gängige Theorien angewendet habe, um das Zeugen eines Mädchens zu beeinflussen. Mir war natürlich klar, dass das bloß ein Versuch war. Das hat nun nicht geklappt und irgendwie ist das auch ein Gefühl des Versagens, auch wenn ich weiß, dass die Familienplanung eine Lotterie ist und nichts mit dem eigenen Können zu tun hat.

    Freidreher schrieb:

    Problem war, sobald in diesem Bild die Frau fehlte, fehlte mir auch jegliches Interesse an den Kindern, das war gedanklich eine Einheit. Wollte dann meinen potentiellen Mädels nicht zumuten dass Mama nicht die Schnauze voll von mir haben darf ;-D

    ;-D;-D;-D

    Alias 975252 schrieb:

    Natürlich bin ich nun auch traurig, dass ich Dinge wie Kleidchen nähen und kaufen, Zöpfe flechten usw. wahrscheinlich nicht erleben werde, aber das ist doch eher Nebensache.

    Ach, das sei nicht gesagt ;-D! Gerade heutzutage verschwimmen Geschlechterrollen ja auch so sehr, dass einige Dinge wie Zöpfe flechten oder Pferde reiten vielleicht drin sein werden :)z.


    Hm... ich weiß auch nicht genau, wie man dir helfen kann, glaube aber, dass die wenigsten dich hier verurteilen. Man kann ja nichts für seine Gefühle und du liebst deine Kinder ja trotzdem.


    Vielleicht hilft dir der Gedanke, dass auch deine beiden Söhne sich sicherlich zu völlig unterschiedlichen Personen entwickeln werden und du diese Erfahrung nicht hättest, hättest du stattdessen eine Tochter? Der eine wird vielleicht eher extrovertiert und rauflustig, der andere sensibel und intellektuell oder so ^^.


    Mein Vater und sein Bruder waren auf jeden Fall zwei sehr unterschiedliche Charaktere. Der eine Musiker und Sportler, der andere Naturwissenschaftler und Bücherwurm (liebevoll gemeint).


    Ich bin übrigens so ein Wunsch-Mädchen, aber auch gar nicht so, wie man es erwarten würde. Ich habe immer gerne im Dreck gespielt, mochte nie Pferde, stehe auf Autos, Comics und Science Fiction und schrägen Humor. Mittlerweile mag ich zwar auch so ein paar Mädchen-Sachen, aber ich glaube, als Kind mochte ich das schon alleine aus Prinzip nicht, weil ich dieses "Wunschkind-Gedöns" total nervig fand.


    Man weiß nie, wozu gut es ist, wobei das deine Gefühle vielleicht nicht ändern wird.


    Vielleicht merkst du ja aber noch im Laufe der Jahre, sei es an deinen eigenen Kindern oder an denen von Bekannten, wo es vielleicht diese Wunsch-Konstellation gibt, dass das Geschlecht doch gar nicht so wichtig ist, wie du dachtest, und der Charakter an sich viel entscheidender ist. Meine Mutter und ihr Bruder sind sich zumindest total ähnlich im Verhalten, während ihr anderer Bruder in eine ganze andere Richtung geht usw. :)z

    Meine Schwester und ich sind auch "Wunsch-Mädchen", für meinen Vater gab es nichts schöneres als die Vorstellung von zwei Mädchen die zusammen aufwachsen und spielen und und und...


    Long Story Short: Wir haben zwischen 11 und 20 teilweise nur 2 Worte am Tag miteinander gewechselt und die waren meißtens nicht sehr freundlich. Da sind Bücher, Vasen und andere Dinge geflogen. Mittlerweile belächelt er andere Eltern immer mitleidig, wenn die sagen, sie wünschen sich zwei Mädchen. Erst als ich mehrere Hundert Kilometer weggezogen bin, wurde das die gute Schwestern-Beziehung die er sich gewünscht hat. ]:D

    Ich kann dich total verstehen, wenns auch bei mir genau anders rum ist. Ich wollte schon immer 2 Söhne.


    Jetzt wird mein 2.Kind ein Mädchen (kommt nächste Woche zur Welt x:)). Ich hab mir am Anfang mit dem Gedanken an eine Tochter echt schwer getan und auch jetzt noch überkommt mich manchmal das Gefühl, dass es toll wäre, wenn es plötzlich doch ein Junge wäre (wegen Harmonytest wohl ausgeschlossen).


    Ich bin mir aber sicher, dass ich sie genauso lieben werde, wie ihren großen Bruder (auch wenn ich mit dem ganzen Mädchenkram nix anfangen kann) und kann es kaum erwarten, sie endlich in meinen Armen zu halten!


    Sorry dass ich dir nicht weiterhelfen kann, wollt dir nur sagen, dass du mit deinen ganzen Gedanken und Gefühlen nicht alleine bist@:)

    Alias 975252 schrieb:

    Das Merkwürdige ist, so richtig kann ich nicht erklären, warum es mir eigentlich so wichtig ist, auch eine Tochter zu haben.

    Darauf käme es aber an. Ein Wunsch fällt schließlich nicht vom Himmel. Selbst wenn er für dich in deinem Denken einfach immer schon so da steht, hat er sich zuerst irgendwie entwickelt. Zu klären, wie der Wunsch bei dir zustande kam, wäre eine therapeutische Aufgabenstellung. Das mag jetzt etwas überzogen klingen, für relevant halte ich es aber doch. Allein schon aus dem Grund, dass du dich irgendwann mit deinem Wunsch und der Realität versöhnen kannst.

    Wenn dein Wunsch nämlich die Entwicklung der Söhne überschattet, werden die das immer in irgend einer unschwelligen Form mitbekommen. Da steht dann deren Geschlechtsidentitätsproblem als nächstes vor der Tür. Das würde ich meinen Kindern nicht antun wollen.

    Dein Wunsch hat was mit dir, deiner Kindheit und deiner Geschichte zu tun. Was das ist, musst du herausfinden. Es hat sicher nichts mit Zöpfeflechten und sowas zu tun. Das sind nur die Situationen, in denen etwas entscheidend anderes passiert ist. Die Zusammenhänge kannst nur du selbst entschlüsseln.

    Die Frage ist ja ganz allgemein "wie gehe ich mit Enttäuschungen/Frustrationen um".


    Akzeptieren, zu den Akten legen, nach vorne schauen.