Stoffwechsel bei Magersucht: Warum wird weiter abgenommen?

    Hallo meine Lieben.


    Habe eine Frage an euch bzgl des Stoffwechsels. Habe mich in letzter Zeit etwas mehr mit dem Thema Stoffwechsel beschäftigt, weil ich es eigentlich schon sehr intressant finde. Allerdings muss ich immer wieder über diese eine Frage nachdenken: Bei einer Diät, bei der Person XY sagen wir mal 1000kcal zu sich nimmt, fährt der Körper den Stoffwechsel ja irgendwann dermaßen runter, dass keine Abnahme mehr stattfindet. Wie kann es dann sein, dass eine Magersüchtige doch noch immer weiter abnimmt, teilweise ja bis ins lebensbedrohliche Gewicht? Müsste da der Stoffwechsel nicht auch irgendwann einmal so weit sein, dass es stagniert? Warum ist es dann möglich, zu verhungern?


    Und: Mir wurde von einem Arzt gesagt, der Stoffwechsel könne nicht weiter herunterfahren als der Grundumsatz. Was stimmt denn nun?


    So viele Fragen, interessantes Thema. Würde gerne eure Meinungen/Erfahrungen hören und an eurem Wissen teilhaben! :)


    Schönen Abend wünsche euch! :)


    Eure kleine Künstlerin *:)

  • 11 Antworten

    Wenn du dauerhast zuwenig isst, geht der Körper an die (Fett)Reserven..irgendwo muss die Energie ja herkommen, um überleben zu können (Bewegung, Denken usw.).


    Eine Magersüchtige nimmt auch nicht 1000kcal zu sich, sondern in den meisten Fällen nichtmal mehr 100.

    ich glaub,das war jetzt nicht so gut verständlich, ich versuch es mal anders zu erklären.


    Wird zu wenig gegessen, erfolgt keine Abnahme mehr, da der Körper damit rechnet, dass eine Hungerzeit bevorsteht. Er lagert also möglichst viel Fett ein, damit der Mensch in der Zeit über die Runden kommt, und ggf. bei andauernder Hungerperiode von den Fettreserven leben kann.


    Eine Magersüchtige nimmt aber von vorneherein so wenig Nahrung zu sich, dass von dem bisschen gar nix mehr angelagert werden kann, sondern gleich an die noch vorhandenen Fettreserven gegangen wird. Es erfolgt also eine (sehr ungesunde) Abnahme

    Zitat

    Müsste da der Stoffwechsel nicht auch irgendwann einmal so weit sein, dass es stagniert? Warum ist es dann möglich, zu verhungern?

    ;-D Du bist gut... Wenn dein Stoffwechsel stagniert, dann ist genau das passiert, du bist verhungert!


    Der Stoffwechsel ist die Gesamtheit der chemischen Prozesse in unserem Körper, die uns mit Energie versorgen.


    Du brauchst eine Mindestengergiemenge, um zu überleben, dein Gehirn, die Muskeln.. das alles muß mit Energie versorgt werden, wenn du unter der Mindesmenge ißt, greift der Körper die Reserven an und fährt Sparprogramm. Aber auch das Sparprogramm..d.h. der reduzierte Grundumsatz beträgt mehr als die paar Kalorien, die einige Magersüchtige zu sich nehmen. Wenn dann die Reserven weitgehend verbraucht sind (also das Körperfett abgebaut wurde) wird die Magersüchtige verhungern.

    übrigens "verhungern" nur rund 15% aller aneroxiebetroffenen. der größte teil stirbt durch suizid, der andere teil an organversagen.


    auch "magersüchtige" sind keine idioten, die meisten kennen sich mit ernährung besser aus als so manch ein ernährungsberater, die umsetzung scheitert allerdings, bzw man nutzt sein wissen nur dazu, an gewicht zu verlieren.


    um ein herunterfahren des stoffwechsels zu vermeiden, wird probiert, jeden tag um rund 100 kcal zu varieren. an einem tag isst man 700, am anderen 500, dann wieder 800 und dann wiederrum 300.


    zusätzlich legt man einen refeed-day ein. woher ich das weiß? ich war selbst betroffen und es beißt mich ein bisschen, sowas zu lesen.


    unter 100 kcal isst man wirklich nur dann, wenn man schon ganz schön am ende ist. schließlich hat man auch trotz aneroxie hunger der einem im magen nagt und man sich nur schwer auf den füßen halten kann.


    der rest wurde von den anderen sehr gut erklärt. allerdings baut der körper nicht nur fett ab, sondern auch muskelmasse.

    @ PowerPuffi

    Danke für deine Antwort. Bei mir ist das irgendwie ganz anders als bei dir. Also ich variiere meine Kalorienzufuhr eigentlich seltenst, außer in Ausnahmefällen (erzwungen zB), weil mir 800kcal z.B. utopisch erscheinen, mir wäre das zu viel, dabei bin ich noch nicht lange krank. Ist zwar ein Prozess, aber mehr oder weniger 4 Monate vielleicht. Also alles über 200kcal bereitet mir Probleme, momentan auch kleinste Mengen (vom Kopf her halt). Refeed kenne ich auch ;-) mache ich aber schon lange nicht mehr geplant, weil ab und zu so oder so mal ne "größere Menge" ungeplant dazwischen kommt (du weißt bestimmt, was ich meine). Hunger hab ich in dem Sinne auch nicht und wenn, dann spüre ich ihn nicht oder er ruft bei mir keine Übelkeit hervor wie bei manch anderen Leuten. Habe höchstens Heißhunger.


    Dass ich mich mit Ernährung gut auskenne würde ich auch sagen... eben die Nährstoffe, Kalorienangaben, was wirkt wie,... das mit dem Variieren und dem Refeed etc kenne ich ja auch alles, aber ich würde das alles gern genauer wissen. Einfach auch aus Interesse, ich mag solche Themen. Würde später auch gerne Bio studieren :) Mich interessiert sowas sehr.

    @ alle anderen

    Danke für eure Antworten, das war ganz gut verständlich. Wo liegt denn der reduzierte Grundumsatz? Was dieser Arzt dann behauptet hat, ist dann ja absoluter Schwachsinn. Ich finde über dieses Stoffwechselthema hört/sieht/liest man so viel verschiedenes, dass man gar nicht mehr weiß, was man glauben soll.

    Zitat

    Wo liegt denn der reduzierte Grundumsatz?

    Der ist individuell verschieden – genau wie bei normal essenden Menschen.


    Das hängt von deiner Größe ab, von deiner Hormonsituation (bes. Schilddrüsenhormone), von deinem Cortisol- und Adrenalinspiegel, und, und, und...


    Der Arzt hat übrigens irgendwie auch recht... der Grundumsatz ist definiert als die Energiemenge, die du durch Stoffwechselprozesse verbrauchst allerdings ist der Grundumsatz durch Ernährung beeinflussbar(-> Sparprogramm)


    So linear, planbar und kalkulierbar, wie es jetzt klingt und wie Powerpuffi es beschreibt, ist das alles aber nicht.


    Ich habe mitbekommen, wie ein magersüchtiger Mitpatient in einer Klinik verhungert ist, mit täglichen Infusionen und Sondenkost von igs. 8000 kcal. Sein Körper hat auf einmal eine katabole Stoffwechsellage entwickelt und irre Mengen verbraucht.


    Das war damals ein Schock für mich – ich dachte, dass ich ja alles jederzeit unter Kontrolle habe und dass ich ja zunehemen könnte, wenn ich irgendwelche körperliche Schäden bekomme.


    Dieser Mitpatient wollte nicht sterben und trotzdem ist er verhungert. Das hat mich damals nicht aus der Magersucht rausgeholt, war aber ein heftiger Hallo-Wach-Effekt.

    @ tatua

    Dann müsste ja der reduzierte GU nicht so weit unter dem normalen GU liegen eigentlich. Ich meine der Körper kann ja bestimmt nicht mit 500kcal täglich leben, so weit kann man doch seinen Stoffwechsel gar nicht runterfahren? Das wäre schon krass. Unser Körper ist echt ein Wunder und ich mache ihn mir mit dieser Krankheit kaputt -.-


    Das mit dem Mitpatienten klingt heftig. Ich war/bin eigentlich auch immer der Meinung, dass ich zunehmen KÖNNTE... so ganz stimmt das zwar nicht, weil essen könnte ich wohl nicht ohne weiteres, aber ich war der Meinung es gäbe IMMER eine Möglichkeit, Kalorien zuzuführen, um zuzunehmen. Dass so etwas möglich ist, wusste ich gar nicht. Klingt vielleicht sehr dumm, aber irgendwie schreckt mich das immer noch nicht genug ab, warum weiß ich auch nicht. Was hat dir denn letztendlich aus der Magersucht geholfen? Wie lange warst du denn krank, wenn ich fragen darf?


    Ich bin jetzt in Therapie, aber hatte erst einen Termin. Da wird aber nicht mein Essverhalten therapiert, sondern in erster Linie mal Ursachenforschung betrieben.


    Danke für deine Antwort :)

    Zitat

    Klingt vielleicht sehr dumm, aber irgendwie schreckt mich das immer noch nicht genug ab, warum weiß ich auch nicht.

    Magersucht hat etwas selbstzerstörendes...letztlich spielst du mit hohem Einsatz, auch wenn es dir nicht bewußt ist.


    Mir ging es sehr um Kontrolle und letztlich hatte ich die Kontrolle schon lange verloren, ich war panisch, wenn ich statt 15 Salzstangen 16 gegessen hatte, ich hatte Angst vorm Essen :°(


    Ich war von ca 15 bis 18 magersüchtig und dann noch bulimisch bis ca. Mitte 20.


    Den einen Faktor, der mir rausgeholfen hätte, gab es nicht. Ich habe mehrere Therapien gemacht, dreimal war ich auch lange stationär in Therapie. Irgendwann habe ich kapiert worum oder wogegen ich eigentlich kämpfe und dann bin ich Schritt für Schritt da raus gekommen.


    Hier sind noch mal Informationen über Verhungern und Grundumsatz für dich...


    Die Überlebenszeit eines vorab normalgewichtigen Menschen ist bei Hungern ohne Wasserzufuhr 4 bis 10 Tage, bei Hungern mit Wasser und Vitaminzufuhr 30 bis 50 Tage. Beim Hungern kommt es zur unzureichenden Zufuhr von Kohlenhydraten, im "Hungerstoffwechsel" kommt es innerhalb von 2 Tagen zur Reduktion des Energieverbrauches auf 50% (inklusive Gehirn), die Körpertemperatur sinkt gegen 34°C Körpertemperatur, das Starvationssyndrom setzt ein. Der Insulinspiegel sinkt. Die Glycogenreserven werden aufgebraucht. Nach zirka einer Woche kommt es wegen des zunehmenden Abbaus von Fettsäuren (Lipolyse) zum extrazellulären Anstieg von Ketonkörpern (alternative Energiequelle zu Glucose). 1 kg Körperfett kann 7.000 kcal Energie liefern. Es kommt zur Ketose im Blut, zur Ketoacidose und zur Ketonurie. Gleichzeitig kommt es beim fortschreitenden Hungern zum Wasserverlust (200 bis 500 g/Tag), weiters zum Eiweißabbau, zur Hypoalbuminämie, zum Muskelabbau (inklusive Herzmuskel), zu Hungerödemen. In 14 Tagen gehen etwa 15 bis 20% des Körpergewichts verloren.


    Während des fortschreitenden Gewichtsverlusts intensiviert sich die Ketoacidose (Hungeracidose) durch Absinken der Alkalireserven (Pufferbasen: Hämoglobin, Plasmaeiweiße, Bicarbonat). Die metabolische Acidose kann auch durch Hyperventilation nicht ausgeglichen werden. Der Vitaminmangel wirkt sich aus. Ein hirnorganisches Psychosyndrom ist fassbar. Mit Hypothermie, Hypotonie, Bradykardie und Herzmuskelschwäche tritt der Tod durch Verhungern ein, wenn 30–50 % des gesamten Körpereiweißes abgebaut sind. Kurz vor dem Tod kann schwere Diarrhoe einsetzen. Die Todesursachen sind Infektionen, Elektrolytstörungen (Kalium), Herzversagen, Koma bei Glucosewerten unter 10 mg/100 ml.


    Starvation ist eine extreme Form der Unterernährung (Malnutrition), mit der die Deckung des Grundumsatzes nicht möglich ist. Sie ist die Folge von Fasten oder Hungern. Bei starker Gewichtsabnahme, wie bei AN, entwickelt sich eine Eigendynamik, die in das Starvationssyndrom mündet; der Körper passt sich durch einen verringerten Stoffwechsel, die Senkung der Körpertemperatur und des Herzschlages an die Ernährungssituation an und kann so den Zustand der Mangelernährung lange tolerieren.


    ////


    Dies ist das, was wahrscheinlich meinem Mitpatienten damals passiert ist:


    Refeeding Syndrom,


    Hypophosphatämie: Im Zustand der Unterernährung befindet sich der Organismus in einer katabolen Stoffwechsellage, wobei jegliche Energie über den Fettstoffwechsel erzeugt wird, der keine phosphathaltigen Enzyme wie z. B. ATP (Adenosintriphosphat) benötigt. Während der Wiederauffütterung kommt es allerdings zu einer anabolen Stoffwechsellage, durch die Insulinausschüttung werden vermehrt phosphathaltige Mediatorstoffe produziert. Bei zu raschem Refeedingentstehen Flüssigkeits- und Elektrolytverschiebungen (von extra- nach intrazellulär) mit Auftreten schwerer Hypophosphatämien, Phosphatdepletion und dadurch bedingten kardiovaskulären, neurologischen und hämatologischen Komplikationen.


    Dieses sogenannte "Refeeding Syndrom", klinisch fassbar durch Hyperalimentation anorektischer PatientInnen mit Hypophosphatämien (womöglich < 0,5 mmol/l bei einem Normbereich von 0,8 bis 1,5 mmol/l), beinhaltet ein Mortalitätsrisiko. Kardiale Arrhythmien mit Herzversagen, Muskelschwäche, Delir, Immunschwächen können zum plötzlichen Tod führen


    LG, Tatua

    Ja, die Magersucht ist selbstzerstörerisch. Mir geht es auch um die Kontrolle, aber ich hab schon in den ersten paar Wochen gemerkt, dass die Kontrolle schon längst nicht mehr in meiner Hand lag, sondern in der der Krankheit. Hab ich was dagegen unternommen? Nein. Weil ich mich nicht "traue". Irgendwo habe ich sogar Angst, die Krankheit zu "verlieren". 'Aufzugeben' wäre wohl der bessere Begriff. Warum das so ist, weiß ich nicht. Vielleicht weil ich zuviel Angst habe, meine Probleme anders bewältigen zu müssen. Eigentlich ist das ja das Schlimme: Ich weiß so viel darüber, bin mir von Anfang an der Krankheit bewusst und trotzdem kann und will ich nichts dagegen unternehmen. Denke mal die Therapie ist ein erster Schritt, auch wenn das erstmal das Essverhalten nicht betrifft. Hoffe ich jedenfalls.


    Danke für deinen Text. Finde das ziemlich interessant alles. Eigentlich schade, dass man sich so ein Wunder der Natur kaputt macht, aber irgendwo tut man/tue ich es ja nicht mit Absicht, denke ich manchmal.


    du sagst ja du hast irgendwann erkannt, wofür du kämpfst. Darf ich dich Fragen, was du da für eine Erkenntnis hattest? So dumm es auch klingen mag (aber du kennt das ja wahrscheinl): Ich weiß es nämlich nicht. Im Moment gibt mir die ES sogar Halt, obwohl ich mir über das alles bewusst bin... und obwohl es mir nicht gut geht. Wie bist du zu der Erkenntnis gekommen? Ich will dich nicht nerven, aber finde es interessant mit dir zu schreiben.


    lg *:)

    Deine FRage ist gar nicht so leicht zu beantworten, Künstlerin.


    Ich war damals nicht sehr glücklich mit mir und kam auch mit meiner Umwelt nicht gut klar.


    Ich hatte das Gefühl dass eine dicke Glaswand zwischen mir und den Manschen war und ich wollte einerseits schrecklich gern dazugehören und so sein wie alle anderen und andererseits hatte ich eine Scheißwut auf die Welt.


    Mein Hungern eignete sich um beides auszudrücken – ich hatte den Wahn, dass ich, wenn ich nicht mehr fett wäre, mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit von meiner Umwelt bekommen würde und gleichzieitg habe ich so auf die unbeherrschten, gefräßigen Leute herabgesehen, die hemmungslos Tonnen von fettigem Essen in sich hineingestopft haben.


    Mein Leben war in fast jeder Hinsicht außer Kontrolle.


    Ich war unglücklich und wußte nicht, wie ich das abstellen könnte, ich war einsam, auch wenn ich unter Menschen war und ich wußte auch da nicht, wie ich aus der Isolation herauskommen soll. Ich hatte kein Konzept mehr, wie mein Leben weitergehen kann.


    Das einzige, was ich subjektiv im Griff hatte, war meine Nahrungsaufnahme und mein Körper.


    Da konnte ich "Nein" sagen, was ich in sozialen Kontakten nicht konnte.


    Ich habe um Autonomie gekämpft mit meiner Magersucht und gleichzeitig habe ich um Hilfe geschrieen, auf die einzige Weise, die noch konnte.


    Als mir das alles in der Therapie langsam klar wurde, habe ich angefangen zu lernen, selber um Hilfe zu bitten, Bedürfnisse zu äußern und mir Freiräume für mich und mein Leben zu schaffen und habe Menschen dosiert durch meine Isolationswand gelassen. So wurde die Magersucht als Schutz langsam unnötig @:)

    Ich z.B. bin schon mit 12 erkrankt und habe schon so einiges gesehen.Von welchen die garnicht bis übermässig zugenommen haben war alles dabei.Ich habe im letzten klinik Aufenthalt eine zeitspanne von drei bis vier tagen gehabt wo ich trotz 4 fortimels (kennt ihr bestimmt auch,energie drink,wie sondennahrung) abgenommen! :-o


    Bei der aufnahme wog ich bei 1,63m nur 30 Kilo.