• Alkohol – willenlos verloren?

    Ich fragte mich in letzter Zeit mehrfach, anhand von Beiträgen hier im Forum, eigenen Erfahrungen und auch Leuten aus dem Bekanntenkreis, ob es sein kann, dass jemand, der Alkoholiker ist, gar keine Chance hat, irgendwas gegen die Sucht zu tun.. ob es das vorbestimmte Schicksal ist, bis zum bitteren Ende weiterzutrinken (und eventuell auf dem absoluten…
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    Und aus meiner Sicht kommt bei der "Alles oder nichts"-Einstellung noch hinzu, dass sich der "Rückfällige" als Versager betrachtet bzw. betrachten "muss". Und zwar, weil das als Therapiemaßgabe gilt. Trocken oder nass, dazwischen gibts nichts, weil es da nichts zu geben hat.

    Ja, das sehe ich auch als Problem.


    Mir geht es so wie dir, ich nehme es auch so wahr, als gäbe es keinen "Übergangszustand" für einen Alkoholiker.


    Ich bin keine Alkoholikerin und meine Erfahrungen sind daher sicher nicht zwingend eins zu eins übertragbar, aber wenn ich an meine ersten Monate in der Therapie damals denke, dann war ich damals gar nicht dazu in der Lage, mein Suchtmittel von heute auf morgen aufzugeben. Ich meine, ich war ein seelisches Wrack. Die Therapie war heftig und riss uralte Wunden wieder auf. Manchmal habe ich mir schon auf dem Rückweg nach Hause diverse Nahrungsmittel gekauft, habe sie in mich hineingestopft und später alles wieder ausgekotzt. Ich kann nur für mich sprechen, aber wäre mir das "verboten" worden, dann wäre ich gescheitert. Mich von heute auf morgen auf Abstinenz zu konzentrieren, hätte mir wertvolle Kraft an anderen Stellen geraubt.


    Ich will das auch nicht schönreden, denn natürlich gibt es auch noch die Sorte Mensch, die diese "Rückfälle" bewusst einplanen und sich selbst vormachen, sie würden ja an ihrem Problem arbeiten. Das merkt man aber irgendwann, denn wenn man seit zwei Jahren in einer Therapie steckt und immer noch regelmäßige Einbrüche hat, dann stimmt sicherlich etwas nicht.


    Bei mir änderte sich die Sicht auf meine Essstörung allmählich. Nach ein paar Monaten begann ich, aufzuschreiben, was sich in mir abspielte, bevor ich anfing zu essen. Das änderte erstmal nichts an der Kotzerei, aber ich trat endlich in Kontakt mit mir. Im Laufe der Zeit merkte ich dann, dass ich tatsächlich eine Wahl habe. Dass sich ein Buffet nicht von allein in mich hineinstopft, sondern dass ich es bin, die dort isst. Ich habe wieder angefangen, Geschmack wahrzunehmen und lernte zunehmend Hunger, Appetit und Sättigungsgefühl zu erkennen. Aber das passierte nicht gleich, sondern ich habe es regelrecht lernen müssen.


    Dass jemand, der monatelang auf Alkohol verzichtet und dann mit einem Glas Wein anfängt bei zwei Flaschen landet, wundert mich nicht. Wie sollte es denn auch anders sein? Er weiß ja gar nicht, was da abläuft und welche Strategien er hätte, um so etwas zu verhindern oder aufzuhalten. Die einzige Lösung, die dann immer vorgebetet wird, ist: "Daher darfst du ja auch nicht trinken!".


    Warum gibt es da keine anderen Ansätze? Wäre es wirklich unmöglich, sich als Ziel einen kontrollierten Umgang mit Alkohol zu setzen? Und die Rückfallquoten sind doch auch jetzt schon so hoch, dass man den derzeitigen Ansatz nicht mit einem so hohen Erfolg rechtfertigen kann.

    Zitat

    Dass jemand, der monatelang auf Alkohol verzichtet und dann mit einem Glas Wein anfängt bei zwei Flaschen landet, wundert mich nicht. Wie sollte es denn auch anders sein? Er weiß ja gar nicht, was da abläuft und welche Strategien er hätte, um so etwas zu verhindern oder aufzuhalten. Die einzige Lösung, die dann immer vorgebetet wird, ist: "Daher darfst du ja auch nicht trinken!".

    Richtig! Und zudem bleiben die Schuldgefühle nicht aus, die "trinke ich dann doch am besten gleich mit weg". Müsste sich der Alkoholiker dann nicht als gescheitert ansehen, bräuchte er aus DEM Grund nicht weiterzutrinken.

    Zitat

    Warum gibt es da keine anderen Ansätze? Wäre es wirklich unmöglich, sich als Ziel einen kontrollierten Umgang mit Alkohol zu setzen? Und die Rückfallquoten sind doch auch jetzt schon so hoch, dass man den derzeitigen Ansatz nicht mit einem so hohen Erfolg rechtfertigen kann.

    Doch, die gibt es inzwischen. Sind aber "in Suchttherapiekreisen" verpönt.

    Zitat

    Doch, die gibt es inzwischen. Sind aber "in Suchttherapiekreisen" verpönt.

    Ah, interessant.


    Wobei ich mir schon vorstellen kann, dass solche Therapien auch ein Auffangbecken für all diejenigen ist, die diese Therapieform nur deshalb wählen, weil sie meinen, damit fröhlich weitertrinken zu können, gleichzeitig aber Partner/Angehörigen/Arbeitgebern oder wem auch immer vormachen können, das Problem ernsthaft anzugehen.


    Also es ist nicht so, dass ich da kein Problem sehe. Aber ich finde es schade, dass denjenigen, die ernsthaft etwas an ihren Verhaltensmustern ändern wollen, meist nur der Weg der Abstinenz bleibt.

    "Kontrolliertes Trinken" richtet sich meines Wissens nach nicht an Akoholiker, sondern an Menschen, die auf dem Weg sind, welche zu werden. Die mehr trinken als gut ist, das reduzieren wollen, aber noch nicht süchtig sind. So mag das dann auch Sinn machen. Aber für trockene ehemals stark abhängige kommt mir das nicht sinnvoll vor.


    Mir mag auch nicht einleuchten, warum jemand, der mit dem Alkohol sein ganzes Leben (fast) ruiniert hat, nicht den Wunsch haben sollte, mit so einem Zeug einfach gar nichts mehr zu tun zu haben. Ist doch viel einfacher und naheliegender. Warum sollte man trinken wollen? Ich bin auch Nichtraucher, ehemaliger Raucher. ich WILL NICHT RAUCHEN, auch nicht wenig. Von daher wäre "kontrolliert auf niedrigem Niveau rauchen" völliger Blödsinn. Ich will nicht rauchen, nicht eine einzige Zigarette. Igitt.

    Als Alternative zum Trockensein ist es sicher nicht gemeint in dem Sinn, dass das jetzt für alle angeboten werden soll. Wer sich das zutraut, probiert es in eigener Verantwortung. Und wenn ihn der Versuch eines Besseren belehrt, wars das, klar. Zuraten kann und sollte man das nicht, es liegt in der eigenen Entscheidung mit der eigenen Verantwortung.


    Ich kenne übrigens genau EINEN Alkoholiker, der in der sprichwörtlichen Gosse war und heute wieder ganz selten ein Glas trinkt und das offenbar hinkriegt, ohne abzustürzen. Glaube auch, dass das eher selten klappt.

    Zitat

    Mir mag auch nicht einleuchten, warum jemand, der mit dem Alkohol sein ganzes Leben (fast) ruiniert hat, nicht den Wunsch haben sollte, mit so einem Zeug einfach gar nichts mehr zu tun zu haben. Ist doch viel einfacher und naheliegender.

    Darum geht es nicht. Ich vermute einfach, dass die Abstinenz oft die tiefere Auseinandersetzung mit den Ursachen des Alkoholismus verhindert. Eben weil viele denken, es ginge einfach nur um reine Willenskraft.


    Warum kannst du denn nicht aufhören, bevor du deine 150ml Alkohol getrunken hast?


    Ich musste beispielsweise wieder mühevoll lernen, zu essen, ohne eine Fressattacke zu bekommen. Das war harte Arbeit. Aber diese Arbeit war es wert, weil ich dadurch weiß, wann es gefährlich für mich wird und wie ich mich dann verhalten kann, um nicht rückfällig zu werden.


    Wenn man das nicht lernt, ist man ziemlich verloren, sobald man auch nur im Ansatz eine Situation erlebt, die alte Muster weckt.

    Jan 74

    Warum trinkst Du denn überhaupt (wieder?) Alkohol, wenn Dir das ganze Thema so suspekt ist? Warum nicht ganz lassen, was solch ein Unbehagen bereitet?

    Ich stimme eher nicht zu. Sicherlich spielen bestimmte Probleme eine Rolle beim Auslösen einer Sucht, gerade bei Alkohol (halt eine Form der Medizin, Selbstbehandlung), aber im Laufe der Zeit entwickelt die Sucht eine Eigendynamik und wird ein eigenständiges Problem. Der Wunsch zu trinken samt Kontrollverlust wird zum "Primärproblem", völlig unabhängig von auslösenden Situationen/Problemen.


    Sicherlich muss man Strategien erlernen, die zugrundeliegenden Probleme anders zu bewältigen, aber das ändert nichts daran, dass die Sucht als eigene Problematik nach wie vor, losgelöst davon, vorhanden ist.

    Zitat

    Ich vermute einfach, dass die Abstinenz oft die tiefere Auseinandersetzung mit den Ursachen des Alkoholismus verhindert.

    Da vermutest Du aber falsch. Es ist, aufgrund der Wirkung des Alkohols (1 Glas und unweigerlich Kontrollverlust und Saufen bis zum Vollrausch), einfach die einzige Möglichkeit, damit überhaupt umzugehen (ist zumindest die verbreitete Lehrbuchmeinung, der ich mich zumindest bei harten Trinkern definitiv anschließe).


    Nach 1 Glas setzt einach ein gieriges Verlangen nach mehr ein, eine Unruhe, die erst gestillt ist, bis der "Zielpegel" erreicht ist. Und da nach einem Glas auch schon der Wille geschwächt und die Lust getriggert ist, ist es kaum möglich, dem standzuhalten.


    Nova, war die Frage ernst gemeint oder provokativ? Ich trinke in der Regel nichts und wenn doch dann eigentlich aus den im Eingangspost beschriebenen Gründen.

    Zitat

    Nach 1 Glas setzt einach ein gieriges Verlangen nach mehr ein, eine Unruhe, die erst gestillt ist, bis der "Zielpegel" erreicht ist. Und da nach einem Glas auch schon der Wille geschwächt und die Lust getriggert ist, ist es kaum möglich, dem standzuhalten.

    Ziemlich ähnlich hätte ich damals meine Esssucht beschrieben.


    Aber gut, es ist wohl auch unmöglich, da eine allgemeingültige Antwort zu finden. Es ist aber definitiv so, dass es ehemalige Trinker gibt, die einen gemäßigten Umgang mit Alkohol erreichen können und ich störe mich so ein bisschen an dieser Abstinenzideee. Nicht, weil es nicht Menschen gibt, für die das der richtige Weg sein mag, sondern aus o.g. Gründen (Versagensgefühle, Stress, Druck, fehlende Problembewältigung).

    Zitat

    Sicherlich muss man Strategien erlernen, die zugrundeliegenden Probleme anders zu bewältigen, aber das ändert nichts daran, dass die Sucht als eigene Problematik nach wie vor, losgelöst davon, vorhanden ist.

    Das bestreite ich auch nicht. Ist bei mir ja genauso. Bis heute empfinde ich es beispielsweise als Stress, wenn ich ein richtiges Völlegefühl habe. Trotzdem kann man die Sache dann auf zwei Arten angehen: entweder einfach die Situation meiden oder aber daran arbeiten, irgendwann damit umgehen zu können. Ich bin halt nicht sicher, warum es bei Alkoholismus beinahe immer nur den einen Weg zu geben scheint.

    @ Jan

    Zitat

    Warum trinkst Du denn überhaupt (wieder?) Alkohol, wenn Dir das ganze Thema so suspekt ist? Warum nicht ganz lassen, was solch ein Unbehagen bereitet?

    Da stimme ich Nova 2014 zu.


    Ich es spielt schon eine Rolle, was beim trinken denkt.


    Grundsätzlich: Klar Alk. schädigt, selbst z.B. die Positiven Effekt von 1 Glas Rotwein haben mit dem Alk. selbst nichts zu tun.


    Einen positven Effekt, der sich aber auch ins Negative ziehen kann hat er aber doch.


    Eben die Entspannung, Gute Laune bzw. die Dopamin-Ausschüttung. Das an sich ist ja nichts Schlechtes , erst wenn es zur Sucht wird, wird es schlecht.


    Ein Bestandteil der Sucht, ist aber auch das man etwas gegen sein Willen macht. Ich weiß das diese Aussage so kaum zu halten ist. Aber letztlich fährt einer der fröhlich vor sich hin säuft besser, als der, der darüber nachgrübelt, das das gerade ja nun äußerst schlecht ist, was er da tut, den somit nimmt sich sogar die positven Effekte der Entspannung, bzw. Dopaminausschüttung.

    Bei mir ist es etwas anderst als bei Dir Jan. Ich trinke 1-2 Bier, okay einen zeitlang waren es auch mal 4, das reicht mir dann, das aber mit großer Regelmäßigkeit. Tatsächlich waren die 6 Wochen in der Klinik, die mit Abstand längste Zeit, ohne Alk. in den letzten 25 Jahren.


    Richtig den Abschuß gebe ich mir sehr selten. Das liegt abe auch an meien Selbstschutz, das ich fast ausschließlich Bier (genauer Kristallweizen, schmeckt mir einfach) trinke.


    Eine zeitlang habe ich mal Cocktails gemixt, als ich dann merkte das es dann 2-4 mal in der Woche vorkamm, das ich 2-4 Cocktails trinke, habe ich gesagt, Schluß!


    Beim Bier ist es halt schon von der nötigen Menge her eklig, sich den Abschuß zu geben.


    Die Sucht ist bei mir natürlich schon vorhanden, es ist einfach, dieses beruhigende Gefühl, der Moment der Entspannung, den ich brauche, das schaffe ich aber 1-3 Bier, meistens 2 Bier.

    @ Hugenottin

    Ich denke, der Unterschied ist, dass bei einer Ess-Sucht (Spielsucht, Sexsucht etc) nur die körpereigenen Botenstoffe involviert sind, bei stofflichen Süchten allerdings eine weitere Substanz, die den Hirnstoffwechsel beeinflußt. Und beim Alkohol ist eine Auswirkung dieser Sustanz nunmal das beschriebene. Das hat rein gar nix mit irgendwelchen psychologischen Beweggründen zu tun, dürfte pure Hirn-Chemie sein. Nimm es einfach hin. Geringe Mengen Alk wecken eine Gier der man (die überwäligende Mehrzahl der süchtigen Trinker) nicht widerstehen kann. GEHT NICHT. Nix worüber zu diskutieren wäre.


    Es gibt allerdings das Phänomen, dass Leute, die sehr viel sehr lange trinken, dies nur aus rein psychischen Gründen tun, und niemals körperlich abhängig werden. Möglicherweise sind diese es auch, die wieder einen gemäßigten Umgang finden können. Aber wenn man die Schwelle zur Sucht und Kontrollverlust einmal überwunden hat, gibt es da kein zurück-zur-Normalität mehr.

    @ Gucky

    Dann sieh zu dass es bei Deiner "Niedrigdosis" bleibt.. wobei, ganz ohne wäre besser ;-).


    Wobei, wie wäre es bei Dir denn wenn Du z.B. ein halbes Bier trinkst? Würde das nicht auch den Wunsch nach mehr, zumindest einem ganzen Bier, wecken? Also auch bei Dir Trinken bis der Wohlfühlpegel (der halt nicht so hoch ist) erreicht ist?

    Jan, die Frage war völlig ernst gemeint.


    Mir fiel auf, wie gründlich Du dich mit dem Thema "Trinken oder es sein lassen" auseinandersetzt, deshalb …


    Deine Antwort habe ich jetzt nicht wirklich verstanden. Du trinkst in der Regel nichts und wenn doch, dann aus den anfangs genannten Gründen? ":/

    Zitat

    Ich denke, der Unterschied ist, dass bei einer Ess-Sucht (Spielsucht, Sexsucht etc) nur die körpereigenen Botenstoffe involviert sind, bei stofflichen Süchten allerdings eine weitere Substanz, die den Hirnstoffwechsel beeinflußt. Und beim Alkohol ist eine Auswirkung dieser Sustanz nunmal das beschriebene.

    Ich glaube, da liegst Du gründlich falsch. Auch Essen greift unmittelbar durch eine Subtanz in den Hirnstoffwechsel ein! Gerade Kohlenhydrate wie Zucker tun dies nachgewiesen, sprechen sogar dasselbe Suchtzentrum an wie Alkohol. Auch Zucker hat als Auswirkung die Gier nach "mehr". Wo also ist wirklich der Unterschied?

    Wirkt Zucker direkt auf die Synapsen, wie Alkohol, Benzodiazepine usw es tun? Ich gehe eher stark davon aus, dass Nahrungsmittel zwar einen modulierenden Einfluß auf die körpereigenen Neurotransmitter haben, aber keineswegs selber neurologisch wirksam sind.


    Naja, ich trinke an den allermeisten Tagen nichts, und an denen, wo ich es tue, aus, wie soll ichs sagen, "trinklust" (was im Endeffekt der Wunsch nach der "drogigen" Wirkung ist, also die im Eingangsposting beschriebe Thematik).