Missed Abortion und der Weg danach - eine Sammlung

    Ich eröffne diese Faden, in der Hoffnung, dass vielleicht andere Betroffene dazustoßen. Ich war mir erst unsicher, wo ich diesen Faden aufmachen soll, habe mich aber schließlich für das Unterforum Schwangerschaft entschieden. Falls die Moderation es anders sieht oder aber bereits eine solche Sammlung von Erfahrungen existiert, so darf mein Beitrag gerne verschoben werden.


    Warum habe ich mich für das Forum Schwangerschaft entschieden? In meinem Umfeld und auch ich selbst musste die Erfahrung machen, dass das Thema Schwangerschaft und Nachwuchs mitunter einen sehr großen Druck erzeugen kann, auch unbewusst. Heute las ich einen interessanten Artikel, indem stand, dass oftmals eine Schwangerschaft als ein Risiko betrachtet wird und nicht mehr als etwas Natürliches. Risiko für die Mutter, Risiko für das Paar, Risiko für den Job, Risiko in jedem Lebensbereich. Gleichzeitig, so meine Erfahrung, wird in der Werbung wieder die perfekte Schwangerschaft dargestellt, für die es endlos viele Produkte gibt – eine Schwangerschaft, die vorher abbricht, kommt oftmals nicht vor. Und wenn es doch passiert, so fühlte ich mich allein, hatte das Gefühl, dass dies doch eigentlich nicht sein kann und warum scheinbar um mich herum lauter schwangere Frauen herumlaufen und ich es nicht hinbekomme.


    Diese Sammlung soll zeigen, dass eine Schwangerschaft etwas Natürliches ist, und dass es (leider) auch dazu gehört, dass nicht bei jeder Schwangerschaft nach neun Monaten ein Kind geboren wird. Fast jeder kennt die Statistiken, doch fast jeder hofft auch, dass er /sie nicht zu den Statistiken gehört. Ich möchte vor allem Erfahrungen zum Thema Missed Abortion zusammentragen, aber jede/jeder darf sich eingeladen fühlen, der sein Kind nicht ausgetragen hat. Dies ist explizit aber kein Faden für bewusste Schwangerschaftsabbrüche einer gesunden Schwangerschaft. Bitte habt Verständnis, dass diese Erfahrungen hier einfach nicht reinpassen.


    Was ist eine Missed Abortion?


    Ich bin so frei und zitiere ganz unwissenschaftlich wikipedia:

    Zitat

    Verhaltener Abort (engl. missed abortion), bedeutet das (bis zu monatelange) Verbleiben einer bereits abgestorbenen Leibesfrucht im Uterus (Retention in utero). Es kann symptomlos ablaufen, gelegentlich können vorübergehende leichte Blutung oder bräunlicher Ausfluss vorkommen. Oft wird eine solche Fehlgeburt erst bei routinemäßigen Ultraschalluntersuchungen als eine zu kleine Fruchtanlage ohne Vitalitätszeichen festgestellt

    Meine Geschichte:


    Fremde würden mich wahrschein als Kopf-Mensch bezeichnen. Als ich per Zufall positiv testete, musste am nächsten Morgen gleich ein zweiter Test herhalten, damit ich dem Ergebnis glaubte. Eigentlich wollten mein Freund und ich es nur versuchen, aber scheinbar galt ein Schuss = ein Treffer. Gleichzeitig war meine Freude verhalten, weil ich leider bereits vorher ganz viele negative Berichte gelesen hatte (Eileiterschwangeschaft, Windei und noch mehr solche Dinge). Daher versuchte ich gar nicht erst, mich zu doll auf diese Schwangerschaft einzulassen. In der sechsten Woche ging es dann zur Ärztin und sie stellte per Ultraschall fest, dass alles da war, wo es hingehört, und dass das Herz schlug. Ab dem Moment ließ ich auch meine Vorfreude zu, dennoch entschlossen mein Freund und ich mich dazu, es keinem zu verraten. Ich hatte keine Lust, ständig auf die Schwangerschaft angesprochen zu werden oder bei einer Fehlgeburt allen Leuten dies erzählen zu müssen. Missed Abortion kannte ich überhaupt nicht. Jeden Tag guckte ich, ob ich irgendwie Schmierblutungen hatte, aber nichts, alles scheinbar super.


    Ich war in den ersten Wochen todmüde, hatte auf einmal keinen Hunger mehr auf Fleisch, roch alles intensiver und war emotional etwas unausgeglichen, um es diplomatisch zu formulieren. Doch urplötzlich waren alle diese Symptome verschwunden. Ich wunderte mich, habe aber gelesen, dass gelegentlich auch symptomfreie Tage anstehen können.


    Letzte Woche stand dann der nächste Arzttermin an, ich war in der 10 SSW (Tage habe ich nie gezählt, ich war schon froh, dass ich mir die Woche merken konnte). Am Abend davor hatte ich ein ganz schlechtes Gefühl und versuchte meinen Freund, ein totaler Optimist, etwas vorzuwarnen.


    Ja, und dann lag ich auf dem Stuhl der Ärztin und die Fruchthöhle war leer, der Bewohner nicht mehr da. Mein erster Gedanke war "wusste ich es doch", ich fühlte mich irgendwie völlig leer und es kamen gar keine Gefühle hoch. Mein Freund wurde hereingerufen und ich teilte es ihm mit, allmählich sickerte es auch bei mir durch. Auf einmal war die ganze Distanz, die ich versuchte zur Schwangerschaft aufzubauen, eingerissen, und die Emotionen kamen hoch. Ich fragte mich, was ich falsch gemacht habe, was ich hätte anders machen können, ob ich eher hätte zum Arzt gehen sollte. Sprich, ich suchte die Schuld bei mir. Doch die Ärztin war toll. Sie zog mir gleich den Zahn mit der Schuld. Wir Frauen können noch so viel Vitamine nehmen, andere Pillen schlucken, auf Sushi verzichten und Yoga machen – es kann und kommt trotzdem dazu, dass der Körper den Embryo abstößt. Und dieser Gedanke war ganz wichtig für mich. Zum einen wurde mir klar, dass ich nicht alles kontrollieren kann, und mir wurde bewusst, dass der Körper auch sich selbst schützt. Ich weiß nicht den Grund, warum bei mir die Schwangerschaft abgebrochen ist, ob es genetisch, hormonell oder einfach Pech war. Ich bekam etwas Panik, weil in unserer Familie sehr viele Fehlgeburten stattfanden und ich nun auch dazugehöre, aber auch hier beruhigte mich die Ärztin. Noch weiß man gar nichts, nach der zweiten oder dritten Fehlgeburt würde man an die Ursachenforschung gehen, wobei ich noch nicht weiß, wie viel ich "forschen" möchte.


    Danach kam die Entscheidung, wie wir weiter vorgehen: Ausschabung, Tabletten, warten? Ich glaube, hier ist sehr wichtig, dass man im wahrsten Sinne des Wortes auf seinen Bauch hört. Natürlich, wenn eine medizinische Indikation besteht, dann hat diese Vorrang. Aber wenn nicht, so lasst euch zu nichts drängen, nehmt ich zur Not ein paar Tage Zeit und überlegt. Ich wusste sofort "keine Ausschabung". Andere wissen sofort "Ausschabung", dies ist eine ganz persönliche Entscheidung. Ich merkte, dass ich noch nicht loslassen konnte und dass für mich die Schwangerschaft nach der OP nicht vorbei gewesen wäre. Aus dem Grund entschied ich mich für die Tabletten Cytotec. Normalerweise googel ich gerne mich durch Foren, habe mich aber in diesem Fall entschieden, darauf zu verzichten. Ich wollte keine schlimmen Erfahrungen lesen.


    Am nächsten Morgen nahm ich die ersten beiden Tabletten. Nichts geschah. Ich wurde unruhig und fragte mich, wie das sein kann. Gut, ich bekam Durchfall – aber dies war nicht Sinn und Zweck der Übung. Dann hatte ich eine ganz leichte Blutung, doch auch da war mir klar, dass dies wohl noch nicht alles gewesen sein kann. Am Sonntag gab es die nächsten zwei Tabletten, ab da ging es los. Ich werde gar nicht so ins Detail gehen, da es bei jedem unterschiedlich ist.


    Heute war ich nun wieder beim Arzt und bekam "Verlängerung", weil noch nicht alles Gewebe abgestoßen war. Die Ärztin bot mir auch an, direkt ein bisschen Gewebe zu entfernen, doch darauf verzichtete ich dankend. Auf die ein, zwei Tage kommt es mir nicht mehr an.


    Ich merke, dass mir die letzten Tage gut getan haben. Ich habe getrauert, geflucht, manchmal hatten wir auch lustige Momente. Zu sagen, dass ich bereits abgeschlossen habe mit der Missed Abortion, wäre falsch. Natürlich mache ich mir noch Gedanken, frage mich, wie es weiter geht und wann ich bereit für eine neue Schwangerschaft bin. Für mich war es wichtig, dass mein Partner an meiner Seite war und wir miteinander reden konnten. Auch für den Partner ist es nicht leicht. Ich kann heute noch nicht sagen, wann wir einen weiteren Versuch wagen. Vielleicht nächsten Monat, vielleicht nächstes Jahr. Jetzt möchte ich erst einmal ganz in Ruhe alles zum Abschluss bringen, wieder auf die Beine kommen, erst dann sehen wir weiter.


    Ich würde mich freuen, wenn andere ihre Erfahrungen hinzufügen würden, auch gerne kopiert aus alten Fäden. Vielleicht können wir so anderen Frauen zeigen, dass es nicht die perfekte Schwangerschaft gibt, auch Trauer ein Teil der Familienplanung sein kann und es dennoch möglich ist, nach vorne zu gucken. Ich möchte keine Angst machen, sondern Angst nehmen mit unseren Erfahrungen. Es geht immer weiter, doch die Wege können ganz unterschiedlich sein.

  • 37 Antworten

    Meine Liebe, lies mal meinen Beitrag im Sternenkinderforum "und es geht weiter". Ich hatte 3x eine missed abortion und in dem Faden meine Geschichte euntergeschrieben. Melde Dich sonst per PN, wenn Du magst. :°_ :)_

    Ich wusste durch nfp, dass ich schwanger bin. In der 10. Woche ungefähr begannen Blutungen. Der Arzt hat dann nichts mehr auf dem Ultraschall gesehen, nur dass die Schleimhaut schon fast zur Hälfte abgeblutet war. Sie meinte, so wie sie mich kennt, will ich bestimmt keine Ausschabung. Da hatte sie recht. Es ist alles natürlich abgegangen und direkt im Zyklus danach bin ich wieder schwanger geworden. Das wäre wohl nicht der Fall gewesen, hätte mein Körper es nicht selbst überstanden... Nun habe ich ein Kind an der Hand, ein Sternchen im Herzen und ein Baby auf dem Arm.

    Ich geselle mich auch mal dazu.... ich wurde im November 2013 geplant schwanger. Alles lief gut, bei 7+4 war der Herzschlag sichtbar. Bei 9+6 war das Baby leider gestorben :°( und ich musste eine Ausschabung machen lassen. Ich habe es aber vorher irgendwie gespürt, dass die Schwangerschaft nicht gut laufen wird. Genau 1 Jahr später wurde ich wieder schwanger und diesmal fühlte es sich gut an. Ich hatte viel mit Blutungen und Wehen zu kämpfen, aber mein Löwenbaby hat sich nicht unterkriegen lassen und kam am 9.8.15 gesund und munter zur Welt ;-)

    Hallo ihr drei, vielen lieben Dank für eure Beiträge. Ich bekomme auch aus dem nahen Umfeld immer häufiger mit, dass Frauen Fehlgeburten oder Missed Abortions hatten. Ich muss gestehen, dass ich dies vorher überhaupt nicht bewusst wahrgenommen hatte.


    Darf ich euch fragen, wie euer Partner mit der Situation umgegangen ist? Und denkt ihr manchmal an das Sternchen?

    Hatschepsut, ich bin ziemlich offen mit meiner FG umgegangen und hab auch da von sehr vielen ihre Geschichte gehört. 3 im Freundeskreis und meine beiden Omas hatten jeweils schon eine FG. Es ist also wirklich nicht selten.


    Ich denke ab und zu ans Sternchen, aber nicht mehr täglich. Es wird wirklich weniger, was aber wahrscheinlich auch der neuen Schwangerschaft zu verdanken ist. Aber ich denke, es wird nochmal hoch kommen in der Zeit wo es passiert ist (Anfang Dezember), auch zur Zeit des ETs hab ich öfter mal daran gedacht, was es wohl für ein Mensch gewesen wäre, welches Geschlecht usw...


    Mein Partner redet überhaupt nicht drüber, der hat das alles ziemlich locker weggesteckt, für ihn war eher die Zeit danach schwer, als es MIR so schlecht ging und er mir nicht helfen konnte.

    @ Hatschipu

    Bei mir war / ist es leider ein ziemliches Geheimnis und das fällt mir ein bisschen schwer. Ich erzähle aus dem Grund kaum einem was, weil zum einen meine Mutter in Panik ausbrechen würde und ich zum anderen keine ständigen Nachfragen haben möchte ("Und, bist du wieder schwanger??", "Und, wie geht's dir?"). Wobei, bei der zweiten Frage wäre es noch ok, doch ich möchte nicht unter ständiger Beobachtung stehen :(


    Aber ich habe tatsächlich auch vermehrt Erfahrungen gehört, was mir geholfen hat. Natürlich tut es mir unendlich Leid, dass es auch anderen passieren musste. Auf der anderen Seite zeigt es jedoch, dass es eher "normal" als außergewöhnlich ist. Denn ich hatte das Gefühl, dass ich irgendwie ganz alleine damit dastehe.

    Ging mir auch so. Mich hat es fast ein bisschen erleichtert, dass das andere auch erlebt haben und eine Zeitlang brauchte ich einfach den Austausch um damit klar zu kommen. Zum Glück ist mir danach keiner auf die Nerven gegangen mit Nachfragen wegen einer neuen Schwangerschaft. Aber es wussten ja auch alle von meinem Kinderwunsch, die wollten mich nicht traurig machen. Ich bin ja relativ schnell wieder schwanger geworden, das hat die Zeit für Nachfragen sowieso verkürzt.


    So ganz allein mit dem Thema klarzukommen, wäre für mich nicht in Frage gekommen, wie schaffst du das?

    Zitat

    So ganz allein mit dem Thema klarzukommen, wäre für mich nicht in Frage gekommen, wie schaffst du das?

    Ich versuche mich im Internet auszutauschen, eine Freundin weiß es. Ansonsten, ja, ich weiß es nicht. Es wäre auch schöner, wenn ich mit meinem Freund mehr drüber sprechen könnte, aber für ihn ist es emotionaler natürlich weiter weg. Bei mir dauert die Verarbeitung deutlich länger bzw. kommt es dann einfach auf einmal hoch. Das ist bei anderen Todesfällen nicht anders. Definitiv keine gute Strategie.

    Ich war manchmal richtig wütend auf meinen Mann, weil er mit meiner Melancholie nicht klar kam und mich ständig gefragt hat, warum ich so still bin bzw was los ist usw. Ich hätte jedes mal ausrasten können. Wie nahe mir das alles ging, hat er nie wirklich verstanden. Hier zu schreiben hat mir aber sehr geholfen.

    Ja, diese Wut habe ich auch im Bauch. Dieses "zurück-zur-Tagesordnung", wo ich noch lange nicht bin. Auch dieses "beim nächsten Mal klappt es" von ihm. Ja, und wenn nicht, hänge ich blutend überm Klo - nicht er oder irgendein anderer. Es geht sogar so weit, dass ich den Duft unserer Klosteine nicht mehr abkann, weil sie mich an das erinnern. Aber erklär das mal einem... Ich bin innerlich total zerrissen und noch lange nicht bereit, auf den Normalmodus zu schalten.

    Seit dem Klomoment war ich auch richtig sauer. Das macht man ganz allein durch, die Schmerzen, den Anblick,... Ich durfte nicht mal drüber reden, weil es ihm zu eklig war. >:(


    Als ob ICH das alles schön gefunden hätte. Die mangelnde Anteilnahme hab ich ihm nie richtig verziehen. Wie du schon sagst "schnell zur Tagesordnung übergehen", ich konnte es auch nicht. Ich hatte teilweise Panikattacken beim Einkaufen, konnte keine Babys mehr sehen ohne mit den Tränen zu kämpfen. An ihm ging das ganze irgendwie spurlos vorbei. Ich denke man muss sich irgendwie damit abfinden, dass es eine Zeit dauert, bis alles wieder halbwegs normal läuft.

    Ja, ich habe noch oft diese Momente, manchmal kommen sie auch in ganz komischen Situationen hoch oder verbinden sich mit anderen Themen.


    Ich habe mich so verdammt hilflos gefühlt, hatte so völlig Sie Kontrolle verloren und habe immer noch das Gefühl, dass ich die Kontrolle nicht wiederhabe. Bei mir war es genauso, wenn ich ihm von den Erlebnissen berichten wollte, dann war es eklig, wollte er es nicht wissen. Verdammt noch mal, mich hatte auch keiner gefragt und trotzdem musste ich diesen Mist durchmachten. Und es war nicht nur eklig, es tat weh, körperlich als auch seelisch. Ich halbe noch keinen normalen Zyklus wieder und selbst das erinnert mich daran. Es sind so viele Dinge.


    Gerade kann ich mir keine Schwangerschaft vorstellen und würde ihn am liebsten deswegen anbrüllen. Mach ich nicht, aber es staut sich so viel an.

    Ich versteh das so gut!!!

    Zitat

    Verdammt noch mal, mich hatte auch keiner gefragt und trotzdem musste ich diesen Mist durchmachten. Und es war nicht nur eklig, es tat weh, körperlich als auch seelisch.

    Richtig. Als ob man sich das freiwillig angetan hat. So ein Erlebnis sollte eine Beziehung eigentlich stärken und nicht spalten. Es wird irgendwann besser, aber ein verständnisvoller, einfühlsamer Partner würde einiges erleichtern.