Lebensmeldung

    Nach langer Forenabstinenz (ich hieß früher Raskolnikov) melde ich mich mal wieder mit einer kurzen Bilanz und nehme dafür diesen alten Thread, in dem ich ja schon meine ganze Problematik geschildert habe. Tja, nächsten Monat werde ich 20, und ereignet hat sich nach wie vor nichts, ich war immer noch nicht einmal in der Nähe irgendeiner Liebes- oder Sexualerfahrung. Zugegebenermaßen, ein winziges Ereignis hat es gegeben: Unser Jahrgang veranstaltet regelmäßig Parties, um mit den Einnahmen den Abiball zu finanzieren, und auf der ersten dieser Parties Ende Februar war auch ich für eine Schicht in der Garderobe eingeteilt. Ich hatte wenig Lust, mich unter hunderte alkoholisierte, laute und schreiende Jugendliche zu begeben und von dröhnendem HipHop-Gekreisch beschallt zu werden, aber ich hatte den Jahrgangsvertrag schon unterzeichnet und musste wohl oder übel hin. Nach dem Ende meiner Schicht wusste ich wie immer auf gesellschaftlichen Veranstaltungen jeder Art nicht, was ich nun eigentlich mit mir anfangen sollte. Planlos wanderte ich durch die Halle, setzte mich mal hier, mal dort schweigend auf eine Bank und sah der Sache aus der Distanz etwas belustigt und etwas befremdet zu. Plötzlich aber, als ich auf dem Freigelände umherwanderte, sprach mich ein sehr attraktives Mädchen an und begann eine längere Unterhaltung mit mir. Ich kannte sie aus meinem alten Jahrgang, obwohl wir niemals einen gemeinsamen Kurs belegt hatten, hatte sie sich immer wieder etwas mit mir unterhalten, mich gegrüßt oder mir zum Geburtstag gratuliert. Wir verbrachten einige Stunden zusammen, gingen hinein in die Tanzfläche, und schließlich kam es sogar zu andeutungsweisem Körperkontakt. Doch in den darauffolgenden Tagen sah ich sie entweder nicht in der Schule oder sie war immer von Freundinnen umringt, sodass ich kein Gespräch beginnen konnte. Vor einigen Wochen nun hat sie ihr Abitur abgelegt und die Schule verlassen, weder kenne ich ihre Telefonnummer noch ihre Mailadresse. Eine gewisse Chance, sie noch einmal zu sehen, bestand bei der nächsten von unserem Jahrgang organisierten Party. Doch sie kam nicht, nichts geschah. Ich muss mich wohl damit abfinden, dass ein neues Verliebtsein wie immer in meinem Leben wieder in neuer Enttäuschung und Leere mündet. Meine Chancen, dass sich daran jemals etwas ändert, dürften mit zunehmendem Alter auch mehr und mehr den Bach hinuntergehen. Ich denke mal, das dürfte es so ungefähr gewesen sein. Leider ist es vermutlich nicht einmal das Aussehen, das mir die Existenz eines Liebes- oder Sexuallebens verwehrt. Zwar halte ich mich nicht für besonders attraktiv, aber auch nicht für abstoßend hässlich - ich bin 1,94m groß, sehr schlank, gepflegt und sauber gekleidet, habe keine Behinderungen und keine entstellenden Krankheiten. Nein, es ist etwas, das man viel weniger kaschieren kann - meine absolute Inkompetenz, was Kommunikation und soziale Mechanismen angeht. Nie hatte ich die Gelegenheit, den sicheren Umgang mit menschlicher Kommunikation zu erlernen, ich bin extremer Einzelgänger, soweit ich zurückdenken kann. Nun ist es aber auch nicht so, dass ich früher unter dieser Isolation gelitten hätte - ich wünsche mir durchaus keinen Freundeskreis oder das,. was man als normales soziales Umfeld bezeichnen würde. Im Gegenteil, dadurch würde ich mich eingeengt und belästigt fühlen. Das einzige, was mir fehlt und was mich zerstört ist die aus denselben Gründen resultierende Unmöglichkeit, jemals ein Liebes- oder Sexualleben zu haben.


    Vor einigen Tagen habe ich übrigens wieder den Versuch unternommen, nach Frankfurt zu fahren, um endlich einmal zu einer Prostituierten zu gehen, aber wie immer war ich dann doch zu unentschlossen und habe es sein lassen. Warum, kann ich nicht sagen. Ich empfände absolut nichts Demütigendes oder Erniedrigendes daran, meinen ersten Sexualkontakt mit einer Prostituierten zu erleben, damit akzeptiere ich nur die Sachlage. In dieser Hinsicht bin ich Pragmatiker - wenn ich für Sexualität zahlen muss, bin ich eben bereit, das zu tun. Übrigens ist das wohl der einzige Aspekt des Liebes- und Sexuallebens, in dem Männer privilegiert sind: Ein extrem introvertierter Mann hat zwar keine Chance auf freiwillige Sexualität, aber er hat immerhin stets die Möglichkeit, für relativ wenig Geld körperliche Befriedigung kaufen zu können. Eine Frau dagegen, die bspw. wegen starkem Übergewicht oder anderen körperlichen Einschränkungen keine freiwilligen Sexualpartner findet, hat kaum Möglichkeiten, anderweitig Befriedigung zu finden - der Markt für männliche Prostituierte ist zumindest in Europa lächerlich gering entwickelt.


    Momentan lenke ich mich von meiner Situation vor allem durch meine Leidenschaft für klassische Musik und Literatur ab - meine CD-Sammlung ist binnen drei Jahren von etwa zehn auf rund 350 CDs gewachsen, täglich höre ich mindestens 2-3 Stunden. Außerdem bin ich einer Theatergruppe beigetreten, lese regelmäßig, habe auch begonnen, wieder gelegentlich zu schreiben. Solange ich die Disziplin habe, diese Beschäftigungen immer auszuführen, kann man auch ohne soziales Umfeld und ein Liebesleben oder die Aussicht darauf meistens ganz erträglich leben. Schmerzhaft ist es eigentlich nur, wenn ich mit anderen Menschen zusammentreffen muss und gezwungen bin, zu sehen, wie selbstverständlich alles, was in meinem Leben niemals auch nur ansatzweise vorhanden war, normalen Menschen zufliegt. Jeden Tag in der Schule Gespräche darüber zu hören, wer gerade seine hundertste Beziehung mit wem beendet oder begonnen hat, tut schon ziemlich weh, es wirkt wie aus einem Paralleluniversum. Mir fällt es schwer, zu glauben, dass es tatsächlich Menschen gibt, für die ein Liebes- und Sexualleben keine phantastische Traumvorstellung, sondern alltägliche Realität ist, etwas völlig Normales, das ihnen wie Luft und Wasser ihr ganzes Leben lang mühelos zufallen wird. Und es ist ja nicht einmal eine kleine Elite, die diesen Luxus genießt, sondern nahezu die gesamte Menschheit, auch bei weitem hässlichere, bei weitem langweiligere, bei weitem aggressivere und brutalere Menschen als ich. Ob diese Leute sich vorstellen können, dass es Menschen wie mich gibt, deren Leben vollständig ohne Liebes- oder Sexualerfahrungen verläuft? Wahrscheinlich kaum - auch in den Medien wird die Existenz solcher Menschen vollständig ignoriert. Es ist unmöglich, einen Film zu sehen, einen Roman zu lesen oder eine Zeitschrift durchzublättern, ohne auf massenhaft Geschichten über Beziehungsprobleme anderer Menschen zu stoßen. Dass es auch Leute gibt, die niemals die Chance haben, Beziehungsprobleme haben zu können, wird nicht wahrgenommen. Sogar die pessimistischsten Autoren trauen sich nicht, literarische Gestalten darzustellen, die ihr Leben vollkommen ohne Beziehungs- oder Sexualerlebnisse verbringen. Außer Michel Houellebecq kenne ich keinen zeitgenössischen Schriftsteller, der den Mut hatte, die Existenz dieses Phänomens in seinem Werk einzugestehen. Wenn man das in den Medien verbreitete gängige Bild betrachtet, dass wir in einer sexuell befreiten Zeit leben, in der das Problem nicht mehr darin besteht, sexuelle Befriedigung zu finden, sondern nur noch darin, mit dieser Möglichkeit verantwortungsbewusst umzugehen - dann kommt man zum Schluss, dass wir unfreiwillig Asexuellen Menschen sind, die es eigentlich nicht geben dürfte, lebende Widerlegungen des angeblichen Zeitgeistes. Ich muss immer schmunzeln und manchmal laut lachen, wenn ich Artikel über die sexuelle "Verwahrlosung" von Jugendlichen und über die angebliche Sexualisierung des europäischen Alltagslebens lese. Ja, an der sexuellen Verwahrlosung würde ich auch gerne ein bisschen teilnehmen, wenn sie denn tatsächlich stattfände. Immerhin bietet meine Situation aber auch Vorteile: Über die Risiken von AIDS und Geschlechtskrankheiten sowie Potenzprobleme werde ich mir niemals Sorgen machen müssen.


    Wenn ein Film oder ein Roman nun gar angibt, von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen zu handeln, kann man sicher sein, dass die Handlung sich zu 85% um das Sexualleben und die Beziehungsprobleme der Protagonisten drehen wird, als seien "Jugend" und "sexueller Überfluss" eine logisch zusammenhängende Begriffsverknüpfung. Das eigentlich Seltsame daran ist nun aber, dass diese Ansicht sogar zu stimmen scheint, wenn ich mir andere junge Menschen ansehe, bei denen das tatsächlich fast ausnahmslos zutrifft.

    Gogolsches

    Dabei war Gogol gar nicht unattraktiv ;-)


    Übrigens habe ich in letzter Zeit viel über eine Lösungsmöglichkeit für meine Lebenssituation nachgedacht, deren Existenz mir früher gar nicht so richtig bewusst gewesen war: Die freiwillige Kastration und das damit verbundene Absterben des Geschlechtstriebes - zumindest dann, wenn man die Operation auch noch mit der Einnahme von Medikamenten unterstützt. Die Schwierigkeit wird darin liegen, eine Klinik zu finden, die diesen Eingriff vornimmt, schließlich bin ich weder pädophil noch nekrophil, habe ein extrem geringes Aggressionspotential und niemals irgendeine Straftat begangen. Vielleicht wird es aber gehen, wenn ich spare, um die Operation selbst zu bezahlen. Die beste Lösung wäre es zweifellos, meine Lebensqualität würde drastisch steigen ohne die ständige Geißel eines nicht erfüllbaren Sexualtriebes. Momentan bin ich nun einmal in der unglücklichen Situation, genetisch für etwas konditioniert zu sein, das ich niemals haben kann. Der Druck der unerfüllten Sexualität überschattet inzwischen alles, womit ich mein Leben sonst erfüllen könnte. Ich liebe die Musik, die Literatur, das Schreiben und das Reisen, aber all diese Dinge, die eine gewisse Zufriedenheit oder sogar Glück schaffen könnten, werden vom tonnenschweren Gewicht des immer unterdrückten Sexualtriebes verdunkelt. Kaum kann ich mich noch auf das Schreiben konzentrieren, Musik rauscht oft nur noch vorbei, und auf Reisen treiben mich die Abermillionen glücklicher Paare in den Wahnsinn. Eine Kastration würde zwar die endgültige Kapitulation vor der Herausforderung, sich in die menschliche Gesellschaft zu integrieren, bedeuten, aber mir immerhin die Möglichkeit geben, halbwegs frei und unbeschwert das zu genießen, woran ich sonst Freude haben kann.

    @ Scriabin

    Zitat

    Ob diese Leute sich vorstellen können, dass es Menschen wie mich gibt, deren Leben vollständig ohne Liebes- oder Sexualerfahrungen verläuft? Wahrscheinlich kaum - ...

    Ich glaube es auch nicht - und selbst wenn es so wäre, werden die sich darüber mit Sicherheit nicht den Kopf zerbrechen. Manche von denen freuen sich sogar, wenn sie wiedermal Single sind, weil das zu vergleichen ist mit Urlaub, den man sich nach vielen Monaten harter Arbeit nur zu gern wünscht. Urlaub geht vorbei, für Arbeitslose geht er nie zu ende.

    Zitat

    Ich muss immer schmunzeln und manchmal laut lachen, wenn ich Artikel über die sexuelle "Verwahrlosung" von Jugendlichen und über die angebliche Sexualisierung des europäischen Alltagslebens lese.

    Es ist Ironie, wenn man solche Artikel auf sein eigenes Leben bezieht, und man könnte dann schon darüber schmunzel oder gar lachen, aber mir ist beim lesen solcher Annoncen nicht wirklich zum Lachen zu mute. Viel mehr bekomme ich kleinere Depressionen. In diesen Artikeln wird dann über das immer früher stattfindende erste Mal bei Jugendlichen berichtet - auch hier im Forum sind oft Leute die sagen: "Ich hatte mit XX Jahren mein erstes Mal - und es war viel zu früh!". Da denke ich mir auch immer 'lieber zu früh, als gar nicht'


    Kastration


    um Gottes Willen........


    Ich bin zwar nur 3 Jahre älter als Du und ich kann dir leider auch nur bestätigen, dass die gefühlsmäßigen Repressalien, die man ertragen muss, nicht wenieger werden - eher mehr.


    Aber deswegen die Eier ab, nein danke.