Erfahrung: Zwangsbeschneidung im Kindheitsalter, jetzt 22

    Liebes med1 forum,


    Da ich hier kürzlich mal als passiver Leser unterwegs war und gesehen habe, dass es hier öfter mal extrem zugeht dachte ich mir, ich schildere mal meine Erfahrung zu dem Thema Beschneidung. Es ist sicherlich schon aus dem Titel zu entnehmen, dass ich doch eher unglücklich über diese Operation bin, die mir dort aufgezwungen wurde.


    Ich bin jetzt 22 geworden, bei meiner Beschneidung war ich 7. Ich komme aus einem deutschen Haushalt, und mein einziges Geschwister ist auch beschnitten. Mein Vater ist intakt.


    Es ist absurd. Dieses ganze Thema ist doch nur deswegen noch so hoch umstritten, weil die meisten Beschneidungen eben gegen den Willen vorgenommen werden, und die Betroffenen somit vor vollendete Tatsachen gestellt werden, und weil als Folge die meisten Betroffenen sich einfach nicht eingestehen wollen und können, dass sie dort ein minderwertiges Exemplar eines Geschlechtsteils haben und Sex nur defizitär erleben können – das ist ein Angriff aufs Ego sondergleichen.


    Zu meiner Geschichte, nun ich war wohl im Rahmen einer Standarduntersuchung auf die Phimosis meiner Vorhaut vom Kinderarzt angesprochen worden. Ich hatte nie Probleme mit der Vorhaut gehabt – nun das heißt bis dahin. Dann fing es an, das war so mit Ende 6 Anfang 7, dass meine Eltern mit manuellen Handgriffen versucht haben die Vorhaut gewaltsam zu lösen, wahrscheinlich auf Anraten des Kinderarztes. Hat nicht geholfen, stattdessen, so kann ich mir vorstellen, haben sich Mikrorisse gebildet und es sind Bakterien in diese gelangt, sodass sich das Präputium entzündet hat. Also war es leicht gerötet, und meine Eltern sind zu den Ärzten (Kinderarzt + Urologe) gesagt, ja da muss eine Beschneidung her. Angeblich wurde auch noch mit einer konservativen Behandlung, also Salben gearbeitet, wobei ich dies wirklich bezweifle und wenn, dann wurde es sicherlich mehr als schlampig und viel zu kurz durchgeführt, denn bei Erfolgsquoten von 90% bezweifle ich dass sowohl ich als auch mein Bruder beschnitten werden mussten.


    Da ich meinen Eltern meine Beschneidung seit einiger Zeit vorhalte und ich sie dafür verdamme – auch nicht mehr in der Lage bin, eine nennenswerte enge menschliche Beziehung zu ihnen aufrecht zu erhalten – habe ich aus einer Diskussion erfahren, dass das "Aufklärungsgespräch" mit dem operierenden Urologen sowie auch mit dem Hausarzt, erbärmlich war:


    - muss unbedingt (radikal) beschnitten werden


    - keinerlei Erwähnung von Teilbeschneidung oder Triple Incision (ich denke mal, das war 1999, das war dort schon eine durchaus in Betracht ziehbare Möglichkeit)


    - Null Aufklärung über mögliche negative Spätfolgen, "hat keinerlei negative Auswirkungen auf die Sexualität"


    - Auf keinen Fall warten


    Nun ja, nach Recherche – die meine Eltern, die sich eigentlich für mein Wohl einsetzen sollten, eigentlich hätten übernehmen müssen, bevor sie an etwas so intimes wie meinem Penis rumschneiden lassen – stellte sich schnell heraus, dass dieser Behandlungsweg völlig unnötig und radikal war. Wenn man die Finger gänzlich von meinem Schwanz gelassen hätte, hätte ich sicherlich keinerlei Probleme mit meiner "Phimose" gehabt und alles hätte sich von selbst gelöst, wenn ich angefangen hätte zu wichsen.


    Die Beschneidung an sich geschah in Vollnarkose, ich kriegte nur wenig davon mit, offenbar wurde ich radikal circumcisiert, auch das Frenulum ist weg. Ich kann mich aber noch an die unsäglichen Schmerzen beim Wasserlassen post-OP erinnern. Auch habe ich noch einige Bilder von dem angeschwollenen, blutigen Penis direkt nach der Zirkumzision im Kopf. Alles im Allen war das eher nicht so traumatisch, aber es gibt sicher schönere Dinge, und ich als sehr junger Bursche habe das alles nicht wirklich begriffen.


    So was jetzt schon immer mit der Beschneidung einherging war ein reduziertes Körperwohlempfinden, wenn ich das mal so nennen mag. In der Schule habe ich mich sehr ungerne nackt gezeigt, sobald ich festgestellt habe dass ich da unten "anders" bin und sogar gemobbt wurde deswegen. Ja Kinder sind grausam. Gab einige fiese Sprüche und dieses negative Körperempfinden ist auch heute noch stark vertreten. Aber was so SB anging, mit 11 ca. normal mit SB angefangen, mangels Vergleichsmöglichkeiten fande ich das schon ein ganz nettes Gefühl und ist es auch heute noch, nur bin ich mir sicher, dass es noch viel besser sein könnte.


    Ich bin eher hetero, hatte mit mehreren Frauen Sex, hatte aber auch schon gleichgeschlechtliche Erfahrungen mit einem intakten Jungen gesammelt und kann deswegen direkt vergleichen. Es ist wirklich ein Unterschied von Tag und Nacht und man ist nicht in der Lage Sexualität zu genießen wenn einem diese krasse Diskrepanz vor die Nase gehalten wird. Nicht nur dass es viel intensiver mit Vorhaut zu sein scheint, es sieht in der Regel auch einfach ästhetischer aus. Demgegenüber, Sex mit Mädchen/Frauen ist immer sehr mechanisch, langwierig und eher hart. Ich stoße sehr hart und schnell und es dauert recht lange. Ich hatte das Glück mit äußerst attraktiven Partnern Sex haben zu können und selbst dort dauert es unverhältnismäßig lange – traurig. Nun will ich nicht sagen dass ich Sex nicht irgendwie genieße, sicher es ist ein tolles Gefühl, gerade der Orgasmus, und der psychologische Effekt der Nähe und Intimität, aber rein physisch treiben mich eigentlich nur die 4-6 Sekunden Orgasmus an.


    Ein weiterer Punkt ist wie ich schon sagte es sieht scheiße aus, beschnitten zu sein. Das Frenulum ist komplett weg, es ist einfach nur glatt und definitionslos an der Unterseite, die Eichel ist trocken und verhornt, eine ziemlich sichtbare Beschneidungsnarbe ist überhalb der Eichelkrone zu sehen, meine Hodenhaut zieht sich bei einer Erektion bis zur Mitte des Schafts, und jedesmal wenn ich nackt bin und nach unten blicke werde ich daran erinnert. Wenn ich einen guten Tag hatte, brauche ich nur über die vielen negativen Nachteile die ich a) selbst erlebt habe und b) im Internet weitreichend geschildet werden (75% Sensibilitätsverlust) nachdenken und nach unten schauen, und schon habe ich wieder extrem schlechte Laune.


    Ich rate jedem Elternteil äußerste Vorsicht, diese empfindliche Entscheidung für das eigene Kind zu treffen und es nachher vor vollendete Tatsachen zu stellen: Ich weiß jetzt schon dass ich keine Lust mehr habe, Kontakt zu meinen Eltern zu halten. Sie sollten für mein körperliches Wohlbefinden sorgen und haben versagt. Dafür finde ich kein Mitleid.


    Psychisch muss ich sagen dass die Beschneidung sicherlich ein großer Teil zu meinen ca. 3-4 Jahre andauernden Depressionen beigetragen haben, aber auch nicht alles. Wäre mir das nicht passiert, würde es mir heute aber besser gehen, dem bin ich mir sicher. Ich muss wirklich sagen, ich fühle mich nicht als vollwertiger Mann und empfinde mich immer als minderwertig gegenüber intakten Männern. Das, was aber so unsäglich an der ganzen Sache ist, ist die einfache Tatsache dass ich absolut nichts dafür kann, es salopp gesagt einfach nur Pech des Zufalls war, dass es mich getroffen hat, völlig ohnmächtig und viel schlimmer: absolut irreversibel ist (wenn man nun von irgendwelchen Stretching-Rekonstruktionen, die das Ganze nur wirklich schlecht "ersetzen" können, absieht).


    Liebe Grüße


    oberyn

  • 119 Antworten

    Edit: Eine letzte Sache die ich noch vergaß – Wenn es nur der schlechtere Sex wäre, das wäre die eine Sache, aber ständiges Schrubbern der Eichel an der Unterhose ist einfach nur nervig, da es z.T. wirklich unangenehme Gefühle verursachen kann. Man merkt hier einfach sehr deutlich dass die Eichel einfach nicht nach draußen gehört. Das kann schon bei ganz alltäglichen Dingen stören.


    Liebe Grüße


    oberyn

    ich kann deinen unmut schon verstehen, aber ich bin sicher, eltern machen nicht alles richtig, aber ich denke sie entscheiden nach besten wissen und gewissen, ich glaube nicht, das sie dir etwas böses wollten mit der entscheidung, sie wußten es bestimmt nicht besser.

    @ Miss Moneypenny

    Dem bin ich mir schon ziemlich bewusst, aber ich kann trotzdem keine innige Beziehung mehr zu ihnen aufbauen. Geht nicht. Sie haben meine Sexualität ruiniert. Wie kann ich Ihnen das nicht übelnehmen? Zumal man, bevor man bei seinen Kindern am intimsten Körperteil überhaupt rumschnippeln lässt, sich doch sehr genau mit der Materie befassen sollte und eben nicht jedem dahergelaufenen Arzt, der an diesen Operationen gut verdient, blind vertrauen sollte. Das sind Erwachsene mit 40 Lebensjahren Erfahrung und keine 12-jährigen Schulkinder die diese Entscheidungen für Dich treffen. Alle männlichen Säugetiere besitzen eine Vorhaut, und trotz einer mehr oder minder ausgeprägten Phimose bei manchen fällt da auch nicht sofort der Schwanz ab. Bei Mädchen wird doch bei Infektionen auch mit Antibiotika behandelt – warum dann das Argument, es müsse rumgeschnippelt werden bei Jungs, schlucken?

    sie haben sich bestimmt mit der materie befaßt und sich informiert, allerdings ging das wohl nur in eine richtig, hat dein bruder den auch die probleme ??

    Wäre das bei dir möglich? Wenn sich die Hodenvorhaut bis zur Mitte des Schaftes zieht, bei einer Erektion, vielleicht gibt es da entsprechende Erfahrungswerte.


    http://www.med1.de/Forum/Vorhautprobleme/119084/

    Gehe auch davon aus das deine Eltern sich das nicht leicht fallen lassen haben.


    Besonders dein Vater wird hier bestimmt lange überlegt haben da er ja weiß wie wichtig das Teil für einen ist.


    Deine Eltern jetzt deswegen vorwürfen zu machen macht es auch nicht besser.


    1. du hast nur diese Eltern und vertrau mir du wirst irgendwann es bereuen wenn du jetzt so reagierst


    2. es bringt dir deine Vorhaut nicht zurück


    Ja es ist blöd aber es gibt einige Wege wie du wieder mehr Sensibilität hereinbekommen kannst.


    Das fängt schon beim regelmäßigen Eincremen an bis hin zu versuchen einer Wiederherstellung bzw. einer künstlichen Vorhaut.


    Aber mal allgemein zum Thema es ist immer wieder auffällig das besonders Leute so reagieren wenn sie Zwangsweise in jungen Jahren beschnitten wurden. Scheinbar gibt es da für viele doch einen Massiven Knacks in der Seele.


    Solche Berichte findet man nur sehr selten von Leuten die sich in späteren Jahren dazu entschieden haben bzw. entscheiden mussten.


    Klar hilft dir alles nicht wirklich aber mit der Eichel eincremen mit Creme oder Babyöl sollteste schon etwas Besserung reinbekommen.

    Zitat

    Geht nicht. Sie haben meine Sexualität ruiniert. Wie kann ich Ihnen das nicht übelnehmen? Zumal man, bevor man bei seinen Kindern am intimsten Körperteil überhaupt rumschnippeln lässt, sich doch sehr genau mit der Materie befassen sollte und eben nicht jedem dahergelaufenen Arzt, der an diesen Operationen gut verdient, blind vertrauen sollte.

    a) So üppig ist der Verdienst an einer Beschneidung nun auch nicht. Da gibt es lukrativere Wege Geld zu machen.


    b) was aber wichtiger erscheint:


    Es ist oft ein einfacher Weg, die Schuld bzw. Ursache für die eigenen Probleme bei anderen zu suchen und diese dann verantwortlich zu machen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Millionen von männlichen Juden und Muslimen sexuell traumatisiert sind. Suche daher bei dir Möglichkeiten der Veränderung statt dass du deine Eltern beschuldigst.

    @ Wolfang

    Ja, sicher, oberyn ist ne Memme und soll sich nicht so haben, oder?


    Ich bin indes sicher,dass dir mehr Sensibilität und Respekt zuzumuten ist.


    Und fähig dazu bist du sicher auch.


    Komm, hab' dich nicht so, streng dich doch ein Wenig an.

    Mein Freund wurde aufgrund einer medizinischen Indikation (seine Vorhaut war wohl stark beschädigt oder so und wurde deshalb als er 5 war entfernt) beschnitten und ihm gefällt es so.


    Mal ganz ehrlich, ich spüre bei mir da unten einfach so sehr wenig und reagiere fast gar nicht auf Reize, aber das macht doch nicht die Sexualität kaputt.


    Die findet eig eher im Kopf statt und wenn man ein paar Probleme hat, muss man damit eben umgehen. Den anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben, weil sie dem Arzt vertraut haben, sehe ich da irgendwie als falsch an.

    @ oberyn

    Vielen Dank für Deinen bewegenden Bericht. Das meiste habe ich eins zu eins ebenso erlebt. Ich lade Dich herzlich ein ins


    http://beschneidungsforum.de .


    das größte deutschsprachige Onlineportal zu dem, was verharmlosend "Beschneidung" genannt wird.


    Dort findest Du viele Informationen und Austausch mit anderen Betroffenen.


    Alles Gute für Dich!

    Ach ja: Ich heiße Zwangsbeschneidungen NICHT gut.


    Aber ein afrikanisches Mädchen könnte sich auch sein Leben lang über die Beschneidung aufregen - es ändert nichts.


    Es ändert sich auch nichts, wenn man dafür jemandem die Schuld gibt. Davon kommt der Rest vom Genital auch nicht wieder.


    Man kann nur das Beste aus seinem Leben machen und die Eltern wussten es nicht besser, einem Arzt vertraut man meist.

    @ Allestoll

    Da hast Du wohl recht. Die Eltern haben vertraut.


    Es ist nur so, dass heute sehr viele Ärzte noch immer über veraltetes Wissen verfügen und schnell das Skalpell zücken. Und die sollte der Appell gerichtet werden respektierlicher mit dem späteren Leben anderer Menschen umzugehen und die Tragweite ihres Tuns zu begreifen.


    Wie oft liest man in Foren, dass man besser vor der Einschulung beschneidet, oder Dinge wie, je früher desto besser, da tut es nicht so weh, verheilt besser usw.


    Das Wissen um die Funktion der Vorhaut ist abrufbar, sofern man Mainstream-Vorurteile beiseite schiebt und es wirklich wissen will.


    Beschneidung zerstört nicht zwangsläufig die Sexualität, aber Hand auf's Herz, wieviele Prozent ihrer Sexualität beraubter Männer duldet eine Gesellschaft, bis sie diesem Treiben ein Ende setzt?


    Die langfristigen Schädigungen betreffen ca. 15% der Beschnittenen.


    Der Sensibilitätsverlust ist nachgewiesen (Sorrells-Studie).


    Die tendenzielle Auswirkung auf die Sexualität von uns Frauen ebenso (Studie von Dr. Frisch).


    Reicht das nicht, die Notwendigkeit des Eingriffs klar zu beschränken auf die Fälle, wo nichts anderes und auch kein Zuwarten hilft?


    Wie sagt Prof. Stehr? "Das gibt sich beim Bügeln".

    @ Lisa

    Ja, man sollte etwas gegen Zwangsbeschneidungen machen. Was können wir hier tun?


    Und ja, Ärzte sollten sich besser informieren. FÄs sollten auch besser über die Pille aufklären.


    Aber das müssen die Ärzte machen, und ich bin kein Arzt.


    Wusstest du, dass hier in D die Operationen mit medizinischer Notwendigkeit an beschnittenen Frauen selbst bezahlt werden müssen?


    Gilt als kosmetischer Eingriff.

    @ Wolfgang

    Zitat

    Es ist oft ein einfacher Weg, die Schuld bzw. Ursache für die eigenen Probleme bei anderen zu suchen und diese dann verantwortlich zu machen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Millionen von männlichen Juden und Muslimen sexuell traumatisiert sind. Suche daher bei dir Möglichkeiten der Veränderung statt dass du deine Eltern beschuldigst.

    wie wär's mal mit einer zeitnahen entschuldigung für diese maximal-unempathische und auch unsinnige aussage?!


    _dieses_ problem ist ja wohl vollständig extrinsisch – oder stand da irgendwo etwas über selbstbeschneidung?!


    p.s.:


    ich kann mir nicht vorstellen, dass du schon mit allzu vielen muslimen über deren sexualität gesprochen hast.


    schönen abend noch.