• Alkohol – willenlos verloren?

    Ich fragte mich in letzter Zeit mehrfach, anhand von Beiträgen hier im Forum, eigenen Erfahrungen und auch Leuten aus dem Bekanntenkreis, ob es sein kann, dass jemand, der Alkoholiker ist, gar keine Chance hat, irgendwas gegen die Sucht zu tun.. ob es das vorbestimmte Schicksal ist, bis zum bitteren Ende weiterzutrinken (und eventuell auf dem absoluten…
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    Sind die Mechanismen der Sucht, und die Spuren, die der Alkohol im Gehirn hinterlässt (die Kombination aus Trink- und Geschmackserlebnis und gleichzeitiger massiver Aktivierung des Dopaminsystems) eventuell so umwerfend schön und nachhaltig und bewirken eine derart massive "Konditionierung", dass der Trinker gar keine Chance mehr hat, dagegen anzukommen?

    was oft zutrifft ist das Alkoholiker trocken zu Ersatzsüchten tendieren, die bekannte Suchtverlagerung, und das sie demnach gar nicht wirklich trocken sind. Halt nur für eine Zeit lang ohne Alkohol. Das Trink- und Geschmackserlebnis reicht fürs Umfallen demnach nicht als Erklärung.


    Meine Mutter war zwei mal zur Kur, nach dem ersten mal wirkte sie unverändert suchend, nach der zweiten war sie aber wirklich wie ein anderer Mensch und lange trocken. War spannend sie so zu erleben, so selbstsicher und Such(t)- und Angstfrei.


    Der Alkoholiker hat eine Chance, aber nur wenn er frei ist sich zu verändern, mit willen und Hilfe von außen, damit der Nebel verschwindet und der Kern wieder Sichtbar wird.


    Nur ein Gedanke *:)

    Gehört zu dem von Dir beschriebenen Erfolgszustand dann nicht auch eine fest verinnerichte Abneigung gegen Alkohol? "Kontrolliertes Trinken" kommt mir da völlig unpassend vor. Ich kenne mich selber in solchen Zuständen und da will ich rein gar nicht trinken.. selbst Wein im Essen ist mir zuwider. Ein wirklich tief gehendes "nein, ich will nicht, ich habe keinerlei Interesse an dem Zeug, ohne geht es mir viel besser".


    Von daher finde ich "kontrolliertes Trinken" schon aus dem Grund unsinnig, weil es ja irgendwie "eigentlich will ich trinken" aussagt.


    Sinnvoll ist es allerdings, weil es Leuten, die Totalabstinenz zunächst sehr erschreckend finden, eine Chance gibt, überhaupt eine gewisse Bereitschaft, sich auf Veränderung und Therapie einzulassen, bietet. Also als Köder oder Übergangsphase halt.

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    Von daher finde ich "kontrolliertes Trinken" schon aus dem Grund unsinnig, weil es ja irgendwie "eigentlich will ich trinken" aussagt.

    ich glaube auch nicht das kontrolliertes trinken für Alkoholiker möglich bzw gut ist. Aber wie verhältst du dich wenn du trocken bist? Machst du bewusst etwas dafür das es so bleibt? Oder nur warten obs gut geht? Womit befriedigst du die Zeit wenn du trocken bleiben möchtest? PC? Spielen? Tabletten? Rauchen? Essen? Unmengen Kaffee trinken? Das sind so Dinge die zur nächsten leere führen und dann hat der Teufel leichtes spiel. Wann bist du am kommunikativsten? Was sind deine Ängste?

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    Gehört zu dem von Dir beschriebenen Erfolgszustand dann nicht auch eine fest verinnerichte Abneigung gegen Alkohol?

    das weiß ich nicht, ich war bei der Therapie meiner Mutter nicht dabei, vermute aber "Abneigung" nimmt zu viel Raum ein, oder? Sie hatte aber ein Therapie-Tagebuch geführt was ich mal gelesen habe und so wie sie es darin beschrieb scheint ein guter Therapeut ihre Ängste erkannt zu haben und ist mit seinen Fragen gezielt darauf eingegangen, vermutlich war sie zu dem Zeitpunkt dafür offen. Sie hatte lange Zeit danach einen richtig gesunden Egoismus.


    Nichts machen und abwarten was kommt funktioniert nicht.

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    Das Problem mit dem "Willen" ist, das es wohl nicht "den einen Willen" gibt. Unterschiedliche Teile der Persönlichkeit wollen unterschiedliche, teilweise widersprüchliche Dinge (ist ja ein altbekanntes menschliches Problem). Von daher muss (denke ich) der Wille zur Abstinenz den Willen zu Trinken erheblich überwiegen (z.B. aufgrund fast traumatischer negativer Erfahrungen), damit er IMMER gewinnt (denn ein einmaliges nicht-gewinnen bedeutet ja dann einen Rückfall).

    Es ging um den Willen zur Abstinenz. Wenn er da ist, dann wird die Entscheidung auch entsprechend gefällt werden und die Handlung darauf abgestimmt. Dann gibt es "den Willen zu Trinken" nicht mehr. Ist doch logisch – zumindest für mich. Wie auch erwähnt, so geht es um eine Einstellung, die geändert werden muss, denn sonst würde nur das Brecheisenprinzip angewendet werden können und das ist nicht stabil. Es gibt zwei Ebenen - die körperliche Abhängigkeit und die psychische.

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    Wenn ich weiss, am Tag drauf wichtiger Termin etc., oder einfach nüchtern bleiben will, fang ich halt gar nicht erst damit an. Aber wenn mir z.B. ein Glas Sekt angeboten wird und ich nehme das an, weiss ich, dass es nicht dabei bleiben wird (was mich aber auch nicht immer stört).

    Es gibt ja unterschiedliche Typen von Trinkern.

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    Die Antwort auf die vermeintlich rätselhafte Frage, warum Menschen, die genau wissen was ihnen dann blüht, rückfällig werden.. wo ganz laut die Vernunft "nein!!!" schreit und sie es trotzdem tun (und weitertrinken bis sie im Entzug ins Krankenhaus kommen).

    Da fehlt ein Verb, oder? Ich verstehe den Satz nicht. Was ist die Antwort auf die für Dich rätselhafte Frage, warum Menschen rückfällig werden?

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    Ich würde sagen, man ist dieser Sucht weitaus weniger ausgeliefert als man sich gern einredet. In dem Moment, in dem Verantwortung für das Handeln übernimmt und Entscheidungen trifft, ist man auch kein willenloses Opfer der eigenen Sucht mehr. Ich musste dazu aber die Ursachen ergründen und herausfinden, warum genau ich mich in bestimmten Situationen plötzlich handlungsunfähig fühlte. Als ich begann, das zu begreifen, fiel es mir plötzlich leichter, Nein zu sagen.

    Sehe ich auch so.

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    Inzwischen passiert so etwas nicht mehr. Natürlich werde ich nie so unbeschwert essen können wie andere, aber ich komme klar.

    Ich würde mir das nicht einreden. Das Leben ist lang. ;-)

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    Aber ich finde es schade, dass denjenigen, die ernsthaft etwas an ihren Verhaltensmustern ändern wollen, meist nur der Weg der Abstinenz bleibt.

    Ich denke nicht, dass das der Fall ist. Ich kenne ehemalige Alkoholiker, die hin- und wieder ein Glas trinken und nicht rückfällig werden, auch ehemalige Raucher, der hin und wieder rauchen. Allerdings ist die Notwendigkeit nicht da, kontrolliert trinken zu "müssen", denn Alkohol ist nicht lebensnotwendig, sondern ein Luxusgut – Essen hingegen einfach lebensnotwendig. Daher möglicherweise das unterschiedliche Herangehen der unterschiedlichen Suchten. Auch bewirkt Alkohol schlichtweg etwas im Körper, was bei Essen nicht der Fall ist. Alkohol benebelt und tötet einfach Gehirnzellen ab. Es entstehen unterschiedliche Schäden. Beim Alkohol geht es um den Kontrollverlust, bei der Bulimie um die absolute Kontrolle. Aber trotzdem kann natürlich jemand kontrolliert trinken – aber wozu? Und der Mensch ist bequem – das wäre nur eine "Fleißaufgabe", wenn jemand schon die Sucht überwunden hat. Das tun sich dann die wenigsten an.

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    Darum geht es nicht. Ich vermute einfach, dass die Abstinenz oft die tiefere Auseinandersetzung mit den Ursachen des Alkoholismus verhindert. Eben weil viele denken, es ginge einfach nur um reine Willenskraft.

    Das sehe ich anders. Alkoholkrankheit wird genauso wie jede andere Sucht behandelt – es geht um die Ursachen. Wenn diese nicht überwunden werden, neue Lösungswege gelernt werden, mit Stress umzugehen, ist die Rückfallgefahr groß oder einfach die Sucht durch eine andere Sucht zu ersetzen. Letzteres ist gar nicht so selten.

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    Aber gut, es ist wohl auch unmöglich, da eine allgemeingültige Antwort zu finden.

    Das sowieso. :-) Muss man ja nicht, es geht ja nur um unterschiedliche Meinungen zum Thema.

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    Nicht, weil es nicht Menschen gibt, für die das der richtige Weg sein mag, sondern aus o.g. Gründen (Versagensgefühle, Stress, Druck, fehlende Problembewältigung).

    Damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Viele Alkoholkranke geraten eher aus dem Grund in die Sucht, weil sie sich in nüchternem Zustand als Versagen fühlen, Stress haben und Druck. Wenn sie also nicht mehr trinken, dann können sie es genau umgekehrt sehen. Es klingt fast, dass sich ein trockener Alkoholiker als Versager fühlen muss, weil er nicht kontrolliert trinken kann. Ich denke beides ist völlig in Ordnung.

    @ bright&shiny

    Naja, wenn ich trocken bin, brauche ich keinen Ersatz, dann ist da keine (zusätzliche) Leere, die der Alkohol hinterlassen hat, die ich füllen muss. Da ist dann vielleicht die "normale Leere", die schon vorher da war, aber die hat nicht der Alkohol als Lücke hinterlassen.


    Ich glaube, wichtig ist allerdings, dass man lernen muss, Phasen der Leere und auch der Deprimiertheit einfach mal auszuhalten. Kommt vor, muss nicht behandelt werden, kann auch gar nicht wirklich, und geht auch wieder vorbei

    @ kleio

    Naja, der beschriebe Mechanismus ist die Antwort auf die Frage, warum trockene Alkis wider aller Vernunft rückfällig werden.


    Man muss bei aller Aufarbeitung der Probleme (die natürlich notwendig und sinnvoll ist) aber berücksichtigen, dass ich die Sucht, und die Gründe, die dazu geführt haben, irgendwann loslösen und die Sucht eine "Primär-Erkrankung" wird und eigene Strategien der Behandlung braucht. Bloßes Probleme-Aufarbeiten reicht nicht aus um den Durst zu stillen, da bin ich mir doch recht sicher. Ist eine notwendige Vorausetzung zur "zufriedenen Abstinenz" (da man ja irgendwie nebenbei halt nicht nur trocken, sondern auch zufrieden werden muss), aber nicht ausreichend.

    Zitat

    Ich glaube, wichtig ist allerdings, dass man lernen muss, Phasen der Leere und auch der Deprimiertheit einfach mal auszuhalten.

    Oder die Leere mit etwas anderem zu füllen, als Alkohol.

    Zitat

    Oder die Leere mit etwas anderem zu füllen, als Alkohol.

    :)z

    Zitat

    Mein Eindruck ist, dass es in der Tat so ist. Aber was kann man dann noch tun?

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    Kommt vor, muss nicht behandelt werden, kann auch gar nicht wirklich, und geht auch wieder vorbei

    obwohl kein Alkohol im Spiel ist, steuert der Alk die Angst das Leben in die Bahnen zu lenken die für das trocken bleiben wichtig sind. Ich glaube das Hilfe von außen dafür wichtig ist *:)

    Naja, "Leere füllen" ist ja etwas, was wir alle irgendwie ständig versuchen. Halt "sich gut zu fühlen". Aber das klappt halt nicht immer. Manchmal bleibt die Leere und man fühlt sich deprimiert. Die Fähigkeit, sowas einfach zu ertragen (und es nicht unbedingt betäuben zu müssen) ist schon ein wichtiger Aspekt in Bezug auf Süchte, denke ich. Hat ja auch was mit "Frustrationstoleranz" zu tun.

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    Naja, "Leere füllen" ist ja etwas, was wir alle irgendwie ständig versuchen. Halt "sich gut zu fühlen". Aber das klappt halt nicht immer. Manchmal bleibt die Leere und man fühlt sich deprimiert.

    Nicht wirklich. Nicht jeder empfindet Leere als Belastung, mache streben sie bewusst an, im Sinne von Meditation, nicht-denken, etc.

    Zitat

    Die Fähigkeit, sowas einfach zu ertragen (und es nicht unbedingt betäuben zu müssen) ist schon ein wichtiger Aspekt in Bezug auf Süchte, denke ich. Hat ja auch was mit "Frustrationstoleranz" zu tun.

    Klar. Setzt voraus, dass Leere negativ bewertet wird.

    Korrekterweise meinte ich die als deprimierend, öde und langweilig empfundene Leere (die man füllen möchte), nicht die meditative Leere.

    Zitat

    Korrekterweise meinte ich die als deprimierend, öde und langweilig empfundene Leere (die man füllen möchte), nicht die meditative Leere.

    Die Leere steht doch für zum Beispiel den teilweisen Kontrollverlust, für Resignation, für Einsamkeit, für Wahrheiten und Gefühle die man trocken nicht an/aussprechen kann, für das ständige Eingestehen von Schwäche bei sich selbst, für den Betrug an sich selbst und anderen, für den Teufel der immer den Engel besiegt ...


    Dafür wird in der Therapie psycho- und sozialtherapeutisch gearbeitet (habe ich gerade gelesen)


    Könnte man das alleine überhaupt wieder korrigieren? Ich glaube das die Chance dagegen anzugehen ohne sehr gering ist.

    Deutschland ist leider eine Nation in der Alkohl idealisiert wird, kein deutsche party, Geburtagsfeier, kommunion Taufe, oder "gemütlicher Abend" ohne Bier!


    Meiner Meinung nach würde fast niemand mehr am Wochenende ausgehen, wenn es keinen Alk gäbe. Ein ordentlcher Rausch am WE gehört in deutschland zum guten Ton, dann hat man was erlebt, wer kam trinkt wird schnell Einsam und zum ausenseiter...

    @ bright&shiny

    So dramatisch würde ich das gar nicht sehen.. ich meine, jeder Mensch hat doch mal Phasen, wo er sich mehr oder auch weniger gut fühlt, mehr oder weniger zufrieden ist. Auch "schlechte" Phasen durchstehen zu können, ohne dafür irgendeine Medizin oder Droge zu brauchen, ist doch das, worum es geht. Je mehr man das kann, umso weniger anfällig ist man.

    Jan74

    ich seh es nicht dramatisch, was du zuletzt geschrieben hast ist gut. Aber wie du auch selber festgestellt hast, es ist schwer, und vermutlich muss man damit leben das viele an der Sucht sterben. Vielleicht sehe ich es doch dramatisch weil ich mal einen toten Alkoholiker gefunden habe, ist kein Spaß. Der Alkohol stiehlt einem 20 Jahre leben und wenn man doch den Strohhalm der Therapie hat, auch 2 oder 3 Therapien wenn nötig, warum nimmt es nicht jeder an? Vermutlich weil viele glauben sie bräuchten nur die schlechten Phasen durchstehen und dann geht es schon wieder. Was man verändern muss ist mehr als nur das.