Alkohol – willenlos verloren?

    Ich fragte mich in letzter Zeit mehrfach, anhand von Beiträgen hier im Forum, eigenen Erfahrungen und auch Leuten aus dem Bekanntenkreis, ob es sein kann, dass jemand, der Alkoholiker ist, gar keine Chance hat, irgendwas gegen die Sucht zu tun.. ob es das vorbestimmte Schicksal ist, bis zum bitteren Ende weiterzutrinken (und eventuell auf dem absoluten persönlichen Tiefpunkt wieder die Kurve zu kriegen).


    Sind die Mechanismen der Sucht, und die Spuren, die der Alkohol im Gehirn hinterlässt (die Kombination aus Trink- und Geschmackserlebnis und gleichzeitiger massiver Aktivierung des Dopaminsystems) eventuell so umwerfend schön und nachhaltig und bewirken eine derart massive "Konditionierung", dass der Trinker gar keine Chance mehr hat, dagegen anzukommen? Dass selbst bei größtem Willen zur Abstinenz und vielen guten Vorsätzen und Probleme durch das Trinken usw usf immer noch eine Stimme in ihm ist, die ihm sagt, "trinken ist gut!" (also quasi das Suchtteufelchen), die so viel Macht hat, das jeder Widerstand schmilzt?


    Mein Eindruck ist, dass es in der Tat so ist. Aber was kann man dann noch tun?

  • 174 Antworten

    Naja - tun kann man schon etwas, man muss sich nur von dem Gedanken verabschieden, dass es eine Heilmöglichkeit gibt, denke ich.


    Das Einzige, was man dagegen tun kann, ist in meinen Augen, durch massive Anstrengung möglichst lange abstinente Regenerationsphasen einzulegen oder seine (Alkohol)Sucht durch eine andere Sucht zu substituieren (wenn man es schafft, etwas weniger Zerstörerisches anzuleiern, ists wenigstens ein wenig "besser", behebt das Grundproblem aber natürlich nicht).


    Sucht ist (glaube ich zu wissen :-) ) nicht heilbar und ein lebenslanger Kampf - dass das nur die Allerwenigsten durchhalten, ist nicht verwunderlich in meinen Augen.

    Ich bin trockener Alkoholiker und habe die Kurve bekommen. Denke noch an das Trinken und verspüre die Lust. Das geht so lange, bis ich mir wieder bewusst mache, was ich mir alles kaputt gemacht habe. Nachdem das der Fall ist, gibt es für mich keinen Grund einen zu Tinken.


    Ich bin davon überzeugt, dass ein Suchtkranker es schaft, wenn er an sich und seinem Verhalten arbeitet und dazu abstinent bleibt.


    Wenn er diesen Weg nicht geht wird er früher oder später rückfällig.

    Alkohol bringt schnell gute Stimmung,


    und das ist das größte Problem.


    Ich spreche aus Erfahrung und werde wahrscheinlich


    immer wieder rückfällig,


    weil ich mit bestimmten Tatsachen und Ereignissen


    nicht fertig werde bzw. damit nicht umgehen kann.


    Sicher wäre das Leben viel schöner,


    wenn ich zu meiner Partnerin sagen könnte: Ich liebe Dich.


    Das wäre ein adäquater Ersatz.


    Ich denke, dass ich zu viel allein bin.


    Das Schlimmste bei jedem Rückfall


    sind nachfolgenden Depressionen.


    Für heute habe ich mir vorgenommen,


    das es wieder Tag 1 ist ohne Alkohol,


    nach 7 Tagen ist der Körper ja entgiftet,


    aber die Gedanken an Alkohol drängen sich


    immer wieder in mein Bewußtsein.


    wünsche allen Betroffenen viel Kraft.


    Jürgen.

    Ich schliesse mich TopGear an... in allen Punkten hast Du recht.


    @ hamfrie... und solange Du diese Einstellung

    Zitat

    werde wahrscheinlich immer wieder rückfällig, weil ich mit bestimmten Tatsachen und Ereignissen nicht fertig werde bzw. damit nicht umgehen kann.

    nicht wirklich konsequent, ernsthaft und nachhaltig änderst, wirst Du Recht behalten und immer wieder rückfällig werden.


    Niemand sagt, dass es einfach wird und leicht, es ist ein schwerer Weg, lang und beschwerlich – aber es lohnt sich. Ich lese immer mal wieder in Deinem anderem Faden – ausser Wälzen in eigenem Mitleid les ich da nix anderes. Unternimm was, tu was, ändere Deine Einstellung, hol Dir Hilfe und nimm diese an... dann kannst Du es schaffen.

    Edit:


    Ich sitze hier und bin mitten in der "Kurve". Soll nichts anderes heißen, als dass ich gerade meine Altlasten und meine Ruinen wieder aufbaue. Sitze hier und bewerbe mich, telefoniere mit Unternehmen etc....Habe zum ersten mal seit langer Zeit mal wieder mit meinem Schwager telefoniert, der nichts von meinem Alkoholproblem weiß und sich bestimmt schon gefragt hat, was mit mir los ist. Mit der dazugehörigen Frau (also meine Schwester) habe ich immernoch keinen Kontakt, sie weiß ja auch nichts davon......laber rabarber.....Finanzen usw.....


    Wenn man denkt, man hört einfach mal auf zu trinken und es wird von alleine besser, hat man sich tierisch geschnitten. All diese Telefonate und das Geradebiegen diverser Sachen ist unangenehm, anstrengend, macht einem Sorgen, geht an das Selbstwertgefühl usw. Aber es hilft ja nichts! Früher hatte man die Medezin gegen alles ALKOHOL! Heute halt nicht. Für mich ist meine Medezin die Erledigung dieser blöden Altlasten, denn danach weiß ich, dass es in die richtige Richtung geht. Das macht micht glücklich. Der Körperliche Entzug ging ca. eine Woche. Jetzt lerne ich mich mal richtig kennen!


    Zur Hilfe gehe ich zu meinem Doc, mit dem ich gut austausche und wir so eine Art Verhaltensteraphie machen – ohne Medikamente. Und um Trocken zu bleiben gehe ich zu einer SHG. Das ist mein Weg, der endlich mal funktioniert nach vielen Versuchen es alleine zu schaffen. Der erfordert 100 % Ehrlichkeit. Davon müsste ja genug da sein, wenn diese nicht angerührt wurde über Jahre – alles war bei mir als Säufer eine Lüge.


    Heute scheint mir die Sonne noch nicht aus dem Hintern, wenn ich aber diesen Weg gehe, dann wird sie es tun.

    Bei mir ist es so, dass es längere Abstinenzphasen gibt (Monate, oder auch mal ein Jahr), wo der Alk "kein Thema" ist, es kein Problem ist, keine Versuchung besteht, es mir insgesamt rundum gut ohne das Zeug geht.


    Und dann gibts andere Phasen, wo Trinken "generell erlaubt" ist, da fällt es mir schwer, länger als ein paar Tage abstinenz zu bleiben. Und wenn ich mit Trinken anfange, gehts immer bis zum Erreichen der "Wohlfühldosis", bei mir ca. 150 ml Alk. Vorher aufhören ist schwierig.


    Irgendwie ist da was in einem, was danach verlangt, und eine ziemlich starke Macht hat. Am schwierigsten finde ich den "ersten Tag nach dem Katertag", wo man körperlich wieder halbwegs fit ist. Da kommt abends irgendwann die "Kampfphase", wo die Stimme sich zu Worte meldet und einem sagen will, wie toll das jetzt wäre, was zu trinken, und häufig ist es mir unmöglich, dem zu widerstehen, obwohl ich genau weiss, das ich das alles in allem gar nicht besonders genießen werde und es mir am Tag drauf deutlich unffitter geht. Diese Phase ist es eigentlich, die ich mit diesem Faden meine. Diese "Versuchungs-Phase", wo man zwangsläufig immer verliert, sowie Trinken eine "in Frage kommende Option ist". Nur wenn es "kategorisch gar kein Thema ist", man sich also gar nicht auf "Diskussionen mit dem Alkohol" einlässt, klappt es. Das ist zumindest mein Eindruck.


    Und der Wechsel von "nasser" zu "trockener" Phase kommt bei mir meist dann, wenn es mir so schlecht geht (durch den Alk, oder auch durch sonstige Lebensumstände, oder beides in Kombination), dass ich es subjektiv schwer erträglich finde und der Leidensdruck, an diesem desolaten Zustand unbedingt was ändern zu wollen, so groß wird, dass der Alk auf einmal wieder "kein Thema" ist. Was dann eine Weile klappt, dann gehts mir wieder besser, dann wird Trinken "wieder mal in Erwägung gezogen", und so geht das immer hin und her.

    Ich glaube, genau das ist Ding. Wenn man in eine Phase kommt, in der der Aklkohol wieder jede Vernunft auszuhebeln versucht, dass man dann Ansprechpartner hat, die das gleiche durchmachen. Oder man hat einen guten Therapeuten hat, der einem zur Seite steht. Vielleicht hiflt dem Einen genau das nicht, dafür aber Sport oder lange Spaziergänge im Wald ohne Geld in der Tasche, damit man nicht irgendwo reinkommt. Dafür muss man sich selber kennen und wissen, wie man diese Zeit überbrückt.

    Manchmal hilft Strategie "Zeit".. also ich erlaube mir generell zu trinken, habe aber vorher noch anderes zu tun, und irgendwann ist es so spät, dass ich nüchtern müde ins Bett gehe ohne getrunken zu haben. Aber trotzdem, ätzendes Problem.

    @ Rübensüßchen

    Was meinst du damit ich wälze mich in Selbstmitleid?


    Allerdings kann ich mir selbst nicht erklären, warum es schon wieder passiert ist.


    Das der Griff zur Flasche absolut keine Lösung für anstehende Problem ist,


    weiß ich nur zu gut.


    Wenn ich wieder freiwillig in eine Klinik zum Entzug gehe,


    bin ich wieder in Erklärungsnot, welche dann unangenehme Konsequenzen


    nach sich zieht.

    Zitat

    Was meinst du damit ich wälze mich in Selbstmitleid?

    Das meine ich damit

    Zitat

    Wenn ich wieder freiwillig in eine Klinik zum Entzug gehe,


    bin ich wieder in Erklärungsnot, welche dann unangenehme Konsequenzen


    nach sich zieht.

    Erklärungsnot ?? Was musst Du wem erklären... oder meinst Du eher rechtfertigen ??


    Vermeidungstaktik in meinen Augen. Klar, Klinik ist ungeil, und bestimmt werden Dir ne Menge unangenehme Fragen gestellt, jede Menge sogar.


    Aber nicht um Dich zu ärgern, sondern um Deinem Suchtverhalten auf den Grund zu kommen... denk mal drüber nach ...

    Gibts hier eigentlich noch mehr Leute (wobei die Frage doof formuliert ist, natürlich gibt es die), die das Phänomen des "nicht mehr aufhören könnens, bis der Zielpegel erreicht ist", nachdem sie einmal mit Trinken angefangen haben, kennen?


    An diese zwei Fragen -


    war das schon immer so, oder ist es erst im Laufe der Suchtkarriere entstanden?


    und wie fühlt sich das subjektiv dann für euch an? Was wäre, wenn ihr "vorher" aufhören würdet?

    Ich denke, ein Alkoholiker wird niemals kontrolliert trinken können. Was für einige normal ist, z.B. beim Ausgehen einen zu trinken, bringt einen Süchtigen schnell aus dem Gleichgewicht. Ja, es ist wohl ein lebenslanger Kampf, wobei ich von einigen Betroffenen gehört habe, dass ihnen der Verzicht mit der Zeit, also nach vielen Jahren, leichter fällt.


    Mein Vater ist auch ein Trinker. Wir sehen alle zu, wie er sich selbst mehr und mehr ruiniert, können aber nichts tun, da ihm die Einsicht in sein Problem fehlt.

    Jan74

    Zitat

    Sind die Mechanismen der Sucht, und die Spuren, die der Alkohol im Gehirn hinterlässt (die Kombination aus Trink- und Geschmackserlebnis und gleichzeitiger massiver Aktivierung des Dopaminsystems) eventuell so umwerfend schön und nachhaltig und bewirken eine derart massive "Konditionierung", dass der Trinker gar keine Chance mehr hat, dagegen anzukommen?

    Ja, das könnten sicher auch Mechanismen sein, auf die jemand geprägt wurde und sehr gute Ausreden, warum es nicht funktioniert, schließlich ist "es" ja dann stärker.

    Zitat

    Dass selbst bei größtem Willen zur Abstinenz und vielen guten Vorsätzen und Probleme durch das Trinken usw usf immer noch eine Stimme in ihm ist, die ihm sagt, "trinken ist gut!" (also quasi das Suchtteufelchen), die so viel Macht hat, das jeder Widerstand schmilzt?

    Das ist für mich ein Widerspruch. Wenn jemand will, dann tut er es auch, sonst ist es eben kein Wille, sondern nur Lippenbekenntnisse. Da gibt es natürlich die unterschiedlichen Definitionen von "Wille".

    Zitat

    Mein Eindruck ist, dass es in der Tat so ist. Aber was kann man dann noch tun?

    Verantwortung für sein Handeln übernehmen kann man. Es ist nicht "irgendeine Stimme" in seinem Kopf – er entscheidet, was er denkt. Er kann jederzeit entscheiden nicht mehr zu trinken. Wenn er der Stimme nicht Herr ist, hat er aus meiner Sicht ein viel größeres Problem.

    Zitat

    Und der Wechsel von "nasser" zu "trockener" Phase kommt bei mir meist dann, wenn es mir so schlecht geht (durch den Alk, oder auch durch sonstige Lebensumstände, oder beides in Kombination), dass ich es subjektiv schwer erträglich finde und der Leidensdruck, an diesem desolaten Zustand unbedingt was ändern zu wollen, so groß wird, dass der Alk auf einmal wieder "kein Thema" ist. Was dann eine Weile klappt, dann gehts mir wieder besser, dann wird Trinken "wieder mal in Erwägung gezogen", und so geht das immer hin und her.

    Naja – eine Abhängigkeit wird aus meiner Sicht nicht damit "bekämpft", indem mit dem Willen als Brecheisen herangegangen wird. Es geht genau um die Auslöser/Ursachen, denen anders als mit der Sucht begegnet werden muss und das ist vor allem die Erkenntnis, dann Arbeit und Lernen. Dann funktioniert die Umkonditionierung auch. Auch geht es aus meiner Sicht nicht um einfach oder schwer, dann das lese ich in vielen Fäden. Zuerst: Wie schaffe ich das und wenn Wege aufgezeigt werden, kommt – das ist aber nicht einfach. etc. etc. Ja und? Willst Du es oder willst Du es nicht?